Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ein neuer Typus europäischer Akademiker?

| 6 Lesermeinungen

Doppelabschlüsse werden unter Studenten immer beliebter. Doch es summieren sich in ihnen nicht nur die Vor-, sondern auch die Nachteile. Drei Absolventen berichten aus Berlin und Paris.

Studenten im Hörsaal „Emile Boutmy“ an der Sciences Po

Es ist kurz vor acht an einem sonnigen Maimorgen. Wir befinden uns in Paris, 27 rue St-Guillaume, am Hauptgebäude der Sciences Po. Nur wenige hundert Meter weiter, im berühmten Café de Flore, haben Sartre, Camus und Beauvoir in den 1950ern philosophiert und den Pariser Stadtteil St. Germain des Prés zum Zentrum der existentialistischen Philosophie und des modernen französischen Intellektualismus gemacht. Noch immer residieren hier und im angrenzenden Quartier Latin die großen und ruhmreichen Pariser Universitäten Sorbonne und Panthéon-Assas, aber auch die bedeutendsten Grandes Écoles, die seit ihrer Gründung im napoleonischen Zeitalter die Ausbildungsstätten der französischen Elite sind.

An einer dieser Grandes Écoles, der Sciences Po, studiert Lucia seit einem Jahr im Master „Affaires Européennes“ – Europawissenschaften, mit der Spezialisierung auf Sozialpolitik. An diesem Morgen sind die Nerven angespannt, die Semesterabschlussprüfungen stehen an, acht an der Zahl und alle in einem kurzen Zeitraum von zwei Wochen. Mit diesem Prüfungsmarathon geht Lucias Jahr in Frankreich zu Ende, denn Sie absolviert ein Doppelabschlussprogramm, das von der Deutsch-Französischen-Hochschule (DFH) gefördert ist und ab Oktober an der Freien Universität Berlin fortgeführt wird. Für Lucia ein Traummaster, denn lange Zeit hat sie sich für die deutsch-französischen Beziehungen als Jugendbotschafterin engagiert. Zudem erlaubt es ihr dieser Master, in zwei spannenden europäischen Hauptstädten zu studieren.

Doppelabschlüsse im allgemeinen liegen deutschlandweit im Trend, denn immer mehr Studierende schätzen die Möglichkeit, Teile des Studiums an einer Auslandshochschule zu verbringen, sich in einer fremden Kultur einzuleben, dabei in der Regelstudienzeit zu bleiben und nicht mit unflexiblen Universitätsverwaltungen über die Anrechnung von Kursen diskutieren zu müssen. Gerade die deutsch-französischen Programme boomen, weshalb beide Regierungen erst kürzlich mehr Geld für die DFH bereitgestellt haben. Bei den meisten DFH-Programmen übersteigen die Bewerberzahlen stets die Anzahl der vorhandenen Plätze und auch der Deutsche Akademische Austauschdienst attestiert ihnen ein „erhebliches Zukunftspotenzial“ und einen umfassenden „Beitrag zur weiteren Internationalisierung der Hochschulen und zur Verstärkung des Austauschs von Lehrenden und Lernenden“.

Lucia Preiss

Die Deutsch-Französische-Hochschule selbst ist eine der akademisch traditionsreichsten Institutionen der auswärtigen Bildungspolitik Deutschlands und Frankreichs. Als eine der großen Säulen deutsch-französischer Freundschaft wurde die DFH 1997 gegründet, um eine relativ nüchtern formulierte Mission zu erfüllen, die realpolitisch aber weitreichend ist und darin besteht, „deutsch-französische Studiengänge zu initiieren, zu evaluieren und finanziell zu fördern“. Daraus ist das weltweit größte bi-nationale Hochschulnetzwerk entstanden, in dem mittlerweile 6400 Studierende aus beiden Ländern eingeschrieben sind und 185 verschiedene deutsch-französische Studiengänge absolvieren.

Die Deutsch-Französische-Hochschule stellt nicht nur die Qualität der Kurse und Programme sicher, sondern unterstützt Studierende auch mit einem Stipendium. Programme der DFH gibt es mittlerweile an den meisten deutschen Universitäten und Fachhochschulen, ob Lyon und Saarbrücken, Köln und Paris oder Leipzig und Aix-en-Provence, in allen Regionen der beiden Länder und in den meisten Studienrichtungen existieren Partnerschaftsabkommen. Der Unterschied zu normalen Austauschprogrammen wie Erasmus ist der hohe Integrations- und Organisationsgrad der Programme. Jede der Partnerhochschulen hat beispielsweise akademische Koordinatoren und deutsch-französische Professuren, die sich um die Austauschstudenten kümmern und die Programme im Auftrag der DFH betreuen.  

