Biopolitik

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Präimplantationsdiagnostik heute im Bundestag – wer leidet an wem?

| 27 Lesermeinungen

Heute (Donnerstag) wird im Bundestag ab 9 Uhr über zweieinhalb Stunden diskutiert, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland künftig erlaubt,...

Heute (Donnerstag) wird im Bundestag ab 9 Uhr über zweieinhalb Stunden diskutiert, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland künftig erlaubt, ein bißchen erlaubt oder sehr verboten werden soll (hier können Sie die Debatte live verfolgen). Wie weiland bei der Debatte um die Regelung der Patientenverfügungen sind drei Gruppenanträge eingebracht worden. So haben unter anderem 192 Abgeordnete um Birgitt Bender (Bündnis 90/Die Grünen), Volker Kauder (CDU/CSU) und Pascal Kober (FDP) einen Gesetzentwurf für ein  Verbot der PID (17/5450) eingebracht. 36 Parlamentarier um René Röspel (SPD), Priska Hinz (Bündnis 90/Die Grünen) und Patrick Meinhardt (FDP) setzen sich mit ihrem Gesetzentwurf (17/5452) hingegen für eine eng begrenzte Zulassung ein. PID soll zwar grundsätzlich untersagt sein, in Ausnahmefällen jedoch unter strengen Auflagen angewandt werden dürfen. Der dritte, von 215 Abgeordneten um Ulrike Flach (FDP), Peter Hintze (CDU/CSU) und Dr. Carola Reimann (SPD) eingebrachte Gesetzentwurf (17/5451) will die PID zwar auch nicht in allen Fällen erlauben, aber doch in erheblich weiterem Ausmaß als die anderen beiden Gruppen. Zwar stehen sich die Gruppe um Röspel und Hinz und die um Bender, Kauder und Kober nahe, dennoch dürfte es schwierig sein, eine Kompromisslösung zu finden, die sie zusammenbringt. Wesentlich für dads Ergebnis wird also sein, wie sich die knapp 200 Abgeordnetenpositionieren, die bislang keinen der drei Gruppenanträge unterstützen. Woran sich diese dritte große Gruppe in dieser heiklen Frage an der Schnittstelle von Medizin und Behindertenpolitik, von Selbstbestimmungsrecht der Eltern und Antidiskriminierungsrecht bei ihrer Meinungsbildung orientiert ist unklar, Dass es sich bei der PID um eine höchst komplizierte Technik handelt, deren wissenschaftliche Grundlagen eng mit ihren gesellschaftlichen Konsequenzen verknüpft ist, macht die Entscheidung um Bundestag, der ja kein Expertinnengremium ist, nicht leichter. Einer der kritischen Punkte an der PID ist beispielsweise, dass sie mit der in Deutschland geltenden sogenannten „Dreierregel“ bei der künstlichen Befruchtung nicht in Einklang zu bringen sein wird. Auf dieser Grundlage werden in Deutschland zumeist maximal drei inseminierte (befruchtete) Eizellen in einem Zyklus bis zum Embryonalstadium weiterkultiviert. Diese Regel soll verhindern, dass schon durch das Design des Verfahrens mehr Embryonen entstehen, als einer Frau in einem Zyklus maximal übertragen werden sollen. Nach Aussagen von durch den Deutschen Ethikrat befragten in- und ausländischen Experten wird die Durchführung einer PID unter Einhaltung der Dreierregel ganz überwiegend  als kaum praktikabel eingeschätzt, da statistisch gesehen – wenn man nur drei Eizellen befruchtet – bei jedem zweiten

PID-Versuch kein transferierbarer Embryo verfügbar sein dürfte. Dies hätte eine erhebliche physische und psychische Belastung der Frau zur Folge. Kurz: die Durchführung der PID hat zur Folge,  dass mehr Embryonen produziert und zerstört werden müssen.

