Biopolitik

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Assistierter Suizid von Timo Konietzka und die deutsche Sterbehilfedebatte

| 17 Lesermeinungen

Viel knapper kann man es nicht sagen: „Wenn einer sterben will, dann möchte er nicht mehr leben. Das muss man akzeptieren." Der legendäre deutsche...

Viel knapper kann man es nicht sagen: „Wenn einer sterben will, dann möchte er nicht mehr leben. Das muss man akzeptieren.“ Der legendäre deutsche Bundesligaspieler Timo Konietzka, der seit langem im Schweizer Brunnen lebte, hat Suizid begangen. Konietzka war seit längerem für die schweizer Sterbehilfe-Organisation „Exit“ aktiv und hat auch für seinen eigenen Suizid Hilfe der Organisation in Anspruch genommen, die nach eigenen Angaben 80.000 Mitglieder in der gesamten Schweiz hat, die allermeisten davon leben in der Deutschschweiz. Auch seine Todesanzeige hat der gebürtige Westfale, der zuletzt eine Gaststätte am Vierwaldstättersee betrieben hat, als Manifest ausgestaltet.

Bild zu: Assistierter Suizid von Timo Konietzka und die deutsche Sterbehilfedebatte

(aus: Bote der Urschweiz)

Der Fußballer hatte seinen Suizid bereits letztes Jahr angekündigt im schweizer Boulevardblatt „Blick“ erläutert: „Ich kann so meine Frau und meine ganze Familie entlasten.“ Seine Botschaft ist nun vor allem in der Bundesrepublik Deutschland angekommen. Während beispielsweise der „Tagesanzeiger“ den Tod nüchtern und ohne Erwähnung des assistierten Suizids vermeldet hat, haben etliche bundesdeutsche Medien den Anlaß genutzt, eine kleine Sterbehilfe-Debatte loszutreten. Die Faktenbasis ist dabei allerdings oft brüchig. „Bild“ und „focus“ beispielsweise behaupten gleichlautend:
„In Deutschland ist Sterbehilfe gesetzlich verboten. In der Schweiz dagegen seit 1918 erlaubt („Hilfeleistung durch einen Dritten“).“

Das trifft nicht zu. Sterbehilfe wird auch in Deutschland vielfach verübt. Strafrechtlich verboten ist lediglich die „Tötung auf Verlangen“ (§ 216 StGB), um die es hier aber nicht ging. Suizid ist in Deutschland ebensowenig verboten, wie die Beihilfe zum Suizid (um die es hier ging). Allerdings untersagt das ärztliche Berufsrecht Ärzten die Beihilfe zum Suizid und das Betäubungsmittelgesetz verbietet den Gebraucht bestimmter Substanzen, beispielsweise den des in der Schweiz oft genutzten Natriumpentobarbital.

Die „Welt“, die einen Text von dapd nutzt, behauptet ebenfalls unzutreffend, Konietzka sei durch Anwendung „aktiver Sterbehilfe“ gestorben, die in der Schweiz erlaubt wäre. Unterstützung beim Suizid ist keine aktive Sterbehilfe, weil die Tatherrschaft beim Sterbenden verbleibt, der den Medikamentencocktail selber trinkt. „Aktive Sterbehilfe“ wäre eine direkte, zum Tod führende Einwirkung von außen, insbesondere eine tödliche Spritze. Das ist in der Schweiz durch Artikel 114 Schweizerisches Strafgesetzbuch grundsätzlich genauso verboten wie in Deutschland.

