Biopolitik

Wiederbelebung ohne Einwilligung – ethisch wenn’s der Organentnahme dient?

Für die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist das Glas immer mindestens halbvoll: „Rückgang der Organspenden in 2011 moderater als erwartetwar die Pressemeldung überschrieben, mit der die DSO am 12. Januar bekannt gemacht hat, was seit November 2011 in den Medien (auch in diesem Blog) zu erfahren war: Dass trotz intensiver Bemühungen und Inhouse-Koordinations-Projekten die Organspendebereitschaft zurückgegangen und nicht etwas gestiegen ist. Wie auch sonst üblich, sind natürlich die anderen schuld, in diesem Fall: Der Rückgang an Spendern, wird vermutet, könnte in der Zunahme von Patientenverfügungen und einem vorzeitigen Therapieabbruch liegen.

Und die Lösung: mehr Therapie und weniger Patientenverfügungen? Nein, die DSO setzt insoweit auf die „bevorstehende Gesetzesänderung zu einer Entscheidungslösung“, „eine aktuelle Umfrage bestätigte erneut, dass die meisten Menschen bereit sind, ihre Organe nach dem Tod zu spenden. ‚In einer aktiven und nachdrücklichen Ansprache der Bevölkerung liegt die Chance, die Diskrepanz zwischen in Umfragen geäußerter Zustimmung und dokumentiertem Willen im Organspendeausweis zu schließen‘, erklärt Dr. Thomas Beck, Kaufmännischer Vorstand der DSO.

Es ist ja schon etwas irritierend, dass die Frage der Organspende-Bereitschaft in der DSO offenbar in den Zuständigkeitsbereich des „Kaufmännischen Vorstandes“ fällt. Aber nun gut. Bedenklicher erscheint schon, dass die DSO offenbar nicht reflektieren will, dass zwischen Äußerungen in Meinungsumfragen (in denen eben Meinungen abgefragt werden und keine auf zureichenden Informationen beruhenden Entscheidungen) und tatsächlichen Entscheidungen zwangsläufig eine erheblichen Diskrepanz bestehen muss.

Die Lösung dafür jedenfalls liegt sicher nicht in einer „aktiven und nachdrücklichen Ansprache“, sondern allenfalls in einer soliden und unabhängigen Information… Die ist aber nicht gefragt und sie wird nicht angeboten: für die Organentnahme genausowenig wie für Patientenverfügungen. Dass sich die Politik hier verweigert und stattdessen auf Entscheidungen drängen will, unabhängig davon, wie gut informiert die Entscheider sein werden, gehört zu den trostloseren Kapiteln dieser auch sonst gar nicht so glanzvollen Geschichte.

Dass man von dem Gesetzentwurf, der ja eigentlich Ende letzten Jahres fertiggestellt werden sollte, gerade gar nicht so viel hört, weil die Einigkeit offenbar doch nicht ganz so stabil ist, wie damals behauptet, stimmt dagegen etwas hoffnungsvoller: Vielleicht wird so ja doch noch der Raum für eine Debatte über die Fragen geöffnet, die relevant sind.

In der „taz“ hat vor kurzem der Münsteraner Rechtswissenschaftler Thomas Gutmann einige bedenkenswerte Thesen zum Thema aufgestellt. Gutman, der ein entschiedener Befürworter der Transplantationsmedizin ist, beklagt vor allem die Intransparenz des Zuteilungssystems und macht deutlich, dass er hier einen öffentlichen Diskussionsbedarf sieht, der ein öffentlich-rechtlich organisiertes Verteilungssystem zur Folge haben müsste:

„(Es) kann nicht verwundern, dass sich in der Rechtswissenschaft längst die Einsicht durchgesetzt hat, dass das Allokationssystem des Transplantationsgesetzes gleich mehrfach gegen das Grundgesetz verstößt. Eine Änderung ist jedoch nicht in Sicht. Der Tumor, den das gegenwärtige Verteilungsregime für Organe im Körper des Rechtsstaats bildet, ist der Preis, den das politische System für die Entsorgung der Allokationsfrage offenbar zu zahlen bereit ist.