Gravierender allerdings finde ich, dass die PID daran gekoppelt ist, Behinderung mit schwerem Leid gleichzusetzen und dass sie weiterhin Embryonen wegen deren vermuteter Behinderung nicht in den Miutterleib einsetzt. Das ist eine Diskriminierung, gegen die es viele gute Einwände gibt. Kein guter Einwand ist allerdings die Behindertenpolitik der Bundesrepublik. Schaut man sich die Lage von Familien mit behinderten Kindern an, beobachtet man das bisweilen schon verzweifelte Bemühen der Eltern darum, dass ihre Kinder nicht im Sonderschulsystem landen, sondern inklusiv in Regelschulen bechult werden,  muss man sehen, wie die gegen Krankenkassen kämpfen müssen, um durchzusetzen, dass der Aufenthalt der Kinder im Hospiz bezahlt wird, erlebt man den Streit um Hilfsmittel und die Kontroversen um aufwändigere Therapien, kann man nachvollziehen, warum auch Eltern gute Gründe haben anzunehmen, dass sie das Leben mit einem behinderten Kind überfordert: Schuld ist nicht das Kind mit seiner Behinderung, sondern eine Behindertenpolitik, die nicht auf Inklusion zielt, sondern nach wie vor davon ausgeht, dass Sonderförderung der bessere Weg ist.

Man kann aber schlecht Eltern den Weg zur PID versperren, gleichzeitig aber behinderten Kindern keine Perspektive in der Gesellschaft bieten und damit auch ihre Familien an die Grenze drängen. Die Diskussion um die PID hat auch viel mit Sozial- und Gesundheitspolitikzu tun. Und mit der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention in Deutschland, ein Projekt, das durch den Antrag der Regierungsfraktionen zum Thema eher schwach befördert worden ist (interessant übrigens, wieso es in so einer Frage nicht auch einmal ein Aufweichen der Fraktionsdisziplin und Gruppenanträge gibt.)

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27 Lesermeinungen

  1. Wenn diejenigen die die PID...
    Wenn diejenigen die die PID grundsätzlich ablehnen, auch nur 1 Woche sich um (schwerst)-behinderte Kinder kümmern müssten, oder aber nur 10% ihres Einkommens für solche Kinder abzweigen müssten, gäbe es die Diskussion nicht.
    Wer die Sorgen und Anstrengungen von Eltern, Grosseltern und sonstige Beteiligte aus nächster Nähe miterlebt, wird sich nicht gegen die PID entscheiden. Christ sein, ja – aber auch barmherzig sein.

  2. sdkiel sagt:

    Hallo Herr Tolmein,
    guter...

    Hallo Herr Tolmein,
    guter Beitrag! Dem ist in der Sache wenig hinzu zu fügen.
    Außer vielleicht: Ich bin selber Rollstuhlfahrerin. Und ich leide nicht an meiner Behinderung. Z. B. bin ich nicht traurig darüber, dass ich nicht barfuß über eine Wiese laufen kann. Dafür kann ich andere schöne Dinge machen, z. B. mit dem Handbike durch den Frühling fahren.
    Ich leide aber immer dann, wenn bauliche Barrieren mir den Weg versperren und ich nicht dahin komme, wohin ich will. „Behindert ist man nicht, behindert wird man.“
    Und da sind wir genau an dem Punkt, den Herr Seifert in die Debatte eingebracht hat: Menschen mit Behinderung fühlen sich abgewertet durch die Debatte, mit PID Behinderung verhindern zu wollen.
    Was sich momentan im Alltag wieder spiegelt: Es ist anstrengend und extrem mühsam, die notwendigen Unterstützungen zu bekommen. Hilfsmittel, Pflegestufe, Assistenz, was auch immer, man musssich durch Berge von Anträgen und Widersprüchen kämpfen. DAS verursacht das Leid, nicht die Behinderung selbst.
    Und, was bei der ganzen PID-Debatte immer völlig ausgeklammert wird: Behinderung lässt sich nicht verhindern. Denn die meisten Behinderungen sind nicht angeboren, sondern werden im Lauf des Lebens erworben. Krankheiten, Unfälle usw. Wer sich also ganz und gar nicht vorstellen kann, mit einem behinderten Angehörigen zu leben, setzt besser keine Kinder in die Welt.

  3. @ sdkiel
    Ich kann sehr gut...

