Biopolitik

Gesundheitsausschuss hört Intersexuelle an: Was muss sich alles ändern?

Manchmal finden auch Blogger vom Schreibtisch ins richtige Leben und wenn es nur eine parlamentarische Anhörung ist (die ja in der Regel nicht den Gipfelpunkt der Lebendigkeit darstellen). Diesmal war es immerhin eine Anhörung, die Premierencharakter hatte und auch sonst einige Ungewöhnlichkeiten aufwies. Thema war nämlich die medizinische Behandlung von Intersexuellen, Zwittern, Hermaphroditen, Menschen mit Störungen bei der Entwicklung der Geschlechtsorgane…. Ort war das ehrwürdige Hamburger Rathaus, geladen hatte zu dieser ersten parlamentarischen Veranstaltung zu Intersexuelle der Gesundheitsausschuss der Hamburger Bürgerschaft. Und gekommen waren viele: Die Abgeordneten natürlich, kleine schreiende Kinder von Abgeordneten, Mitarbeiterinnen von Abgeordneten, die Expertinnen und Experten (darunter auch der Blogger, als anwaltlicher Experte), Mitarbeiterinnen von Expertinnen, Studierende von Expertinnen und etliche Menschen, die als Intersexuelle selbst in die Fänge der Mediziner geraten waren und die über die Jahre ein erhebliches Maß an eigener Expertise sammeln konnten, mussten und durften. Ein Filmteam war auch dabei, Vertreterinnen verschiedener Behörden – so kann man zuversichtlich sein, dass das Besprochene nicht untergehen wird, auch wenn die Abgeordneten im Lauf der Anhörung bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit offenbar das Gefühl hatten, ihre Zweifel betonen zu müssen, ob sie die Erwartungen erfüllen könnten, die in die Anhörung gesetzt würden (dabei wurden so drängende Erwartungen gar nicht geäußert).

Dass die insgesamt drei Stunden währende Anhörung gerade im Hamburger Landesparlament stattfand war zwar nicht zwingend, aber, wie sich zeigte, auch keineswegs zufällig: Im Universitätsklinikum Eppendorf haben Endokrinologen und Chirurgen selbst geschlechtszuweisende Operationen vorgenommen; noch heute streiten einige Betroffene dieser experimentellen Eingriffe um die Überlassung ihrer als verschwunden oder vernichtet klassifizierten Akten. Gegenwärtig sind die Sexualwissenschaftlerinnen des UKE, insbesondere die auch als Expertin geladene Professorin Herta Richter-Appelt maßgeblich an Forschungsprojekten beteiligt, die sich mit den verheerenden Folgen der damaligen Therapien befassen, aber auch damit, wie die Medizin heute mit Menschen umgeht und umgehen sollte, die weder eindeutig Mann noch eindeutig Frau sind.

Und wie soll man diese Menschen nun nennen? Der vom Ausschussvorsitzenden gestartete Versuch hier zu einer teminologischen Klärung – und sei es nur für die Dauer der Anhörung – zu kommen scheiterte erwartungsgemäß. Wie heillos die Verwirrung sein kann, zeigte sich am Vorstoß eines Abgeordneten, der auch noch Transvestiten und Transsexuelle als Zwitter, Intersexuelle oder Hermaphroditen behandelt wissen wollte. Eine kurze professorale Aufklärung wirkte hier Wunder, danach blieb es jedem selbst überlassen, wovon er oder sie reden wollte und „Intersexuelle“ setzte sich als meist genannter Begriff schließlich durch (wenngleich dem Wort ja was Technokratisches anhaftet).

