Biopolitik

Keine Leichenwagen in der Spielstraße? Protest gegen ein geplantes Hospiz

Als vor Jahren im gut situierten Hamburg-Hummelsbüttel ein Altersheim für Schwule errichtet werden sollte, liefen die Hanseaten Sturm – und waren erfolgreich. Die Einrichtung einer Kindertagesstätte im wohlhabenden Othmarschen scheiterte jahrelang an Einsprüchen von anwaltlich gut vertretenen Nachbarn, die zwar ertrugen an einer großen Straße zu wohnen, nicht aber, dass im Garten nebenan ein paar dutzend Kinder spielten. Jetzt  muss sich  in Hamburgs Süden das Deutsche Rote Kreuz  mit Anwohnern herumplagen, denen ein geplantes Hospiz in der Nachbarschaft ungelegen kommt. Der „Spiegel“ zitiert Volkes Stimme:

„Ich würde meinen Kindern gern den Anblick des Todes ersparen“, sagt eine Mutter, die in der Straße wohnt. „Wenn ich morgens beim Frühstücken aus dem Fenster schaue, möchte ich nicht, dass mir die Wurst im Hals stecken bleibt,“ meint eine andere Frau. „Ich habe selbst Krebserfahrungen in meiner Familie. Ich möchte nicht tagtäglich damit konfrontiert werden.“  

Und das „Hamburger Abendblatt“ hat Nachbarn getroffen, die auch eine Meinung haben:

„Hier sollte eine Reihenhaussiedlung entstehen“, so der Hausbesitzer. Die Spielstraße sei auf Durchgangsverkehr nicht ausgerichtet. „Wenn jetzt bald die Baufahrzeuge bei uns hin und her fahren, danach vielleicht Kranken- und Leichenwagen – ich kann mir vorstellen, dass einige Nachbarn diese Perspektive nicht gut finden“, sagt Regina Kreuzer.

Deutsches Rotes Kreuz und die Kirchengemeinde, die das Grundstück verkauft, planen nun das, was man sich vorstellt: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung…. Denn in Hospizen ist es ganz anders: dort wird nicht nur gelitten, sondern gerade auch gelebt. Den Nachbarn werden die fröhlichen Grillabende nicht verwehrt werden und voraussichtlich bekommen sie von den Krebs- oder anderen Erkrankungen der Hospizbewohner weniger mit, als von Gewalthandlungen anderer Anwohner gegen Kinder oder sonstige unerfreulicher  Eigenschaften und Vorlieben.

Aber  das mitzuteilen wird wohl wenig helfen, ebensowenig, wie das Angebot des Deutschen Roten Kreuzes vor laufender Fernsehkamera für einen geeigneten Sichtschutz zu sorgen (was wohl in erster Linie auch für die künftigen Bewohner des Hospizes sinnvoll sein dürfte), denn letztenendes gründet der Protest nicht im mangelnden Wissen. Wer einfach nichts weiß, fragt, bevor er einen Anwalt einschaltet. Wer sofort den Rechtsweg beschreitet, will nicht überzeugt, sondern nicht gestört werden und vor allem Recht behalten.  Und lehrt uns das irgendwas? Möglicherweise das: Es genießen Palliativmedizin und Hospize zwar hohes Ansehen in der Gesellschaft, das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bedarf das Sterben zu verdrängen auch noch recht hoch ist. Und je näher das Thema den Menschen rückt, desto irrationaler können die Reaktionen ausfallen. Die Debatte um das geplante Hospiz in Harburg und der Fortgang der baurechtlichen Einsprüche wird insofern zu beobachten sein. 

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