Biopolitik

Kusch trifft Kässmann im Geiste

Es gibt Schlagzeilen, die kann man sich kaum ausdenken, die schreibt das Leben: „Dr. Tod im Rausch zum Sterbepatienten?“ fragt in dicken Lettern „Bild“ und bringt so plakativ zusammen, was vielleicht auch ein bißchen zusammengehört: Die Bereitschaft zur Selbstaufgabe und zur Grenzüberschreitung. In der Rolle des „Dr. Tod“ tritt im grob dahingezeichneten Weltendrama von „Bild“ diesmal, wieder einmal, der ehemalige Hamburger Justizsenator und Staatsanwalt Roger Kusch auf (über den wir dann jetzt, auch wenn die Fastenzeit vorbei ist, nach Möglichkeit sieben Wochen schweigen werden, gerne auch länger). Bemerkenswert diesmal: Auf der Homepage seines Vereins „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“, die doch sonst jede Erwähnung des Vereinsnamensgebers penibel und mit Link-Verweisung auflistet, findet sich kein Wort über die Alkoholfahrt des sonst doch eher öffentlichkeitsversessenen Vorsitzenden.

Dabei soll es durchaus einen Zusammenhang zwischen Alkoholfahrt und Suizidbeihilfeaktionen gegeben haben: Kusch befand sich, so vermutete die Polizei, auf der Rückfahrt von einem geplanten Treffen mit einer Suizid-Interessierten – statt die von der Staatsanwaltschaft gesuchten Medikamentencocktails zu finden, rochen die Ermittlungsbeamten aber nur eine ganz banale Alkoholfahne. Nun kann man lange darüber philosophieren, ob nicht auch Roger Kusch von irgendwas zurücktreten sollte, ob und wie Trunkenheitsfahrten im Allgemeinen mit Sterbehilfe im Speziellen zusammenhängen und ob es nicht ein merkwürdiger Zufall ist, dass keine vier Wochen nach der nunmehr Ex-Bischöfin Käßmann der schon lange Ex-Justizsenator Kusch beim gleichen Gesetzesverstoß erwischt wird? Man stelle sich vor, der knallharte Befürworter des begleiteten Suizids und die entschiedene Gegnerin des vielleicht Ex-Suizidbegleiters wären sich nicht sehr nüchtern auf der Straße sogar begegnet, er im BMW, sie im VW-Phaeton – gut anderthalb Jahre nach ihrem eher müden und wohl trockenen Zusammentreffen bei „Hart aber Fair“ von Frank Plasberg hätte es da vielleicht in der Reality jenseits des TV, moderiert von einer Kommissarin, einen zündenden Dialog geben können, mit lebhafter gestischer VErstärkung. Ach, was hätte das für eine Schlagzeile hergegeben… Aber so weit geht dann nicht einmal das Leben. 

 

 

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