    @ sdkiel
    Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie es Ihnen geht. Aber bei der PID geht es nicht um diese Art von Behinderung. Es geht um Schwerstbehinderungen. Haben Sie schon mal ein Kind gesehen, dass durch einen Gendefekt schwerstbehindert ist und 24/7-Betreuung benötigt und mindestens einmal im Monat mit Erstickungsanfällen in Krankenhaus muss, und alle vierteljahr einmal reanimiert werden muss?
    Wenn das Kind da ist, hat man es auch gern. Aber müssen wir bewußt solche Kinder in die Welt setzen, so schizophren wie wir sind erlauben wir in diesen Fällen auch noch nach der 15. Woche einen Schwangerschaftsabbruch. Warum soll 15 Wochen gewartet werden, wenn man vorher schon die Möglickeit hat, dies zu tun?

  4. tolmein sagt:

    <p>@Blind: Eine einfache...
    @Blind: Eine einfache Antwort auf Ihre Stellungnahmen wäre: Um was es bei PID geht, ist gerade nicht klar. Das Spektrum der Behinderungen, für das PID eingesetzt wird ist groß. Internationale Erfahrungen zeigen, dass es besonders häufig eingesetzt wird um chromosomale Abweichungen zu erfassen – dazu zählt auch (nicht nur) die Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom. In der Debatte hier wird beispielsweise auch über Mukoviszidose gesprochen… Die nicht ganz so einfache Antwort bezieht sich auf Ihre suggestive Darstellung von Behinderung, die extrem diskriminierend ist, weil sie – mit dem Gestus des Erfahrenen – so tut, als seien so schwere Behinderungen für die Umwelt immer schier unerträglich und würden auch von allen, die sich damit auskennen so wahrgenommen. Damit stoßen Sie zwar auf ein verbreitetes Vorurteil gerade bei Menschen, die nicht viel mit Behinderungen zu tun haben, aber Sie tragen auch dazu bei, den Blick auf „Schwerbehinderung“ zu einem Selektionsblick zu machen. Außerdem sind Ihre Unterstellungen nicht zutreffend. Ich berate beispielsweise Kinderhospize und Eltern, die ihre schwerbehinderten Kinder dort zeitweise betreuen lassen über ihre sozialrechtlichen und medizinrechtlichen Möglichkeiten – und erlebe dabei Menschen, die hohen Unterstützungsbedarf haben und die erheblich belastet sind, auch weil sie viel Unterstützung mühselig erkämpfen müssen, die aber ihre Kindern nicht als möglichst zu verhindernde Belastung sehen (obwohl es das natürlich auch gibt). Ich verweise hier auf die Debatte zu „Das Kind als Zeitbombe“, die seit dem 28. Juni 2009 in diesem Blog geführt worden ist.

  5. Leider bleibt nach wie vor...
    Leider bleibt nach wie vor unbeantwortet, warum die bewusste Benachteiligung schwerstbehinderter Menschen und die grenzenlosen Kämpfe der Eltern gegen Ablehnungen, Kürzungen, Nicht-zuständig-sein-wollen usw usw nicht mit mindestens genau so viel Engangement bekämpft wird wie die PID.
    Man kann Eltern geborener behinderter Kinder nicht in’s Gesicht schlagen und gleichzeitig als Gegner der PID irgendein Gewissen vorgaukeln!
    Für mich als betroffener Vater ist das, was sich gerade im Bundestag abspielt, ein verlogenes Schauspiel!

  6. tolmein sagt:

    @Doppelmoral-Gegner: Da sind...
    @Doppelmoral-Gegner: Da sind Sie bei mir nun leider an der ganz falschen Adresse, da ich genau das (Ansprüche einfordern, gegen Ablehnungen streiten, Kürzungen kritisieren und die Behindertenrechtskonvention thematisieren) unentwegt mache – übrigens sind auch etliche der parlamentarischen Gegnerinnen und Gegner der PID in diesen Bereichen engagiert und setzen sich beispielsweise für ein Teilhabegesetz anstelle der SGB-Leistungen ein.

