Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Geisteswissenschaften als Staatsaufgabe

| 46 Lesermeinungen

Der Staat geht mit jungen Geisteswissenschaftlern um, als ginge es um fehlgeleitete Schwärmer, deren Hobby zu finanzieren ist. Einen gesellschaftlichen Nutzen scheint keiner mehr zu sehen. Ein Appell zur Reformierung der geisteswissenschaftlichen Karrierewege.

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Es war ein kalter Februarmorgen, und ich war mit meinem Fahrrad unterwegs zur Freien Universität Berlin. In der Tasche hatte ich einen Reisemittelantrag, denn bald sollte es zum Archivkurs nach Rom gehen. Doch es kam anders: Ein Radfahrer schnitt mir verkehrswidrig den Weg ab, ich stürzte und verletzte mich schwer.

Sobald ich dazu in der Lage war, meldete ich den anstehenden mehrmonatigen Arbeitsausfall der Verwaltungsstelle für mein vom Land Berlin vergebenes Promotionsstipendium. Dort wurde mir dann eröffnet, welchen Weg dieses Bundesland als Stipendiengeber für seine Nachwuchs-Spitzenkräfte vorsieht, wenn diese schwer verunfallen: Ich würde ja nun für mehrere Monate nicht an meiner Promotion arbeiten, da könne man mir auch kein Stipendium zahlen. Es gebe aber eine Härtefallregelung mit kurzer Schonzeit und einer befristeten, sozial begründeten Zahlung von 500 Euro monatlich (statt zuvor 1000 Euro steuerfrei, vor Abzug der Krankenversicherung, an der sich kein Arbeitgeber beteiligt). Die krankheitsbedingt verlorene Zeit könne nicht hinten angehängt werden; wie ich die Beendigung meiner auf drei Jahre konzipierten Promotion nach Auslaufen der Förderzeit finanzieren würde, das müsste ich schon selbst sehen, vielleicht würden ja meine Eltern einspringen?

Schwere Verletzung nach einem Fahrradunfall? Nach § 10 NaFöVO ist das eine „Unterbrechung des (Promotions-)Vorhabens“, die auch die Zahlungen unterbrechen lässt.© mgg.Schwere Verletzung nach einem Fahrradunfall? Nach § 10 NaFöVO ist das eine „Unterbrechung des (Promotions-)Vorhabens“, die auch die Zahlungen unterbrechen lässt.

Das Erlebnis zeigt wie durch ein Brennglas, wie wir als Gesellschaft derzeit dem geisteswissenschaftlichen Nachwuchs gegenübertreten. Förderungswürdig ist ein Promotionskandidat nur, wenn er funktioniert; die allgemein gesetzlich festgeschriebene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gilt für ihn nicht. Diese Einstellung einer Gesellschaft zum eigenen Nachwuchs kann man getrost als unmenschlich bezeichnen. Wenn der Promovend in dieser Situation nun Hartz-IV beantragt, wird ihm dies im Übrigen allen Ernstes als „Qualifikationszeit“ im Sinne des zurzeit in Rede stehenden „Wissenschaftszeitvertragsgesetzes“ angerechnet. Das bedeutet nichts anderes, als dass der Gesetzgeber Arbeitslosengeld II als gängiges Mittel zur Finanzierung des wissenschaftlichen Nachwuchses ansieht. Rentenpunkte sammelt der Stipendiat während der Promotion im Übrigen auch nicht.

