Biopolitik

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Dieses Blog ist geschlossen. Es ist als Archiv über die biopolitische Debatte 2008 bis 2012 hier weiter einzusehen. Aktuelle Entwicklungen zum Thema

Große Pläne für 2011: Designerbabies – warum nicht?

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Wenn ich Grafiker, Designerin oder Deutschlehrer wäre stünde mein „Unwort des Jahres 2010" schon lange fest: „Designerbabies." (google: 958.000...

Wenn ich Grafiker, Designerin oder Deutschlehrer wäre stünde mein „Unwort des Jahres 2010″ schon lange fest: „Designerbabies.“ (google: 958.000 Treffer in 0,31 Sekunden – wer bietet weniger oder mehr?) Zuletzt hat es der Vorsitzende des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands betont: „Designerbabies unwahrscheinlich.“ Und er reiht sich damit ein in die lange Reihe von Gesundheitspolitikern, Bioethikerinnen, Gemischtwarenhändlern, technischen Zeichnern, Foodjournalisten (kein Anspruch auf Vollständigkeit), die alle immer wieder betonen, was sie auf keinen Fall wollen: Designerbabies.

Damit meinen sie natürlich nicht Babies von Desginern. Die wollen alle herzlich gerne, wenn die Designer nicht gerade genetisch bedingte Behinderungen haben, die sie weitergeben könnten. Dann hat natürlich auch niemand was gegen Babys von dieses Designern – denn man kann ja was dagegen tun: Pränataldiagnostik zumindest, Präimplantationsdiagnostik at ist`s best. Sicher, auch Designer sind frei behinderte Kinder zu bekommen, wenn es denn sein muss. Allerdings hat alles seine Grenzen. Als ein lesbisches, gehörloses Paar in den USA – die beiden waren allerdings meines Wissens keine Designerinnen – vor einigen Jahren entschied, dass sie am liebsten ein gehörloses Kind zeugen wollten (deswegen suchten sie einen gehörlosen Samenspender), war die Aufregung groß: Wenn Behinderung passiert, na gut… aber so? Damals, 2002, gebrauchte allerdings, so weit ich mich erinnere, niemand den Begriff „Designerbaby“. Damit müssen wir uns erst jetzt, 2010 herumschlagen, da die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland nicht mehr verboten ist, weil es Bundesgerichtshof so will, und da andererseits befürchtet werden muss, dass Parlamentarier diesem kleinen Paradies der Selektionsmöglichkeit den Garaus machen könnten (die Gefahr ist angesichts der öffentlichen Stimmung und der Mehrheitsverhältnisse im Parlament, wie sie sich bei anderen bioethischen Debatten gezeigt haben, sehr gering). Seitdem hören wir allerorten, dass kein Anlass zur Beunruhigung bestünde, da niemand „Designerbabies“ wolle und sie wohl auch nicht hergestellt werden könnten.

Das glaube ich gerne,  deswegen und weil einige meiner Freunde Designer sind, habe ich auch nie vor Designerbabies gewarnt. Es hat nämlich auch noch nie irgendjemand behauptet, man könnte mihilfe von IVF und PID Babies komplett am Reißbrett designen (dabei spräche grundsätzlich gar nichts dagegen ihnen das Rotznasengen zu nehmen). Wenn aber damit beruhigt wird, dass ein Szenario nicht eintreten wird, das niemand beschworen hat, sollte man sich anfangen Gedanken zu machen. Zum Beispiel was für Szenarien denn tatsächlich in Betracht kommen. Das wenig schöne in diesem Fall ist: Man muss gar nicht so viel denken, es reicht zu lesen, was die englische Human Fertilisation and Embryology Authority so alles prüft und zulässt. Nein, Designerbabys sind nicht dabei. Aber Babys, die danach ausgesucht worden sind, dass sie als Gewebespender in Betracht kommen (die Organ- und Gewebespende-Diskussion stapft ja schon mit großen Schritten auf Deutschland zu). Form follows Function. Das will in Deutschland natürlich auch niemand. Aber es geht jedenfalls. Und ist nicht unwahrscheinlich, sondern bereits Realität. Und das stärkste Argument für die PID ist, immer wieder gehört, dass man sich den Realitäten beugen müsse. Das meint neuerdings ja auch der Präsident der Bundesärztekammer. Warum gibt es so eine Institution eigentlich noch? Die Designer haben ja auch keine Designerkammer. Vielleicht sollten wir uns demnächst auch mit der Frage befassen, ob wir Testbabies wollen? Prüfbabies? Im Zweifelsfalls geprüft und für geeignet befunden – wofür auch immer, ein guter Zweck wird’s schon sein.

