Biopolitik

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Dieses Blog ist geschlossen. Es ist als Archiv über die biopolitische Debatte 2008 bis 2012 hier weiter einzusehen. Aktuelle Entwicklungen zum Thema

Triage, Katastrophenmedizin und das bisschen Ethik

| 15 Lesermeinungen

  In den 1980er Jahren gab es in Deutschland intensive und erbitterte Debatten über Triage, die Sichtung und Bewertung von Verletzten in...

 

In den 1980er Jahren gab es in Deutschland intensive und erbitterte Debatten über Triage, die Sichtung und Bewertung von Verletzten in Katastrophenfällen. Wer soll zuerst behandelt werden: die höchst bedürftigen Schwerverletzten oder die aussichtsreicher bzw. mit geringerem Ressourcen-Aufwand zu behandelnden leichter Verletzten oder die Patienten, die gut behandelbare mittelschwere Verletzungen aufweisen? Das fatale Zusammenwirken von Erdbeben, Tsunami und Atomreaktorunfall in Japan wirft die Frage auf, was aus diesen damals öffentlich so lautstark diskutierten Plänen und Konzepten der Katastrophenmediziner eigentlich geworden ist. Dass es so still um die einst so kontrovers debattierten Fragen geworden ist, ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Tatsächlich hat sich Triage als Konzept der Katastrophenmedizin abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit anscheinen etabliert. Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin beispielsweise lädt für den 16. April 2011 nach Geretsried zum 10. Triage-Kurs. In der Einladung zu dem 9 stündigen Workshop heißt es:

„Einen Massenanfall von Verletzten /Erkrankten zu bewältigen, stellt für den in unserem Gesundheitssystem individualmedizinisch Ausgebildeten keine Selbstverständlichkeit dar, sondern den Ausnahmefall, mit dem er während seiner Ausbildung und auch seinem späteren beruflichen Weg kaum oder gar nicht in Berührung gekommen ist. Ein wesentlicher Bestandteil der Bewältigung eines Massenanfalles ist die Sichtung/Triage, bei der die Behandlungsdringlichkeit der Patienten festgelegt wird.“

Auch in der allgemeinen deutschen Notfallmedizin haben sich Triage-Systeme, in denen die Abweichung von individualmedizinischen Konzepten gängig ist, offenbar durchgesetzt, wie auch ein Übersichtsartikel aus dem Deutschen Ärzteblatt zeigt, allerdings spricht man – um die Assoziation zu den militärmedizinischen Systemen zu vermeiden – im deutschen medizinischen Sprachraum mittlerweile lieber von “Ersteinschätzung“, die auch mit dem Ziel vorgenommen wird, die instabilen Patienten zuverlässig zu identifizieren, die dann zuerst einer Behandlung zugeführt werden sollen. Die Identifikationsmethoden werden zunehmend ausgefeilter, es werden mittlerweile Algorithmen eingesetzt, Ärzte setzen sich mit Über- und Untertriage auseinander, es gibt 3 und 5stufige Konzepte:

„Material und Methoden 

Einsatzkräfte des Rettungsdienstes führten am Unfallort prospektiv bei unfallverletzten Patienten eine Sortierung entsprechend mSTaRT (“modified simple triage and rapid treatment”) durch, in die Kategorien Rot, Gelb oder Grün (lebensbedrohlich, schwer oder leicht verletzt). Nach Aufnahme in die Notfallaufnahme bzw. in den Schockraum erfolgte eine Einteilung in Rot (kritisch verletzt), Gelb (stationär zu behandeln) und Grün (ambulant behandelbar). Als Hauptendpunkt wurden die Übereinstimmung der präklinischen und klinischen Kategorisierungen sowie die Rate an Über- bzw. Untertriage ausgewertet.

Die Ergebnisse der Pilotstudie zeigen, dass bei Anwendung des mSTaRT-Algorithmus nur mit einer geringen Übertriage zu rechnen ist. Lebensbedrohlich bzw. kritisch verletzte Patienten werden gegenüber nichtkritisch verletzten Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit als Rot kategorisiert. Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma können durch den Algorithmus jedoch nicht eindeutig erfasst werden und müssen deshalb zur Vermeidung einer Untertriage weiteren Nachsichtungen zugeführt werden.“

Auffallend ist allerdings, dass trotz der zunehmend differenzierten Methoden und der auch recht etablierten Standards, die ethischen Dilemmata kaum erörtert und allenfalls am Rande erwähnt werden, wie auf der Homepage des „Projekts E-Triage“ der Ludwigs Maximilians Universität München:

