Biopolitik

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PID-Debatte einfach mal so kunterbunt: CDU im Auto, Teil 2

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Wie ernsthaft, groß, gelungen oder wichtig die Debatte über Präimplantationsdiagnostik auf dem CDU-Parteitag am Dienstag war  weiß ich nicht: ich war...

Wie ernsthaft, groß, gelungen oder wichtig die Debatte über Präimplantationsdiagnostik auf dem CDU-Parteitag am Dienstag war  weiß ich nicht: ich war ja mit dem Auto unterwegs. Die einzige Rednerin, die ich tatsächlich gehört habe war Dr. Saskia Ludwig, die Landesvorsitzende der CDU in Brandenburg – und die sprach im Deutschlandfunk.

„Der Schutz des ungeborenen Lebens, das ist ja die spannende Frage dabei: wo beginnt es und wo ist dann auch eine Wertung. Und wir haben hier eine Diskussion über eine Diagnostik, wo im Vorfeld eben geklärt werden kann, ob tatsächlich so schwere Schäden an dem Embryo vorhanden sind, dass es dann danach eben auch nicht zur Geburt des Kindes selber kommt, und da stellt sich schon die Frage, ob im Vorfeld in der Petrischale selbst man das untersuchen darf, oder dann tatsächlich erst im Körper der Mutter, um dann festzustellen, es sind so schwere Schäden dort vorhanden, eine Spätabtreibung ist erlaubt. Das ist eine Diskussion, die für meine Begriffe da sehr unterschiedlich läuft.“

Schon nach der ersten Antwort lag die Frage nahe, nach welchen Kriterien der Deutschlandfunk seine Gesprächspartnerin ausgesucht hatte, die jedenfalls nicht in der Lage war, das kunterbunte Begriffsdurcheinander, das die Debatte über die Präimplantationsdiagnostik durchzieht, auch nur ansatzweise zu ordnen. Aber vielleicht wollte der Sender ja gerade das anschaulich machen: dass selbst Spitzenpolitikerinnen die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Schutz des ungeborenen Lebens nicht kennen und es mit den Voraussetzungen unter denen eine Spätabtreibung nur erlaubt ist nicht ganz so genau nehmen wollen.

„Wenn wir über Präimplantationsdiagnostik diskutieren und sagen, wir wollen es verbieten, dann müsste man Spätabtreibung verbieten und man müsste grundsätzlich künstliche Befruchtung verbieten. Das ist doch die Frage dabei. Wenn es von der Natur her nicht vorgesehen ist, dass ein Elternpaar Kinder bekommen kann, die aber ausdrücklich diesen Wunsch haben, was ja nachzuvollziehen ist, und dann diesen wahnsinnig schweren Weg gehen, das ist die spannende Frage, an welchem Punkt man dort eben eine Grenze zieht.“ 

Wieso ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik, das die Selektion von Embryonen nach – auf längere Sicht nahezu beliebigen Kriterien – verhindern soll, auch ein Verbot der Spätabtreibung, die Leib und Leben der werdenden Mutter schützt, erzwingen soll und sogar ein Verbot der künstlichen Befruchtung an und für sich, die ja erstmal nichts mit Selektion zu tun hat, wäre auch mal eine „spannende Frage“, die aber gerade keiner gestellt hat. Genausowenigwie die Frage danach,wie wir es eigentlich in den letzten zwanzig Jahren, in denen herrschende Meinung war, dass die PID in Deutschland verboten sei (und auch danach gehandelt bzw.unterlassen wurde), geschafft haben, ein humaner und sozialer Rechtsstaat zu sein. Dagegen ist die Feststellung, dass ein Elternpaar erst zu einem wird, wenn es Kinder hat, geradezu kleinlich und wird deswegen auch nicht weiter vertieft. Wichtig aber ist- und das formt die Debatte über Präimplantationsdiagnostik – dass hier konsequent das Besondere dieser Technik ausgeblendet wird: Sie ermöglicht anders als die pränatale Diagnostik (und erst recht natürlich anders als eine Spätabtreibung, die ja nichts Diagnostisches ist, sondern eine Notstandsähnliche Maßnahme) eine Auswahl unter mehreren Möglichkeiten – und zwar nach positiven und negativen Kriterien. Das Kriterium kann sein „alle außer dem Embryo mit einer bestimmten Behinderung“, es kann aber auch sein „nur der mit bestimmten Gewebeeigenschaften.“ Bei der Pränataldiagnose bleibt der Schwangeren am Ende die Entscheidung für oder gegen die Schwangerschaft, bei der Präimplantationsdiagnose ist es eine Entscheidung für einen bestimmten Embryo (und gegen bestimmte andere). So zu tun, als ging es nur darum zu vermeiden, dass ein ohnehin nicht lebensfähiger Embryo ausgetragen wird, ist unlauter oder Ausdruck von Ahnungslosigkeit.