  7. "Etliche" parlamentarische...
    „Etliche“ parlamentarische Gegner reichen anscheinend nicht aus, um die Mehrheit z.B. an der Kürzung des Regelbedarfs zu hindern.
    Vom Engagement der Opposition kann niemand menschenwürdig leben, wenn dieses Engagement erfolglos bleibt.
    Fakt ist, dass Verzweiflungen bei Eltern zunehmende Tendenz haben, und dass die Bundesregierung alle Kürzungen auch noch irgendwie schönredet.
    Man kann die PID nicht verbieten, ohne vorher (!) die Voraussetzungen für eine uneingeschränkte Teilhabe zu schaffen. Vom Engagement Einzelner können die Eltern ihrem Kind nichts kaufen!

  8. rene talbot sagt:

    <p>@ O. Tolmein: Die...
    @ O. Tolmein: Die Behindertenrechtskonvention ist tot, toter geht nicht.
    Merkwürdig welche wohlfeilen Hoffnungen immer noch mit dieser Konvention verbunden werden, obwohl ihr schon im Prozess der Ratifizierung der Garaus gemacht wurde. Damals haben sich die Behindertenorganisationen durch die Bank von den Psychiatrie-Erfahrenen entsolidarisiert und eben nicht auf deren Warnungen reagiert, dass die Regierungen von Bund und Ländern im Chor mit allen Parteien die menschenrechtlichen Forderungen, die vom Hochkommissariat für Menschenrechte ausdrücklich bestätigt wurden, bei der Ratifizierung missachten. Wenn in so einem Kernbereich von Menschenrechten, dem Folterverbot, die radikale Entrechtung durch psychiatrische Zwangsbehandlung geduldet wird, obwohl das Hochkommissariat explizit die PsychKG´s für unlawful law und intrinsic discriminatory disqualifiziert hatte, dann kann es niemanden mehr wundern, dass diese behindertenpolitischen Geisterfahrer mit der Forderung nach schneller Ratifizierung so gut wie alles verspielt hatten, was mit der BRK hätte gewonnen werden können.
    Dass die Betteltour nach der Ratifizierung nur noch die Bettler lächerlich macht, kam insbesondere den Funktionären diese Organisationen offenbar nicht in den Sinn, zählt doch bei diesen Leuten offenbar nur das Versprechen auf Spesen bei Kongressen, Tagungen und Planungsgruppen zur angeblichen „Umsetzung der Konvention“.
    Und nun ist endgültig alles Neese: konnte man sich bis gestern noch an die Hoffnung klammern, dass wenigstens das Bundesverfassungsgericht die Versprechungen der BRK für bahre Münze nehmen könnte, hat sich auch das erledigt: das hohe Gericht hat zwar in einem wegweisenden Urteil ein Gesetz zur Zwangsbehandlung in der Forensik für illegal und sofort nichtig erklärt, aber in der Begründung sämtliche Verweise auf die BRK negiert: http://www.bundesverfassungsgericht.de/…/rs20110323_2bvr088209.html . Dabei war in einem ausführlichen Rechtsgutachten mit allen Schikanen genau auf die BRK als Begründung verwiesen worden: https://www.die-bpe.de/forensik
    Jetzt beweist sich noch einmal, dass NUR das Hoffen auf eine nationale Gesetzgebung zur Patientenverfügung a la Stünker einen Durchbruch zum Opt Out dem psychiatrischen Terror- und Folterregime Selbstbestimmung ermöglicht hat.
    Denn gegen eine rechtzeitig unterschriebene und mit einem ärztlichen Attest abgesicherte PatVerfü http:www.patverfue.de wird nach diesem bahnbrechenden Urteil des Bundesverfassungsgericht auch in der Forensik nicht mehr zwangsbehandelt werden dürfen – denn der vom hohen Gericht als einzige Rechtfertigungsmöglichkeit benannte absurde Zwang zur „Herstellung der Selbstbestimmung“ als Einwilligungsfähigkeit ist ja durch die PatVerfü unmöglich, da diese ja gerade mit dokumentierter Einwilligungsfähigkeit diesen Zwang untersagt hat.
    Und genau gegen diese Folterfreiheit durch ein Patientenverfügungsgesetz haben sich auch die Paternalisten in den Behindertenorganisationen gewendet: an erster Stelle der Oberpaternalist Hüppe, der nun auch noch im Kleinsthaus sitzt.
    Wir hingegen freuen uns über diesen sensationellen Sieg beim Bundesverfassungsgericht.
    rene talbot