Aber nicht nur an den Grandes Écoles sind eine Vielzahl deutscher Studierender in solchen Programmen eingeschrieben, sondern auch an den großen öffentlichen französischen Universitäten. So wie Sabine und Peter, die im Rahmen des deutsch-französischen BERMÜPA-Programms an der juristischen Fakultät der traditionsreichen Universität Paris 2 Pantheon-Assas Recht studieren. BERMÜPA, das ist die Abkürzung für Berlin, München, Paris, jenen drei Städten, die an das Programm angebunden sind. „Man verbringt zunächst zwei Jahre in Berlin oder München im normalen Jurastudium, dann geht es für eineinhalb Jahre nach Paris. Während unserer Zeit in Paris studieren wir zunächst im drittem Jahr der Licence, dem französischen Äquivalent zum Bachelor und machen am Ende des ersten Jahres den Licence-Abschluss, der in Deutschland als Schwerpunkt im Jurastudium anerkannt wird. Danach absolvieren wir ein Semester eines Masterprogrammes, das in Verbindung mit dem Staatsexamen auch als Master angerechnet wird. Insgesamt haben wir also am Ende drei Abschlüsse“ so Sabine und Peter.

Viele Doppelabschlussprogramme werben mit besseren Berufsaussichten und der Möglichkeit, in neue Kulturen und Sprachen einzutauchen, dies ist auch der Wunsch vieler Studierender, die sich häufig in umfassenden Bewerbungsprozessen um einen der begehrten Plätze durch ein mehrstufiges Auswahlverfahren kämpfen müssen. „Für die Bewerbung musste ich drei Referenzschreiben von Dozenten und Arbeitgebern einholen, Zertifikate und Zeugnisse sowie Lebenslauf und Motivationsschreiben einreichen. Insgesamt war der Bewerbungsaufwand durchaus machbar, jedoch umfassender als an einer normalen deutschen Universität“, stellt Lucia fest – genauso sehen es Peter und Sabine, die sich für das Jurastudium an der Panthéon-Assas mit einem französischen Motivationsschreiben beworben haben und in Berlin einen juristischen Französischkurs bestehen mussten.

Peter Gietl

Obwohl die Bewerbung damit aufwändiger ist und Interviews und die Suche nach Referenzen mit viel Zeitaufwand, Stress und Ungewissheit verbunden sind, war für die drei weniger der Bewerbungsprozess eine große Hürde, sondern viel mehr die Eingewöhnung in das neue akademische System, die anderen Arbeitsmethoden und Bewertungsmaßstäbe. „Das französische System, gerade an den ‚Grandes Écoles‘, ist schon etwas speziell. In den französischsprachigen Kursen gibt es oft sehr strenge Regeln, wie ein Aufsatz auszusehen hat, welche Referenzen man nutzen und wie man argumentieren sollte. Zudem wird dort oft streng bewertet. Obwohl ich schon während meines Bachelors in Frankreich studiert hatte, brauchte ich das erste Semester, um mich wirklich einzufinden. Letztendlich habe ich durch diese Erfahrung aber sehr viel gelernt und kann nun strukturierter denken und schreiben als zuvor“, so Lucia.

Auch für Peter und Sabine verlief der Start in ein neues Rechtssystem und die andere juristische Methodik der Franzosen etwas holprig – „Das französische System unterscheidet sich ziemlich vom deutschen. Die Kurse sind weniger darauf ausgelegt, die Dinge zu verstehen, sondern eher darauf, möglichst viel Wissen in sich aufzunehmen und es exakt wiederzugeben. Insgesamt ist auch der Arbeitsumfang viel größer, insbesondere kurz vor den Prüfungen“. Trotz dieser Unterschiede haben beide sehr von der historischen Ähnlichkeit der Rechtssysteme profitiert, denn „gerade die gemeinsame Sprachbasis Latein, welche das französische und das deutsche Recht gemeinsam haben, sorgt dafür, dass die juristische Terminologie relativ leicht zu verstehen ist“. So war es für Peter hilfreich, sich die Bezüge zwischen den Systemen zu erschließen, um so auch den in Deutschland gelernten Stoff tiefgehender zu verinnerlichen. „Es ist für mich eine spannende intellektuelle Herausforderung in zwei Sprachen, zwei Rechtsphilosophien und bei jeweils ganz anderen Charakteren von Professoren zu studieren. Genau das habe ich bei meiner Bewerbung gesucht, aber natürlich gab es auch Niederlagen und Schwierigkeiten, französische Universitäten arbeiten beispielsweise häufig unflexibler und sind hierarchischer organisiert als deutsche Hochschulen, was frustrierend sein kann. Gerade in Doppelabschlussprogrammen summieren sich nicht nur die Vorteile der beiden Hochschulsystem, sondern auch die Nachteile“.

