Biopolitik

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Entscheidung für den Tod ohne Sterben: Spielfilm über assistierten Suizid und die Hinterbleibenden

| 14 Lesermeinungen

  Freitagabend, nach einem langen Tag im Büro und anstrengenden Verhandlungen über Kinderwagenreparaturen im Rahmen der Gewährleistung  ist es...

 

Freitagabend, nach einem langen Tag im Büro und anstrengenden Verhandlungen über Kinderwagenreparaturen im Rahmen der Gewährleistung  ist es eigentlich eine erfreuliche Perspektive sich zu Hause am Rechner niederlassen und in aller Ruhe für arte als Experte chatten zu können. Ich hätte zwar auch gerne mal über Skitouren oder Kindererziehung gechattet, aber da gelten andere als Experten. Also assistierter Suizid. „Clara geht für immer“, der Film zum Chat, hat mich in den ersten Minuten zugegebenermaßen etwas beunruhigt, weil ich befürchtete, dass nach der klaren Entscheidung der Protagonistin, sich statt für eine weitere Chemotherapie für den assistierten Suizid in der Schweiz zu entscheiden, nun eigentlich wenig zu erzählen übrig blieb. Ich fand die Entscheidung auch wenig reflektiert und wollte mich schon innerlich über erzählerische Einseitigkeit aufregen, aber das war voreilig. Es war gerade die Qualität des Filmes, sich auf das zu konzentrieren, was nach der Entscheidung für den assistierten Suizid kommt und vor dessen tatsächlicher Umsetzung: die Auseinandersetzungen mit Freunden, die Konflikte in der Familie, das Unverständnis mancher, aber auch die Verzweiflung der Betroffenen, wenn sie sehen, dass das Leben nach ihrem Tod geplant wird.

Die Zentrale der Schweizer Sterbehilfeorganisation bildet in dem Film mit ihrer klinischen Sterilität und der unangreifbaren, aber nicht wirklich empathischen Freundlichkeit einen deutlichen Kontrapunkt zum bisweilen chaotisch wirkenden, meist exzentrischen, vor allem aber emotional wenig abgeklärten Leben von Clara und ihrem Klan. Folgerichtig entscheidet sie sich auch gegen eine Suizidbegleitung an einem ihr angebotenen Ort, sie sucht sich ein Chalet mitten in den Bergen und reist dort mit fast der ganzen Familie an. In der Schlußszene wird deutlich, dass der Frei-Tod, der so frei nicht ist, weil er im wesentlichen eine Flucht, vor dem Tod an der Krankheit ist, seinen Preis hat: Der abrupte Übergang vom Leben in den Tod unter Auslassung des Sterbeprozesses ist zumindest für die Zurückbleibenden etwas anderes, als die Begleitung eines allmählichen Sterbens, das seinen Abschluss nicht in einer Entscheidung, sondern im Tod findet. So wie der Hirntod als normativ gesetzter Todeszeitpunkt für die, die den durchbluteten, noch atmenden Hirntoten sehen, keine Evidenz hat, erscheint auch der begleitete Suizid nicht als „natürlicher“ Tod (so problematisch dieser Begriff in Zeiten der umfassenden medizinischen Begleitung von Menschen am Lebensende auch ist), sondern eben als vorzeitig, als zu diesem Zeitpunkt willkürlich gewählt. Claras Familie stützt sie dennoch – überwiegend – in ihrer Entscheidung. Vor allem gilt das für ihren Sohn. Man merkt ihm aber auch ein Leiden an der Entscheidung seiner Mutter an.

Passenderweise wird gerade jetzt auch in den Medien über die Studie der Psychiaterin Birgit Wagner bekannt, die mit ihrem Team 85 Familienmitglieder oder enge Freunde von Sterbewilligen befragte, die vor 14 bis 24 Monaten einem assistierten Suizid durch die Organisation Exit beigewohnt haben. Das Resultat der nun im Fachblatt «European Psychiatry» abgedruckten Studie: 20 Prozent hatten eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), von denen bei zwei Dritteln die Symptome voll ausgeprägt waren. 16 Prozent hatten eine Depression und 5 Prozent litten immer noch unter starker Trauer wie in den ersten Monaten (eine sogenannte komplexe Trauerreaktion). Dazu trug allerdings nicht nur die Situation der Sterbebegleitung selbst bei, sondern auch die forensische Untersuchung durch Polizei, Ärzte und Staatsanwaltschaft, die in der Schweiz jedem Freitod zwingend folgt.

„Clara geht für immer“ wird noch zweimal ausgestrahlt: Montag 15. Oktober 2012 um 14.40 Uhr Mittwoch 24. Oktober um 01.25 Uhr

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14 Lesermeinungen

  1. ariene sagt:

    Es geht ja auch bei...
    Es geht ja auch bei Sterbehilfe ja nicht immer um den Tod ohne Sterben. Hier im Beispiel, geht es darum sich nicht unnötig zu quälen um dann doch nur zu sterben. Aber was ist, wenn man noch 20 oder 30 Jahre zu leben hätte, aber sich nicht bewegen kann? Ein sehr schöner Film dazu ist „Das Meer in mir“ (https://www.imdb.de/title/tt0369702/). Und hier wird vor allem die sehr entscheidende Frage aufgeworfen, die hier bei den Kommentatoren auch schon aufkam: Warum darf ich nicht selbst entscheiden, ob ich mein Leben und eventuell das qualvolle Sterben abkürze oder ob ich die ganze Strecke gehe?? Im von mir genannten Film ist vor allem der Dialog des sterbewilligen Protagonisten mit dem Geistlichen sehr erfrischend.

