Biopolitik

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Sterbehilfe: leitet Käßmann Kurswechsel der EKD ein?

| 17 Lesermeinungen

Tabus zu brechen ist in den modernen Gesellschaften schon fast eine Art Volkssport geworden. Kein Wunder, umgibt es einen doch mit einer gewissen Aura und ist...

Tabus zu brechen ist in den modernen Gesellschaften schon fast eine Art Volkssport geworden. Kein Wunder, umgibt es einen doch mit einer gewissen Aura und ist gleichzeitig höchst ungefährlich. Eines der wenigen Tabus, das zu brechen einen ernsthaft zum Aussenseiter machen könnte, wäre das Tabu, gegen Tabubrüche zu sein. Auf längere Sicht würde aber auch dieser Tabubruch wohl geduldet werden, denn er bliebe genauso wirkungslos wie die anderen Tabubrüche. Das liegt zum einen daran, dass es kaum noch Tabus gibt – weil einerseits die offenen Verbote und Reglementierungen um sich greifen, auf der anderen Seite erweisen sich zumindest die modernen Industriegesellschaften bei allem Drang zur Konformität als so stark segmentiert, dass es zu keinem Grundverständnis mehr kommt, das ein Tabu errichten könnte.

Angesichts dessen verwundert es auch einen, an sich nicht für kirchliche Fragen zuständigen, eher säkular orientierten Blogger wie mich ein wenig, was sich im Umfeld der Wahl von Bischöfin Margot Käßmann derzeit an Enttabuisierungsbemühungen abspielt. Den Anfang machte der Schweizer (!) Kirchenpräsident Thomas Wipf, zugleich auch Präsident des Rates der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, der sich berufen fühlte in seinem Grußwort an die in Ulm tagende Synode die wichtigsten Fragen der Zeit aus theologischer Sicht anzugehen: Nach der Ostausdehnung der Evangelischen Kirchen und einem Exkurs über den Minarettbau im christlich geprägten Abendland stand da das Thema Sterbehilfe ganz weit oben auf seiner Agenda:

„Wir können den Menschen, die unsere Kirche ausmachen, viel mehr an öffentlicher Debatte, und Urteilskraft zumuten. Das gilt auch für ein sensibles und komplexes Thema, das uns, den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, mit der EKD in einer guten Weise zusammengeführt hat. Das ist das Thema Sterbebegleitung und Sterbehilfe. Gerade da haben wir gelernt: Wir können das nicht mehr nur länderorientiert und kirchenorientiert angehen. Wir brauchen den Austausch. Wir müssen die unterschiedlichen kulturellen und gesetzlichen Voraussetzungen, die öffentlichen Diskussionen zugrunde legen.“

 Die praktische Umsetzung dieses Postulats länderübergreifend, nicht kirchenorientiert und multikulturell zu debattieren hatte dann dieses Ergebnis:

 „Für uns bleibt die Frage: Könnte es sein, dass aus historisch sehr verständlichen Gründen gewisse schwierige Fragen im Bereich Sterbebegleitung und Sterbehilfe in Deutschland nicht gestellt, nicht öffentlich debattiert werden, was dann dazu führt, dass wir als Schweizer Kirchen mit dem Phänomen mit dem unschönen Namen Sterbehilfe konfrontiert werden, das uns sehr belastet. [dieser Wortlaut entspricht der Fassung des Textes, den die EKD auf Ihrer Webseite abgedruckt hat; auf der Seite der Schweizer Evangelischen Kirche ist, wie nach Veröffentlichung des Blogs mitgeteilt wurde – s.u. – , ein anderer Wortlaut abgedruckt: statt Sterbehilfe heißt es dort „Sterbetourismus„, mit Blick darauf, dass die Schweizer Version wohl die Zutreffende sein dürfte, aber an der Grundaussage des Grußwortes, dass in Deutschland schwierige Fragen der Sterbehilfe nicht gestellt würden, nichts ändert, habe ich das Blog nachträglich geringfügig modifiziert, OT] Dafür ist der Grund nicht nur in der Schweizer Gesetzgebung zu suchen, sondern – ich frage – vielleicht auch, weil hier – nochmals: aus verständlichen Gründen – die Fragen, die auch die Menschen hier beschäftigen, nicht gestellt werden.“

