Biopolitik

Babyklappen: Der Ethikrat erklärt zurück und wer rettet die Welpen?

An öffentlichen Auseinandersetzungen herrscht kein Mangel in Deutschland. Interessant erscheint die Frage, wann sich allgemeines Gerede zu einer Debatte formt. Ein wesentliches Merkmal könnte sein – wir leben ja in einer Zeit allgemeiner Relativierungen, da will ich gerade an diesem Punkt nicht absoult werden – dass Argumente gewechselt werden und zumindest nicht nur Unterstellungen hinausposaunt. Wer das auch so sieht, mag sich fragen, ob es beim Thema „Babyklappen und anonyme Geburt“ noch zu einer öffentlichen Debatte kommt, oder ob die allgemeine Aufregung nach der Veröffentlichung der Erklärung des Ethikrates schon Top of the Hop war.

Jetzt hat der Ethikrat selbst jedenfalls erstmal nachgelegt und liest in einer Presseerklärung den Kritikerinnen und Kritikern seiner Empfehlung die Babyklappen und die Möglichkeiten der anonymen Geburt in der gegenwärtigen Form abzuschaffen, die Leviten:

„Edzard Schmidt-Jortzig, betonte am heutigen Dienstag, dass der Ethikrat keineswegs – wie es von manchen Kritikern vorgebracht wird – das Leben eines Kindes geringer gewichtet als die Kenntnis um seine Herkunft. Vielmehr geht der Ethikrat nach Prüfung aller verfügbaren Erkenntnisse davon aus, dass Babyklappen die Frauen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ihr Kind aussetzen oder sogar töten könnten, von dem Angebot der anonymen Kindesabgabe nicht erreicht werden. Es ist auch zu bedenken, dass die Zahl der Kindstötungen durch das Angebot anonymer Kindesabgabe nicht gesunken ist und dass forensisch-psychiatrische Gutachten gegen die Annahme sprechen, dass Frauen, die ihr Kind getötet haben, in der Lage gewesen wären, es in eine Babyklappe zu bringen. Die Angebote anonymer Geburten und institutionalisierte Babyklappen geben grundsätzlich falsche Signale, indem sie eine normal erscheinende Handlungsoption offerieren. Bei der ethischen Bewertung der Angebote anonymer Kindesabgabe darf nicht vergessen werden, dass die Stärkung der elterlichen Verantwortung die dominierende moralische Maxime ist.“

Für Kulturpessimisten wird es spannend zu beobachten, ob die zurecht gedampfte Presseerklärung vermag, was die auch nicht übermäßig ausführliche, aber doch immerhin um eine gründliche Argumentation bemühte Stellungnahme selbst nicht vermocht hat: Die Intention der Autorinnen und Autoren, sowie die Gründe ihrer Kritik zu vermitteln und deutlich zu machen, dass es in diesem bioethisch-gesellschaftspolitischen Konflikt mal nicht um den Konflikt Selbstbestimmungsfreaks vs. Lebensschützer (was auch immer das genau sein mag) geht, sondern ein bisschen um Fragen von Recht und Freiheit zum Rechtsbruch, um die Effizienz von Schutzmechanismen, vielleicht auch um die Bedeutung der Abstmmung….

Während sich die Politik zum Thema wieder etwas beruhigt hat (die aufgeregten Stellungnahmen der ersten Tage fehlen nicht, aber das Ziel des Ethikrates wird ohne Unterstützung in den Parteien auch nicht zu erreichen sein…), lassen die Medien es nicht so schnell wieder los (auch dieses Blog hier kann ja hartnäckig sein). Dort finden sich erhellende Texte, beispielsweise das Interview des Hamburger Abendblatts mit einer jungen Frau, die ihr Kind in die Babyklappe legte und heute wieder zu Hause versorgt. Als Auszubildende bei einer Bank versuchte sie, ihre Schwangerschaft zu verbergen. Nach der Geburt, die sie alleine zu Hause bewerkstelligte, brachte sie ihren kleinen Sohn erstmal ins Krankenhaus, wo es nach einer Woche entlassen wurde:

