Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Geisteswissenschaften als Staatsaufgabe

| 46 Lesermeinungen

Der Staat geht mit jungen Geisteswissenschaftlern um, als ginge es um fehlgeleitete Schwärmer, deren Hobby zu finanzieren ist. Einen gesellschaftlichen Nutzen scheint keiner mehr zu sehen. Ein Appell zur Reformierung der geisteswissenschaftlichen Karrierewege.

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Es war ein kalter Februarmorgen, und ich war mit meinem Fahrrad unterwegs zur Freien Universität Berlin. In der Tasche hatte ich einen Reisemittelantrag, denn bald sollte es zum Archivkurs nach Rom gehen. Doch es kam anders: Ein Radfahrer schnitt mir verkehrswidrig den Weg ab, ich stürzte und verletzte mich schwer.

Sobald ich dazu in der Lage war, meldete ich den anstehenden mehrmonatigen Arbeitsausfall der Verwaltungsstelle für mein vom Land Berlin vergebenes Promotionsstipendium. Dort wurde mir dann eröffnet, welchen Weg dieses Bundesland als Stipendiengeber für seine Nachwuchs-Spitzenkräfte vorsieht, wenn diese schwer verunfallen: Ich würde ja nun für mehrere Monate nicht an meiner Promotion arbeiten, da könne man mir auch kein Stipendium zahlen. Es gebe aber eine Härtefallregelung mit kurzer Schonzeit und einer befristeten, sozial begründeten Zahlung von 500 Euro monatlich (statt zuvor 1000 Euro steuerfrei, vor Abzug der Krankenversicherung, an der sich kein Arbeitgeber beteiligt). Die krankheitsbedingt verlorene Zeit könne nicht hinten angehängt werden; wie ich die Beendigung meiner auf drei Jahre konzipierten Promotion nach Auslaufen der Förderzeit finanzieren würde, das müsste ich schon selbst sehen, vielleicht würden ja meine Eltern einspringen?

Schwere Verletzung nach einem Fahrradunfall? Nach § 10 NaFöVO ist das eine „Unterbrechung des (Promotions-)Vorhabens“, die auch die Zahlungen unterbrechen lässt.© mgg.Schwere Verletzung nach einem Fahrradunfall? Nach § 10 NaFöVO ist das eine „Unterbrechung des (Promotions-)Vorhabens“, die auch die Zahlungen unterbrechen lässt.

Das Erlebnis zeigt wie durch ein Brennglas, wie wir als Gesellschaft derzeit dem geisteswissenschaftlichen Nachwuchs gegenübertreten. Förderungswürdig ist ein Promotionskandidat nur, wenn er funktioniert; die allgemein gesetzlich festgeschriebene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gilt für ihn nicht. Diese Einstellung einer Gesellschaft zum eigenen Nachwuchs kann man getrost als unmenschlich bezeichnen. Wenn der Promovend in dieser Situation nun Hartz-IV beantragt, wird ihm dies im Übrigen allen Ernstes als „Qualifikationszeit“ im Sinne des zurzeit in Rede stehenden „Wissenschaftszeitvertragsgesetzes“ angerechnet. Das bedeutet nichts anderes, als dass der Gesetzgeber Arbeitslosengeld II als gängiges Mittel zur Finanzierung des wissenschaftlichen Nachwuchses ansieht. Rentenpunkte sammelt der Stipendiat während der Promotion im Übrigen auch nicht.

Überhaupt scheint man mindestens im Land Berlin zu meinen, mit einem Stipendium nicht etwa den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, sondern einigen Schöngeistern ihr Hobby zu finanzieren. So hatte ich der (promovierten) Stipendienverwalterin unmittelbar nach Erhalt der Stipendienzusage freudestrahlend berichtet, dass ich in zwei Wochen heiraten würde. Sie wurde ganz geschäftig, da ja noch meine individuelle Stipendienhöhe zu berechnen sei. Schnell hatte sie überschlagen, dass mein gerade bewilligtes Stipendium dann ja vollständig mit dem Gehalt meiner Frau – einer bald (nach Geburt unseres Kindes) in Teilzeit arbeitenden Berufsanfängerin– zu verrechnen sei. Die Logik dahinter ist verquer: Die zunächst diagnostizierte unbedingte Förderwürdigkeit eines Promotionsprojekts fällt weg, wenn der Kandidat seinen Zivilstand ändert. Oder anders gesagt: Grundsätzlich ist eine geisteswissenschaftliche Promotion durch den Ehepartner (mit) zu finanzieren. Das vielbeschworene Leistungsprinzip wird hier durch sachfremde Erwägungen ausgehebelt. Mein Promotionsprojekt konnte ich wie viele meiner Kollegen aufgrund der zu kurz bemessenen Förderperiode am Ende nur durch Zahlungen meiner Frau und meiner Eltern aufrechterhalten – ein klares soziales Selektionskriterium und nicht etwa die erstrebte „Bestenauslese“.

So gut wie jede Stelle und Förderung an Universitäten ist befristet.© mgg.So gut wie jede Stelle und Förderung an Universitäten ist befristet.

Die Absurditäten der geisteswissenschaftlichen Karriereerfahrungen enden allerdings keineswegs mit dem Abschluss der Promotion. Eigentlich hatte die Bologna-Reform im Jahr 2002 Klarheit schaffen sollen, indem als nächster Karriereschritt die Junior-Professur eingeführt wurde. Dem Ideal nach sollte sie den akademischen Nachwuchs nach Abschluss der Promotion aus der bisher geübten Abhängigkeit von einem bestimmten Professor lösen und – unter Wegfall der bisher erforderlichen Habilitationsschrift – und in Ausübung des Berufs für die Übernahme eines endgültigen Lehrstuhls qualifizieren (F.A.Z. vom 30. August 2013). Dazu wurden jegliche Dauerstellen im Mittelbau weitgehend beseitigt und noch dazu ein Zwangsinstrument eingeführt: Wer nach sechs Jahren keinen Professortitel erlangt hat, darf sich nicht auf weitere, durch die öffentliche Hand finanzierte Stellen in der Wissenschaft bewerben, wobei hier, wie oben erwähnt, sogar Hartz-IV-Zeiten als Qualifikationszeit angerechnet werden.