Der von „Exit“ unterstützte Suizid von Konietzki hat jetzt die Kontroverse darüber wieder belebt, welche Formen von organisierter Suizidbeihilfe in Deutschland verboten werden sollen. Die schwarz-gelbe Koalition hat vor kurzem bekräftigt, dass sie „gewerbsmäßige Vermittlung von Sterbehilfe“ unter Strafe stellen will. Das klingt nachvollziehbar und es hat auch bereits mehrere Anläufe gegeben, dieses Ziel zu erreichen – die aber stets gescheitert sind (z.B. der rheinland-pfälzische Versuch einen § 217 StGB „Werbung für Suizidbeihilfe“ einzuführen), weil es gar nicht so einfach ist, eine Regelung zu entwickeln, die ihr Ziel klar in den Blick nimmt, es auch trifft und gleichzeitig weder ausufernd formuliert ist, noch unerwünschte Nebenwirkung zeitigt. Schon der Begriff des „gewerbsmäßigen“ kann dabei zum Stolperstein werden, denn er setzt voraus, dass die Tätigkeit nicht nur gelegentlich betrieben wird, sondern auf Dauer angelegt und auf die Erzielung unmittelbarer oder mittelbarer wirtschaftlicher Vorteile gerichtet ist. Als Gegenbegriff dazu gilt in der Rechtsprechung (vgl. BVerwG vom 13.9.2007, 3 C 49/06) „gemeinnützig“ und „karitativ“. Sterbehilfeorganisationen wie „Exit“, „Dignitas“ oder auch Roger Kuschs „SterbehilfeDeutschland“ reklamieren stets ideelle Ziele, insbesondere die Unterstützung des Rechts auf Selbstbestimmung für sich. Ihnen ggf. in einem Strafverfahren nachzuweisen, dass sie Sterbehilfe zur Erzielung unmittelbarer oder mittelbarer wirtschaftlicher Vorteile vermitteln könnte zumindest leicht ein anspruchsvolles Unterfangen werden.

Zudem bestünde die Gefahr, dass eine solche Vorschrift, ähnlich wie Artikel 115 StGB (Schweiz), als abschließende Sonderregelung verstanden werden würde – das könnte im Ergebnis dazu führen, dass die Untersagung der Beihilfe zum Suizid im ärztlichen Berufsrecht einen schwereren Stand hat, als gegenwärtig noch. Weiterhin müsste geklärt werden, wie eine solche Vorschrift zum Betäubungsmittelgesetz steht, das eine Nutzung von bestimmten Substanzen für die Beihilfe zum Suizid ausschließt. Kurz: ein gesetzgeberischer Schnellsschuss erscheint eher nicht angezeigt. Und die Gefahr, dass eine solche Regelung, ist sie schlecht gemacht, ihr Ziel weit verfehlt, ist erheblich. Die Debatte in der Koalition, in der die FDP eine sehr liberale Regelung bevorzugt, signalisiert die Probleme.

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17 Lesermeinungen

  1. Mitleser sagt:

    @ Lutz Bart
    Zitat:...

    @ Lutz Bart
    Zitat: „Schwersterkrankte und sterbende Menschen müssen diese Art der Debatte über ihr Schicksal schlicht als Zumutung empfinden und manche Diskutanten sollten sich einfach schämen“.
    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich sehe es genau so. Die Christdemokraten sollten einmal genau die wissenschaftliche Auslegung der Bibel rekapitulieren., sie werden feststellen, dass die Position, die insbesondere die katholische Kirche vertritt, durchaus theologisch wissenschaftlich umstritten ist. Und wer glaubt, dass Timo Konietzka von Gott bestraft wird, sollte ganz dringend seinen Religionsunterricht nachholen, denn es gibt keinen strafenden Gott. Was wäre das für eine Religion? Es gibt sehr wohl einen machtbesessenen Vatikan, aber der ist weit weg. @ Lebensschutz scheint einer der Hüter der Menschenwürde zu sein. Ich frage mich, was ihn dazu verleitet, anzunehmen, dass Timo Konietzka ohne Würde gestorben ist. Offensichtlich erwartet er, dass jeder seinen Würdebegriff zu teilen hat. Sehr bedauerlich.

  2. cathy sagt:

    Was soll groß geregelt...
    Was soll groß geregelt werden. Stellt die Häuser, die dies durchführen unter staatliche Aufsicht und staatliche Finanzierung und das war´s!
    Jemand, der nicht schwerkrank ist und zum Spass dahin geht, wird schon auffallen und jeder Arzt und jeder Krankenpfleger könnte theoretisch Leute umbringen, was soll denn da groß geregelt werden?? Sollen diese Ärzte strenger überwacht werden als jeder andere Arzt?
    Ausserdem glaube ich kaum, dass es so viele Leute gibt, die sterben wollen, wenn es Ihnen nicht wirklich wirklich körperlich dreckig geht und gehen wird.
    Die Geburt können wir nicht planen, den Tod aber schon, wenn unerträgliche Schmerzen das Leben nicht mehr lebenswert machen.
    Warum muss man hilflos und ohnmächtig zuschauen, wenn ein geliebter Mensch elendig und qualvoll verreckt?
    Ich bin Krankenschwester.