Die Frage so zu stellen, heißt sich hinsichtlich der Antwort gewiß zu sein. Klingt ja auch gut, sich dafür einzusetzen, dass Fragen, die die Menschen beschäftigen, gestellt werden können. Ich frage mich aber, wie ich es dann eigentlich geschafft habe veritable zweieinhalb Meter Bücher bundesdeutscher oder ins Deutsche übersetzter Autoren und (großer) Verlage in meinem Regal zu versammeln (und die Schrift von Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens..Ihr Maß und ihre Form nimmt höchstens einen Zentimeter Raum ein), dazu nochmal etliche Megabyte archivierter Texte auf der Festplatte und täglich zwei bis drei google-Alert Meldungen zu „Sterbehilfe“, die sich alle damit beschäftigen, Antworten auf Fragen zu geben, die hier angeblich „nicht öffentlich debattiert werden.“ Und auch das Thema „Suizidbeihilfe“, dessen Handhabung sich in Deutschland und der Schweiz unterscheidet, wird in der Bundesrepublik seit langem debattiert – wenn auch mit anderen Ergebnissen als in der Schweiz. 

Da man in der Schweiz für Bücher bundesdeutscher Verlage bedauerlicherweise zwar etwas mehr bezahlt, sie aber in den dortigen Buchhandlungen alle erhältlich sind und auch über schweizer Internet-Anschlüsse auf bundesdeutsche Homepages zugegriffen werden kann, taugt der Verweis darauf, dass hier vielleicht die Alpen den wahrnehmenden Blick verhinderten, nichts. Also bleibt vor allem die Vermutung, dass Pfarrer Wipf in Wirklichkeit gar nicht damit unzufrieden ist, dass hier nicht diskutiert wird, sondern, dass ihm die Ergebnisse dieser seit Jahren viele Seiten Papier füllenden Debatte (noch) nicht gefallen und er in Wirklichkeit, eher diplomatisch als sprachlich elegant verpackt, deswegen dazu anregen wollte, dass auch in der Bundesrepublik der ärztliche begleitete Suizid in weitem Umfang ermöglicht wird (strafrechtlich verboten ist er ja, wie hier schon gelegentlich dargestellt, nicht). Da ich kein Freund des Prinzips der Nicht-Einmischung bin, spräche gegen eine solche Anregung aus dem benachbarten Ausland an sich nichts … außer dass man sie nicht befolgen sollte: Die Gründe dafür werden gegenwärtig auch in der Schweiz diskutiert, wo die gegenwärtige Entwicklung im Bereich des Suizids von zunehmend mehr Menschen und Gruppen kritisch gesehen wird  (der historische Bezug von Herrn Wipf blendet übrigens aus, dass auch aus dem in dieser Hinsicht gänzlich unbelasteten und höchst diskussionsfreudigen England einige dutzend Menschen bislang zum Sterben in die Schweiz gefahren sind…).

Die neue Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die viel gelobte Frau Käßmann, hat die Worte ihres schweizer Kollegen zum Anlaß genommen, sich auch mit dem Thema Sterbehilfe zu befassen. Schon Ihre Wahrnehmung der Äußerung von Wipf erscheint bemerkenswert. Wir erinnern uns: Wipf hatte sich Gedanken über angeblich Denk-und Frageverbote gemacht. Bei Käßmann wird daraus in einem Deutschlandfunk-Interview:

Käßmann: Es gab ja ein Grußwort des Schweizer Kirchenpräsidenten, der gesagt hat, vielleicht seid ihr in Deutschland aufgrund euerer Vergangenheit in eueren Kirchen so rigoros im Denken, dass Menschen nun in die Schweiz kommen, denkt darüber noch einmal nach.

