Biopolitik

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Denken nicht im Ehrenamt: Das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft wird zehn!

| 5 Lesermeinungen

In diesen Zeiten ist viel von Zivilgesellschaft und Bürgerengagement die Rede - vorzugsweise, wenn es um das viel beschworene Ehrenamt geht. Mit großem...

In diesen Zeiten ist viel von Zivilgesellschaft und Bürgerengagement die Rede – vorzugsweise, wenn es um das viel beschworene Ehrenamt geht. Mit großem Einsatz arbeiten, den Profis dabei aber nicht in die Quere kommen – ein Sektor, wo das Ehrenamt traditionell seinen Platz hat ist die Behindertenfürsorge. Kein Wunder also, dass die Behindertenbewegung dem Ehrenamt skeptisch gegenüber steht, auch wenn in ihren Reihen oftmals ebenfalls nicht viel anderes bleibt, als unentgeltlich zu arbeiten.

Als vor gut zehn Jahren von neun großen und nicht ganz so großen Behindertenverbänden das „Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft“ gegründet wurde, stand den Beteiligten der Sinn nach einer professionellen Einrichtung, die im weiten Feld der Biopolitik und Bioethik eine eigene Perspektive eröffnen sollte: Gegen den Zwang zur Normalisierung und gegen die selbstverständliche Anpassung an die vorgegebenen  Normen.

In den „Zielsetzungen“ der Gründungserklärung hieß es damals:

„Die Neigung der Biowissenschaften, den Menschen auf sein Genom zu reduzieren, und der Glaube an die Beherrschung gentechnischer Verfahren nähren den alten Traum der Genetiker von einer Verbesserung des Menschen und der Gesellschaft durch die Veränderung des Erbguts. Mit der Gründung des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft soll die Gefahr einer Wiederholung der Umsetzung eugenischer Gedanken und eines Euthanasie-Denkens aufgedeckt und abgewehrt werden. Diese Gefahr ist um so realer, als die Biowissenschaften heute über weitreichende Möglichkeiten der Eingriffe in menschliches, tierisches und pflanzliches Erbgut verfügen und sich diese Entwicklung auf dem Boden einer demokratisch verfassten Gesellschaft vollzieht, die sie schleichend unterhöhlt.“

Nun mag man sich streiten, ob das Brisante an den biopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre wirklich die Gefahr einer „Wiederholung der Umsetzung eugenischer Gedanken und eines Euthanasie-Denkens“ ist. Viel problematischer erscheinen mir Tendenzen, die zeigen, dass gelernt worden ist und keine „Wiederholung“ droht, sondern „Weiterentwicklung“ und  „Differenzierung.“  Es ist aber auch vieles doch nur Wiederholung, vor allem der Blick auf Behinderung als etwas, das als „schrecklich“ gilt, als „leidvoll“ und unbedingt zu vermeiden.  Daraus resultieren heute keine staatlichen Programme, sondern ein hohes Maß an Bereitschaft zur Selbstoptimierung – oftmals geschuldet vielleicht gar nicht so sehr einem diskriminierenden Blick, sondern dem schieren Eingeständnis, sich davon überfordert zu fühlen, in dieser Gesellschaft ein Kind großziehen zu sollen, das behindert ist.

Es ist so gesehen kein Zufall, dass in der Anfangszeit des IMEW eher Themen wie Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik oder auch Biobanken standen, heute der Blick dagegen mehr auf Teilhabemöglichkeiten oder Disability Mainstreaming gerichtet wird. Wie den modernen Ausgrenzungs-Strategien entgegengearbeitet werden kann, ist eine zentrale Frage; die Antwort darauf hilft dem mittlerweile weitgehend als Selbstbestimmungs-Diskurs geführten Bestreben, Behinderung en vorgeburtlich möglichst früh zu entdecken und zu eliminieren entgegenzutreten.

Das IMEW wurde 2001 von einer bemerkenswert breiten Koalition gegründet: Dass ein eher konservativ geprägter Verband, wie  der VdK sich hier mit der Initiative Selbstbestimmt Leben, die aus dem Zentrum der emanzipatorischen Behindertenbewegung kommt, zusammengefunden hat, dass der Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe den Schulterschluss mit dem Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit vollzogen hat, zeigt, wie wichtig es den Beteiligten damals war, gemeinsam etwas gegen den Trend der Zeit zu stemmen.