Überhaupt scheint man mindestens im Land Berlin zu meinen, mit einem Stipendium nicht etwa den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, sondern einigen Schöngeistern ihr Hobby zu finanzieren. So hatte ich der (promovierten) Stipendienverwalterin unmittelbar nach Erhalt der Stipendienzusage freudestrahlend berichtet, dass ich in zwei Wochen heiraten würde. Sie wurde ganz geschäftig, da ja noch meine individuelle Stipendienhöhe zu berechnen sei. Schnell hatte sie überschlagen, dass mein gerade bewilligtes Stipendium dann ja vollständig mit dem Gehalt meiner Frau – einer bald (nach Geburt unseres Kindes) in Teilzeit arbeitenden Berufsanfängerin– zu verrechnen sei. Die Logik dahinter ist verquer: Die zunächst diagnostizierte unbedingte Förderwürdigkeit eines Promotionsprojekts fällt weg, wenn der Kandidat seinen Zivilstand ändert. Oder anders gesagt: Grundsätzlich ist eine geisteswissenschaftliche Promotion durch den Ehepartner (mit) zu finanzieren. Das vielbeschworene Leistungsprinzip wird hier durch sachfremde Erwägungen ausgehebelt. Mein Promotionsprojekt konnte ich wie viele meiner Kollegen aufgrund der zu kurz bemessenen Förderperiode am Ende nur durch Zahlungen meiner Frau und meiner Eltern aufrechterhalten – ein klares soziales Selektionskriterium und nicht etwa die erstrebte „Bestenauslese“.

So gut wie jede Stelle und Förderung an Universitäten ist befristet.© mgg.So gut wie jede Stelle und Förderung an Universitäten ist befristet.

Die Absurditäten der geisteswissenschaftlichen Karriereerfahrungen enden allerdings keineswegs mit dem Abschluss der Promotion. Eigentlich hatte die Bologna-Reform im Jahr 2002 Klarheit schaffen sollen, indem als nächster Karriereschritt die Junior-Professur eingeführt wurde. Dem Ideal nach sollte sie den akademischen Nachwuchs nach Abschluss der Promotion aus der bisher geübten Abhängigkeit von einem bestimmten Professor lösen und – unter Wegfall der bisher erforderlichen Habilitationsschrift – und in Ausübung des Berufs für die Übernahme eines endgültigen Lehrstuhls qualifizieren (F.A.Z. vom 30. August 2013). Dazu wurden jegliche Dauerstellen im Mittelbau weitgehend beseitigt und noch dazu ein Zwangsinstrument eingeführt: Wer nach sechs Jahren keinen Professortitel erlangt hat, darf sich nicht auf weitere, durch die öffentliche Hand finanzierte Stellen in der Wissenschaft bewerben, wobei hier, wie oben erwähnt, sogar Hartz-IV-Zeiten als Qualifikationszeit angerechnet werden.

Da die Reformen im Umfeld des Bologna-Prozesses jedoch vom System her, nicht aber zum Wohl der Beteiligten und mit Blick auf die Gangbarkeit ihrer Karrierewege entworfen wurden, und da sie gegen den unvorstellbaren Traditionalismus an deutschen Universitäten nicht ankamen, bietet sich dem geisteswissenschaftlichen Nachwuchs heute eine absurde Situation: Erringt ein Nachwuchswissenschaftler eine Juniorprofessor-Stelle, muss er grundsätzlich allen Pflichten eines Professors nachkommen; gleichzeitig soll er eine Habilitationsschrift verfassen, für die seine Anstellung qua Systemwidrigkeit gar kein Zeitdeputat vorsieht. Manchmal wird man auch ohne Habilitation auf ein Professorenamt berufen, oft aber führt das Nichtvorliegen einer solchen zur pauschalen Ablehnung von Kandidaten.

