Biopolitik

Denken nicht im Ehrenamt: Das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft wird zehn!

In diesen Zeiten ist viel von Zivilgesellschaft und Bürgerengagement die Rede – vorzugsweise, wenn es um das viel beschworene Ehrenamt geht. Mit großem Einsatz arbeiten, den Profis dabei aber nicht in die Quere kommen – ein Sektor, wo das Ehrenamt traditionell seinen Platz hat ist die Behindertenfürsorge. Kein Wunder also, dass die Behindertenbewegung dem Ehrenamt skeptisch gegenüber steht, auch wenn in ihren Reihen oftmals ebenfalls nicht viel anderes bleibt, als unentgeltlich zu arbeiten.

Als vor gut zehn Jahren von neun großen und nicht ganz so großen Behindertenverbänden das „Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft“ gegründet wurde, stand den Beteiligten der Sinn nach einer professionellen Einrichtung, die im weiten Feld der Biopolitik und Bioethik eine eigene Perspektive eröffnen sollte: Gegen den Zwang zur Normalisierung und gegen die selbstverständliche Anpassung an die vorgegebenen  Normen.

In den „Zielsetzungen“ der Gründungserklärung hieß es damals:

„Die Neigung der Biowissenschaften, den Menschen auf sein Genom zu reduzieren, und der Glaube an die Beherrschung gentechnischer Verfahren nähren den alten Traum der Genetiker von einer Verbesserung des Menschen und der Gesellschaft durch die Veränderung des Erbguts. Mit der Gründung des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft soll die Gefahr einer Wiederholung der Umsetzung eugenischer Gedanken und eines Euthanasie-Denkens aufgedeckt und abgewehrt werden. Diese Gefahr ist um so realer, als die Biowissenschaften heute über weitreichende Möglichkeiten der Eingriffe in menschliches, tierisches und pflanzliches Erbgut verfügen und sich diese Entwicklung auf dem Boden einer demokratisch verfassten Gesellschaft vollzieht, die sie schleichend unterhöhlt.“

Nun mag man sich streiten, ob das Brisante an den biopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre wirklich die Gefahr einer „Wiederholung der Umsetzung eugenischer Gedanken und eines Euthanasie-Denkens“ ist. Viel problematischer erscheinen mir Tendenzen, die zeigen, dass gelernt worden ist und keine „Wiederholung“ droht, sondern „Weiterentwicklung“ und  „Differenzierung.“  Es ist aber auch vieles doch nur Wiederholung, vor allem der Blick auf Behinderung als etwas, das als „schrecklich“ gilt, als „leidvoll“ und unbedingt zu vermeiden.  Daraus resultieren heute keine staatlichen Programme, sondern ein hohes Maß an Bereitschaft zur Selbstoptimierung – oftmals geschuldet vielleicht gar nicht so sehr einem diskriminierenden Blick, sondern dem schieren Eingeständnis, sich davon überfordert zu fühlen, in dieser Gesellschaft ein Kind großziehen zu sollen, das behindert ist.

Es ist so gesehen kein Zufall, dass in der Anfangszeit des IMEW eher Themen wie Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik oder auch Biobanken standen, heute der Blick dagegen mehr auf Teilhabemöglichkeiten oder Disability Mainstreaming gerichtet wird. Wie den modernen Ausgrenzungs-Strategien entgegengearbeitet werden kann, ist eine zentrale Frage; die Antwort darauf hilft dem mittlerweile weitgehend als Selbstbestimmungs-Diskurs geführten Bestreben, Behinderung en vorgeburtlich möglichst früh zu entdecken und zu eliminieren entgegenzutreten.

Das IMEW wurde 2001 von einer bemerkenswert breiten Koalition gegründet: Dass ein eher konservativ geprägter Verband, wie  der VdK sich hier mit der Initiative Selbstbestimmt Leben, die aus dem Zentrum der emanzipatorischen Behindertenbewegung kommt, zusammengefunden hat, dass der Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe den Schulterschluss mit dem Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit vollzogen hat, zeigt, wie wichtig es den Beteiligten damals war, gemeinsam etwas gegen den Trend der Zeit zu stemmen.

Das war eine richtige Entscheidung, die auch von de Beteiligten seitdem nie in Frage gestellt worden ist. Dass das Institut – betrachtet man den Verlauf der bioethischen Debatten der letzten zehn Jahre – nicht auf eine Erfolgsgeschichte zurückschauen kann, ist nicht ihm anzulasten: das vergleichsweise geringe Interesse an einer wissenschaftlich fundierten Beratung und Unterstützung aus dem Spektrum der Behindertenbewegung dokumentiert vielmehr, wie wichtig die Beiträge und Initiativen von dort sind. Und insofern sind die zehn Jahre allen Widrigkeiten und ökonomischen Problemen zum Trotz auch eine Erfolgsgeschichte: Das Institut hat sich in die Debatten eingemischt, es hat mit seinen Kooperationen und Veranstaltungen den Debatten ein eigenes Gepräge gegeben.

Zum Geburtstag wünsche ich ihm (und mir) Mehr: Mehr Gelder für seine Arbeit, mehr Stellungnahmen und Veranstaltungen zu mehr Themen, mehr Verbreitung seiner Texte und Ideen, mehr Kooperationspartner…aber eines was wir auch gelernt haben:  Schneller, höher, weiter, kurz: mehr, ist nur ein begrenzt tragfähiges Konzept, denn es stößt schnell an mehr Grenzen. Also wünsche ich dem IMEW eine Feier mit gutem Slow Food, der verträglichen Menge nachhaltigen Denkens – ach und die Pubertät wird von Forschungseinrichtungen ja bekanntlich übersprungen. 

 

 

Die mobile Version verlassen