Da die Reformen im Umfeld des Bologna-Prozesses jedoch vom System her, nicht aber zum Wohl der Beteiligten und mit Blick auf die Gangbarkeit ihrer Karrierewege entworfen wurden, und da sie gegen den unvorstellbaren Traditionalismus an deutschen Universitäten nicht ankamen, bietet sich dem geisteswissenschaftlichen Nachwuchs heute eine absurde Situation: Erringt ein Nachwuchswissenschaftler eine Juniorprofessor-Stelle, muss er grundsätzlich allen Pflichten eines Professors nachkommen; gleichzeitig soll er eine Habilitationsschrift verfassen, für die seine Anstellung qua Systemwidrigkeit gar kein Zeitdeputat vorsieht. Manchmal wird man auch ohne Habilitation auf ein Professorenamt berufen, oft aber führt das Nichtvorliegen einer solchen zur pauschalen Ablehnung von Kandidaten.

Eine menschenfeindliche Situation

Eine weitere Alternative ist für den frisch Promovierten die „Lehrkraft für besondere Aufgaben“. Diese wurde als nachträglicher Flicken für die Bologna-Reform geschaffen, als man bemerkte, dass mit dem Wegbrechen der Dauerstellen im Mittelbau die Lehr- und Administrationsverpflichtungen der Professoren ins Unermessliche stiegen. Die entsprechenden Stellen werden zwar als Qualifikationsstellen ausgeschrieben, doch ist das Lehrdeputat auch hier zumeist so hoch, dass die geforderte Habilitationsschrift – oft kaschiert als Forderung nach dem „zweiten Buch“ – meist nur unter größten Opfern (die oft die Familienplanung betreffen) verfasst werden kann. Abermals liegt hier eine Qualifikationsstelle ohne Qualifikationsmöglichkeit vor, so dass es auch auf diesem Karriereweg vielen nicht gelingt, sich innerhalb der Sechsjahresfrist auf eine Professur zu bewerben. Die Weiterqualifikation kann dann nur durch Drittmittel-Projekte erfolgen, und wenn der Antrag hierfür scheitert, steht man trotz jahrelanger Arbeit für Staat und Gesellschaft auf der Straße. Das kann nur richtig finden, wer dem Glauben anhängt, in Wahrheit übe die Lehrkraft nur ihr Hobby aus oder verrichte die Stelle vor allem als Ausbildungsstelle. Wer aber würde so ein Vorgehen etwa bei einem Lehrer für richtig halten?

Für die meisten unklar: Wie geht es weiter nach der Promotion?© mgg.Für die meisten unklar: Wie geht es weiter nach der Promotion?

Diese bis ins Absurde gesteigerte menschenfeindliche Situation ist für den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs an deutschen Universitäten aus mehreren Gründen entstanden. Zum einen hat die Bologna-Reform zu einer neuen, bisher ungekannten Blüte sachfremder Traditionalismen geführt. Die deutsche Universität kennt aus ihrer Vergangenheit gerade in den Geisteswissenschaften Elemente einer Honoratioren-Universität, die das Professorenamt in Anlehnung an den Geniekult und das Humboldtsche Selbstvervollkommnungs-Ideal mit quasi sakralen Erwartungshaltungen und fixen Verlaufsvorstellungen an die Gelehrtenbiographie überfrachtete. Daraus erklärt sich auch das systemwidrige, im Ausland oft auf Unverständnis stoßende Festhalten am Habilitations-Erfordernis. Die 68er-Bewegung konnte den „Muff unter den Talaren“ zwar graduell beseitigen, doch konnte selbiger 2002 im neuen Gewand neoliberaler Kontroll- und Evaluierungsphantasien der Beraterkaste fröhliche Urständ feiern.

Einerseits betrachten wir die Universität als sakralen Ort, andererseits konnten sich um das Jahr 2002, in der Hochzeit neoliberaler Gesellschaftseinstellungen, Ängste vor „faulen Säcken“ und – horribile dictu – unkontrolliert arbeitenden jungen Menschen in einer Weise entwickeln, dass in der Wissenschaft heute erlaubt ist, was in unserer Sozialen Marktwirtschaft sonst aus guten Gründen verpönt ist: sachgrundlose Befristungen, ein Steuerungsprozesse ermöglichendes Klima ständiger Existenzangst, eine ins Unendliche gedehnte Qualifikationsphase und offen geäußerte Selektionsphantasien (Volker Rieble in der F.A.Z. vom 29. Februar 2012), auf deren unheilvolle deutsche Tradition später zu Recht hingewiesen worden ist (Eberhard König in der F.A.Z. vom 4. April 2012).

Immer noch richtet sich an deutschen Universitäten eine geradezu sakrale Erwartungshaltung an die Professur.© mgg.Immer noch richtet sich an deutschen Universitäten eine geradezu sakrale Erwartungshaltung an die Professur.

Manche wurden in diesem System glücklich, indem sie systemadäquate Selbstoptimierungsphantasien entwarfen (siehe Daniel Hornuff in der F.A.Z. vom 2. Mai 2012). An seine Grenzen stoßen diese Phantasien jedoch, wenn man, wie in meinem Fall, längerfristig erkrankt oder ernsthaft Kinder betreut. Das System einer Uni der Besten der Besten schlägt die Bedürfnisse der Beteiligten in absoluter Weise; dass dabei ganze Familien in Sippenhaft genommen werden, und es mittlerweile zur gängigen Praxis gehört, dass der an der Uni beschäftigte Vater beispielsweise mit den Kindern in Köln lebt, die ebenfalls an einer Hochschule beschäftigte Mutter aber in Darmstadt arbeitet, muss hinnehmen, wer weiter Wissenschaft betreiben möchte. Ist sie in den Augen der Planer am Ende nur etwas für Singles und allzeit Gesunde? Teilzeit in der Wissenschaft gibt es realiter nicht – der Kandidat wird an der nächsten Karriereecke an verabsolutierten Altersgrenzen sowie fixen Erwartungen hinsichtlich Publikationsmasse und -geschwindigkeit scheitern.

Einer der Hauptgründe für die Misere speziell der Geisteswissenschaften scheint mir außerdem zu sein, dass wir es, wie anfangs am Beispiel des Stipendiensystems aufgezeigt, nicht mehr wirklich ernst meinen mit diesem Wissenschaftszweig. Er ist nicht unmittelbar in der Lage, seine ökonomische Nützlichkeit zu erweisen, und das hat zur Hochzeit des Neoliberalismus lange nicht zum Zeitgeist gepasst (dem Wesen nach gelingt das Wissenschaft allerdings ohnehin nicht).