Eine menschenfeindliche Situation

Eine weitere Alternative ist für den frisch Promovierten die „Lehrkraft für besondere Aufgaben“. Diese wurde als nachträglicher Flicken für die Bologna-Reform geschaffen, als man bemerkte, dass mit dem Wegbrechen der Dauerstellen im Mittelbau die Lehr- und Administrationsverpflichtungen der Professoren ins Unermessliche stiegen. Die entsprechenden Stellen werden zwar als Qualifikationsstellen ausgeschrieben, doch ist das Lehrdeputat auch hier zumeist so hoch, dass die geforderte Habilitationsschrift – oft kaschiert als Forderung nach dem „zweiten Buch“ – meist nur unter größten Opfern (die oft die Familienplanung betreffen) verfasst werden kann. Abermals liegt hier eine Qualifikationsstelle ohne Qualifikationsmöglichkeit vor, so dass es auch auf diesem Karriereweg vielen nicht gelingt, sich innerhalb der Sechsjahresfrist auf eine Professur zu bewerben. Die Weiterqualifikation kann dann nur durch Drittmittel-Projekte erfolgen, und wenn der Antrag hierfür scheitert, steht man trotz jahrelanger Arbeit für Staat und Gesellschaft auf der Straße. Das kann nur richtig finden, wer dem Glauben anhängt, in Wahrheit übe die Lehrkraft nur ihr Hobby aus oder verrichte die Stelle vor allem als Ausbildungsstelle. Wer aber würde so ein Vorgehen etwa bei einem Lehrer für richtig halten?

Für die meisten unklar: Wie geht es weiter nach der Promotion?© mgg.Für die meisten unklar: Wie geht es weiter nach der Promotion?

Diese bis ins Absurde gesteigerte menschenfeindliche Situation ist für den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs an deutschen Universitäten aus mehreren Gründen entstanden. Zum einen hat die Bologna-Reform zu einer neuen, bisher ungekannten Blüte sachfremder Traditionalismen geführt. Die deutsche Universität kennt aus ihrer Vergangenheit gerade in den Geisteswissenschaften Elemente einer Honoratioren-Universität, die das Professorenamt in Anlehnung an den Geniekult und das Humboldtsche Selbstvervollkommnungs-Ideal mit quasi sakralen Erwartungshaltungen und fixen Verlaufsvorstellungen an die Gelehrtenbiographie überfrachtete. Daraus erklärt sich auch das systemwidrige, im Ausland oft auf Unverständnis stoßende Festhalten am Habilitations-Erfordernis. Die 68er-Bewegung konnte den „Muff unter den Talaren“ zwar graduell beseitigen, doch konnte selbiger 2002 im neuen Gewand neoliberaler Kontroll- und Evaluierungsphantasien der Beraterkaste fröhliche Urständ feiern.

Einerseits betrachten wir die Universität als sakralen Ort, andererseits konnten sich um das Jahr 2002, in der Hochzeit neoliberaler Gesellschaftseinstellungen, Ängste vor „faulen Säcken“ und – horribile dictu – unkontrolliert arbeitenden jungen Menschen in einer Weise entwickeln, dass in der Wissenschaft heute erlaubt ist, was in unserer Sozialen Marktwirtschaft sonst aus guten Gründen verpönt ist: sachgrundlose Befristungen, ein Steuerungsprozesse ermöglichendes Klima ständiger Existenzangst, eine ins Unendliche gedehnte Qualifikationsphase und offen geäußerte Selektionsphantasien (Volker Rieble in der F.A.Z. vom 29. Februar 2012), auf deren unheilvolle deutsche Tradition später zu Recht hingewiesen worden ist (Eberhard König in der F.A.Z. vom 4. April 2012).

Immer noch richtet sich an deutschen Universitäten eine geradezu sakrale Erwartungshaltung an die Professur.© mgg.Immer noch richtet sich an deutschen Universitäten eine geradezu sakrale Erwartungshaltung an die Professur.

Manche wurden in diesem System glücklich, indem sie systemadäquate Selbstoptimierungsphantasien entwarfen (siehe Daniel Hornuff in der F.A.Z. vom 2. Mai 2012). An seine Grenzen stoßen diese Phantasien jedoch, wenn man, wie in meinem Fall, längerfristig erkrankt oder ernsthaft Kinder betreut. Das System einer Uni der Besten der Besten schlägt die Bedürfnisse der Beteiligten in absoluter Weise; dass dabei ganze Familien in Sippenhaft genommen werden, und es mittlerweile zur gängigen Praxis gehört, dass der an der Uni beschäftigte Vater beispielsweise mit den Kindern in Köln lebt, die ebenfalls an einer Hochschule beschäftigte Mutter aber in Darmstadt arbeitet, muss hinnehmen, wer weiter Wissenschaft betreiben möchte. Ist sie in den Augen der Planer am Ende nur etwas für Singles und allzeit Gesunde? Teilzeit in der Wissenschaft gibt es realiter nicht – der Kandidat wird an der nächsten Karriereecke an verabsolutierten Altersgrenzen sowie fixen Erwartungen hinsichtlich Publikationsmasse und -geschwindigkeit scheitern.

