Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wiesn: Ein derbes Kontrastprogramm zur Uni

| 6 Lesermeinungen

Bis zu zwanzig Kilometer legt eine Bedienung auf dem Oktoberfest in einer Schicht zurück. Wegen der guten Bezahlung ist es ein harter, aber attraktiver Job für Studenten. Unser Autor gibt einen Blick hinter die Kulissen.

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Meine Bedienerweste mit Ansteckern, Glubberl und Kellnerblock

Der Wecker klingelt. Draußen verbirgt sich hinter dichtem Nebel die milde Herbstsonne. Puh, wieder nur etwa vier Stunden Schlaf. Langsam komme ich unter Murren und Seufzen zu mir. Die ersten Bewegungen spielen sich in Zeitlupe ab. Meine Gliedmaßen lassen sich unter leichten Schmerzen und Muskelverspannungen nur unwillig biegen und strecken. Ich schleppe mich zur Kaffeemaschine und lasse mir den angenehmen Duft um die Nase wehen. Erst seit ein paar Tagen arbeite ich als Kellner auf dem Oktoberfest und blicke bereits erschöpft auf die bevorstehenden zehn weiteren Tage. Ich fühle mich ein wenig angeschlagen, da mir die Kälte Ende September jegliche körperliche Energie raubt. Mein Kopf drückt etwas. Ich muss wohl auch zugeben, dass die Liebe zum Bier nicht nur auf Seiten der Gäste zu verzeichnen ist.

Doch die Alternativen am Feierabend lassen auf der Wiesn keinen großen Spielraum. Geisterbahn oder Feierabendbier? Natürlich trinkt man mit einigen Kollegen die ein oder andere Mass. Oder man geht zu einem der Bedienertreffs, wo zahlreiche Kellnerinnen und Kellner zusammenkommen, um sich zu entspannen und lustige Anekdoten des Wiesnalltags miteinander zu teilen. Uns vereint geistig das gemeinsame Erlebnis einer surrealen Realität, optisch die Bedienertracht sowie der große Kellnergürtel mit Börse und sonstigen Taschen. Doch auch in dieser gleichmacherischen Einheit möchte jeder ein kleines Stückchen Individualität behaupten. So sind manche Kellnerbörsen handgefertigte Unikate und unsere Dirndl und Westen sind mit Pins und Wäscheklammern, mit lustigen Wörtern und Aussprüchen versehen. Es wird viel gelacht und getrunken. Nach der Wiesn werden wir selbst zu Besuchern. „Ja manchmal bagts di hoit (es erwischt einen)“, sagt eine meiner Kolleginnen und prostet mir zu. Der Wiesn-Spirit lebt wieder auf, und auch wir werden von ihm durchdrungen.

Im Rausch der Masse

Das Oktoberfest ist für mich schon ein herausragendes Event der Extraklasse. Ein in weiß-blaue Rauten getauchter Wahnsinn. Unzählige Menschen drücken von jeder Himmelsrichtung in Scharen auf das Festgelände. Die Fahrgeschäfte überschallen den ganzen Trubel mit Musik oder Werbeansange,n und aus den Festzelten dröhnen Partymusik sowie das Gegröle der Massen. Zu dieser enormen Reizüberflutung wird jede Menge Bier ausgeschenkt, was diesem ganzen Spektakel seine besondere Note verpasst. Als Kellner erlebe ich das Geschehen auf der Wiesn hauptsächlich mit den Augen eines nüchternen und klaren Organismus und muss dabei schon das ein oder andere Mal staunen, welche übermannende Wirkung Alkohol auf das Bewusstsein der Menschen hat.

Mein Teampartner Andi (rechts) und ich beim Kassieren im Traditions-Festzelt.

Es ist Samstagmittag. Der Biergarten, in dem ich arbeite, ist bereits wegen Überfüllung geschlossen. Ich kämpfe mich durch die Masse, da mich die Notdurft treibt. Vor dem Garten sitzen und liegen einige junge Burschen. Einer wird wohl mit ziemlichen Kreuzschmerzen wieder aufwachen, er lässt mich über seine verrückte Schlafposition staunen. Der Nächste weist einige Überbleibsel von Erbrochenem auf seiner Weste und Hose auf. Das Bild wird abgerundet von dem dritten Jungen, der ebenfalls friedlich schläft und einen nassen Fleck zwischen den Hosenbeinen aufweist. Kein schöner Anblick.