„Oberstes Ziel ist es, möglichst viele Verletzte, möglichst schnell und möglichst gut zu versorgen und die knappen Mittel (personelle und materielle Ressourcen) entsprechend aufzuteilen. Das damit verbundene zeitweilige Aufgeben der Individualmedizin und die Einteilung in Behandlungsprioritäten oder auch Sichtungskategorien ist eine ethisch schwierige Aufgabe und Herausforderung.“

Da sind us-amerikanische Veröffentlichungen durchaus offener, weil sie unterscheiden zwischen Szenarios, in denen die medizinischen Ressourcen grundsätzlich ausreichen und Szenarios in denen eine Patientenselektion erforderlich ist, weil die Ressourcen zu knapp sind:

What happens when physicians and patients are placed in situations more like the second triage scenario is far less frequently encountered and much more ethically challenging. In this second type of situation, patients with the greatest chance of survival with the least expenditure of time, equipment, supplies, and personnel are treated first.6 This situation occurs when the numbers of patients and the severity of their injuries quickly overwhelm routine medical assets. It is especially prevalent when resources are limited by being in a theater of war, and thus it may be more familiar to military physicians than their civilian counterparts.“

Die Situation in Japan in denTagen nach dem Erdbeben dürfte dem zweiten Szenario zumindest nahegekommen sein.

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15 Lesermeinungen

  1. JodBrennen sagt:

    <p>colorcraze ->...
    colorcraze -> Sonnenbrand?

  2. Und OB8 wir verfügen über...
    Und OB8 wir verfügen über eine Echsenfels (C) Maschine.

  3. FactsOfArt sagt:

    Vergleichbar ist das...
    Vergleichbar ist das allenfalls mit einem LKW der mit der gleichen Menge Kraftstoff auf der gleichen Straße das zehnfache an Ladung transportieren kann.
    Und hierdurch können wir für uns unbekannte Epedemien Heilmöglichkeiten finden die eventuell bereits irgendwo auf der Welt bereits existieren. Davor steht allein die Sprachbarriere.

  4. Kroesus2 sagt:

    Wir haben jetzt zum Glück...
    Wir haben jetzt zum Glück eine Ethikkommission.
    Zustaendig fuer Ethik ist ist Frau Prof. Prof. Weyma Lübbe, praktische Philosophin.
    Spezialistin für Allokationsethik.
    Ihre Habilitationsschrift handelt von „komplexen sozialen Prozessen“, „Handeln und Nicht-Handeln bei Sterbenden“.
    Allokationsethik beschäftigt sich mit der Verteilungsgerechtigkeit von Dingen oder Gütern, die Mangelware sind.
    Zum Beispiel mit der Frage: Wer wird med. versorgt, wenn AKW Brokdorf explodiert und Hamburg verstrahlt.
    Und wer nicht.
    Gut, wenn wir das in der Ethik-Kommission schon vorher regeln.
    Mehr über unsere Ethikkommission:
    https://muenchenausgestrahlt.blogspot.com/2011/04/nanu-ethik-kommission-warnt-vor-zu.html

  5. Mitleser sagt:

    Ein Artikel in der FAZ war...
    Ein Artikel in der FAZ war erellend und traf bei mir wie so oft, wenn sich liberal denkende Menschen in der FAZ äußern, ins Schwarze.
    Wie für die „PID“ gilt auch für die Atomkraft, dass es eigentlich mehr um eine Technik-Folgen-Abschätzung geht und weniger um eine ethische Frage. Was soll schon groß ethisch noch diskutiert werden, wenn das ethische Problem bereits durch das „Freisetzen“ bzw die Realisierung einer teschnischen Errungenschaft geschaffen worden ist?
    Würden tatsächlich heute in DE alle Atomkraftwerke abgeschaltet, bleiben die angeblichen Gefahren für den deutschen Bürger, die aus der Atomkraft resultieren bestehen. Frankreich, die Niederlande und einige andere Nachbarländer haben Atomanlagen und werden die, so wie es aussieht, nicht abschalten.
    Der billige Strom aus einem deutschen Atomkraftwerken wird erkauft mit unbezahlbaren Folgen im Falle der Realisierung von bekannten Gefahren, die nicht versicherbar sind. Das wäre eigentlich ein gutes Argument politisches gegen die Atomkraft.
    Aber wie gesagt, hier geht es m.E. nicht um ein Thema für eine ethische Überlegung, sondern mit der Einrichtung der Ethikkommission „Atom“ beteiben die Regierungsparteien eine Entpolitisierung, denn das Parlament wäre zuständig, über die Atomkraft zu entscheiden und keine ernannte Kommission, die nur geringfügig demokratisch (im Gegensatz zum Parlament) legitimiert wäre.
    Gut, dass der o.g. Artikel auch online verfügbar ist, denn er hat mir mein Unbehagen über Ethikkommissionen“ verdeutlicht.
    https://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E4B565C65E4F54E66B04802F41917881A~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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