Einer der Hauptgründe für die Misere speziell der Geisteswissenschaften scheint mir außerdem zu sein, dass wir es, wie anfangs am Beispiel des Stipendiensystems aufgezeigt, nicht mehr wirklich ernst meinen mit diesem Wissenschaftszweig. Er ist nicht unmittelbar in der Lage, seine ökonomische Nützlichkeit zu erweisen, und das hat zur Hochzeit des Neoliberalismus lange nicht zum Zeitgeist gepasst (dem Wesen nach gelingt das Wissenschaft allerdings ohnehin nicht).

Wir brauchen eine Bedarfsplanung für die Geisteswissenschaft

Nun aber wird allerorts eine zunehmende Verflachung unserer Gesellschaft beklagt, und wenn wir nur übers Fernsehprogramm klagen. Vor allem aber fällt in einer Zeit schrill geführter Flüchtlingsdebatten  immer mehr auf, dass unserer Gesellschaft die Fähigkeit abhanden gekommen ist, in angemessener Form über elementare Sinn- und Identitätsfragen zu verhandeln. Und das hat sicher auch mit der Marginalisierung professionalisierter und der Gesellschaft verpflichteter Geisteswissenschaftler zu tun, deren Stimmen im öffentlichen Diskurs nicht oder kaum mehr zu hören sind.

Bevor wir also im Folgenden die Grundzüge eines Ideals von Geisteswissenschaften der Zukunft entwerfen, sollten wir innehalten und uns dafür entscheiden, diesen Wissenschaftszweig bewusst (wieder) als eine unserer gesellschaftlichen Kernaufgaben anzunehmen. Wir müssen uns wieder darüber klar werden, dass wir uns als Gesellschaft die Suche nach der Erkenntnis  auch im Bereich der Wissenschaft vom Menschen leisten wollen müssen: Wir müssen auf professionellem Niveau existenzielle Geistesfragen stellen, Fragen danach, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir wollen. Insgesamt müssen wir es uns noch einmal klarmachen: Wir halten uns die Geisteswissenschaften nicht, um anderen Menschen ihr Hobby zu finanzieren, sondern weil wir begriffen haben, dass, pathetisch gesprochen, Erkenntnissuche den Menschen erst zum Menschen macht.

Lebte das "humboldtsche Bildungsideal", das sein Bruder Wilhelm ersann: Alexander von Humboldt© www.lichtbildrausch.deErfüllte das “humboldtsche Bildungsideal”, das sein Bruder Wilhelm ersann: Alexander von Humboldt

Haben wir die universitäre Geisteswissenschaft als gesellschaftliche Aufgabe erst einmal akzeptiert, und sind wir bereit, von unserer traditionalistischen und neoliberalen Überfrachtung der Universität abzulassen, so ergeben sich die Folgerungen von selbst. Dann müssen wir nämlich jene Erwägungen von Dienstpflicht und Treue, von Kündigungsschutz und planbaren Karrieren, von Teilzeit zur Persönlichkeitsentfaltung, Kindererziehung und Pflege ernst nehmen, wie wir sie als soziale Gesellschaft zumindest dem Ideal nach auch allen anderen Arbeitnehmern und Beamten zukommen lassen wollen.