Wir brauchen eine Bedarfsplanung für die Geisteswissenschaft

Nun aber wird allerorts eine zunehmende Verflachung unserer Gesellschaft beklagt, und wenn wir nur übers Fernsehprogramm klagen. Vor allem aber fällt in einer Zeit schrill geführter Flüchtlingsdebatten  immer mehr auf, dass unserer Gesellschaft die Fähigkeit abhanden gekommen ist, in angemessener Form über elementare Sinn- und Identitätsfragen zu verhandeln. Und das hat sicher auch mit der Marginalisierung professionalisierter und der Gesellschaft verpflichteter Geisteswissenschaftler zu tun, deren Stimmen im öffentlichen Diskurs nicht oder kaum mehr zu hören sind.

Bevor wir also im Folgenden die Grundzüge eines Ideals von Geisteswissenschaften der Zukunft entwerfen, sollten wir innehalten und uns dafür entscheiden, diesen Wissenschaftszweig bewusst (wieder) als eine unserer gesellschaftlichen Kernaufgaben anzunehmen. Wir müssen uns wieder darüber klar werden, dass wir uns als Gesellschaft die Suche nach der Erkenntnis  auch im Bereich der Wissenschaft vom Menschen leisten wollen müssen: Wir müssen auf professionellem Niveau existenzielle Geistesfragen stellen, Fragen danach, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir wollen. Insgesamt müssen wir es uns noch einmal klarmachen: Wir halten uns die Geisteswissenschaften nicht, um anderen Menschen ihr Hobby zu finanzieren, sondern weil wir begriffen haben, dass, pathetisch gesprochen, Erkenntnissuche den Menschen erst zum Menschen macht.

Lebte das "humboldtsche Bildungsideal", das sein Bruder Wilhelm ersann: Alexander von Humboldt© www.lichtbildrausch.deErfüllte das “humboldtsche Bildungsideal”, das sein Bruder Wilhelm ersann: Alexander von Humboldt

Haben wir die universitäre Geisteswissenschaft als gesellschaftliche Aufgabe erst einmal akzeptiert, und sind wir bereit, von unserer traditionalistischen und neoliberalen Überfrachtung der Universität abzulassen, so ergeben sich die Folgerungen von selbst. Dann müssen wir nämlich jene Erwägungen von Dienstpflicht und Treue, von Kündigungsschutz und planbaren Karrieren, von Teilzeit zur Persönlichkeitsentfaltung, Kindererziehung und Pflege ernst nehmen, wie wir sie als soziale Gesellschaft zumindest dem Ideal nach auch allen anderen Arbeitnehmern und Beamten zukommen lassen wollen.

Das heißt konkret: Wir brauchen eine Bedarfsplanung für die Geisteswissenschaft. Wie viele Stellen sind realistischerweise notwendig, um Forschung und Lehre zu bewerkstelligen? Dabei ist dann eine realistische Zeitplanung für Forschung und die Vor- und Nachbereitung der Lehre zugrunde zu legen. Die resultierende Stellenanzahl ist dann voll auszufinanzieren – und es müssten angesichts der an einen Kahlschlag grenzenden Kürzungen der letzten Jahrzehnte ganz wesentlich mehr Stellen sein, als es heute sind. Dass das finanziell möglich ist, ist vollkommen klar; der Etat von Frau Wanka ist gerade um 25 Prozent angehoben worden, und unsere Kanzlerin hat die „Bildungsrepublik Deutschland“, die im Jahr 2015 so viele Steuern eingenommen hat wie noch nie, zum Staatsziel ausgerufen – es ist also politisch gewollt, mit der sachlich erforderlichen Universitätsfinanzierung ernst zu machen. Dass es sich hier um Bundesmittel handelt, darf doch im Ernst nicht verhindern, dass diese Mittel nun nachhaltiger eingesetzt werden als bisher – das Kooperationsverbot soll ja fallen. Auf jeden Fall wird es bei dem Engagement des Bundes um nachhaltige und langfristige Finanzierungsmodelle gehen müssen und nicht um eine neue Welle von „Exzellenz“-Initiativen, die das Unwesen von Befristungen und unklaren Karrierewegen in der Vergangenheit nur weiter befeuert haben. Derzeit geht der Trend im Übrigen genau in die entgegengesetzte Richtung: So gut wie alle Universitäten sind einem extremen Spardruck unterworfen; allein die Uni Jena soll mehr als 125 Vollzeitstellen abbauen.

Stipendien als milde Gabe

Die Akzeptanz der Geisteswissenschaft als Staatsaufgabe hat dabei auch Konsequenzen für die Ausgestaltung der Promotionsphase. Wer heute promoviert, hat bereits zwei Universitätsabschlüsse errungen und ist bereits eine der vielbeschworenen akademischen „Fachkräfte“ – selbstverständlich ist eine Promotion gleichbedeutend mit Forschung und kein bloßer weiterer Qualifikationsnachweis. Daraus folgt, dass die Promotionsfinanzierung förderwürdiger Projekte nicht als milde Gabe, sondern in Gehaltsform zu organisieren ist; das Gehalt ist im Krankheitsfall weiterzuzahlen und auf die Rentenzeiten anzurechnen.

© Archiv“Wissenschaft als Beruf” – auch knapp hundert Jahre nach Max Weber noch ein Thema

Wenn wir Geisteswissenschaft wollen, dann müssen wir außerdem weitere Realitäten anerkennen: Kandidaten können ab einem gewissen Punkt kaum mehr in die freie Wirtschaft zurückkehren. Sie treiben kein Hobby, sondern forschen und lehren für unsere Gesellschaft; sie gehen also der Gesellschaft gegenüber Verpflichtungen ein, die der Staat mit einer Treueverpflichtung vergelten muss – einer amtsangemessenen Besoldung mindestens auf dem Niveau eines (aus guten Gründen gut verdienenden) Gymnasiallehrers und einer Dauereinstellung. Wenn es um die Verrichtung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben geht, dürfen wir als Staat nicht die Not und Motivation Einzelner abschöpfen und in Scheinselbständigkeit Gehälter weit unterhalb des Mindestlohns zahlen. Das tun wir aber derzeit: Die geisteswissenschaftliche Lehre wird an manchem Institut zu einem Viertel an lächerlich bezahlte externe Lehrbeauftragte ausgelagert; Privatdozenten werden sogar verpflichtet, umsonst Lehrveranstaltungen zu leisten. Dieser Zwang zu entgeltfreier Verrichtung einer Staatsaufgabe, nämlich der Bildung, ist schlicht ein Skandal.