Ich gerate in eine grölende Masse von FC-Bayern-Fans auf der einen Seite und TSV 1860-Fans auf der anderen. Hier entscheidet gerade nicht sportliches Geschick, sondern offenbar, welche Bierfahne stärker weht. Der ganze Stumpfsinn lässt mich tief durchatmen. Ein widerlicher Geruch nach Fäkalien fährt mir in die Nase. Dem Alkohol wird eine entspannende und lockernde Wirkung zugesprochen. Offenbar trifft dies auch auf die verinnerlichten Werte von Anstand und Selbstkontrolle zu. Von denen nehme ich gerade nicht den Hauch einer Spur wahr. Auf diesem Fest kann jeder machen, was er will – eine Loslösung von zivilisierten Normen und eine Auflösung im Rausch der Masse, wie es mir scheint.

Überall sind sie!

Aber von vorne. Ich bin frisch geduscht, meine Zähne sind geputzt und ich rieche nach Deo. Doch nach den ersten Essens- und Bierbestellungen und einigen flott zurückgelegten Metern durchs Bierzelt, bin ich schon wieder schweißgebadet. Gegen zehn Uhr vormittags müssen wir im Zelt sein. Je nach Servicestation und Absprache mit dem/der Teampartner/in auch mal früher oder später. Als Servicestation wird der Bereich bezeichnet, für den man verantwortlich ist. Es wird generell im Team gearbeitet, das aus mindestens zwei Personen besteht. So können die Aufgabenbereiche Essen und Getränke sinnvoll verteilt werden. Bestellungen werden von allen Teammitgliedern gleichermaßen aufgenommen, bei der nächsten Begegnung werden vollgekritzelte Zettel ausgetauscht. Ich bin meist für die Küche zuständig. Im Hochbetrieb laufe ich über Stunden hinweg zwischen Servicestation und Küche hin und her. Die Bestellungen transportiere ich auf einem sogenannten Schlitten. Damit wird ein übergroßes Bedienertablett bezeichnet, auf dem problemlos acht Teller Platz finden. Je nach Kraft und Geschick können auch mehr als zwölf Gerichte aufgeladen werden. Diese Arbeit erfordert eine Menge körperliche Anstrengung. Ein paar Kollegen sind neugierig und laufen mit Schrittzähler. Am Ende des Tages werden die Zahlen verglichen: offensichtlich legen wir hier täglich zwischen 15 und 20 Kilometern zurück.

Auf der Oidn Wiesn wird noch traditionell aus dem Holzfass gezapft.

Nach dem Mittagsgeschäft kehrt ein wenig Ruhe ein. Das ist die Zeit, in der wir selbst etwas essen und kurz verschnaufen, bevor die nächsten Gäste zum Abendgeschäft hereinströmen. In dieser Weise läuft das Fest dahin und wir mit ihm. Jeden Morgen wir pünktlich um zehn Uhr der Takt eingezählt, und die Musik beginnt. Jeden Tag dieselben Songs in derselben Reihenfolge. Der ruhige Rhythmus von bayerischer Blasmusik lässt uns mit Hendeln, Schweinehaxen, Schnitzeln und jeder Menge Bier von Tag zu Tag umhertorkeln, von früh bis spät, von September bis Oktober.

Im Grunde unterscheidet sich das Arbeiten auf dem Oktoberfest nicht von dem in anderen, gut besuchten Gastronomiebetrieben. Das, was es meiner Meinung nach zu einem außerordentlich belastenden Fest macht, ist die Dauer. Für 16 Tage immerzu dasselbe. Bierzelt, Schlafen, Bierzelt, Schlafen. Ich bekomme das Gefühl, dass ich überhaupt kein Leben außerhalb dieses Zeltes mehr habe. Die Tage verschwimmen und selbst in meinen nächtlichen Träumen werde ich von Essensbestellungen und bierdurstigen Menschen heimgesucht. Überall sind sie! Ganz München ist zu dieser Zeit im Ausnahmezustand. Grölende Leute, ein Taxiaufgebot an jeder Ecke und zahlreiche Pfützen von Erbrochenen sind nur einige Punkte, die davon Zeugnis ablegen.