„Ich befürworte das, wenn ein Elternpaar sich entscheidet und wirklich die Sehnsucht nach einem Kind hat, was für jeden nachzuvollziehen ist, dann natürlich auch ein gesundes Kind haben möchte und nicht diesen Leidensweg durchschreitet zu sagen, wir haben schwere Genvorschäden und wir wissen, dass es problematisch wird mit 80, 90 Prozent, wenn wir jetzt eine nicht untersuchte Eizelle einpflanzen, dann eben dieses Kind nicht gebären zu können.“

Was denn nun: „Das Recht auf ein gesundes Kind“? Oder doch nur das Recht, eine Schwangerschaft zu verhindern, die nicht mit der Geburt eines lebenden Kindes enden kann? So klar kann oder möchte es Frau Ludwig nicht sagen und so klar fragt die Moderatorin nicht nach. Tja. Letztenendes ist auch die CDU-Vorsitzende von Brandenburg in erster Linie eine empfindsame Betroffene, die großen persönlichen Einsatz zeigt:

„Ich bin auch gerade Mutter geworden und glauben Sie mir, einige Dinge ändern sich auch, auch von der Ansicht her und von der Wertung her. Jede Abtreibung, die stattfindet, die schmerzt mich da wahnsinnig.“

In der Abstimmung hat sich die CDU schließlich auf die Seite der Befürworterinnen und Befürworter eines Verbots der PID gestellt. Was aber heißt das nun? Ein politisches Signal gegen die PID geht von der Abstimmung wohl nicht aus, dafür ist sie auch zu knapp ausgefallen. Und wo liegt überhaupt in Zeiten von Gruppenanträgen und Betonung der Gewissensfreiheit der einzelnen Abgeordneten der Sinn eines Parteitagsbeschlusses zu einer bioethischen Frage? Die Frage ist gar nicht rhetorisch gemeint, sondern neugierig gestellt.

 

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13 Lesermeinungen

  1. tolmein sagt:

    @perfekt!57, ikes: Also...
    @perfekt!57, ikes: Also erstmal: die Dampfmaschine und Eisenbahn taugen allenfalls als Analogien zur Atomkraft (zweifelhaft), aber sicher nicht als Beispiel dafür, dass auch die PID nur ein Stück Fortschritt ist, dem man nicht als Maschinenstürmer entgegentreten soll, denn es geht hier nicht um ein bloßes Technikwerk zur Fortbewegung, sondern um eine Methode zur Selektion, also etwas die menschliche Gesellschaft in ihrerZusammensetzung und Beschaffenheit veränderndes.
    Das Argument gegen die PID (zumindest meines) ist keineswegs, dass ich den Mißbrauch fürchte: der Gebrauch der PID ist schon an sich nicht akzeptabel, weil er auf Selektion gerichtet ist und faktisch auf die Wiedereinführung einer eugenischen (oder medizinischer fomruliert: embryopathischen) Indikation hinausläuft. Ob dann zu der Selektion dazu kommt, dass sie sich nicht „nur“ gegen Embryos mit schweren Behinderungen richtet, sondern auch gegen Embryos mit falschem Geschlecht oder Anlagen für Brust- oder Darmkrebs -was die meisten für „Mißbrauch“ halten – erscheint mir zweitrangig.

  2. Mitleser sagt:

    Politisch wird von den wenigen...
    Politisch wird von den wenigen Gegenern der PID das Scheinargument angeführt, ein Verbot sei notwendig um einen „Dammbruch“ hinsichtlich von niemand gewollter faschister Tendenzen der generellen Verhinderung von Menschen mit Erbkrankheiten und vorgeburtlich erworbenen Erkrankungen.
    Abgesehen davon, dass in der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 „Auslese“ und die „Verhinderung erbkranken Nahwuchs“ zumindest staatlich gedeckt wurde, erscheint es doch als kaum glaubhaft, dass wir als Gesellschaft durch die Erlaubnis der PID wieder in eine solche Situation geraten werden. Mir erscheint diese Annahme eher ein Relikt zu sein, das den Resten der Ideologie der Psychoanalyse entsprungen sein dürfte.
    Auch die Frage, welchen Sinn einzelstaatliche Verbote machen, wenn in anderen europäischen Ländern die PID erlaubt ist, wurde von den Gegenern bisher nicht beantwortet. Das mag hinsichtlich dieser Fragestellung die Ideologielastigkeit der Argumente belegen.
    Und, nein Herr Dr. Tolmein, auch ich habe nicht die These aufgestellt, dass unser Strafrecht irgendwelche Anspruchsgrundlagen enthält. Aber es bedarf ja auch im Strafrecht keine solche Anspruchsgrundlage, wir haben ja ein ganz gutes GG und dem widerspricht das Strafrecht nicht.

  3. Die Bezeichnung...
    Die Bezeichnung Präimplantations-„Diagnostik“ ist irreführend: Würde „Diagnostik“ in gleicher Weise wie bei der PID in allen Bereichen der Medizin verstanden, hätte das statt einer Elimination von Krankheiten die Elimination des Kranken zur Folge. Ganz im Gegenteil wird natürlich allgemein in der Medizin unter Diagnostik die nötige Vorstufe für eine möglichst spezifische lebenserhaltende oder zumindest lindernde Therapie verstanden. Vor diesem Hintergrund sollte zukünftig die Bezeichnung „Präimplantations-Selektion (PIS)“ verwendet werden.

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