Die Rückkehr des Mittelbaus

Die Ausgestaltung der unterschiedlichen Universitäts-Stellen wiederum muss von den Karrierewegen her gedacht werden – diese müssen transparent, planbar und machbar gehalten werden. Die daraus resultierenden Karrierewege dürfen dabei nicht – wie heute – sachfremd lange, oft über zwanzig Jahre dauernde Qualifikationsphasen beinhalten; wir bedürfen der Habilitation als mittlerweile viertem Qualitätserweis nicht mehr, sie gehört in Zeiten von Bachelor, Master, Promotion und anschließendem Training on the Job konsequent abgeschafft. Die geplanten Karrierewege müssen machbar, sie dürfen aber nicht starr sein, denn wir brauchen auch gute Strategien für einen nachträglichen Eintritt in das System – zur Abschöpfung von Erfahrungswissen aus der außeruniversitären Welt. Andererseits müssen gute Exit-Strategien geschaffen werden, für den Fall, dass jemand doch ausscheiden will oder muss. Hier geht es beispielsweise um gute Querqualifikationswege, damit ein Promovierter mit Magisterabschluss auf sinnvollem Wege zum Gymnasiallehrer werden kann – schließlich handelt es sich hier oft um die Besten eines Jahrgangs, deren fachbezogene Fähigkeiten nicht verschwendet werden dürfen.

Karrierewege rund um die Wissenschaft sollten transparent und planbar konzipiert werden.© mgg.Karrierewege rund um die Wissenschaft sollten transparent und planbar konzipiert werden.

Außerdem ist dem Philosophen Tobias Rosefeldt zuzustimmen, der in revolutionärer Weise erstmals in der F.A.Z. vom 29. Februar 2015 forderte, dass eine Dauereinstellung in der Regel bereits um die 30 erfolgen sollte. Dies ist bereits gängige Praxis etwa bei Lehrern und Staatsbeamten, und es gibt keinen Grund, es den Forschenden und Lehrenden zu verwehren. Im Zuge dessen würden auch die seit 2012 öffentlich zutage getretenen Probleme der Privatdozentur gelöst; die entsprechenden Kandidaten würden im hier vorgeschlagenen Modell schon zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere in den Universitäts-Dienst integriert.

Auch wenn ich die Lagebeurteilung von Herrn Rosefeldt weitgehend teile, würde ich einen Punkt seines Lösungsvorschlags modifizieren wollen. Ich glaube, wir brauchen nicht die Abschaffung des Mittelbaus, sondern vielmehr dessen erneuten Aufbau in Form von Dauerstellen. Ein Problem ist heute, dass jeder Forscher am Ende Professor werden muss, und dieses Problem würde in Rosefeldts Vorschlag weitgehend fortgeschrieben. Besser wäre es, entsprechend der unterschiedlichen Aufgaben und unterschiedlichen Ambitionen der Kandidaten ein breiteres Angebot vom Akademischen Rat (dem „Lecturer“) bis hin zum Professor als besondere Leistungsstelle vorzuhalten. Auch diese Differenzierung kennt jede andere staatliche Karriereform.

Holzhammer der Existenzangst

Rosefeldt hatte seinen Vorschlag wohl so formuliert, wie er es tat, weil der Ruf nach den Akademischen Räten bei vielen Beteiligten Assoziationen mit der „Mittelbauuniversität“ der Siebziger und ihrer angeblichen Versorgungsmentalität wecken. Diese Gefahr wird jedoch nur bestehen, wenn die Besetzung der Mittelbaustellen auch weiterhin von einzelnen Professoren abhängig ist, die bisherige Klientelismus-Gefahr also fortgeschrieben wird. Im Grunde ist die „Versorgungsuniversität“ angesichts der heutigen Stellenverknappung gegenüber den siebziger Jahren ja sogar noch auf die Spitze getrieben. Heute erfolgt die Auswahl von Themen und Kandidaten – von der studentischen Hilfskraft bis zum späteren Kollegen – im Wesentlichen allein durch die Professoren; ein solches System dient weder der Innovation (wer will schon dem Professor widersprechen?), noch einer Bestenauswahl nach möglichst objektivierten Kriterien.

Kernbegriffe der Debatte um die Geisteswissenschaften: Forschung – Stellen – Mittelbau© mgg.Kernbegriffe der Debatte um die Geisteswissenschaften: Forschung – Stellen – Mittelbau

Zu einem Abbau der einem solchen System inhärenten Klientelismusgefahr würde allein die Verbreiterung der Stellenbasis führen. Amerikanische und englische Universitäten, die uns ja sonst als leuchtende Vorbilder dienen, zeigen auf, dass „Tenure-Track“ und Mittelbaustellen auf Lebenszeit durchaus optimal funktionieren.

Die Mittelbau-Angehörigen werden im Rahmen dessen, was ein Arbeitgeber von einem Angestellten verlangen darf (und nicht etwa dem aus dem pseudo-sakral oder durch Leistungstrunkenheit gerechtfertigten Durchgriff auf die gesamte Person), ihr Bestes geben und gleichzeitig gute Eltern ihrer Kinder und seelisch gesünder sein. Es gibt genug Gründe, gut zu sein, es bedarf nicht des Holzhammers der Existenzangst. Die Uni würde, wie dies in Amerika und England gängige Praxis ist, versuchen, ihre guten Kandidaten zu halten und zu motivieren, anstatt ständiges Umziehen mit all den Umarbeitungs- und Einarbeitungszeiten und sozialen Kosten als Mittel zur Qualitätssteigerung zu verkaufen. Vielleicht ist der Mittelbau gerade auf diese Weise zu besonders kreativen, in neue Richtungen weisenden Gedanken in der Lage. Und er wird außerdem stärker in der Lage sein, jedem Forschungsgegenstand die geeignete Form zu geben, anstatt wie heute einem hohen Publikationsdruck kurz gefasster Aufsätze ausgesetzt zu sein.

