Biopolitik

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Dieses Blog ist geschlossen. Es ist als Archiv über die biopolitische Debatte 2008 bis 2012 hier weiter einzusehen. Aktuelle Entwicklungen zum Thema

Eizell-Lotterie – Gewinnerin darf Beruf, Herkunft und Haarfarbe wählen….

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Würden Sie sich ein „Euthanasie"-T-Shirt anziehen? Und wenn ja bei welche Gelegenheit? Wenn Sie jetzt fragen, „Ja was denn, pro-Euthanasie oder...

Würden Sie sich ein „Euthanasie“-T-Shirt anziehen? Und wenn ja bei welche Gelegenheit? Wenn Sie jetzt fragen, „Ja was denn, pro-Euthanasie oder contra?“, dann ist die Kolumne gescheitert. Wie ich überhaupt auf die Frage komme, berichte ich, wenn ich danach gefragt werden sollte. Erstmal ist das Thema für mich vom Tisch, weil etwas Aktuelles dazwischen gekommen ist – ungewöhnlich für ein Biopolitik-Blog, aber es geht um eine Lotterie. Aber keine, an der sie sich beteiligen können (oder wollen?), denn die Lose gibt es nur bei der Bridge Klinik in London, einer sogenannten Kinderwunsch-Klinik, was mir ein ziemlich harmloser Begriff für das zu sein scheint, was dort betrieben wird. Denn die Wünsche und Vorstellungen, die dort gefördert und durchgesetzt werden, beinhalten alle Spielarten der Selektion, die man sich so vorstellen kann; zutreffender ist es wohl von einem Zentrum für strategische und taktische Familienplanung zu sprechen: von der Auswahl von Ei- und Samenspendern über die nachfolgende Präimplantationsdiagnostik, die die Selektion der Embryonen mit den gewünschten Eigenschaften ermöglicht, bis zu den anschließenden Screenings ist für alles gesorgt.

Bei der Verlosung, die am Mittwoch stattfinden wird, gibt sich die Klinik deswegen auch nicht bescheiden – warum auch: Der Hauptgewinn soll ein Menschenleben sein, kein ganzes, aber doch zumindest notwendige Voraussetzungen dafür, nämlich eine für die In-Vitro-Fertilisation freigegebene Eizelle, inklusive der dazugehörigen IVF-Behandlung. Selbstverständlich hat die Gewinnerin dann die freie Wahl aus dem reichhaltigen Spenderinnen-Angebot des privaten „Genetics & IVF-Institutes“ im US-Bundesstaat Virginia, mit dem die Bridge Klinik seit kurzem eine Partnerschaft eingegangen ist: Soll die Eizellenspenderin lieber eine blonde Juristin europäischer Herkunft sein, eine Opernsängerin mit koreanischem Hintergrund oder eine Afro-Amerikanerin, die Sozialpädagogin ist? Schwer zu entscheiden? Kein Problem: Es werden auch Kinderfotos der Spenderinnen zur Verfügung gestellt und es soll, wenn die Entscheidung so gut wie gefallen ist, ein aktuelles Foto vor allzu großen Überraschungen bewahren…

Anlaß für die strategische Partnerschaft von britischer Klinik und us-amerikanischem IVF-Institut ist die Knappheit an gespendeten Eizellen in Europa: Selbst in Großbritannien, wo in bioethischer Hinsicht nahezu alles erlaubt ist (sieht man mal von dem angesichts dessen reichlich unmodern wirkendenVerbot der Beihilfe zum Suizid ab), ist der Handel mit Organen, Körperzellen und Geweben vebroten – weswegen Eizellspenderinnen dort gerade mal 250 britische Pfund Aufwandsentschädigung erhaltenn (in den USA werden dagegen 20 bis 30mal so hohe Beträge gezahlt). In Deutschland übrigens ist die Eizellenspende ganz verboten, weil sie eine Grundlage für Leihmuterschaften bilden könnte und weil die Aufspaltung von genetischer und biologischer Mutter für bedenklich gehalten wird –  allerdings wird bei Samenspenden die Aufspaltung von sozialer und genetischer Vaterschaft auch akzeptiert, es gibt allerdings Unterschiede, weil der soziale Vater, anders als die eine genetisch fremde Schwangerschaft austragende Mutter, keinen biologischen Anteil an dem Kind hat.