  9. Sehr treffend argumentiert,...
    Sehr treffend argumentiert, Herr Dr. Tolmein.
    Wenn Behinderung angeblich „Leid“ zur Folge hat, hat demnach Nicht-Behinderung „Nicht-Leid“ zur Folge? Wer garantiert denn, dass ein „nichtbehinderter“ Mensch zufriedener und glücklicher sein wird als ein „behinderter“ Mensch? Das Problem der PID ist, dass sie nur bestimmte Behinderungen erfassen kann, während viele andere Behinderungen nicht erfasst werden, das Problem der PID ist auch, dass chronische Krankheiten und Behinderung z.B. durch ein Unfall nicht vorhersagbar ist, das größte Problem der PID ist aber, dass sie nichts über die Schwere der zu erwartenden Behinderung sagen kann und nichts über die Fortschritte in der Gesellschaft der nächsten Jahre, die die Lebensqualität verbessern.
    Eltern „leiden“ vor allem deshalb, weil ihnen die notwendige Unterstützung versagt wird, nicht so sehr weil ihr Kind behindert ist, sondern weil sie unentwegt auf Barrieren stoßen, weil sie von anderen Eltern nichtbehinderter Kinder ausgegrenzt werden, weil sie bemitleidet werden, beneidet werden um angeblich unrechtmäßige Vergünstigungen, weil sie mit Behörden kämpfen müssen, weil Ämter ihrem Kind kein besseres Leben ermöglichen wollen, weil die finanzielle Unterstützung fehlt, weil Assistenz verwehrt wird.
    Prometheus, Sie wissen nicht, wie schön die Stille ist. Sie wissen nicht, wie schön es ist, frei wählen zu können, ob man mit CI (Cochlea-Implantat) hören möchte oder taub sein möchte. Sie wissen nicht, wie faszinierend es ist, sich nur auf das Sinnesorgan Sehen zu beschränken, wie viel bunter die Welt wird, wenn der Hörsinn ausgeschaltet wird, wie toll Musik im Körper vibriert, wenn das CI ausgeschaltet wird. Ein Musical wird optisch und taktil sehr viel lebendiger, wenn der Hörsinn ausgeschaltet wird. Ich genieße es, frei wählen zu können, ob ich hören oder taub sein möchte, z.B. in der S-Bahn mitten im Berufsverkehr, mich stören keine Handygespräche, keine quatschenden Menschen, kein Stimmengewirr, keine Lautsprecherdurchsagen, keine Zuggeräusche. Für mich sind hier die armen hörenden Menschen behindert. Ich möchte mit ihnen nicht tauschen.
    Gehörlose Menschen, die sich gehörlose Kinder wünschen, als krank zu bezeichnen, ist eine bodenlose Frechheit. Wie es ist, gehörlos zu sein, wissen nur Gehörlose. Wie es ist, behindert zu sein/zu werden, wissen nur „Behinderte“. Auch ich musste aufgrund meiner Körperbehinderung zahlreiche Therapien und Arztbesuche über mich ergehen lassen, auch ich bin mit körperlichen Schmerzen aufgewachsen, habe körperliches Leid zur Genüge erfahren müssen. Aber ich liebe das Leben und mein Leben ist genau so viel wert wie das eines sogenannten nicht-behinderten Menschen – oder etwa nicht?
    Jedes körperliche Leid ist für mich weitaus besser zu ertragen als das seelische Leid, das mir „die Gesellschaft“ permanent zufügt, z.B. aufgrund ihrer außerordentlichen behindertenfeindlichen Handlungen, zu denen auch die Befürwortung der PID gehört. Sind ihre Gefühle weniger wert als z.B. die von Eltern „behinderter“ Kinder? Fragen Sie die Eltern, ob sie sich gegen ihre Kinder entscheiden würden, wenn sie vor der Wahl stünden. Die wenigsten würden es tun.