Familienfreundlichkeit ist eine Herausforderung auch für Universitäten.© mgg.Familienfreundlichkeit ist eine Herausforderung auch für Universitäten.

Und wer ganz besondere Anreize braucht und ein verschärftes Wettbewerbsklima vorzieht, für den wird es ja auch weiterhin das Professorenamt geben – nur wird dieses durch einen neuen, motivierten Mittelbau wesentlich stärker entlastet sein und sich auf Forschung und Lehre auch wirklich konzentrieren können.

Eine wesentliche Folge des hier skizzierten Modells bestünde schließlich auch in einem erheblichen Qualitäts- und Innovationsschub innerhalb der Geisteswissenschaften. So würde die Verbreiterung der Stellenbasis und eine Verminderung direkter Abhängigkeiten dazu führen, dass es zukünftig möglich sein wird, die einzelnen Fächer wieder in der notwendigen Breite ihrer Ansätze, Methoden und Spezialisierungen abzubilden. Die derzeitige extreme Stellenverknappung sorgt nämlich dafür, dass sich ganze Fachgruppen langfristig auf ausgewählte Forschungsausschnitte festlegen müssen und damit absolut grundständige Forschungsfragen gar nicht mehr weiter verfolgt werden können. Die hier geforderte Reform würde so auf nachhaltige Weise einen echten Wettbewerb der Methoden und damit den von der Politik ja dringend eingeforderten „Exzellenz“-Schub ermöglichen.


46 Lesermeinungen

  1. nebenbeigesagt sagt:

    Freiheit und Unsicherheit
    Der Autor hat ja recht, dass wir im Mittelbau mehr Dauerstellen brauchen, um die Fixierung geisteswissenschaftlicher Karrieren auf die Professur aufzubrechen; und dass diese Dauerstellen in offenen Verfahren vergeben werden müssen, sodass – ähnlich wie (idealerweise) bei der Besetzung einer Professur – externe BewerberInnen genauso große Chancen haben wie interne. Aber das wird nichts daran ändern, dass diese Stellen immer rar sind und es einen harten Wettbewerb um sie geben wird, der mit sicheren Berufsperspektiven nichts zu tun hat. Das ist auch in den USA nicht anders, wo der Wettbewerb unerfreuliche Blüten treibt – einen panischen Run auf eine Veröffentlichung in Top-Zeitschriften oder extreme Spezialisierung, um ja auf einem bestimmten Gebiet die Expertin zu werden, die niemand übersehen kann. Es ist nun einmal ein Privileg, auf Staatskosten den eigenen Interessen nachgehen zu können, und dieses Privileg kann nicht anders als knapp sein. Das heisst nicht, dass geisteswissenschaftliche Forschung nutzloser Luxus sei. In einer so komplexen Weltlage, wie sie zur Zeit herrscht, ist eine beständige Reflexion auf unsere kulturellen Grundlagen unverzichtbar. Aber diese Reflexion geschieht am besten, indem man der Neugier einzelner freien Lauf lässt – und diese einzelnen haben dann eben das Privileg, ihren Interessen nachzugehen.
    Es wirkt merkwürdig, dass der Autor einerseits die akademische Freiheit der „unkontrolliert arbeitenden jungen Menschen“ fordert – was sehr zu unterstützen ist -, andererseits Sicherheit und Planbarkeit am besten direkt nach dem Master. Wenn man bereits Promovierenden eine verlässliche Absicherung auf Lebenszeit in Aussicht stellt, bindet man die entsprechenden Mittel auf Jahrzehnte. Es wird eine unerträgliche Konkurrenz um diese Positionen geben, und wer dabei verliert, ist draussen für immer. Das ist auch keine wünschenswerte Alternative. Wer sich auf eine geisteswissenschaftliche Karriere einlässt, muss Unsicherheit aushalten können; das weiß schon jeder Erstsemester. Das schliesst, wie gesagt, nicht aus, dass man das gegenwärtige System der Professur als nahezu einziger akademischer Dauerstelle korrigiert und nach angelsächsischem Vorbild Lecturer-Positionen einführt.
    Davon abgesehen, operiert der Autor mit Klischees und sehr allgemeinen Formulierungen, die man gerne mit etwas mehr Inhalt gefüllt sähe. Die kritisierte Habilitation etwa hat ihren Sinn darin, dass eine Wissenschaftlerin zeigt, dass sie neben der Promotion über ein weiteres Gebiet eigenständig sehr gute Forschungen leisten kann, bevor man ihr lebenslange staatlich finanzierte Forschungsfreiheit gibt. Juniorprofessuren verschaffen eine vergleichbare Möglichkeit; dafür haben Juniorprofessuren auch nur die halben Lehrverpflichtungen von regulären Professuren. (Die am schlimmsten Ausgebeuteten sind die „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“, die z.T. 18 Stunden Lehrdeputat haben. Dieses an der Schule orientierte Stellenmodell sollte man sofort abschaffen und in akademische Lecturer-Stellen umwandeln.) Der Ausweg Gymnasiallehrer steht seit langem auch Quereinsteigern offen. Wie bitte schön soll ermittelt werden, welchen Bedarf eine Gesellschaft an Geisteswissenschaften hat? Braucht sie 100 oder 200 Philosophen? Vor 30 Jahren hätte man sich vermutlich leicht darauf einigen können, dass 10 Islamwissenschaftler ausreichen. Heute könnte man 1000 gebrauchen. Und wo sind eigentlich die Professoren, die keinen Widerspruch dulden und dadurch einen „erheblichen Qualitäts- und Innovationsschub innerhalb der Geisteswissenschaften“ unterbinden?

  2. Dr. Herbert Ronzheimer sagt:

    Projektbasierte Fremdfinanzierung so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn
    Wieso sollte man eigentlich Sonderregeln aufstellen für die sogenannten Geisteswissenschaften? Tatsächlich liegt der tatsächliche Bedarf in der Nähe der Wahrnehmungsschwelle und das führt dazu, dass eine Finanzierung innerhalb eines Projektes aus der Privatwirtschaft, aus öffentlicher Forschung oder NGO so wahrscheinlich sind wie ein Lottogewinn. Stattdessen studieren aber tausende und konzentrieren sich dabei auf Tätigkeitsfelder, die die spätere Verwendbarkeit noch unwahrscheinlicher dastehen lassen.