Und dann denkt die neue EKD-Ratsvorsitzende auf die, schon bekannte, indirekt das Ziel anvisierende und stets ein „so habe ich das gar nicht gemeint“ parat haltende Art:

Daran habe ich angeknüpft. Ich finde schon, wir müssen diesen Wunsch hören nach einem selbstbestimmten Tod. Ich bin gegen aktive Sterbehilfe, das will ich ganz klar sagen, aber noch einmal fragen, wie wir Menschen besser ermutigen können, ihren eigenen Tod zu bedenken, und dass Patientenverfügungen jetzt mit dem neuen Recht auch wahrgenommen werden. Ich finde, wir sollten das nicht so scharf ablehnen als Evangelische Kirche.

Nun hat die Evangelische Kirche Patientenverfügungen bislang gar nicht „so scharf“ abgelehnt und auch sonst das Thema „Sterbebegleitung“ nicht umschifft oder gar Menschen entmutig, „den eigenen Tod (zu)  bedenken“: Die „Woche für das Leben“ 2004 stand beispielsweise ganz im Zeichen eines Einsatzes für Palliativmedizin, ehrenamtliches Engagement in Hospizen und menschenwürdiges Sterben, die Evangelische Kirche empfiehlt auch eine „Christliche Patientenverfügung“ (die meines Erachtens wie alle formularmäßigen Verfügungen ihre Tücken hat). Allerdings hat die Evangelische Kirche in der Vergangenheit eine kritische Position zu dem jetzt Gesetz gewordenen Entwurf  des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Stünker vertreten: Einerseits würde darin die Position des Bevollmächtigten nicht ausreichend gestärkt, andererseits fehle eine sogenannte Reichweitenbegrenzung. Käßmann will diese Position offenbar relativieren – und möglicherweise noch weiter gehen, wenn sie betont, dass Palliativmedizin „sehr oft dazu führen kann, dass der Tod vorzeitig eintritt“ und das respektiert werden müsste:

Käßmann: Natürlich stehe ich für das Leben ein, aber ganz klar und ich habe auch ganz klar eben gesagt, das wiederhole ich noch mal, dass ich absolut gegen aktive Sterbehilfe bin. Aber Menschen zu begleiten auf ihrem Weg ins Sterben, passive Sterbehilfe zu leisten, zu wissen, dass Palliativmedizin, also schmerzlindernde Medizin sehr oft auch dazu führen kann, dass der Tod vorzeitig eintritt, wenn es auf das Sterben schon zugeht, ich finde, wir müssen respektieren, dass Menschen das für sich selbst entscheiden wollen.

Die Käßmann’sche Position ist irritierend, weil sie zwei Dinge miteinander verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben: bewußte Verkürzung des Lebens und palliativmedizinische Behandlung. Wer beides in so engen Zusammenhang miteinander bringt, muss sich fragen (lassen), warum er oder sie das tut – und worum es tatsächlich in erster Linie geht: darum, die Möglichkeiten Leben gezielt zu verkürzen zu stärken oder um die Verbesserung der Möglichkeiten palliativmedizinischer Behandlung. Tatsächlich spricht gegenwärtig nämlich viel dafür, dass eine kunstgerechte palliativmedizinische Behandlung  das Leben eher verlängert, als verkürzt, weil sie den Körper entlastet, die Lebensqualität erhöht und damit auch Kräfte mobilisiert. Definitiv lebensverkürzend sind dagegen Maßnahmen, die mit Palliativmedizin nichts zu tun haben, die man aber auch überwiegend nicht als die von Bischöfin Käßmann abgelehnte „aktive Sterbehilfe“ qualifizieren wird:  Abbruch der Sondenernährung bei Wachkoma-Patienten, gezielte – und so nicht indizierte – Überdosierungen von Schmerzmitteln in der Onkologie, Unterlassen von Antibiotikabehandlungen bei Lungenentzündungen dementer Patienten…..