  3. ThorHa sagt:

    @Lebensschutz:
    Ich werde mir...

    @Lebensschutz:
    Ich werde mir von keinem Staat, keiner Institution, keinem Gott und keinem sonstwen vorschreiben lassen, wie lange ich zu leben habe, wenn ich nicht mir leben will. Und will ich das nicht mehr, wird mir jede Hilfe willkommen sein, ob sie dan legal ist oder nicht. Es gibt nämlich kein Recht, das aus irgendeinem Axiom herleitbar wäre, Menschen vorzuschreiben, wie lange sie zu leben haben. Religiös lässt sich das sicher begründen, aber wir leben nicht in einer Theokratie!
    Im übrigen ist wegen der vorher Gesagten die Debatte um Sterbehilfe nahezu überflüssig. Ob man sie verbietet oder erlaubt wird für die, die ihr Leben unbedingt beenden wollen, keine Rolle spielen. Die Debatte betrifft daher bestenfalls Menschen, die sich gegen die Fürsorge zum qualvollen Leben nicht mehr wehren können.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  4. Mitleser sagt:

    @ ThorHa
    Es geht nicht um Ihr...

    @ ThorHa
    Es geht nicht um Ihr Recht, sondern bekanntlich darum, in wieweit ein Arzt bei Ihrem möglichen Freitod assistieren darf oder eine Organisation dies tun darf. Es geht also um Dritte, die in Ihre möglichen Angelegenheiten mit einbezogen werden sollen. Außer der Psychiatrie und dem Teil unserer Gesetzgebung, die dieser Psychiatrie in die Hände spielt, gibt es keine gesetezlichen Hürden für Ihren möglichen Selbstmord. Es ist aber von Bedeutung für unsere Gesellschaft, ob wir festlegen wollen, wer sein Leben beenden darf, wer nicht und welches Leben als schützenswert betrachetet wird. Und diese Diskussion halte ich für gefährlich, weil jedes Leben schützenswert ist und wir nicht darüber diskutieren sollten, welches Leben nicht schützenswert ist. M.E. bedarf es keiner weiteren Gesetzgebung dazu. Das Strafrecht bietet ausreichend Raum für Lösungen, die zwischen Menschen vereinbart werden können. Sogenannte Sterbehilfevereine gesetzlich zu verbieten, stellt eine weitere Reglung über das Leben da, die wir deshalb ablehnen sollten. Nächste Woche fordert vielleicht dann ein Ärzteverband die Zwangsbehandlung von Personen, die ein bestimmtes Gewicht überschreiten und deshalb deren Meinung nach „selbstgefährdet“ seien. Danach fordert jemand generell Personen über 80 unter einen Vormund zu stellen, weil auch deren „Heil“ geschützt werden muß. Sie merken, es geht um die Verallgemeinerung der politischen Positionen der sogenannten „Palliativmedizin“ und „Hospizbewegung“, die aus medizinischer Sicht berechtigte und sinnvolle Forderungen stellen, die aber m.E. pseudotheologisch und pseudoethisch begründet und vorgetragen werden. Hier verbinden sich weltanschauliche Fragen mit konkreten politischen Forderungen. M.E. müssen das kritische Christen zurück weisen. Theologisch wissenschaftlich ist nämlich gar nicht eindeutig klar, ob bei einer schweren Krankheit oder in hohem Alter und in sehr wenigen Ausnahmefällen nicht eben doch rechtskonforme Hilfestellungen zum Freitod aus religiösen Gründen erlaubt sind. Und nicht jeder Pastor und Prister folgt vor Ort seinen Amtskirchen und weist in seelsorgerischen Gesprächen darauf hin, dass generell ein Freitod eine Sünde sei. Ich unterstelle der Hospizbewegung letztendlich eine kirchlich konservative Bewegung zu sein, der es um die Deutungsmacht über Leben, Geburt und Tod geht. Diese Gruppe hat ein Recht darauf, dass sie lautstark ihre Meinung verkünden darf, sie hat auch das Recht vom Gesetzgeber zu verlangen, dass ihre Vorstellungen zum Gestz wird, kritisch wird es aber dann, wenn der Gesetzgeber dieser Richtung unkritisch folgt und für deren Zwecke auch noch öffentliche Gelder und Ressourcen aufgewendet werden, denn der liberale Rechtsstaaat ist konfessionell neutral. Zuletzt sollte auch einmal die Frage gestellt werden, ob sich ein Mensch mit muslimischen Glauben in einem christlichen Hospiz wohl fühlt, wenn er umgeben ist von Kreuzen und Abbildungen von Heiligen, die in seiner/ihrer Kultur nicht üblich sind. Es wird daher klarer, welche Implikationen eine kritiklose Durchsetzung bestimmter Interessen mit sich bringen kann. Die Psychiatrie hat vor einigen Jahren eine Diskussion geführt, ob es nicht vielleicht doch auch Menschen geben könnte, deren Freitodabsichten nachvollziehbar sein könnten (sic). Da sieht man, wohin solche Diskussionen führen können. Deshalb fordere ich noch einmal die Einstellung dieser zu nichts führenden Diskussionen, die seit Jahren daraus besteht, dass die immer gleichen Argumente angeführt werden und ganz unauffällig schafft die sogenannte „Hospizbewegung“ Fakten. Wer vernünftig ist, sollte Lebensbedingungen verbessern, damit die Frage nach einem Freitod, der Abtreibung behinderter Kinder oder vorgeburtliche Aussonderung von Leben gar keine Frage mehr wird, weil wir uns sicher sein können, dass jedes Leben sich entfalten kann und einen hohen Lebenswert generieren kann. Die Frage, welchen Wert das eigene Leben hat und ob ein Freitod eine angemessene Entscheidung ist, kann nicht von Außen beurteilt werden. Die Frage, wann Leben beginnt, kann naturwissenschaftlich genau so wenig beantwortet werden wie geisteswissenschaftlich. Beide Seiten, die Pro- Choice-Richtung, die ich mehr mag als die Pro-Life-Bewegung werden niemals zu einem Ergebnis kommen, daher sollte man die Kraft auf die Beantwortung andere Fragen richten, die sich auf die zukünftige Lebensumgebung des Neugeborenen bezieht und auf unsere aller Umgebung, in der es eben manchmal vorkommen kann, dass ein Mensch den Freitod wählt.