    Eine Nischenforschung in einer Nischenwissenschaft kann aber gesellschaftlich nicht sinnvoll sein – deren Förderung sollte sich daher auf das unbedingt Notwendige beschränken. Immerhin führt doch der Bezug von Hartz IV nicht zum Ausschluss des Studiums, also zeigt der Staat hier schon übergroßes Entgegenkommen, das er bei anderen Weiterbildungen keineswegs an den Tag legt.

    In Deutschland gibt es Forschungsfelder zum Beispiel auf dem Gebiet der Sprachforschung indigener Sprachen, bei denen es mehr Studenten gibt als die Sprache aktive Sprecher hat oder jemals hatte. Es ist absurd, dort die Heranbildung von Forschern zu finanzieren, bei denen keinerlei Zukunftsprognose abseits von Hartz IV denkbar erscheint, weil es einfach niemanden gibt, der dieses Wissen braucht.

    In manchen Bereichen werden Forschungsarbeiten produziert, die auf der ganzen Welt nicht mehr als eine Handvoll Leser findet, wenn sie sie überhaupt findet. Das ist doch alles kein Geheimnis, die Leserzahlen kann man ermitteln, die verkauften Exemplare auch. Sicher wäre das für manche Forschungsbereiche peinlich, wenn man deren objektive Bedeutungslosigkeit feststellen würde.

    Aber immerhin darin kann ich Ihnen zustimmen: In Deutschland muss überlegt werden, wie man mit verschiedenen Geisteswissenschaften umgeht. Nur geht eben meine Forderung keineswegs in die Richtung größerer Förderung. Die Zeiten, als man sich von schöngeistigen Themen eine Besserung der Gesellschaft versprach – zuerst im Rahmen des Humanismus, später als Medium der Politisierung der Gesellschaft – diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

  3. Bernd E. Scholz sagt:

    Wir schaffen das nicht
    Seit 1984 bin ich aus dem Unibetrieb raus. Seinerzeit wurden die Kosten für die Promotion vom Finanzamt nicht anerkannt. Es galt als Hobby, und schlug ohnehin fehl, auch mangels Mittel. Der SDS nannte das Lesen von Dostojewskij im russischen Original 1968 in einem Flugblatt in Frankfurt “luxurierende Freizeitbeschäftigung”. Klassenkameraden gingen den Weg in die Schule oder wurden Juristen. Irgendwie kam jeder noch durch. “Bologna” dann mag als Bezeichnung für eine Pizza angehen, zu einer Neustrukturierung (Organisation) der Ausbildungseinrichtungen und -gänge hat es nicht geführt. Die Klage von Herrn Gromotka zeigt es. Und: die Zersplitterung scheint noch größer geworden. Andererseits wird dieses System munter fortbestehen, solange der Staat in der Lage ist, Geld hineinzupumpen. Dass der herrschende “Staatsgeist” dabei allerdings das sich selbst bewegende Denken fördern wird, daran lässt sich mit vielen Beispiele belegbar begründet zweifeln. Nach dem 2. WK glaubten viele Humanwissenschaftler, die Zeit der öffentlich brüllenden Dummheit -auch der akademischen! – sei in Deutschland ein für allemal vorbei. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss sprach in einer Neujahrsansprache 1952 davon, dass ihn das Verhalten seiner Landsleute den eigenen auf der Flucht befindlichen Landsleuten gegenüber “beelende”. Rudolf Alexander Schröder schrieb seinen letzten Essay “Über den Geist” 1954. Er findet sich im 5. Band seiner von Suhrkamp Berlin herausgegebenen gesammelten Werke (Dünndruckausgabe von 1955). Heute, 2016, sind wir wieder bei der öffentlich brüllenden Dummheit angekommen, die sich für “alternativ” hält, ohne dass diese groteske Erscheinung noch als nationales Elend angesehen würde – außer vielleicht von einigen Kabarettisten und Theaterleuten.

  4. xbosque sagt:

    Sehr verehrter Melursus,
    ich spreche im Folgenden nicht Sie, sondern in Ihnen den Steurzahler an, dessen Interessen sie hier zu vertreten beanspruchen. Ich selbst habe es mit Anfang 40 dank meiner geisteswissenschaftlichen Vorzueglichkeit und mit einer noch groesseren Portion Glueck auf eine Professur in den Geisteswissenschaften geschafft, verdiene also gut und bin ebenfalls Steuerzahler, allerdings in einem Nachbarland mit tenure track und ohne Habilitation. Zur Frage des gesellschaftlichen Nutzens der Geisteswissenschaften liesse sich vieles sagen, auch den Geisteswissenschaften selber, aber nicht im Register Ihres Vergleiches mit dem Brandschutz, der alleine im Falle des Hauptstadtflughafens dem deutschen Steuerzahler ja bereits zur Genuege auf der Tasche liegt, oder dem Ihres Vergleiches mit der Medizin, wobei anzumerken waere, das ein Geisteswissenschaftler weder einenMagnetresonanztomographen, noch die Mondfahrt oder eine Marsmission, weder Gravitationswellenseismometer noch Large-Hadron-Collider benoetigt, sondern bloss eine vergleichsweise wohlfeile Bibliothek, Bedenkzeit, und ein Auskommen. Stattdessen moechte ich dem Steuerzahler in Ihnen sagen, dass ich, der ich in dessen Auftrag in den letzten 2 Jahren 9 Aufsaetze (peer reviewed) a 324 Seiten veroeffentlicht und ein dickes Buch ediert habe, und der ich zudem 15 Stunden pro Woche auf Flaemisch, Franzoesisch und Englisch Ihren Soehnen und Toechtern, die sich jedes Jahr in Scharen freiwillig und kostenlos an meinem unterbesetzten Institut einschreiben, Japanisch, Chinesisch, und Ostasiatische Geistesgeschichte beibringe, nicht vor dem Steuerzahler wegen mangelnder Nachfrage und gegen Null gehender gesellschaftlicher Nuetzlichkeit verantworten muss. Dasselbe gilt fuer die Geisteswissesnchaften und die Wissenschaften ueberhaupt, deren Staatsdienste der staendig maulende Steuerzahler ebenso gerne in Anspruch nimmt, wie die der Feuerwehr und des Notarztes, die ausruecken, wenn es mit dem Brandschutz mal doch nicht klappt.