Bischöfin Käßmann hat in dem Deutschlandfunk-Interview nicht vertreten, dass sie diese Maßnahmen befürwortet – und mit ihrer, allerdings nicht näher erläuterten Ablehnung „aktiver Sterbehilfe“ hat sie sich ein Rückzugstor weit offen gehalten, sie wird ihre derzeit ziemlich wabernde Position aber erklären müssen, die sich dadurch auszeichnet, dass sie jetzt, nach Verabschiedung des Gesetzes über Patientenverfügungen das Thema Sterbehilfe prominent in die Debatte bringt und die gegenwärtig ansonsten nur darin klar ist, dass sie ein Feindbild attackiert, das es materialisiert in der Wirklichkeit gar nicht gibt… ob das die Evangelische Kirche ernstlich voranbringt mag man allerdings bezweifeln.  

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17 Lesermeinungen

  1. Lutz Barth sagt:

    @nevergiveup:
    Bitte nicht das...

    @nevergiveup:
    Bitte nicht das „Leiden“ verklären, zumal nicht in der Variante, dass wir erst dann das hohe Gut der Freiheit kosten können, wenn wir entsprechend bereit sind, „zu leiden“.
    Ein Jeder mag nach seiner Facon sterben und da wir in einem säkularen Verfassungsstaat leben, kommt eben auch dem christlichen Menschenbild eine höchst relative Bedeutung zu. Im Übrigen ist bereits des Öfteren darauf hingewiesen worden, dass das „Sterben“ der Christen – wenn sie denn mit allerletzter Konsequenz glauben – nicht einfach ist und im Übrigen die Möglichkeiten der Palliativmedizin nicht (!) ausgeschöpft werden dürfen (z.B. finale Sedierung).
    Wir sterben nicht dem Herrn, mal ganz abgesehen davon, dass er nicht genötigt war, für uns „sein Blut zu vergiessen“.
    Wir sollten uns in der Debatte nicht von morlischen Nebelbomben einhüllen lassen, die zu zünden uns in Ansehnung an Art. 4 GG gestattet sind, aber deswegen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben können. Diejenigen, die da meinen, „Leid erfahren zu müssen“, können freilich diesen Gang antreten, auch wenn mir persönlich der „Preis“ sehr hoch erscheint. Indes aber gilt: Freiheitsrechte gelten auch ohne entsprechende „Leiderfahrung“!

  2. Gesetze, Verträge,...
    Gesetze, Verträge, Willenserklärungen: Wo es ernst oder teuer wird, werden die Rechtsformen in Stellung gebracht.
    Die Entwicklung in Deutschland hat ein Regelwerk mit einer unausgesprochenen Pflicht zum Leben hervorgebracht.
    Sichere Medikamente zur erträglichen Lebensbeendigung, die tausenden Menschen den Transport ins Vernichtungslager erspart haben, sind nur noch in der Tiermedizin vorhanden.
    Mehr oder Weniger davon, aber meist ist doch Verzweiflung im bösen Spiel, wenn es ans Sterben geht. Oder, wie Thomas Bernhard sagte: „Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“.
    Hier noch den gesetzlich einzuhegen, der ohnehin eingesperrt ist in sein arges Schicksal, hat grausame Züge.
    Viele meiner Generation haben vor 30 Jahren den Kriegsdienst verweigert und mußten dies der Rechtslage nach aus „Gewissensgründen“ tun. Viele schummelten notgedrungen: Für Deutschland wollte ich auf keinen Fall Soldat werden, als Bürger Israels wäre es mir eine Selbstverständlichkeit gewesen. Aber so ging es nicht, aus Rechtsgründen.
    Vorschriften, die analog dazu bestimmte Anforderungen stellen, unter welchen Umständen Sterben legal ist, lehne ich ab.
    Ich will auch deren Entscheid respektieren und ermöglicht sehen, die keine Regalmeter Sterbehilfebücher vorweisen können.
    mit freundlichem Gruß
    Bernhard Binder

  3. mapar sagt:

    @ Lutz...
    @ Lutz Barth:
    Selbstverständlich sollte jeder nach seiner Facon sterben dürfen, und wer den Suizid wählt, sein Leiden zu beenden, ist auf keinen Fall zu verurteilen. Doch das geht an der Sache vorbei, niemand will den Suizid verbieten. Es geht um „Sterbehilfe“ und damit, wie immer man das verbrämt, um das Töten von Menschen. In vielen beruflichen Kontakten zu schwerkranken Menschen habe ich noch keinen einzigen getroffen, der wirklich von sich aus sterben wollte. Häufig äußert der Patient nur, was die Angehörigen ihm nahelegen, denen er nicht mehr zur Last fallen möchte. Oder, noch häufiger, ist er nicht mehr in der Lage, irgendetwas klar zu entscheiden. Wie bei der Abtreibung wird aus einer Straffreiheit in besonderen Notlagen sehr schnell ein „Recht“ (von Angehörigen und Ärzten, zu töten) und hier zusätzlich noch die Pflicht des Leidenden, sterben zu wollen (wo es diese humane Lösung jetzt doch endlich gibt), das zeigen Länder wie die Niederlande, die den Schritt schon vollzogen haben: „Mein Mann wird am Mittwoch sterben und am Samstag beerdigt, so paßt es terminlich am besten.“ Wer jetzt „Freiheit“ ruft wird vielleicht einigen Jahrzehnten daran denken, wenn der Arzt kommt, um ihn vorschriftsgemäß von seinem Leiden zu erlösen (ob er das will oder nicht wird nicht mehr relevant sein, falls er es überhaupt äußern kann; wo kämen wir denn hin, wenn wir vernünftige Entscheidungen vom Gebrabbel alter Leute abhängig machen würden, es gibt ja so viele davon und die meisten wird niemand vermissen?)

  4. @Greg Paul: Gegen die Praxis,...
    @Greg Paul: Gegen die Praxis, sich mit einer Geldsumme (Ablass) ein gutes Gewissen kaufen zu können zum Beispiel!
    Anlass zur Entstehung des Namens „Protestanten“ war 1529 die „Protestation“ in Speyer von evangelischen Fürsten und Reichsstädten gegen einen Beschluss des Reichstags, der die Reformation zum Stillstand bringen sollte. Das war der Anlass, wohlgemerkt! Behalten aber haben die Protestanten ihren Namen, weil ihre Kirche aus dem Protest, dem Widerstand, dem Tabubruch heraus entstand, und Luther hat damit angefangen (Ein revolutionärer Beginn bewahrt jedoch nicht notwendig davor, später konservativ, ja verknöchert zu werden)
    @mapar: ich habe schon solche Menschen getroffen, die sterben wollten. Meine Mutter zum Beispiel, die lebensverlängernde Maßnahmen energisch ablehnte.
    Ein anderes Beispiel ist Frau Schardt, die Kusch vor dem Pfegeheim bewahrte. Das Video, auf dem die zurechnungsfähige Frau resolut Sterbehilfe verlangt, müsste noch im Internet zu sehen sein. Zur menschlichen Würde gehört auch, als mündiger und entscheidungsfähiger Mensch behandelt zu werden! Das Argument, jemand, der Sterbehilfe verlangt, handele nicht als Herr seiner Entschlüsse, erinnert öfter zumindest ein bisschen an die sowjetische Praxis, Dissidenten die Zurechnungsfähigkeit abzusprechen, sie zu psychiatrisieren.