Das heißt konkret: Wir brauchen eine Bedarfsplanung für die Geisteswissenschaft. Wie viele Stellen sind realistischerweise notwendig, um Forschung und Lehre zu bewerkstelligen? Dabei ist dann eine realistische Zeitplanung für Forschung und die Vor- und Nachbereitung der Lehre zugrunde zu legen. Die resultierende Stellenanzahl ist dann voll auszufinanzieren – und es müssten angesichts der an einen Kahlschlag grenzenden Kürzungen der letzten Jahrzehnte ganz wesentlich mehr Stellen sein, als es heute sind. Dass das finanziell möglich ist, ist vollkommen klar; der Etat von Frau Wanka ist gerade um 25 Prozent angehoben worden, und unsere Kanzlerin hat die „Bildungsrepublik Deutschland“, die im Jahr 2015 so viele Steuern eingenommen hat wie noch nie, zum Staatsziel ausgerufen – es ist also politisch gewollt, mit der sachlich erforderlichen Universitätsfinanzierung ernst zu machen. Dass es sich hier um Bundesmittel handelt, darf doch im Ernst nicht verhindern, dass diese Mittel nun nachhaltiger eingesetzt werden als bisher – das Kooperationsverbot soll ja fallen. Auf jeden Fall wird es bei dem Engagement des Bundes um nachhaltige und langfristige Finanzierungsmodelle gehen müssen und nicht um eine neue Welle von „Exzellenz“-Initiativen, die das Unwesen von Befristungen und unklaren Karrierewegen in der Vergangenheit nur weiter befeuert haben. Derzeit geht der Trend im Übrigen genau in die entgegengesetzte Richtung: So gut wie alle Universitäten sind einem extremen Spardruck unterworfen; allein die Uni Jena soll mehr als 125 Vollzeitstellen abbauen.

Stipendien als milde Gabe

Die Akzeptanz der Geisteswissenschaft als Staatsaufgabe hat dabei auch Konsequenzen für die Ausgestaltung der Promotionsphase. Wer heute promoviert, hat bereits zwei Universitätsabschlüsse errungen und ist bereits eine der vielbeschworenen akademischen „Fachkräfte“ – selbstverständlich ist eine Promotion gleichbedeutend mit Forschung und kein bloßer weiterer Qualifikationsnachweis. Daraus folgt, dass die Promotionsfinanzierung förderwürdiger Projekte nicht als milde Gabe, sondern in Gehaltsform zu organisieren ist; das Gehalt ist im Krankheitsfall weiterzuzahlen und auf die Rentenzeiten anzurechnen.

© Archiv“Wissenschaft als Beruf” – auch knapp hundert Jahre nach Max Weber noch ein Thema

Wenn wir Geisteswissenschaft wollen, dann müssen wir außerdem weitere Realitäten anerkennen: Kandidaten können ab einem gewissen Punkt kaum mehr in die freie Wirtschaft zurückkehren. Sie treiben kein Hobby, sondern forschen und lehren für unsere Gesellschaft; sie gehen also der Gesellschaft gegenüber Verpflichtungen ein, die der Staat mit einer Treueverpflichtung vergelten muss – einer amtsangemessenen Besoldung mindestens auf dem Niveau eines (aus guten Gründen gut verdienenden) Gymnasiallehrers und einer Dauereinstellung. Wenn es um die Verrichtung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben geht, dürfen wir als Staat nicht die Not und Motivation Einzelner abschöpfen und in Scheinselbständigkeit Gehälter weit unterhalb des Mindestlohns zahlen. Das tun wir aber derzeit: Die geisteswissenschaftliche Lehre wird an manchem Institut zu einem Viertel an lächerlich bezahlte externe Lehrbeauftragte ausgelagert; Privatdozenten werden sogar verpflichtet, umsonst Lehrveranstaltungen zu leisten. Dieser Zwang zu entgeltfreier Verrichtung einer Staatsaufgabe, nämlich der Bildung, ist schlicht ein Skandal.