    • Lilili42 sagt:

      Natürlich müssen sie sich verantworten...
      … und können es vielleicht ja auch.

      Alles andere wäre so arrogant, wie die Darstellung des Steuerzahlers als maulendes Kind.

    • xbosque sagt:

      Sehr geehrte Frau Fuchs,
      ich sagte nicht, das ich mich vor dem Steuerzahler nicht verantworten muss. Ich sagte, dass sich die Geisteswissenschaften nicht wegen mangelnder Nachfrage und mangelnder gesellschaftlicher Relevanz rechtfertigen muessen, im Unterschied zu so manchem in der Privatwirtschaft taeteigen Steuerzahler, dessen einzige Relevanz darin bestehen mag, dass er – wie ich selbst auch – Steuern bezahlt. Und die Darstellung des Steuerzahlers als maulendes Kind ist gerechtfertigt, wenn er in der Steuer nichts als “des Staates fette Beute” sieht. Daher mein Hinweis auf Wissenschaft, Polizei und Feuerwehr, um nur einiges zu nennen.

  5. Karaffenklaus sagt:

    Titel eingeben
    Ich kann das Gejammer nicht mehr hören. Einige Argumente mögen richtig sein (ich arbeite selbst an einem Lehrstuhl), andere schlichtweg Quatsch (die in den Kommentaren schon bemängelte Ungenauigkeit was Bologna angeht, die inflationäre, zwanghafte, und gleichsam Fläche Einstreuung von “neoliberal”). Aber: Der Staatsdienst und die Verbeamtung in selbigem sind nunmal nicht von Absatzmärkten oder wirtschaftlichen Notwendigkeiten abhängig, sondern, im großen Ganzen gesprochen, vom Wählerwillen. Das ist die Gefahr, wenn man sich in Abhängigkeit politischer Entscheidungen, also Mehrheitsmeinungen, begibt; aber keine neue Erkenntnis, eigentlich. Ja, nicht nur “der Markt” (wir erinnern uns an das “neoliberal”) kann auf kalte, harte Art und Weise der Mehrheit Ausdruck verleihen, der Ach so gütige und häufig wünschenswert allumfassende Staat tut dies genauso.

  6. Gast sagt:

    Herr Martin Heidegger im Auschnitt? Gut und passend gewählt!
    Viel Erfolg auch weiterhin, trotz aller Mühen und “Schizophrenien” des Systems, Sie haben mit diesem Artikel erstklassige Arbeit abgeliefert, vielen Dank dafür!

  7. L3x sagt:

    Jeder ist seines Glückes Schmied
    Ich verstehe das Problem nicht ganz: der Autor hat sich zur Promotion und zur Gründung einer Familie entschieden. Ich persönlich finde das gut aber woher leitet er den Anspruch ab, dass sein Lebensmodell von der Gesellschaft finanziert wird? Ich bin von Haus auch Geisteswissenschaftler, nach der Regelstudienzeit problemlos in die Arbeitswelt gestartet, habe Karriere gemacht und habe nun knapp 10 Jahre später mit Mitte 30 ein prima Gehalt samt schöner Privilegien wie Dienstwagen etc. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, nach dem (selbstfinanzierten) Studium auf Kosten Dritter zu promovieren oder mich sonstwie auszuleben. Dieses Anspruchsdenken verstehe ich – der fast die Hälfte seines Gehalts allmonatlich für diesen Staat abdrücken darf – nicht. Auch frage ich mich, ob man so in der Wirtschaft oder in einem anderen realproduktivem Bereich überhaupt (über-)lebensfähig wäre. Es wird niemand gezwungen einen bestimmten Weg einzuschlagen, allerdings muss man als intelligenter Erwachsener die absehbaren Konsequenzen seiner Entscheidungen selbst tragen.

    • angel70 sagt:

      Es geht um die Bezahlung von wissenschaftlicher Arbeit, Forschung und Lehre
      Dass Sie mit einem geisteswissenschaftlichen Studium eine Karriere machen konnten lässt ja wohl nicht den Schluss zu, dass Wissenschaftler deshalb Forschung auf Stipendien ohne Sozial- und Rentenversicherung zu absovieren hätten. Oder den Schluss, dass auf 2000 Studierende eines geisteswissenschaftlichen Faches lediglich 5 Professoren (festangestellt) kommen, währen der Rest der ca. 50 im gleichen Fach die Lehre und die Forschung betreibenden qualifizierten Wissenschaftler lebenslang auf Stellen mit Befristung arbeiten soll. Oder den Schluss, dass die Lehrerausbildung in D durch Privatdozenten ohne Entlohnung, von anderen Lehrbeauftragten für 250 bis 400 Euro pro Semester (!) durchgeführt wird.

      Zwischen 85 und 90 % des wissenschaftlichen Personals an dt. Universitäten arbeitet befristet, das ist nachgewiesen – das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das die Kettenbefristung ermöglicht, hat für die Universitäten und Forschungsinstitute die normalen Regeln der Arbeitswelt ausgesetzt.

      Wo immer Sie beschäftigt sind – mit dem Argument, dass man sich auch angestrengt habe, anderen in anderen Arbeitsfeldern die Arbeitnehmerrechte oder angemessene Entlohnung abzustreiten, geht an der Sache völlig vorbei.

    • Dr phil. sagt:

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      Sie bestaetigen genau die Sicht auf die Geisteswissenschaften die der Autor beschreibt. Schade.

    • L3x sagt:

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      Frau Grieshaber. Nochmal: jeder ist seines Glückes Schmied. Dass es bei Geisteswissenschaftlern schwierig ist mit dem Berufseinstieg und dass solcherart Stellen unterhalb des Professors an Universitäten schlecht bezahlt werden, ist allgemein bekannt. Wenn man sich dennoch bewusst dafür entscheidet, muss man auch mit den Konsequenzen leben. Ich kenne noch ehemalige Mitstudenten von mir, die gleichzeitig den Abschluss gemacht haben und nach 10 Jahren immer noch mit einer halben Stelle im Rücken an derselben Uni unverzagt vor sich hinpromovieren. Beklagen hilft da nicht, sondern vielleicht rechtzeitig den Absprung schaffen. Und überhaupt: Was soll eigentlich der normale Handwerker/Arbeiter denken, der mal eben 10.000 Euro und mehr für einen Meistertitel privat ausgeben darf, wenn er sich fortqualifizieren möchte? P.S. Was eine angemessene Entlohnung ist, entscheidet nicht der Arbeitnehmer, sondern immer noch der Markt.

