Biopolitik

Ärztliche Suizidbeihilfe: Hippokrates antwortet nicht….

Was stellen wir uns eigentlich unter „ärztliche Ethos“ vor? Wollen wir, dass die Ärzte sich einem einheitlichen Ethos verpflichtet fühlen? Wie weit soll der reichen? Die Debatte ist keineswegs akademisch. Es geht aktuell um das Verhältnis der Ärzteschaft zur Beihilfe zum Suizid, allerdings dürfte das Thema noch Weiterungen bereit halten.

 Vor knapp drei Wochen habe ich im Blog die ´neugefassten „Grundsätze derBundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“ vorgestellt, nun sind sie veröffentlicht. In den Medien wurden sie nun  weithin vor allem wegen der neu gewählten Formulierung zur ärztlichen Suizidbeihilfe thematisiert. Dabei klingt es in den meisten Kommentaren so, wie in der Berliner Morgenpost: „Ärzteschaft lockert Grundsätze zur Sterbehilfe“. Ein interessantes Phänomen: Die Bundesärztekammer bekräftigt, dass Ärzte keine Beihilfe zum Suizid leisten sollen, wahrgenommen wird aber, dass ein Positionswechsel stattgefunden haben soll. Hieß es bislang, dass Suizidbeihilfe dem „ärztlichen Ethos“ widerspreche, stellt die Bundesärztekammer in den „Grundsätzen“ jetzt fest, dass Beihilfe zum Suizid keine ärztliche Aufgabe sei.  Die Formulierung wirkt nüchterner, mit dem Verzicht auf den Gebrauch des „ärztlichen Ethos“ verliert sie zweifelsohne auch an Pathos – aber ändert das auch etwas in der Sache?

Es verändert wohl auf jeden Fall etwas in der Perspektive. Dem Formulierungswechsel liegt die Erkenntnis zugrunde, dass es in derÄrzteschaft recht unterschiedliche Auffassung über die Legitimität einer ärztlichenBeihilfe zumSuizid gibt. Der Wunsch der „Grundsätze“-Autoren ist offenbar, den Ärzten, die die ärztliche Beihilfe zum Suizid akzeptabel finden oder sogar leisten wollen nicht zu unterstellen, sie verstießen gegen den ärztlichen Ethos. Das ist möglicherweise auch mit Blick auf Ärzte in anderen Ländern, denen die Beihilfe zum Suizid auch standesrechtlich erlaubt ist und wo sie praktiziert wird, eine angemessen zurückhaltende Wertung, denn der „ärztliche Ethos“ ist sicher nicht national begrenzt.

Eine Schlüsselrolle für die Änderung der Formulierung spielt auch eine im Juli 2010 veröffentlichte, repräsentative telefonische Umfrage unter  527 Ärzten (die von Allensbach durchgeführte Umfrage erfolgte Mitte 2009, befragt wurden jeweils zur Hälfte Ärzte aus dem ambulanten und aus dem stationäen Bereich), deren Ergebnisse für Unruhe in der Ärztekammer sorgten: 47 Prozent der Ärzte, die mit unheilbaren Patienten zu tun haben gaben an, bereits häufiger gebeten worden zu sein, bei einem Suizid zu helfen. Auf die Frage, ob sie eine Regelung ablehnten, die den ärztlich unterstützten Suizid „legalisiere“ antworteten 30 Prozent der befragten Ärzte mit „Ja“, weitere acht Prozent mit „unentschieden“. Die Umfrage erscheint mir in vielerlei Hinsicht, ohne, dass sich das hier im Einzelnen sinnvoll erörtern ließe, unsinnig, beispielsweise, weil in den Fragen zahlreiche Voraussetzungen gemacht werden, die unklar oder sogar unzutreffend sind (beispielsweise ist ärztliche Behilfe zum Suizid an sich bereits heute nicht „illegal“, jedenfalls verstößt sie nicht gegen ein Gesetz). Auch sind manche Antworten nicht kompatibel zueinander. Dennoch ist die Befragung Ausdruck davon, dass es innerhalb der  Ärzteschaft einen Prozess der Veränderung gibt und Auffassungen, die vor zwanzig Jahren allgemein verbindlich gewesen sein mögen, es heute nicht mehr sind.