Die Rückkehr des Mittelbaus

Die Ausgestaltung der unterschiedlichen Universitäts-Stellen wiederum muss von den Karrierewegen her gedacht werden – diese müssen transparent, planbar und machbar gehalten werden. Die daraus resultierenden Karrierewege dürfen dabei nicht – wie heute – sachfremd lange, oft über zwanzig Jahre dauernde Qualifikationsphasen beinhalten; wir bedürfen der Habilitation als mittlerweile viertem Qualitätserweis nicht mehr, sie gehört in Zeiten von Bachelor, Master, Promotion und anschließendem Training on the Job konsequent abgeschafft. Die geplanten Karrierewege müssen machbar, sie dürfen aber nicht starr sein, denn wir brauchen auch gute Strategien für einen nachträglichen Eintritt in das System – zur Abschöpfung von Erfahrungswissen aus der außeruniversitären Welt. Andererseits müssen gute Exit-Strategien geschaffen werden, für den Fall, dass jemand doch ausscheiden will oder muss. Hier geht es beispielsweise um gute Querqualifikationswege, damit ein Promovierter mit Magisterabschluss auf sinnvollem Wege zum Gymnasiallehrer werden kann – schließlich handelt es sich hier oft um die Besten eines Jahrgangs, deren fachbezogene Fähigkeiten nicht verschwendet werden dürfen.

Karrierewege rund um die Wissenschaft sollten transparent und planbar konzipiert werden.© mgg.Karrierewege rund um die Wissenschaft sollten transparent und planbar konzipiert werden.

Außerdem ist dem Philosophen Tobias Rosefeldt zuzustimmen, der in revolutionärer Weise erstmals in der F.A.Z. vom 29. Februar 2015 forderte, dass eine Dauereinstellung in der Regel bereits um die 30 erfolgen sollte. Dies ist bereits gängige Praxis etwa bei Lehrern und Staatsbeamten, und es gibt keinen Grund, es den Forschenden und Lehrenden zu verwehren. Im Zuge dessen würden auch die seit 2012 öffentlich zutage getretenen Probleme der Privatdozentur gelöst; die entsprechenden Kandidaten würden im hier vorgeschlagenen Modell schon zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere in den Universitäts-Dienst integriert.

Auch wenn ich die Lagebeurteilung von Herrn Rosefeldt weitgehend teile, würde ich einen Punkt seines Lösungsvorschlags modifizieren wollen. Ich glaube, wir brauchen nicht die Abschaffung des Mittelbaus, sondern vielmehr dessen erneuten Aufbau in Form von Dauerstellen. Ein Problem ist heute, dass jeder Forscher am Ende Professor werden muss, und dieses Problem würde in Rosefeldts Vorschlag weitgehend fortgeschrieben. Besser wäre es, entsprechend der unterschiedlichen Aufgaben und unterschiedlichen Ambitionen der Kandidaten ein breiteres Angebot vom Akademischen Rat (dem „Lecturer“) bis hin zum Professor als besondere Leistungsstelle vorzuhalten. Auch diese Differenzierung kennt jede andere staatliche Karriereform.

Holzhammer der Existenzangst

Rosefeldt hatte seinen Vorschlag wohl so formuliert, wie er es tat, weil der Ruf nach den Akademischen Räten bei vielen Beteiligten Assoziationen mit der „Mittelbauuniversität“ der Siebziger und ihrer angeblichen Versorgungsmentalität wecken. Diese Gefahr wird jedoch nur bestehen, wenn die Besetzung der Mittelbaustellen auch weiterhin von einzelnen Professoren abhängig ist, die bisherige Klientelismus-Gefahr also fortgeschrieben wird. Im Grunde ist die „Versorgungsuniversität“ angesichts der heutigen Stellenverknappung gegenüber den siebziger Jahren ja sogar noch auf die Spitze getrieben. Heute erfolgt die Auswahl von Themen und Kandidaten – von der studentischen Hilfskraft bis zum späteren Kollegen – im Wesentlichen allein durch die Professoren; ein solches System dient weder der Innovation (wer will schon dem Professor widersprechen?), noch einer Bestenauswahl nach möglichst objektivierten Kriterien.