  8. tutnichtszursache sagt:

    In seiner Forderung hat der Autor ja recht
    Aber der Weg dahin… Warum nur haben so viele Professoren und solche, die es werden wollen, so fundamental, so basal überhaupt rein gar keine Ahnung von Wissenschaftspolitik und lassen es an jeder Bereitschaft fehlen, sich damit zu befassen?
    Es gibt nicht “die” Bologna-Reform. Die HRG-Novelle (man möge googlen, was das ist) aus 2002, die die Juniorprofessur einführte, hat mit dem meisten dessen, was hierzulande ohnehin fälschlicherweise unter “Bologna” subsumiert wird, nichts zu tun – “Bologna” kreist um Studium und Lehre, hier sind wir aber im Bereich des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Karrierewege. Dass mit der Einführung der Juniorprofessur der Abbau von Mittelbau-Dauerstellen verbunden sei, ist nicht richtig – den Abbau gab es aus wenigen guten und vielen schlechten Gründen seit langem, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz verbietet ja überhaupt keine Dauerstellen, im Gegenteil. (Die Professoren mögen entfristeten Mittelbau nur in homöopathischen Dosen.)
    “Die seit 2012 zutage getretenen Probleme der Privatdozentur” – das “Nichtordinarienproblem” und die Situation der Privatdozenten bis zum Ruf werden seit 100 Jahren diskutiert. Ohne vernünftige Lösung, ja, aber neu ist das Thema nicht.
    “Das Kooperationsverbot soll ja fallen” – falls es das je gegeben hat (Art. 91b GG im Wandel der Zeiten), ist es seit der jüngsten 91b-Reform jedenfalls ultimativ nicht mehr da.

  9. jürgen sagt:

    Nutzbringendes herstellen
    “Es ist für eine Gesellschaft schöner guter Luxus, Menschen zu beschäftigen, die nichts direkt oder mittelbar nutzbringendes herstellen.”

    Sehr geehrter Hr. Melursus,
    woran messen Sie, ob eine Person etwas nutzbringendes herstellt oder nicht?

    Wenn Künstler mit ihrem Tun und Lassen dafür sorgen, dass eine Gegenwart in einer Weise dargestellt wird, die dazu beiträgt, eingefahrene Handlungsweisen zu überdenken, Priester als Seelsorger dazu beitragen, verqueren Seelen zu helfen, sich um sich selbst zu kümmern (ähnlich Psychiatern), Sportler zeigen was möglich und unmöglich ist, oder einfach nur vom möglicherweise allzu tristen Alltag ablenken, dann hat das alles einen Wert.

    Andererseits, so lange es eine Gesellschaft nicht schafft, handfeste Arbeit (z.B. Pflegekräfte) besser zu bezahlen als Zahlenschieber, dann kann sie sich auf jeden Fall auch Geisteswissenschaftler leisten.

  10. melursus sagt:

    Wollen wir Geisteswissenschaftler Wie viele
    Ich bitte den Autor Herrn Gromotka zu unterscheiden zwischen der Bereitstellung kostenfreier Studienplätze für diese Fächer, der Förderung für Studenten und Doktoranden und dem Bedarf, den unsere Gesellschaft für die Absolventen der Fächer hat.

    Wenn mein Sohn Medizin studieren wollte, trifft er auf eine sehr begrenzte Zahl von Studienplätzen. Obwohl es scheint, daß in wenigen Jahren mehr praktizierende Ärzte die Arbeit aufgeben werden, denn nachrücken. Obwohl es viele Arbeitsplätze für Ärzte gibt und der gesellschaftliche Bedarf für Ärzte unstrittig ist.
    Weniger Arbeitsplätze gibt es für Forstwissenschaftler. Entsprechend wenig Studienplätze und Doktorandenstellen. Doch las ich nie von einem Forstwissenschaftler solche Beschwerden.

    Ich will nicht an das Wasser Ihres Faches. Es ist für eine Gesellschaft schöner guter Luxus, Menschen zu beschäftigen, die nichts direkt oder mittelbar nutzbringendes herstellen. Geisteswisschenschaftler teilen sich diese Position in der Gesellschaft mit Künstlern, mit Priestern und Bischöfen, mit Golf- und Tennisstars, Skiläufern und Leichtathleten. Ihr Können und Ihre Leistung will ich nicht kleinreden. Der Nutzen für gewöhnliche Andere, die diese Eliten zu finanzieren haben, ist schwer zu erkennen und schwerer darzustellen.

    Nun möchte ich nicht ohne Musiker, Sportler, Schauspieler oder Geisteswisschenschaftler leben. Ich messe Ihnen einen Wert zu neben Medizin, Wasserversorgung, Brandschutz, innerer und äußerer Sicherheit >>>(größer als) Null.

    Das sage ich Ihnen als Zahler von vielen Steuern und Abgaben, Verweigerer von GEZ und Zahler vieler Gebühren und Taxen in einem ziemlich aufgeblähten Staatswesen. Viel wird gesammelt, verwaltet und verteilt oder fairteilt. Zuviel für mich. Zuviel für viele in der “Arbeiterklasse” die 20% Sozialabgaben abdrückt und ab bereits 4.000 im Monat für den nächsten Euro schon 42 ct Lohnsteuer plus Soli abgibt. Der keine Überstunden auszahlen läßt, lieber abfeiert.

    Des Staates fette Beute sind unser aller Steuer – nicht Ihr verdienter Lohn.

    • Gast sagt:

      Wissenschaftlicher Arbeit, Forschung und Lehre ist kein Almosenbetrieb
      Es geht nicht um beliebig viele Stellen für beliebig viele Geisteswissenschaftler/inn/en.

      Sondern darum, dass Hochqualifizierte angemessene Stundenlöhne statt Almosen für geleistete Arbeit erhalten.

      Und dass für Hochqualifierte, die nach langen Auswahlverfahren vier oder sechs Jahre voll geforscht, gelehrt und Gremienarbeit gemacht haben, wie der Artikel auch klar sagt, entsprechend dem in der Praxis längst ausgewiesenen Bedarf, überhaupt (!) feste Stellen geschaffen werden.

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