Ein herausragendes Phänomen

Doch warum arbeite ich hier, wenn ich alles so anstrengend und wahnsinnig finde? Naja, irgendwie gefällt’s mir ja doch schon sehr. Es ist auf jeden Fall ein derbes Kontrastprogramm zum Uni-Alltag. Für meinen Kopf ist die Wiesnzeit absoluter Urlaub, da ich meine Synapsen, außer zum Kopfrechnen, nicht viel verwende. Ich arbeite einfach und genieße den Feierabend mit Kollegen. Ich lebe in diesem Zeitraum nur für diese Tätigkeit. Meine Aufmerksamkeit und Konzentration werden ausschließlich der Gegenwart gewidmet. In dieser Hinsicht ist dieses stressige Arbeiten eine Art Flow-Erlebnis für mich. Ich werde eins mit dem Trachtenkosmos und verliere mich selbst zwischen Bier und Hendel.

Außerdem rentiert sich der ganze Aufwand natürlich. Für die kurze Zeit gibt es wohl keine vergleichbaren Verdienstmöglichkeiten, welchen ich als Student mal eben in meinen Semesterferien nachgehen kann. Es kursieren viele Gerüchte zu dem Gehalt von Wiesn-Bedienungen. Jedoch ist dieses stark abhängig von der Servicestation, die man betreut. In den meisten Bierzelten auf dem Oktoberfest haben die Bedienungen feste Stationen. Das heißt, sie sind über die komplette Festivalzeit hinweg für denselben Bereich zuständig. Ob sich die Station nun im Biergarten, im Zelt oder in einer Box (einem reservierten Bereich) befindet, wird das Gehalt stark beeinflussen. Ich arbeite nun schon im zweiten Jahr auf der Oidn Wiesn im Festzelt „Tradition“. Hier wird rouliert, uns wird also Tag für Tag eine neue Servicestation zugewiesen – mal im Biergarten draußen, mal im Zelt oder im reservierten Bereich. Ein überaus faires System, wie ich meine. Ja, und wie viel verdient man jetzt? Meine Oma sagt immer: „Übers Geld redet man nicht!“ Für mich als Studenten ist es jedenfalls ein schönes Sümmchen. Doch zieht man den Zeit- und Arbeitsaufwand in Betracht, ist dieses durchaus gerechtfertigt. Wer nun noch mehr wissen möchte, dem steht es frei, sich im nächsten Jahr mit uns gemeinsam an der Hopfenfreude zu beteiligen.

Andi und ich versuchen uns im Schuhblatteln auf der Tanzbühne.

Wie kommt man eigentlich zu einem Job auf der Wiesn? Es stimmt, dass der Großteil der Jobs in Verbindung mit Beziehungen vergeben wird. Ich selbst bin damals über fünf Ecken in meinem Bekanntenkreis zu meiner ersten Beschäftigung auf dem Oktoberfest gekommen. Leute, die schon Erfahrungen in der Gastronomie gesammelt haben, können allerdings auch auf offiziellem Wege zu einem Job gelangen. Eine sehr erfreuliche Erfahrung war für mich, dass wenn man mal auf der Wiesn gearbeitet hat, einem so gut wie alle anderen Volksfeste offenstehen. So wurde es bei mir in den letzten Jahre immer ein bisschen mehr mit der Blasmusik und dem Hopfensaft.

Ein großer Vorzug meiner Beschäftigung auf der Oidn Wiesn ist zudem, dass hier in den Zelten der Ausschank schon um 21.30 Uhr endet, eine Stunde früher als auf dem restlichen Oktoberfest. Zum Schichtende müssen wir dann die Tische putzen, alle übergebliebenen Teller und Gefäße abräumen und schließlich die Bierbänke aufstuhlen, also verkehrt herum auf den Biertisch legen. Heute waren wir schnell, und ich verlasse mit meinem Teampartner und ein paar Kollegen um kurz nach zehn das Zelt. Entspannt und froh, einen weiteren Tag geschafft zu haben, führt unser Weg in den nächsten Weißbiergarten, um dort auf unseren wohlverdienten Feierabend anzustoßen.

