Biopolitik

Auch Palliativmediziner mögens manchmal paternalistisch

Dass auch für ärztliche Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin das Selbstbestimmungsrecht ihrer Patientinnen und Patienten gelegentlich wenig zählt ist ein wenig erfreuliches Ergebnis der Studie „End-of-life practices in palliative care: a cross sectional survey of physician members of the German Society for Palliative Medicine“, die von Medizinethikern der Univesität Bochum durchgeführt und jetzt in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. 780 Todesfälle wurden in die Untersuchung einbezogen, in 47 Fällen, so gaben die behandelnden Ärzte an, haben sie die Patienten nicht darüber aufgeklärt, dass die Behandlung ihr Leben möglicherweise verkürzen könnte, obwohl diese 47 Patienten als „einwilligungsfähig“ eingestuft worden waren. Die Ärzte behaupteten, das sei im „besten Interesse“ des Patienten gewesen, eine zumindest aus medizinethischer Sicht antiquierte Sicht des Arzt-Patient-Verhältnisses, die im übrigen auch in rechtlicher Hinsicht nicht akzeptabel  ist: Wenn über wesentliche mögliche Folgen einer Behandlung nicht aufgeklärt wird, ist die Einwilligung in diese Behandlung unwirksam ist, die Behandlung selbst damit rechtswidrig.

Auch dass neun der befragten Ärzte angaben, den Tod „gezielt durch Substanzen herbeigeführt“ zu haben ist bemerkenswert, handelt es sich hier doch strafrechtlich gesehen wohl um die verbotene „Tötung auf Verlangen“, da der eine Fall, in dem der Patient selbst gezielt durch Substanzen seinen tod herbeigeführt hat, extra aufgelistet wurde.

Weniger überraschend ist, dass Angaben der Ärzte zufolge, in 69% der Fälle medizinische Maßnahmen begrenzt wurden, wodurch sich die Lebenszeit möglicherweise verkürzt hat. Solange es hier eine entsprechende Einwilligung in das Unterlassen bzw.in die Begrenzung der Behandlung gibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Fragen wirft dagegen auf, dass nach den Angaben der Ärzte in 78 Prozent der 780 ausgewerteten Fälle an, Symptomlinderung mit einer möglicherweise resultierenden Verkürzung des Lebens durchgeführt wurden. Das dürften Fälle der sogenannten „indirekten Sterbehilfe“ sein, eine Konstellation, die auch in der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes auftaucht und in der Schweizer Schwarzenegger-Studie. Nach Auffassung mancher Palliativmediziner gibt es diese Fallgruppe aber gar nicht,weil eine kunstgerechte Symptomkontrolle nicht lebensverkürzend wirken soll. Da würden wir uns über fachliche Klärung freuen, es muss ja nicht unbedingt in diesem Blog selbst sein.

Offenbar gibt es auch Unterschiede im Denken und Handeln von Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, die selbst über eine Zusatzbezeichnung als Palliativmediziner verfügen und solchen, die eine solche Zusatzbezeichnung nicht führen.

Da die Untersuchung aus Bochum mit dem EURELD-Fragebogen (European End-of-Life-Decisions) durchgeführt wurde, der standardisiert ist,können die Ergebnisse auch mit denen aus anderen europäischen Staaten verglichen werden.

Die Deutsche Hospizstiftung hat rasch auf die Pressemitteilung zur Studie reagiert und vor allem kritisiert, wie der  Patientenwillen bisweilen ignoriert wird:“ Die am heutigen Montag vorgestellte Studie der Ruhr-Universität Bochum ist in höchstem Maße alarmierend. Es besteht die Gefahr, dass ein solches Handeln der Ärzte ohne Zustimmung der Patienten die Argumentation so genannter Todesengel rechtfertigt. Diese begründen ihre Taten in der Regel damit, das Leiden der Schwerstkranken eigentlich nur verkürzen zu wollen.“

Die Autoren der Studie ziehen, mit Blick auf Positionen der Bundesärztekammer, eine anders akzentuierte Bilanz: „Die offiziellen Verlautbarungen zum ärztlichen Standesethos stimmen offenbar nicht mit den moralischen Bewertungen und Handlungen zahlreicher Ärztinnen und Ärzte in Deutschland überein.Die neuen empirischen Forschungsergebnisse sollten als Grundlage für eine ehrliche Debatte über zeitgemäße ethische Richtlinien zum ärztlichen Handeln am Lebensende genutzt werden“.

Das wiederum scheint ziemlich fragwürdig: Es klingt zwar schön,eine „ehrliche Debatte“ einzufordern, wer möchte auch schon eine „verlogene Debatte“ haben, aber das was viele oder auch nur manche tun,ist doch deswegen weder moralisch geboten, noch ethisch zeitgemäß.Wenn Recht gebrochen wird, sollte in der Regel nicht das Recht geändert werden,sondern nachgedacht werden, wie seine Einhaltung – gerade in grundlegenden Bereichen wie Körperverletzung und Tötung – verbessert werden kann.

 

Sie können dieses Blog gerne kommentieren. Sie müssen sich dafür nicht anmelden. 

 

 

Die mobile Version verlassen