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4 Lesermeinungen

  1. Ironie, Satire bei Biopolitik...
    Ironie, Satire bei Biopolitik ist für mich neu, deshalb wahrscheinlich nicht leicht verdaulich.
    Dekkers hat ja kürzlich das Verbot der medizinischen Indikation im Abtreibungsrecht vorgeschlagen. Ein Meteorit? Eher eine Sternschnuppe. Solang Babies als Kostenfaktor, Erziehungs- und Bildungsadressaten, als künftige Arbeiter und Rentenbeschaffer oder Beziehungsretter, wahlweise -gefährder aufgefaßt weden, wie eben heutzutage, sind die Gespräche über PID und PND schal.
    In die Welt, in die heute selbst Top-Designerbabies geboren werden, dies vermieden zu haben, dazu möchte man ihren behinderten verworfenen Keimen gratulieren.

  2. "Präimplantationsdiagnostik...
    „Präimplantationsdiagnostik at ist’s (!) best“
    Oh meine gute alte FAZ, was ist aus Dir geworden? Wenigstens scheint die automatische Rechtschreibprüfung noch zu funktionieren und macht aus „it’s“ „ist’s“. Seit 2 1/2 Wochen ist dieser Text schon online und es hat sich noch niemand gefunden, der den Fehler korrigiert?
    Dazu passt der allgemeine Kulturverfall in unserem Lande, der blind geworden ist für den Wert jedes menschlichen Lebens. Will man in diesem Land noch alt werden, wenn man nur dann etwas wert zu sein scheint, wenn man aktiv, gesund, leistungsfähig ist? Hatten wir das nicht schon mal? Wenn nur noch die Funktion darüber entscheidet, wer leben darf, will man dann hier noch leben? Muss man Angst haben, in Deutschland krank zu werden? In den Niederlanden gibt es schon die Früheuthanasie, also Euhtanasie bei Kindern, eigentlich nur eine logische Weiterentwicklung des Gedankenguts, welches hinter der Zulässigkeit von Abtreibungen und PID steht. Behinderte Embryonen werden nicht implantiert, behinderte Babies werden abgetrieben, behinderte Kleinkinder werden euthanasiert, Alte und Kranke ja sowieso.
    Andererseits sind Eltern verzweifelt, deren Kind Spendergewebe brauchen und die auf eine Spende durch ein neues Kind hoffen. Welche Entscheidungen werden diesen Eltern aufgebürdet? Ein Kind zu retten, um den Preis mehrere (ungeborene) Kinder zu töten? Wie unmenschlich ist unsere Gesellschaft geworden?
    In einem der reichsten Länder der Welt sollten wir doch in der Lage sein, medizinische Lösungen zu finden, die ethisch vertretbar sind. Das wird nicht leicht sein und es wird nicht billig. Aber eine Rückkehr zur alten Idee des „lebensunwerten Lebens“ ist dann doch zu billig.

  3. es wäre sehr schön wenn Sie...
    es wäre sehr schön wenn Sie weniger Klammern und weniger Gänsefüßchen setzen würden. Ich fand die Häufung irgendwie störend beim lesen.
    Ansonsten guter Artikel!

  4. Wir (HalluziNoGene.org) haben...
    Wir (HalluziNoGene.org) haben 2007 auf dem Bundeskongress Internationalismus in einem Beitrag – https://www.halluzinogene.org/biopolitik_globalisierung.html – versucht die Diskurse um Schönheit und Bevölkerungspolitik unter dem Blickwinkel einer Kritik der dahinter sichtbar werdenden Biopolitik zu thematisieren. Ich würde sagen Designerkinder gibt es schon lange, i
    Insbesondere, wenn man z.B. den Bezug zur Metapher des ‚Menschenparks‘ zieht. Also der ‚gärtnerischen‘ Hege und des entsprechenden Beschnitts des Nachwuchses,
    Auch das ist Biopolitik.

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