Bevor man das begrüßt, bedauert oder verurteilt, sollte man sich aber klar darüber werden, was sich verändert. Patienten sind in den letzten Jahren selbstbewußter geworden (was nicht heißt, dass sie auch besser behandelt werden). Sie fordern zunehmend ihr Selbstbestimmungsrecht ein – und werden darin von der Öffentlichkeit und auch Juristen unterstützt. Ärzte sind immer weniger Halbgötter in Weiß – sie sollen Behandlungen anbieten und durchführen, aber die Entscheidung darüber (richtigerweise) den Patienten überlassen. Ärzte werden zunehmend als das verstanden, was sie sind, als Dienstleister, nicht als Heiler – da schwindet die Bedeutung, die ein Berufsethos haben kann, das im Zweifelsfall in Konflikt mit den Wünschen und Vorstellungen der sich selbst bestimmenden Patienten geraten wird. Ein Arzt, der sich in erster Linie seinem Berufsethos verpflichtet fühlt, gerät in Gefahr, gegenüber den Patienten paternalistisch zu handeln. Und der Eid des Hippokrates ist als Bezugspunkt der Medizinethik zwar nicht unwichtig, führt aber auch nicht weiter, wenn man bloß beim Wortlaut stehen bleibt: „Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten; auch werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel geben. Rein und fromm werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.
Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben.“

Ärzte sind allerdings nicht nur Dienstleister. Sie werden auch in Situationen tätig, in denen die Patienten in hohem Maße abhängig sind von anderen, in denen ihre Fähigkeit autonom zu handeln eingeschränkt ist. Ein „ärztlicher Ethos“ ist in solchen Konstellationen wünschenswert, aber grundsätzlich sind andere hiermindestens ebenso berufen wie Ärzte, hier die gute Versorgung des Patienten zu sichern und zum Beispiel einen übereilten Schritt aus dem Leben zu verhindern.

Eine Konzentration der Debatte auf die Aufgaben des Arztes erscheint sinnvoll, sie kann nicht geführt werden, ohne auch zu debattieren, wie die Gesellschaft insgesamt zur Frage des Suizids und der Beihilfe dazu steht. Die neue Position der Bundesärztekammer zum ärztlich begleiteten Suizid sollte meines Erachtens auch genau so verstanden werden: Sie bedeutet keinen Rückzug der Ärzte aus der ethisch begründeten Verantwortung, sondern klärt, was Aufgabe des Arztes ist und was nicht. Das stellt sicher, dass mir im Behandlungszimmer nicht, wenn Schmerzmittel und andere therapien versagen, zum ärztlich begleiteten Suizid als Behandlungsstrategie der letzten Wahl geraten wird – und das ist gut.Es sichert den Arzt nicht dagegen ab, dass er gebeten wird, bei einem Suizid zu helfen, ermöglicht ihm aber, das mit guten Gründen abzulehnen. Wenn er das nicht möchte, hat die Gesellschaft zwei Probleme: den Patienten, der so verzweifelt ist, dass er den Arzt um Beihilfe zumSiúizid bittet und den Arzt, der das für ein so unabweisbares Verlangen hält, dass er dem nachkommen will – mit dem Hinweis auf den ärztlichen Ethos stünden wir da aber kaum besser da.

Kurz: Statt zu beklagen, dass auf den ärztlichen Ethos nichtmehr verwiesen wird,kommt es darauf an,die Verhältnisse so zu ändern, dass möglichst wenig Patienten Ärzteum Suizidbeihilfe bitten müssen und dass möglichst wenig Ärzte es als angemessen ansehen, gerade auf diesem Weg zu helfen.

 

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