„Nach einer knappen Woche wurde er entlassen. Und da hab ich ihn in die Babyklappe in der Goethestraße gelegt. Ich wollte ihn ja eigentlich behalten, aber brauchte Zeit, um die Dinge zu regeln. Ich hatte ja kaum Zeit gehabt, mich auf das Baby vorzubereiten. Ich hatte es ja verdrängt. Das, was normalerweise während der Schwangerschaft hätte geschehen sollen, dafür brauchte ich die Zeit. Auch mit meiner Mutter zu reden. Und von der Babyklappe wusste ich, dass ich mich dort melden kann, in der gesetzlichen Frist.
Abendblatt: Welche Gefühle hattest du, als du ihn in die Klappe gelegt hast?
Sarah: Ein schlechtes, ich hab gedacht, ich bin eine schlechte Mutter. Aber ich brauchte dieses Zeitfenster, um das mit meiner Mutter und meiner Familie zu regeln.

Das Interview macht deutlich, dass auch in dieser Debatte Zwischentöne gefragt sind: Die Babyklappe hat hier kein Menschenleben gerettet, sie hat auch kein Kind um die Kenntnis seiner Herkunft gebracht. Stattdessen hat sie einer jungen Mutter eine kurze Pause ermöglicht – was die Frage aufwirft, ob es dafür nicht bessere und sicherere Lösungen gäbe. Die Interviewpartnerin ist, wen wundert es, eine große Verfechterin der Babyklappe, und attackiert, auch das nicht verwunderlich, den Ethikrat:

Abendblatt: Du hast die Entscheidung des Ethik-Rates gehört. Der Rat stellt sich gegen die Babyklappen.
Sarah: Das verstehe ich nicht, das entscheiden die, obwohl die überhaupt nicht wissen, wie man sich fühlt, was in einem vorgeht. Keiner von denen war in solcher Situation.“

Das klingt plausibler als es ist. Denn auch die, die Babyklappe geschaffen haben, werden nicht in einer „solchen Situation“ gewesen sein und Betroffenheit ist – auch wenn stillschweigend das Gegenteil vorausgesetzt wird – kein Garant für eine gute Politik. Schade, dass die Interviewerin Gita Ekberg ihr Gespräch so schlich und suggestiv ausklingen lässt.

Ganz anders und gar nicht betroffen argumentiert dagegen Renzo Spielmann in der Tagespost, der dem Ethikrat „Kulturvergessenheit“ vorwirft, was in gewisser Hinsicht unzutreffend ist, weil der Ethikrat in seiner Stellungnahme durchaus die historische und kulturelle Dimension der Babyklappen und der anonymen Geburt anreißt. Es trifft andererseits aber zu, weil die aus der Geschichte vergleichbarer Argumente Spielmanns, der sich als Verfechter eines „katholischen Realismus“ sieht, vom Ethikrat nicht aufgegriffen werden. Spielmann vertritt die These:

Dass es keine Findelkinder mehr geben soll, hat auch etwas mit dem Perfektionswahn der Moderne zu tun.

Er resumiert nach seinem Streifzug durch 900 Jahre Geschichte:

Man schafft mit sozialen Maßnahmen und jenen Beratungsstellen, die der Ethikrat so massiv gefördert sehen möchte, die beste aller möglichen Welten. Und schaut am elenden Einzelfall vorbei. Die Ausnahme gilt als unmöglich. Die Empfehlung des Deutschen Ethikrates ist daher so abstrakt, so sehr von Expertentum geprägt wie die Daten, die hier um jeden Preis erfasst werden müssen, so allgemein wie die Statistiken, die die Notwendigkeit von Babyklappe und anonymer Geburt gegen jede historische Erfahrung widerlegen, so irreal wie die ungeborenen Kinder, die im Kalkül erst gar keine Rolle spielen, und so gleichgültig wie das Recht, das hier keinesfalls Unklarheit und Ausnahme dulden soll.