  5. igaagauga sagt:

    Ich denke mir das hier nicht...
    Ich denke mir das hier nicht nur um die so gesagt Ethik Moral etc. geht sonder auch Wirtschaftliche Intressen. Man sollte sich mal den Markt anschauen der sich an dem Leid andere eine Goldene Nase verdient. Von der Windel zur Pharmazeutischen industie, Pflegeheime, Sanitätshäuser, Gastronomie etc. oder meint Ihr diese Menschen werden gratis gepflegt.
    Meiner Meinung nach wähle ich denn frei Tod in Würde als eine würdeloses Leben voller Leid und Schmerzen. Zumal möchte ich nicht Stunden lang in meinem eigenen Mist liegen und warten bis mich jemand sauber macht.
    Gruss aus der Altenpflege

  6. maria sagt:

    ich habe am 12.03.2012 um...
    ich habe am 12.03.2012 um 10:10 Uhr mein Mann verloren und er noch 58 jahre alt war. Er hat auch nach krebs gestotben, aber ihn noch die Ärzte in allem geholfen so früh aus dem Leben weg gehen. Er wurde in Anst von den Ärzten gedröngt, dass er kann erstäken, verbluten,

  7. Beate sagt:

    Wenn man nur noch lebend aber...
    Wenn man nur noch lebend aber nicht mehr lebendig ist und die Kraft nicht mehr reicht um sich mit der Krankenkasse um die benötigten Dinge zu streiten, dann sollte man das Recht haben dieses Leben würdig zu beenden. Ich weiß wo von ich rede, denn ich bin selber schwer chronisch erkrankt und bemühe mich mit der Hilfe von Freunden „lebend“ und manchmal auch lebendig zu bleiben. Es ist schon sehr befremdlich, dass wirklich jeder meint das Recht zu haben den Menschen, die dieses Lebens müde sind, Vorhaltungen zu machen.

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