Gerade die interkulturellen Aspekt sind es, die für Lucia das Jahr in Paris nicht nur akademisch, sondern auch privat bereichernd gemacht haben: „Ich habe viele neue Freunde aus ganz Europa und der ganzen Welt gefunden, deren Bekanntschaft ich nie mehr missen möchte. Zudem hat das Leben in Paris mein kulturelles Interesse an unserem Nachbarland noch einmal verstärkt, denn quasi jede Woche konnten meine Freunde und ich neue wundervolle Ausstellungen in den tollen Museen der Stadt besuchen, auf Konzerte gehen und Zeit an den Ufern der Seine oder im Parc des Buttes Chaumont verbringen“.

Warum nicht eine Deutsch-Polnische Hochschule?

Auch für Peter sind es die persönlichen Aspekte, die Paris zu einem einzigartigen Studienabschnitt machen „die Internationalität und Vielfalt an der Uni und der deutsch-französische Fokus haben mir vor Augen geführt, wie klein die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern sind und wie ähnlich die europäischen Mitgliedsstaaten ticken, aber auch dass diese kleinen Details oft große Wirkung haben“. Ähnliche Erfahrungen hat Sabine in den letzten neun Monaten in Paris gemacht: „Das Programm hat mein Durchhaltevermögen gestärkt. Ich hab für mich herausgefunden, was ich akademisch und beruflich machen möchte und das hat mich für meine Zukunft sehr vorangebracht. Außerdem ist es schön, Menschen aus anderen Ländern oder auch aus Deutschland kennenzulernen, die ähnliche Einstellungen und Vorstellungen haben, wie man selber“.

Für Peter hat das Leben in Frankreich auch eine sehr europäische Tragweite, „die Stadt Paris als Student kennen zu lernen, mit all ihrer Geschichte und Brüchen, die französischen Lebensart. All dies hat mich noch europäischer fühlen lassen und meinen Horizont erweitert. Zudem ist mir noch einmal bewusster geworden, wie entscheidend das deutsch-französische Tandem für das Vorankommen der Europäischen Union ist. Auch deshalb möchte ich mich intensiver für die deutsch-französischen Beziehungen einsetzen“.   

Vielleicht sind es ja gerade solche Doppelabschlüsse, die helfen, Europa enger zusammenrücken zu lassen und ein stärkeres „Wir“-Gefühl auszuprägen. Neue Freundschaften und Einblicke in andere Wissenschaftssysteme schaffen sie auf jeden Fall, und das auf beiden Seiten des Rheins. Und vielleicht sollten solche Doppelprogramme viel stärker auch auf Länder ausgeweitet werden, die bisher gerade bei deutschen und westeuropäischen Studierenden in der Wahl für einen Auslandsaufenthalt nicht zu den allerbeliebtesten gehören. Wie wäre es zum Beispiel mit einer zur DFH gleichwertig ausgestatteten Deutsch-Polnischen Hochschule?

Für die Bildungspolitiker Europas gibt es noch viel zu tun, um wirklich die Zielsetzung des DAAD und der Europäischen Union zu erreichen, einen einheitlichen europäischen Bildungsraum zu schaffen, in dem die Anerkennung von Kursen, der einfache Wechsel von Universitäten und solche Doppelabschlussprogramme nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel darstellen. Doch der Boom von Doppelabschlüssen ist vielversprechend, und wenn dieser weiterhin voranschreitet, könnte ein völlig neuer Typus europäischer Akademiker entstehen. So wünscht es sich der DAAD in seiner Selbstdarstellung und so sehen es auch die drei, die bald in Deutschland ihr Studium mit all den Erfahrungen aus Frankreich fortsetzen werden.