Als erste Expertin erläuterte Lucie Veith (xy-Frauen und Verein intersexuelle Menschen) was Sie erleben und erleiden musste, von der auf unzutreffenden Behauptungen gründenden Entfernung ihrer Keimdrüsen über das strikte Schweigegebot, das Ärzte verhängte, bis zum schwierigen Kampf um ihre Behandlungsakte heute: „Mit wird damit ein wichtiger Teil meines Lebensvorenthalten.“ Der Endokrinologe Hiort von der Universitätsklinik Lübeck, saß auf der entgegengesetzten Seite des Tisches und setzte auch deutlich andere Akzente, wenngleich die sonst oft zu beobachtende Selbstgewissheit, die Ärzte gerne auch gegen alle Erfahrungen ihrer Patientinnen in Stellung bringen können, ihm durchaus abging: Er beharrte aber auf dem biologischen Modell, nachdem Intersexualtiät eine Störung der Geschlechtsentwicklung ist, weil sie selten vorkommt – und Störungen verdienen in der Regel eine Behandlung, wenngleich auch Hiort einräumen musste, dass eine dringende medizinische Notwendigkeit für die geschlechtszuweisenden Eingriffe nie und für andere Eingriffe nur äußerst selten vorliegen. Seine Kollegin aus dem UKE, Professorin Herta Richter-Appelt, war im Vergleich dazu deutlich empathischer mit den Intersexuellen, die durch die medizinische Behandlungspraxis nachhaltig geschädigt worden sind. Sie wies auch auf die Probleme hin, die sich für Behandlungsteams und Betroffene heute stellen, weil im konkreten Fall heute Eltern keine einfache Lösung für ihre Kinder und deren Erziehung gegeben werden könnte. Den Kontakt mit Selbsthilfe- und Betroffenengruppen hielt sie da für äußerst wichtig.

Der Psychotherapeut Werner-Rosen aus Berlin, Kooperationspartner der Charitè hatte demgegenüber ganze klare Vorstellungen: Bei so großen Problemen werden sich doch neue Stellen für Psychologen schaffen lassen. Und damit auch für deren Ausbilder. Dass er selber schon mit neuen Curricula an den Start gegangen war verwunderte da nicht. Inhaltlich setzt er auf Stärkung der Familie, die insgesamt der Patient sein sollte – der Einwand, dass die Interessen der Betroffenen und der Familien nicht notwendigerweise identisch sind, kam ihm da eher ungelegen.  

Von den Juristinnen (Professorin Konstanze Plett von der Universität Bremen und mir) wurden dagegen vor allem konkrete Vorschläge abgefragt. Die reichten von verstärkter Aus- und Weiterbildung der Ärzte über die Idee für besonders schwerwiegende Eingriffe familiengerichtliche Entscheidungen und Einrichtung von Pflegschaften zu schaffen bis zu Änderungen der Polizeidienstvorschriften um Intersexuellen den Weg in den Polizeidienstzu ebnen. Vor allem aber haben wir angeregt, eine Stiftung für die Entschädigung von Intersexuellen einzurichten, die in den 1960er bis 1990er Jahren durch Operationen verstümmelt wurden, die aus heutiger Sicht eher das Wohl und den Fortbestand der bipolaren Geschlechterverhältnisse ím Sinn hatten, als das der Patienten, denen im Kleinkindalter eine für zu groß gehaltene Klitoris amputiert, eine künstliche Vagina eingesetzt und regelmäßig bougiert wurde, deren Hoden später gegebenenfalls trotz xy-Chromosomensatz entfernt wurden und denen vor allem von den Medizinern immer wieder vermittelt wurde, sie seien auf unerträgliche Weise anormal. Dass die Geschädigten dieses aggressiven medizinischen Vorgehens erst Jahre und Jahrzehnte später zueinander und dazu gefunden haben sich zu wehren, macht es ihnen heute fast unmöglich, Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche zu realisieren: Die Verjährungsfristen drohen, die medizinischen Unterlagen sind verschwunden oder vernichtet, die Operateuere und Diagnostiker von einst befinden sich im Ruhestand – und das Kostenrisiko individueller Klagen ist für die Betroffenen kaum zu stemmen.

Was die Ausschussmitglieder nun von den vielen kritischen Überlegungen und Ideen mitnahmen war nicht auszumachen. Beeindruckt erschienen sie jedenfalls – vor allem von den persönlichen Berichten und dem Optimismus mit dem Lucie Veith von der ersten Generation Intersexueller erzählte, die von ihren Eltern vor dem geschlechtszuweisenden Zugriff der Mediziner geschützt würden. Sie werden der Bürgerschaft Bericht erstatten und kündigten zum Abschluss des Abends auch an: „Wir werden uns nicht das letzte mal mit diesem Thema befasst haben.“  Andere Parlamentarierinnen und Parlamentarierer – bitte übernehmen Sie.

 

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