  10. Ruth Priese sagt:

    Ruth Priese
    12555...

    Ruth Priese
    12555 Berlin
    Hämmerlingstr. 95
    Te. 030-6574230
    http://www.ruthpriese.de Berlin, 21.April 2011
    An die Abgeordneten des
    Deutschen Bundestages
    Platz der Republik 1
    11011 Berlin
    Offener Brief zur anstehende Entscheidung zur Präimplantationsdiagnostik
    Sehr geehrte Damen und Herren MandatsträgerInnen des Deutschen Volkes im Deutschen Bundestag,
    für die Art und Weise sowie die Atmosphäre Ihrer Debatte zur o.g. Problematik am Donnerstag, den 14.4.2011 danke ich Ihnen hiermit von Herzen. Damit haben Sie dem Gewicht der anstehenden Entscheidung m. E. in vorbildlicher Weise Rechnung getragen.
    Bitte erlauben Sie mir dennoch, Ihnen einige Aspekte darzulegen, die mir an diesem Tag nicht genügend beleuchtet gewesen zu sein scheinen:
    1. ) fast durchgehend wurde als Begründung für eine begrenzte Zulassung der PID das Leid von Paaren angeführt, die nach schwersten Erfahrungen den Wunsch nach einem gesunden Kind haben. Solche Situationen wurden von Ihnen in unterschiedlichen Formulierungen beschrieben bis hin zu der von Herrn Dr. Steinmeier, es handele sich bei diesen Paaren um „äußerste Seelennot“.
    Ohne den Respekt vor dem Leid dieser Paare auf irgendeine Weise zu mindern, frage ich doch: ist ein solcher Ausdruck für den Zustand eines immens starken Wunsches angesichts anderer Leiden —- wohl zutreffend? Ich hätte mir mehr Nüchternheit in der Schilderung dieser realen Situationen einiger Familien im Rahmen des Koordinatensystems von viel anderer Not gewünscht (z. B. der Not vieler tatsächlich alkohol- und nikotingeschädigter Kinder in unserer Gesellschaft): Es sind Situationen, in denen sich Paare anerkanntermaßen in einer schwer zu ertragenden Lage befinden. Aber der Wunsch nach einem gesunden Kind ist und bleibt ein Wunsch. Einen solchen als „äußerste Seelennot“ zu bezeichnen, fördert gesellschaftlich eine unrealistische Haltung, aus der heraus immer mehr Menschen immer öfter meinen, sie hätten ein Recht auf die Erfüllung aller ihrer Wünsche. Das scheint mir eine fatale gesellschaftliche Entwicklung.
    Wenn ein Paar genetisch so belastet ist, dass es schon mehrere Tot- oder Fehlgeburten erleiden musste oder ein bzw. mehrere behinderte Kinder hat, dann war es bisher die naheliegendste Möglichkeit, zu diesem schweren „Schicksal“ zu stehen und ein Kind zu adoptieren (ein solches schönes Beispiel habe ich persönlich vor Augen). In für mich überraschender Weise hat von den vielen RednerInnen dieser Debatte am 14.4. allein Herr Dr. Seifert diese Möglichkeit ausgesprochen. (Außerdem: in vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte hatten bekanntlich nicht immer alle Mitglieder einer Gesellschaft das Recht, Kinder in die Welt zu setzen—)
    So frage ich mich, welche nicht ausgesprochenen Gründe gab es möglicherweise, die viele von Ihnen bewogen, das Schicksal dieser relativ kleinen Gruppe von Menschen so vehement in den Vordergrund zu stellen und deren Wünsche nicht zu hinterfragen?
    2.) In keinem einzigen Redebeitrag fand ich eine mutige Auseinandersetzung mit den Interessen der WissenschaftlerInnen und ReproduktionsmedizinerInnen an der Legitimierung dieses Verfahrens (Schließlich war es ein Arzt, nicht ein betroffenes Paar – , dessen Selbstanklage im Juli 2010 zu dem bekannten Urteil des Bundesgerichtshofes geführt hatte.). Allein Dr. Krings sprach am Ende seiner Rede seine Befürchtung im Blick auf eine Zulassung der PID aus, „dass die Begehrlichkeiten aus der wissenschaftlichen Forschung, ja selbst aus der Wirtschaft stark anwachsen werden“.