6 Lesermeinungen

  1. Frage
    Zitat: „Man verbringt zunächst zwei Jahre in Berlin oder München im normalen Jurastudium, dann geht es für eineinhalb Jahre nach Paris. Während unserer Zeit in Paris studieren wir zunächst im drittem Jahr der Licence, dem französischen Äquivalent zum Bachelor und machen am Ende des ersten Jahres den Licence-Abschluss, der in Deutschland als Schwerpunkt im Jurastudium anerkannt wird. Danach absolvieren wir ein Semester eines Masterprogrammes, das in Verbindung mit dem Staatsexamen auch als Master angerechnet wird. Insgesamt haben wir also am Ende drei Abschlüsse“.

    Der Ausdruck „3 Abshlüsse“ klingt nach drei erfolgreich abgeschlossenen verschiedenen Studiengängen.

    Zunächst einmal fehlt da das nötige „Understatement“
    (auf deutsch könnte man sagen: es grenzt an „Hochstapelei“).

    Es gibt im deutschen Jurastudium sowieso keinen „Bachelor“ oder „Master“.
    Es gibt eine „Zwischenprüfung“ und ein „1. Staatsexamen“.
    Wenn man beide besteht, hat man nicht „am Ende zwei Abschlüsse“, sondern „sein Studium erfolgreich abgeschlossen“.

    Welchem von beiden die französische „Licence“ angerechnet wird oder ob es das eine Jahr der Beschäftigung mit „ausländischem Recht in der Sprache dieses Rechts“ ist, das in unserem Jurastudium vorgeschrieben ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Der eigentliche „Abschluss“ ist aber das 1. Staatsexamen. Alle anderen „Abschlüsse“ sind Vorprüfungen, ohne die man diesen (echten) Abschluss nicht machen kann.

    Ich möchte niemandens Leistung schmälern, aber das mit den „drei Abschlüssen“ erscheint mit ziemlich fragwürdig.

    Als Mediziner habe ich die „ärztliche Vorprüfung“ (Physikum) und drei Staatsexamen hinter mich gebracht.

    Deswegen habe ich am Ende noch lange keine „4 Abschlüsse“.

    • @Thomas: Das ist nicht korrekt
      … denn es sind schon drei Abschlüsse: Licence, Master, Staatsexamen. Das ist ja gerade der Clou von ‚mulitple degree‘-Programmen, dass man nicht mehrere Studiengänge von Anfang bis Ende durchstudiert, sondern durch die Kooperation der Programme – zumeist international – mehrere Abschlüsse vergeben werden können.
      Physikum, Zwischenprüfungen etc. sind ein anderer Fall, hier sind es Zwischenschritte im Studium auf einen Abschluss hin und kein Abschluss an sich (weil eben der Studiengang damit nicht ‚abgeschlossen‘, beendet wird).

  2. Prof. Dr.
    Unser deutsch-polnischer BA-Doppelstudiengang Interkulturelle Germanistik der Europa Universität Viadrina (Frankfurt Oder) und der polnischen Adam Mickiewicz Universität (Posen), der am Collegium Polonicum in Slubice (einer Gemeinschafteinrichtung dieser beiden Universitäten auf dem polnischen Ufer der Oder) seit 2011 realisiert wird, bestätigt die These von Herrn Hanschke. Der Studiengang funktioniert und wird von Studierenden gut angenommen. Die Seminargruppen sind sehr heterogen, nicht nur deutsch-polnisch, auf diese Weise ist auch die Interkulturalität unsere Basis dieses Studienganges.

  3. Ist nicht
    gerade als Jurist Sprache das A&O beim Studium? Da muss man fast schon zweisprachig aufwachsen, um da überhaupt in einer zweiten Sprache Jura studieren zu können. Was ist ein Doppelabschluss wert, wenn man am Ende weder das eine noch das andere System zu 100% kennt. Ich denke, viele Fächer sind besser geeignet für einen europäischen Akademiker…

  4. Austauschprogramme
    Ich gebe Ihnen recht, aber stark müssen wir vor allem in der echten Zusammenarbeit sein, Betonung auf „Arbeit“. Softwareentwickler, Physiker, Elektroniker, Lehrer, Handwerker, Manager etc. Zu oft wählen Studenten aus Fächern diese Programme, deren Nutzen für die Wirtschaft sich später mal in ihren Einkommen spiegeln wird.

  5. Schade...
    …dass solche Programme immer noch die Ausnahme sind.
    Die Wichtigkeit des tiefgreifenden Austausches mit unseren Nachbarn kann nicht genug betont werden.
    Wir Europäer müssen uns darüber bewusst werden, dass wir nur gemeinsam stark sind.

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