Hier, auf der regulären Wiesn, ist noch einiges geboten. Eine verrückte Mixtur aus Menschen, den blinkenden, bunten Lichtern der Fahrgeschäfte und jeder Menge Geräusche, die sich gegenseitig übertönen. Das Weißbier schmeckt phänomenal und ist auch schon wieder leer. Wir besuchen eine Freundin, die an einem kleinen Schnapsstand arbeitet. Hier ist es noch ruhig, und wir verweilen auf den ein oder anderen Ratsch an der Bartheke. Doch um kurz nach 23 Uhr ist plötzlich die Hölle los. Die Bierzelte wurden bereits geschlossen, die Straßen der Theresienwiese sind voll mit alkoholisierten Menschen. Die Szenen, welche sich vor meinen Augen abspielen, könnten aus einem Zombiefilm stammen. Schwankende, nicht mehr artikulationsfähige Menschen torkeln an mir vorbei. Irgendwie scheint uns der Alkohol zurück zu den Wurzeln zu bringen, ein Nachhall aus vergangenen, primitiveren Zeiten, der uns daran erinnert, dass wir doch nur Tiere sind. Keine Spur von zivilisiertem Verhalten mehr. Die Mädchen bringen durch das enge Dirndl ihre Reize zur Schau, und die Männer lechzen diesem Anblick wie ein Rudel rolliger Hunde hinterher.

Für mich als Soziologiestudenten ist das alles ein herausragendes Phänomen dieser Welt!

Der Schnapsstand peilt den Feierabend an und lässt bereits die Rollläden herunter. Und immer noch fuchteln Hände mit Geldscheinen dem Hochprozentigen hinterher. Bis zur letzten möglichen Sekunde wird hier, man kann nur sagen: gesoffen. Einer geht noch. Ich bin erstaunt über die unerschöpfliche Maßlosigkeit unserer Gattung. Der Rollladen knallt auf die Theke. Aus, vorbei, Feierabend, gute Nacht.


6 Lesermeinungen

  1. Welch "Heldentum"? 14 Tage Malochen auf der Wies`n.
    Während meines Zweiten Bildungeweges nebst Studium (MINT) malochte ich über viele Jahre hinweg vier Nächte pro Woche von 21:00 Uhr bis 04:00 Uhr morgens im Nürnberger Nachtleben. Jeden Samstag ging es darüber hinaus tagsüber zur Maloche in eine Baufirma, in der ich viele praktische und (später nützliche) Dinge und Tätigkeiten erlernte. Geschlafen wurde primär am Sonntag und nach der Schule/Uni. Der Verdienst ermöglichte nicht nur ein sorgenfreies Studium, sondern versorgte zeitgleich Frau (zuhause) und Kind. Selbstreden Auto und Wohnungsmiete inklusive. Acht Jahre später hatte ich genug Geld, nach dem Studium mein eigenen Haus zu bauen. Mit dem Rest gründete ich bald darauf mein erstes eigenes Untenehmen. Verständlich, dass ich das Gejammer der heutigen Jugend nicht verstehe, dass sie mangels Kohle kein Studium beginnen können. – Bitte ein bisschen mehr Ehrgeiz, Sparsamkeit und Strebsamtkeit!

  2. Gedankenexperiment
    Man stelle sich vor, in China würden Studenten während der Studienzeit Bier ausschenken.
    Das ist der Unterschied.

  3. 16 Tage
    Lieber Dominik, die einen arbeiten 16 Tage, die anderen saufen 16 Tage – du verdienst in kurzer Zeit sehr gutes Geld für körperlich anstrengende Arbeit aber geistig stumpfe Arbeit – du schreibst einen fröhlichen Artikel (auch wieder für Geld!) – die Menschen sind Dir egal – ok! – ein Lehrer/Sozialarbeiter verdient die Hälfte – und geht nach der Arbeit nicht „schnapseln“ – ein eher negatives bo äi.

    • Wasn das?
      Liebes Lieselottchen,

      warum trieft dein Kommentar vor Missgunst und wird noch von einer haltlosen Unterstellung abgerundet?

    • Reden ist silber
      Schweigen ist Gold. in diesem Falls wärs wohl das Schreiben. Ein Neid sondergleichen. Wer 2 Wochen diese Arbeitet leistet hat nach 16 Tagen 8-12.000 verdient. Je nachdem wo man bedient. Sein sie kreativ, vlt tut sich dann auch was in Ihrem Geldbeutel

  4. wie heißt der Tanz?
    …Andi und ich versuchen uns im Schuhblatteln auf der Tanzbühne.
    Scheinen echte Norddeutsche zu sein, also „Preissn“.
    Dieser sog. Tanz trägt üblicherweise ein „P“ im Anlaut.
    Schuhplattln!
    Sabbalodd!
    Scheißbreissn

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