  2. ThorHa sagt:

    Verehrter Herr...
    Verehrter Herr Tolmein,
    vieleicht verraten Sie dem geneigten Leser auch noch, WARUM Sie mit so ziemlich allen greifbaren Argumenten verhindern wollen, dass denkende, selbständige, erwachsene Menschen eine Möglichkeit erhalten, ihr von ihnen selbst als unerträglich empfundenes Leiden vorzeitig zu beenden? Und sie so automatisch zwingen, so lange zu existieren, bis ihr Körper endlich aufgibt (das kann ziemlich lange dauern!).
    Ich habe das schon einmal gefragt und frage jetzt verschärft erneut: Ist der eigentliche Grund, warum man Leuten unbedingt den Freitod erschweren will, die unerträgliche Erjenntnis, dass es Menschen gibt, die anders als man selbst tatsächlich selbstbestimmt sind?
    Aufschlussreich finde ich auch Ihre indirekt vorgebrachte Argumentationslinie in diesem Blog. Die sich ohne Polemik verkürzen lässt zu: Vegetiert gefälligst so lange, bis sich Eure Angehörigen mit Eurem Tod abgefunden haben …
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  3. Lutz Barth sagt:

    @ThorHa: Nun - Herr Tolmein...
    @ThorHa: Nun – Herr Tolmein wird zu gegebener Zeit selbst „entscheiden“, wann er zu antworten gedenkt. Auch ich habe lange Zeit zuwarten müssen, bis er einmal hier im Block sich dazu veranlasst sah, frei nach dem Motto – „heute ist Antworttag“ – auf die von mir aufgeworfenen Fragen zu reagieren.
    Indes geben wir uns keinen Illusionen hin. Der Kollege Tolmein wird auf seine Rechtsauffassung beharren, die im Übrigen so selten nicht im Recht vertreten wird, auch wenn ich persönlich der Auffassung bin, dass die Position rechtsirrig ist. Ausgangspunkt aller Erörterungen muss das Verfassungsrecht und hier in erster Linie das Selbstbestimmungsrecht der schwersterkrankten Patienten sein. Mehr ist eigentlich nicht gefordert und das gebetsmühlenartig vorgetragene hohe Lied von der Palliativmedizin als Alternative zum frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten ist eher als Opium für das Volk gedacht.
    Lebensschützer als auch weite Teile der beiden großen verfassten Amtskirchen sollten sich schlicht schämen, für ihre Ideologien die schwersterkrankten Patienten instrumentalisieren zu wollen. Ihnen fehlt es vorrangig an der Bereitschaft, Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben, obgleich genau dieses Toleranzprinzip unsere Gesellschaft, aber eben auch Verfassung einfordert.
    Gleiches gilt für die Ärztefunktionäre und Delegierte, die da meinen, ein ethisches Zwangsdiktat erlassen zu können. Eine solche „Gleichschaltung“ des vorgeblich freien Gewissens auch der Ärzteschaft ist mehr als unsäglich und da wundert es mich nicht, wenn ethische Überzeugungstäter in unserer heutigen Gesellschaft mit wohlgesetzten Worten meinen, schlicht das Selbstbestimmungsrecht der Patienten und der einzelnen Ärzte vorher zu „Grabe tragen zu können“, bevor der Patient dann durch ein „liebevolles Unterlassen“ das Zeitliche segnet.
    Die Debatte wird zunehmend klerikalisiert und leider hat hierzu der Deutsche Ethikrat in seiner letzten Plenumssitzung beitragen. Die Rechtsfragen sind hinlänglich bekannt, so dass wir gut beraten wären, die vornehmen Sonntagsreden über die „Ethik“ im Allgemeinen und die „Arztethik“ im Besonderen ad acta zu legen und uns endlich zu einer verfassungskonformen Regelung durchringen, mit der zugleich auch die Ärztekammern dergestalt entmachtet werden, als dass diese nicht ein bedeutendes Grundrecht versenken können.
    Wir benötigen keine lex Montgomery, noch eine lex Huber etc., sondern in erster Linie Juristen, die einen unverkrampften Blick in das Grundgesetz werfen.

  4. Ars moriendi - die Kunst zu...
    Ars moriendi – die Kunst zu sterben
    Jede Medaille hat zwei Seiten – so auch die Sterbehilfe. Treffen kriminelle Verwandte auf einen kriminellen Arzt, dann brauchen sie eben nicht mehr jahrelang auf ihr Erbe zu warten. Alles ist möglich und machbar. In unserer Gesellschaft genießen die Alten keine Achtung und Anerkennung.Sie sind nur „Friedhofsgemüse“.
    Früher sagten die Alten zu den Jungen: „Mach‘ was ich dir sage, sonst wirst du enterbt“.
    Heute sagen die Jungen zu den Alten: „Mach‘ was ich dir sage, sonst gebe ich dich zur Explantation frei“. (Oder zur Sterbehilfe – ganz egal, man kann ja nur einen Tod sterben).
    Die Sterbehilfe wird die Rettung für die Organtransplantation werden, wenn die Kunst – Diagnose „Hirntod“ nicht mehr zu halten ist, dann wird man seines Lebens nicht mehr sicher sein, denn in diesem Verfahren steckt ebenfalls ein hohes Mißbrauchspotential. Wir alle kennen unsere Kontrollsysteme, sie tendieren gegen Null.

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