Kernbegriffe der Debatte um die Geisteswissenschaften: Forschung – Stellen – Mittelbau© mgg.Kernbegriffe der Debatte um die Geisteswissenschaften: Forschung – Stellen – Mittelbau

Zu einem Abbau der einem solchen System inhärenten Klientelismusgefahr würde allein die Verbreiterung der Stellenbasis führen. Amerikanische und englische Universitäten, die uns ja sonst als leuchtende Vorbilder dienen, zeigen auf, dass „Tenure-Track“ und Mittelbaustellen auf Lebenszeit durchaus optimal funktionieren.

Die Mittelbau-Angehörigen werden im Rahmen dessen, was ein Arbeitgeber von einem Angestellten verlangen darf (und nicht etwa dem aus dem pseudo-sakral oder durch Leistungstrunkenheit gerechtfertigten Durchgriff auf die gesamte Person), ihr Bestes geben und gleichzeitig gute Eltern ihrer Kinder und seelisch gesünder sein. Es gibt genug Gründe, gut zu sein, es bedarf nicht des Holzhammers der Existenzangst. Die Uni würde, wie dies in Amerika und England gängige Praxis ist, versuchen, ihre guten Kandidaten zu halten und zu motivieren, anstatt ständiges Umziehen mit all den Umarbeitungs- und Einarbeitungszeiten und sozialen Kosten als Mittel zur Qualitätssteigerung zu verkaufen. Vielleicht ist der Mittelbau gerade auf diese Weise zu besonders kreativen, in neue Richtungen weisenden Gedanken in der Lage. Und er wird außerdem stärker in der Lage sein, jedem Forschungsgegenstand die geeignete Form zu geben, anstatt wie heute einem hohen Publikationsdruck kurz gefasster Aufsätze ausgesetzt zu sein.

Familienfreundlichkeit ist eine Herausforderung auch für Universitäten.© mgg.Familienfreundlichkeit ist eine Herausforderung auch für Universitäten.

Und wer ganz besondere Anreize braucht und ein verschärftes Wettbewerbsklima vorzieht, für den wird es ja auch weiterhin das Professorenamt geben – nur wird dieses durch einen neuen, motivierten Mittelbau wesentlich stärker entlastet sein und sich auf Forschung und Lehre auch wirklich konzentrieren können.

Eine wesentliche Folge des hier skizzierten Modells bestünde schließlich auch in einem erheblichen Qualitäts- und Innovationsschub innerhalb der Geisteswissenschaften. So würde die Verbreiterung der Stellenbasis und eine Verminderung direkter Abhängigkeiten dazu führen, dass es zukünftig möglich sein wird, die einzelnen Fächer wieder in der notwendigen Breite ihrer Ansätze, Methoden und Spezialisierungen abzubilden. Die derzeitige extreme Stellenverknappung sorgt nämlich dafür, dass sich ganze Fachgruppen langfristig auf ausgewählte Forschungsausschnitte festlegen müssen und damit absolut grundständige Forschungsfragen gar nicht mehr weiter verfolgt werden können. Die hier geforderte Reform würde so auf nachhaltige Weise einen echten Wettbewerb der Methoden und damit den von der Politik ja dringend eingeforderten „Exzellenz“-Schub ermöglichen.


46 Lesermeinungen

  1. Gast69 sagt:

    Karriirewege öffnen!
    Vom Autor nur kurz angesprochen, geht es auch um eine außeruniversitäre Perspektive für geistes-und Sozialwissenschaftler. Diese finden jedoch viele Betätigungsfelder blockiert vor: In Schulen oder staatl. Verwaltungen ist der Zugang nicht wirklich vorgesehen, nein man benötigt eine Verwaltungsausbildung oder ein Lehramtsstudium, was nebenbei auch die “Inzuchteffekte” dieser Organisationen verstärkt. Auch ein Quereinstieg in Handwerk oder Ingenieursfelder ist weitgehen blockiert, so kann z.B. jeder Fliesenleger seinen Techniker abschließen und Energieberater werden. Ein Magister scheint dafür zu doof….
    Wer will eigentlich eine Veränderung dieses Zustandes?