  5. Ich lese hier immer von...
    Ich lese hier immer von „Christen“. Man ignoriert vollständig, daß es in diesem Lande auch Atheisten gibt. Selbstverständlich bin ich christl geprägt. Mir ist die christliche Ideologie schon als Kind sadistisch vorgekommen, obwohl ich das Wort damals noch gar nicht kannte. Aber es sollte jedem möglich sein, sein Sterben so zu gestalten, wie er das möchte. Und wer sich in einem (wirklich?) säkularem Staat freiwillig unter Kirchenrecht stellt, ist selber schuld. Aber er sollte, was er nicht selber tun darf(?), doch nicht anderen aufzwingen wollen. Ich finde, ich habe in meinem Leben genug gelitten (schwere Polio mit 5 Jahren) und ich finde die Leidensverklärung kirchlicher Institutionen zynisch und menschenverachtend. Ist das die christliche Barmherzigkeit? Ich jedenfalls habe nichts so sehr fürchten gelernt, wie die Unbarmherzigkeit der Barmherzigen! Wie viele Millionen Leben müssen elendiglich krepieren? Und wer an eine „humane“ und „adäquate“ Schmerz-
    therapie (auch und gerade) am Ende des Lebens glaubt, und dies in Zeiten der Rationalisierung, Priorisierung und steigender Kosten kann mir nur leid tun. Besonders betroffen sind die Vielen, die dem sogenannten „Präkariat“ angehören – z. B. ich. Warum kenne ich dann so viele Leute, die noch gar nicht mal im Sterben liegen, bei denen die Schmerzen nicht in den Griff zu bekommen sind? Seit meiner
    Kindheit befasse ich mich mit diesem Thema und seit damals höre ich nur: man müßte, man könnte, es wäre nötig – also nur schöne Worte im Konjunktiv! Wenn sich
    tatsächlich was zum Guten ändern würde und dies auch zuverlässig und auf Dauer, dann wären vorweggenommene Todeswünsche auch seltener. Man sagt, über 80% der Deutschen sind für Sterbehilfe. Ich interpretiere das so, daß eben diese Menschen die Möglichkeit haben wollen, dem Jammer zu entfliehen, wenn es unerträglich wird. Wer kennt denn schon im Voraus das Ausmaß seiner Leidensfähigkeit?
    Ich jedenfalls will die Verantwortung für mein Leben und mein Sterben nicht – an wen oder was auch immer – delegieren (müssen).
    Und nun noch ein – wie ich finde – sehr schönes Zitat, das einiges auf den Punkt bringt:
    „Alles das, woran ich auf Erden gelitten habe und was mir am Menschen böswillig und
    gehässig erschien, brüchig und gemein, machtwillig oder eitel, alles das begegnete mir auf meinem Lebenswege stets im Gewande der Ideale.“
    Theodor Lessing (1872-1933)
    Geschichte als Sinngebun des Sinnlosen (1919)
    4. Auflage, Leipzig, Reinicke, 1927, S. 27
    Mein Vorredner, Gerd Hans Wengel, hat mir auch geradezu aus dem Herzen gesprochen!

  6. Lutz Barth sagt:

    @mapar: Ich stimme Ihnen...
    @mapar: Ich stimme Ihnen durchaus zu in der Annahme, dass es dauerhaft keinen Sinn macht, den Begriff der „Sterbehilfe“ positiv umschreiben zu wollen; in der Tat geht es nach meinem Verständnis perspektivisch um die aktive Sterbehilfe und zwar in den Fällen, in denen der Schwersterkrankte hierzu selbst nicht mehr in der Lage ist, er aber gleichwohl sterben möchte. Allerdings vermögen mich die Argumente vom „Dammbruch“ und „anderen nicht zur Last fallen wollen“ mit der Konsequenz, ggf. in der Zukunft sterben zu müssen, weil es so die Gesellschaft erwartet, nicht zu überzeugen. Das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen beinhaltet zugleich auch die Möglichkeit, für sich sein Leben als „lebensunwert“ zu bezeichnen, ohne dass er damit ganz generell einer „Freigabe unwerten Lebens“ durch die Gesellschaft das Wort redet. Gegenüber solchen Visionen ist unsere Verfassung im wahrsten Sinne verfassungsfest!

  7. noch einer sagt:

    Die Sterbehilfe wird eine...
    Die Sterbehilfe wird eine grosse Zukunft haben:
    .
    All die Niedriglöhner und Aufstocker, die Ein-Euro-Jobber und anderen Hartz-Vierer werden zunächst einmal in Rente gehen, ob mit 65 oder 67 ist nicht so sehr das Problem.
    .
    Zum Problem wird es dann, wenn zur Altersarmut die Pflegebedürftigkeit kommt. Dann wird die grosse Zeit der Anwälte des selbstbestimmten Todeszeitpunkts kommen, flankiert durch staatliche Massnahmen zur Budgetdeckelung in den Bereichen Medizin und Pflege.
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    Frau Bischof ist da hart am Trend.

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