Kollegen von Gutmann aus Münster, die allerdings nicht Juristen sind, sondern Medizinethiker und Transplantationsmediziner machen deutlich, was gegenwärtig noch so alles zur Disposition steht: Nachdem in der Debatte um die Organentnahme immer deutlicher wird, dass es hier um medizinische Entscheidungen geht, die zu Lebzeiten erfolgen und vermutlich oftmals ohne Einwilligung der späteren „Organspender“ oder ihrer Betreuer, werden medizinethische Auffanglinien konstruiert. In einem Papier für das Deutsche Ärzteblatt fragt die Autorengruppe:

„Darf man einen potenziellen Spender mit aussichtsloser Prognose zugunsten einer (möglichen) Organspende anders behandeln, als man es ohne diese Perspektive täte? Darf man Maßnahmen durchführen, die nicht dem Patienten dienen, sondern eine Organspende ermöglichen und die Organe schützen?

Sodann werden die Bedenken, die als „pauschale Ablehnung fremdnütziger Behandlung“ disqualifiziert werden, klein geredet:

„Auch wenn eine organprotektive Versorgung oder eine Hirntoddiagnostik in den hier besprochenen Fällen nicht mehr dem medizinischen Wohl des Patienten selbst dient, mindern sie es aber auch nicht. Das ist ethisch ein gewichtiger Aspekt, den man leicht übersieht, wenn man die fehlende Patientenzentriertheit dieser Maßnahmen kritisiert. Medikamente zur Regulierung etwa von Blutdruck, Elektrolyten oder Blutzucker schaden dem Patienten nicht. Sie bedeuten keine Belastung, werden über ohnehin laufende Infusionen verabreicht, bedeuten – auch aus der Wahrnehmung der Angehörigen – keine aufwendige Störung.“

Auch weitergehende Maßnahmen, wie sogar die (ohne Einwilligung erfolgende) Reanimation eines sterbenden Patienten zum Zwecke der Organerhaltung, werden von dem Autorenteam nicht abgelehnt, sondern ethisch umgedeutet: Statt die Behandlung ohne Einwilligung kla abzulehnen, was zumindest rechtlich geboten wäre, wird aus dem Nicht ein „Ermessensspielraum“ bemüht:

„Man erkennt, dass es hier Ermessensspielräume gibt, die man in Behandlungsteams, besser noch für ganze Kliniken im Voraus ausloten sollte, um eine konsensfähige einheitliche und transparente Praxis zu gewährleisten. Offenkundig empfiehlt sich die Formulierung einer entsprechenden Leitlinie oder Empfehlung.

Dabei können die Nebenwirkungen dieser Eingriffe ins Sterben durchaus erheblich sein, wie hier in einer medizinischen Fachpublikation, ein wenig im Off der öffentlichen Wahrnehmung deutlich wird:

„Ein gravierendes Problem der spendezentrierten Lebensverlängerung liegt darin, dass sie in seltenen Fällen zur Ausbildung eines apallischen Syndroms führen kann, in dem der Patient erneut selbstständig atmen und schlucken kann, ohne sein Bewusstsein zurückzuerlangen. Diesen Zustand schwerster neurologischer Schädigung und vollständiger Pflegebedürftigkeit wollen gewiss etliche Patienten und Angehörige keinesfalls akzeptieren. Patienten, Betreuer und Bevollmächtigte müssten wissen, welche Risiken bestehen, um diese ablehnen oder ihnen begegnen zu können. Ohne gemeinsam getragene Verantwortung sollten Ärzte diese Risiken nicht eingehen. Abhängig von den konkreten Umständen des Einzelfalls werden sie daher eine entsprechende Risikoprognose erheben und gegebenenfalls auf eine Organspende verzichten.

Die Konsequenz der Münsteraner Mediziner ist, die Vorverlagerung der Gespräche über die Einwilligung in die Organspende vorzuverlagern. Angehörige sollen demnach künftig noch vorder Hirntoddiagnose befragt werden, wie sie zur Organentnahme stehen – das hat einiges für sich, Allerdings frage ich mich, wieso es angesichts dessen, dass es hier um Behandlungsentscheidungen zu Lebzeiten geht, die Verantwortlichen für diese medizinischen Behandlungsentscheidungen, die Betreuer und Bevollmächtigten (die keineswegs identisch mit den nach dem Transplantationsgesetz entscheidenden nächsten Angehörigen sein müssen) hier nicht einmal erwähnt werden…..

Deutlich wird immerhin: Die Diskussion um die rechtlichen und ethischen Bedingungen der Organentnahme und Transplantationsmedizin steht heute eher am Anfang als am Ende.

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