    Zu der von Dr. Petra Sitte so formulierten Frage: „Hat der Embryo im Reagenzglas einen höheren Lebensschutz als nach der Einnistung?“ hatte zuvor Dr. Krings bereits eindeutig Stellung bezogen: Natürlich ist der Embryo in der Petrischale den Begehrlichkeiten der ForscherInnen und des Marktes viel schutzloser ausgeliefert als der im Mutterleib eingenistete. Das Schicksal des Letzteren ist ja wenigstens „nur“ von der mütterlichen Entscheidung abhängig.
    Wir befinden uns bekanntlich nicht erst durch Fukushima im Prozess der wachsenden Einsicht, dass eben gerade nicht alles, was wir wissen und zu wissen begehren, auch angewendet werden kann, wenn der Erhalt der Erde für die kommenden Generationen oberste Richtschnur gemeinschaftlichen Handelns bleiben oder werden soll. Der ethisch nicht eingebundene Wissensdurst und E h r g e i z „naturwissenschaftlicher“ ForscherInnen ist m. E. ebenso eine tragische Folge unserer abendländischen Trennung von „Mater“- ie und „Geist“ wie der immer noch weitgehend legitim scheinende Profithunger der Wirtschaft. Beides gehört m. E. dringend auf den Prüfstand. Vielleicht ist ja die Ihnen als Parlament mehr oder weniger aufgezwungene PID-Debatte eine gute Gelegenheit dazu?
    Wir befinden uns m. E. in einer Neubewertung eines bisher geltenden Konsenses, Paradigmas (?), dem „Fortschritt“ dienen zu müssen. Aber es könnte ja neben dem nun diskutierten Atomausstieg auch andere gesellschaftlich notwendige Rückwärtsbewegungen geben. Mich hat z. B. die Nachricht erfreut, dass – laut Frank Patalong in Spiegel – Online – in Australien eine bis 2005 erlaubte Geschlechtsauswahl durch PID durch den Gesetzgeber wieder rückgängig gemacht wurde. Wir müssen offenbar manchmal auch gesellschaftliche Irrwege gehen, um zu wirklich nachhaltigen gesellschaftlichen Entscheidungen zu kommen.
    Es geht m. E. nicht um eine „höherwertige“ oder „minderwertige“ ethische Entscheidung, also um kein Wetteifern in besserer oder schlechterer Moral, sondern allein um das Ringen darum, was Verantwortung für unsere Kinder und Enkelkinder bedeutet
    3) Auch die Fragen nach den Ursachen von (zunehmender?) menschlicher Unfruchtbarkeit, von Gendefekten sowie von vermehrten Tot-, Fehl- und Frühgeburten wurden in der Debatte nicht erörtert. Dabei sind vielfältige Wirkungen hormonaktiver Substanzen in Umwelt und Industrieprodukten vermutlich bestens bekannt. Ob allerdings mögliche psychosoziale Ursachen für diese Entwicklungen genügend gekannt, bedacht und gegenüber den genannten Begehrlichkeiten zu Bedenken gegeben werden, wage ich zu bezweifeln. Frauen stehen heute bei uns auch unter dem Druck einer weitgehend einseitig berufs-leistungsbezogenen Werteordnung. Wer ermöglicht den Paaren die alte Muße, geduldig auf eine Schwangerschaft zu warten?
    Warum muss die Gesetzgebung in Sachen PID unbedingt der bestehenden Rechtslage angepasst werden, wie es die Frau Justizministerin in der Debatte so eindringlich forderte? Gäbe es nicht auch die andere Möglichkeit, nämlich die, dass die bisherige Gesetzgebung – vor allem in Bezug auf die Zulassung von Spätabtreibungen – neu überdacht wird?
    Mit erneutem Dank für Ihr Engagement und den besten Wünschen
    Ruth Priese

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