Mythos und Literatur wissen dagegen: Es ist furchtbar, ohne Kenntnis der eigenen Herkunft zu leben. Aber das Leben kann nicht unter allen Umständen „perfekt“ beginnen. Sondern es muss erstmal beginnen, um sich entwickeln zu können. In seiner Leipziger Rede bezog sich Max Nassauer auch auf das Gleichnis vom einen verlorenen Schaf, über das die anderen 99 erstmal vernachlässigbar sind. Höchste Zeit, dem Ethikrat ein wenig Menschheitserfahrung – und ganz viel katholischen Realismus beizubringen

 Das Plädoyer für die Möglichkeit Ausnahmen zu schaffen ist klug gedacht und höchst bedenkenswert (wenn auch nicht ganz stringent, aber das wird einen Autoren, der sich für die Möglichkeit von Unklarheiten einsetzt einleuchtenderweise wenig stören). Es setzt aber voraus, dass den Betreibern und Verfechterinnen von Babyklappen auch das Ausnahmsweise ihres Engagements bewußt ist. Daran habe ich, insbesondere angesichts der aktuellen Debatte Zweifel: Babyklappen und die Möglichkeiten der anonymen Geburt, so erscheint es mir, werden nicht weniger sozialtechnokratisch als Lösungen für ein gesellschaftliches Problem präsentiert. Auch an einem weiteren Punkt überzeugt mich Spielmann gegen den Ethikrat nicht: Das Recht sollte die Ausnahme nicht im Detail regeln, das verbietet sich von selbst, es kann aber und sollte unbedingt vorsehen, dass es Ausnahmen geben darf, das gilt zumindest dann, wenn, wie hier eine Vielzhal soziale Einrichtungen mit vergleichsweise viel Geld und menschlichem Einsatz eine fast flächendeckende Struktur geschaffen hat, die Menschen auch ermutigt einen Weg jenseits der Norm zu beschreiten.

Nachtrag am 19. Dezember 2009: Eine norddeutsche Leserin hat mich auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das mich im Land der Tierfreunde natürlich eigentlich nicht hätte überraschen sollen: was den Babies recht ist, ist den Welpen billig – mittlerweile häufen sich die Welpenklappen. Aus dem Alltag einer Welpenklappen-Betreiberin berichten beispielsweise die Lübecker Nachrichten, standesgemäß prominent auf Seite 1 der Printausgabe. 

„Ich kannte die Babyklappe und habe mir gedacht, so etwas könnte es doch auch für Welpen geben“, sagt die 31-jährige Gründerin der Tierhilfe. 85 Kilometer von Lübeck entfernt gibt sie jungen Tieren eine zweite Chance. „Gerade hier auf dem Land gibt es häufig ungewollten Nachwuchs, der dann ertränkt oder erschlagen wird.“  

Den Titel „einzige Welpenklappe Norddeutschlands“ trägt das Unternehmen aber zu Unrecht. Denn auch in Aurich, das im zweifelsohne norddeutschen Ostfriesland liegt, wird eine Welpenklappe betrieben, die den Anspruch erhebt, die erste Welpenklappe Deutschlands zu sein:

„Sie sind auf der Seite der ersten Welpenklappe in Deutschland gelandet. Die Intention der Welpenklappe,die von uns gegründet wurde beruht darauf, ausgesetzten Hundebabys nach Untersuchungen, Impfungen und Wurmkur ein neues zu Hause zu verschaffen. Die Welpenklappe ist eine private Einrichtung, das Grundprinzip der Welpenklappe ist ähnlich dem der Babyklappen im gesamten Bundesgebiet.“

In Dallgow-Döberitz gibt es auch eine Welpenklappe, die sogar von einem echten Verein betrieben und im Web beworben wird:

Bild: Welpennothilfe e.V.

Allerdings berichtet hier die Berliner Morgenpost von besonderen Problemen: die Welpenklappe muss wegen Überfüllung geschlossen werden, bis der 45 Mitglieder starke Verein wieder Kapazitäten hat, sich um neue Welpen kümmern zu können. Man weiß gar nicht, was man sich da wünschen soll….

 

 

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