Das war eine richtige Entscheidung, die auch von de Beteiligten seitdem nie in Frage gestellt worden ist. Dass das Institut – betrachtet man den Verlauf der bioethischen Debatten der letzten zehn Jahre – nicht auf eine Erfolgsgeschichte zurückschauen kann, ist nicht ihm anzulasten: das vergleichsweise geringe Interesse an einer wissenschaftlich fundierten Beratung und Unterstützung aus dem Spektrum der Behindertenbewegung dokumentiert vielmehr, wie wichtig die Beiträge und Initiativen von dort sind. Und insofern sind die zehn Jahre allen Widrigkeiten und ökonomischen Problemen zum Trotz auch eine Erfolgsgeschichte: Das Institut hat sich in die Debatten eingemischt, es hat mit seinen Kooperationen und Veranstaltungen den Debatten ein eigenes Gepräge gegeben.

Zum Geburtstag wünsche ich ihm (und mir) Mehr: Mehr Gelder für seine Arbeit, mehr Stellungnahmen und Veranstaltungen zu mehr Themen, mehr Verbreitung seiner Texte und Ideen, mehr Kooperationspartner…aber eines was wir auch gelernt haben:  Schneller, höher, weiter, kurz: mehr, ist nur ein begrenzt tragfähiges Konzept, denn es stößt schnell an mehr Grenzen. Also wünsche ich dem IMEW eine Feier mit gutem Slow Food, der verträglichen Menge nachhaltigen Denkens – ach und die Pubertät wird von Forschungseinrichtungen ja bekanntlich übersprungen. 

 

 


5 Lesermeinungen

  1. "überfordert " ... "ein Kind...
    „überfordert “ … „ein Kind großziehen zu sollen, das behindert ist. “
    Und wenn das Kind erst, sagen wir im Kindergartenalter, verunfallt und dadurch wahrscheinlich – es sei denn man hätte ein Glaskugel in der man den medizinischen Fortschritt der vielleicht schon morgen eintritt voraussehen könnte – für den Rest seines Lebens zum Behinderten wird?
    Darf man es dann auch spätabtrieben = euthanasieren?
    Und überhaupt. Wer verhütet setzt sich dem Riskiko Kinder großziehen zu müssen – unerheblich ob behindert oder nicht – überhaupt nicht aus. Das ist die Alternative für Risikoscheue.

  2. "Evangelische Behindertenhilfe...
    „Evangelische Behindertenhilfe den Schulterschluss mit dem Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit“
    Kurz: Alle die über keinen ausreichenden Sachverstand verfügen was zu Toten führt. Wenn Erwachene das machen soll es mir egal sein, aber Kinder dahingehend beeinfölussen zu wollen sie würden vom Geschlecht her im falschen Körper leben weil Frau „Sektenguru“ unfehlbar ist, da hört es auf, das ist sexueller Missbrauch – von Schutzbefohlenen – der seelischen Sorte.
    siehe auch hier:
    „„Mildtätiger Zweck des Vereins ist:
    Die Heilung von Menschen mit akuten Störungen des seelischen Zustandes. Ausheilung aller Symptome wie Bewusstseinsverzerrungen, Angst- und Panikzustände, Wut und Hass, Verzweiflung bis hin zu Lebensangst und Neigungen zur Selbstzerstörung bis zum Suizid. Ausheilung der tiefen Ursachen. Rückführung in wahres Gottvertrauen, Frieden, Liebe zu sich selbst und in die Annahme des Lebens.“ (www.gottesarbeit.de, Satzung des Vereins „Gottesarbeit e.V.“, §2, Abs.2 < Zugriff am 22.01.2011 >)“
    Zitiert nach: https://sekten-info-nrw.de/index.php?option=com_content&task=view&id=179&Itemid=1