Die Eizellen-Lotterie hat in Großbritannien übrigens zu heftiger Kritik geführt, die Aufsichtsbehörde, die Human Fertilisation and Embryology Authority, sieht aber keinen Grund einzuschreiten.

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14 Lesermeinungen

  1. Sehr geehrter Herr Tolmein,...
    Sehr geehrter Herr Tolmein, zuerst einmal an Sie ein Lob und meinen Respekt für Ihren Artikel, der meiner Meinung nach sehr gut zeigt, wie Firmen mit wirtschaftlichem Interesse in einem gewinnversprechenden Sektor mit einer Sache – die keine Sache ist, sondern nicht weniger als das menschliche Leben – mit allen Möglichkeiten und auch Unmöglichkeiten verfahren und damit viel Geld verdienen.
    Eine Schilderung wie die Ihre stößt in der Gegenwart (leider) oft auf mehr Kritik als Verständnis, aber das ist wohl momentan eben einfach so, wenn man mit einer hinterfragenden Art der Berichterstattung gegen den Strom einer pluralistischen Meinungsvielfalt schwimmt, in welchem jeder meint, Recht haben zu können. Aber wie schon einst eine berühmte Person sagte: „Nur weil alle das Selbe für richtig halten, heißt es nicht, dass sie auch Recht damit haben“. In diesem Sinne: Vielen Dank für diese Berichterstattung & weiter so!

  2. Sicherlich ist es bedenklich,...
    Sicherlich ist es bedenklich, Wahlmöglichkeiten bis ins kleinste Detail zu bieten und sich ein Wunschkind zu erschaffen. Allerdings sollte man bedenken, dass unfruchtbare Frauen mit ihrer „Unfähigkeit“ bereits gestraft genug sind und man ihnen die Möglichkeit geben sollte, ein Kind zu bekommen, das zumindest bezüglich der oberflächlichen Merkmale wie Haarfarbe usw. Ähnlichkeiten zur „austragenden“ Mutter aufweist. Ob man sich dann für oder gegen diese Möglichkeit entscheidet ist privat.
    Außerdem sollte man beachten, dass sicherlich jeder Frau, die eine Eispende bezieht, diese Auswahlmöglichkeiten gegeben werden, nicht nur der Gewinnerin einer Lotterie.

  3. @ "eine Frau":
    Ich bin der...

    @ „eine Frau“:
    Ich bin der Meinung, dass es kein Recht auf ein Kind gibt, weder rechtlich noch ethisch. Denn ein Kind ist ein Geschenk GOTTES, ob gesund oder auch sogar behindert. Und wenn man ein solches Geschenk nun nur noch anzunehmen bereit ist, wenn man vorher selbst (am besten noch möglichst genau) bestimmt hat, wie es zu sein hat und wie nicht, dann kann man wohl kaum mehr von einem Geschenk des Lebens oder Gottes sprechen, sondern wohl viel mehr nur noch von einem EIGENEN Produkt als Folge eines Auswahlverfahrens. Wo kämen wir da hin, wenn kleine Kinder zum Schluss womöglich nur noch geliebt werden könnten von ihren Eltern, wenn sie den zuvor bestimmten Attributen auch tatsächlich entsprechen!!? Grausam! Aber darauf läuft diese ganze Selbstbestimmung in diesem Bereich doch hinaus, oder etwa nicht? Es ist nicht gut für Menschen, durch gewisse technische Möglichkeiten Gott spielen zu können, denn dies verleitet zu Egoismus und Hochmut und erzeugt zu guter letzt die Unfähigkeit, auch mal etwas anzunehmen, so wie es ist. Zum Beispiel das Eigene Kind. Und diejenigen, die keine Kinder bekommen können, haben ja auch die Möglichkeit der Adoption, oder ist das dann wieder zu wenig den eigenen „Produktionsvorstellungen“ entsprechend?

  4. Denke auch, dass es in Ordnung...
    Denke auch, dass es in Ordnung ist, solange niemand Schaden dabei nimmt. Außer fanatischen Christen und Anhänger anderer religiöser Glaubensrichtungen, hat niemand mehr etwas dagegen.

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