  3. Was genau, Herr Tolmein, ist...
    Was genau, Herr Tolmein, ist an Tendenzen bedenklich, die menschliches Leid vermidern wollen. Ist eine Behinderung im Regelfalle menschliches Leid oder nicht? Wer die Frage mit „Ja“ beantwortet – was ich ohne jeden Hintergedanken tue – kann in Tendenzen, dieses Leid zu minimieren (und sei es durch Ausschluss seines Vorkommens) schlicht nichts Bedenkliches finden.
    Im übrigen ist die Debatte selbst ebenso fruchtlos wie langweilig. Seit der Entdeckung der Fähigkeit, selbst Feuer machen zu können, entwickelt sich der Mensch selbst. Vom Natur- zum Kulturwesen. Immer und zu allen Zeiten unter den Gesängen der Schamanen aka Bedenkenträger, die jede Entwicklung als Gefahr brandmarkten, den Untergang der Menschheit (oder der Menschlichkeit) beschworen und riefen „Haltet ein“. Beim Schein einer elektrischen Birne sitzend, ein gutes Buch in der Hand und ein gekühltes Bierneben mir kann ich emotionslos feststellen, dass 95% der Warnungen nicht nur fruchtlos waren. Sondern darüber hinaus auch noch falsch Ich wende diese Erkenntnis auch auf die Möglichkeiten der Biomedizin an. Und sage voraus, dass sich der Mensch selbstverständlich dieser Möglichkeiten bedienen wird, sich zu entwickeln. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit birgt das mehr Vorteile als Gefahren, ist also im Ergebnis segensreich. Die Gefahr einer Fehlprognose ist historisch betrachtet extrem gering – bisher haben die Warner nicht viel vorzuweisen, was ihre Warnungen und Untergangsgesänge nachträglich rechtfertigen würde.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  4. Bloß nicht noch mehr Geld...
    Bloß nicht noch mehr Geld für dieses Institut des rigorosen Paternalismus, das sogar vor publizistischen Lügen in Form von offener Zitatfälschung nicht zurückschreckt um gewaltförmiger Unterdrückung von Behinderten durch Täuschungen über die Behindertenrechtskonvention die Stange zu halten. So geschehen im März 2008.
    Zitat aus der Chronik eines Betrugs: https://www.zwangspsychiatrie.de/kampagnen/chronik-eines-betrugs
    Den Auftakt zu der sich danach entwickelnden Lügentour machen bezeichnenderweise die Heuchler des „Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft“ (sog. „Wunder-Institut“, benannt nach Michael Wunder HH). Obwohl das Institut von den Autoren des Gutachtens [RA Kaleck, RA Scharmer, RA Hilbrans] in einem Schreiben explizit aufgefordert wurde, die folgende falsche Unterstellung zurückzunehmen, hielt das Institut an der im Internet und als Drucksache verbreiteten Lüge fest, Zitat:
    …Außerdem dürfte eine Zwangsbehandlung und – Unterbringung bei einer psychischen Störung nur als ultima ratio richterlich angeordnet werden, wenn eine Selbst- oder Fremdgefährdung nicht anders abgewendet werden kann und wirklich alle freiwilligen Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden sind (Kaleck u.a. 2007)
    Genau das Gegenteil dessen, was das „Institut“ unterstellt steht in dem Gutachten, aber einzige Aufgabe dieses „Instituts“ dürfte es sein, Foltermaßnahmen an Behinderten den legitimatorischen Schirm zu halten – bei Betroffenen kann dieses „Institut“ nur noch Ekel hervorrufen. Es ist ein Musterbeispiel dafür, welche niederträchtigen Widerwärtigkeiten sich Heuchler ausdenken, nur um Ärzten die Macht zu erhalten, schwere systematische Misshandlungen vornehmen zu können.
    rene talbot

  5. Eigentlich steht das was man...
    Eigentlich steht das was man wissen muss, in Ihrem Artikel. Konservativ ist dieses Institut, deshalb vermutlich auch die wenigen Aufträge. Was auf deren Website steht, denken ca. 48 % der Abgeordneten im BT. Die Grundhaltung der Mitglieder dieses Unternehmens sind nicht mehr zeitgemäß. Da wäre wohl mal eine Restrukturierung notwendig.

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