  2. x sagt:

    Titel eingeben
    Was die Situation der Promovierenden betrifft: Es ist ein Irrglaube zu denken, der Staat würde Stipendien aus Nettigkeit ausgeben. Würden die Promovierenden tatsächlich nicht gebraucht werden, wären diese Töpfe längst abgeschafft. Staat und Länder sind auf Promovierende, schon allein als günstige Lehrende (die sie selbst ordentlich bezahlt noch wären) angewiesen. Dennoch werden eben all jene in der Wirtschaft gängigen Arbeitnehmer*Innenrechte verwehrt – weil es geht, weil Promovierende aufgrund der an der Universität bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse oft nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Promovierende sind quasi ein Paradebeispiel für die Konsequent fehlender gewerkschaftlicher Organisation – und die Überarbeitung und der Karrieredruck stellen sicher, dass sich daran nichts ändert.

    PS: Mathematik gilt in vielen Ländern als Teil der “humanities,” – just sayin’

  3. Melursus sagt:

    Arbeiterklasse
    Ich möchte nochmal wiederholen, dass “des Staates fette Beute”, aus der sovieles Wichtige, Wünschenswerte und Abseitige bezahlt werden muss, von Arbeitern und Angestellten aus dem Gehalt bezahlt wird. Dazu von allen Konsumenten über einen 19%igen Aufschlag auf Porto, Benzin (incl Mineralöl-, Ökosteuer), Versicherungen, Waren und Dienstleistungen.

    Ja, wenn die Universitäten den GEZ-Dreh hinbekommen würden! Wenn jeder, ob er studiert oder nicht, monatlich 20 Euro für Universitäten an eine Bildungs-GEZ zahlen müsste, 1600.000.000 euro pro monat, da liesse sich an den Unis ein Lerchenberg bauen.

    So ists genug mit 40 cent aus jedem verdienten Euro ab 4k im Monat plus ca 40% Sozialabgaben.
    Sic: der 4001rste Euro geht zu 40 cent an den Leistungserbringer, zu 40 cent an eine Gemeinschaft, zu 20 cent an Umverteilung per Krankenkasse, RV, Pflege und nochmal 20 ct als Arbeitgeberbeitrag zu den Sozialkassen.

    Es wird genug gesammelt und fairteilt, genug.

  4. geraniumrot sagt:

    Existenzangst für alle
    Es ist doch logisch was getan werden muss um Exzellenz durchzusetzen: Existenzangst für alle! Promovenden und Post-Docs sollten alle auf dem selben prekären finanziellen Niveau gehalten werden. Hilfe von Familien oder Gönnern sollte zum Ausschluss führen. Wer noch klar denken kann, nachdem er nicht weiß wie er das nächste Paar Schuhe für seine Tochter bezahlen soll und langsam von einseitiger Ernährung krank wird, hat wahrhaft das Potenzial zu einem großen Denker. Vielleicht wird dann auch wieder mehr über soziale Gerechtigkeit nachgedacht.

  5. Ekkardt Sonntag sagt:

    UK auch noch so toll vielly
    Ich frage mich ob gerade England unumwunden so eine optimistische Einschätzung verdient – hier scheint das REF zunehmend genau die Umstände zu begünstigen die der Autor für die deutsche Szene kritisiert.

  6. xbosque sagt:

    Die Wissenschaft ueberhaupt als Schule des Sozialismus
    Obschon ich selbst Geisteswissenschaftler bin, liegt doch aus hier nicht zu erlaeuterneden Gruenden soeben vor mir eine Publikation des Titels: “Combined Measurements of the Higgs Boson Mass in pp Colisions at √s = 7 and 8 TeV with the ATLAS and CMS Experiments” (pp = proton-proton; √s = relative Energie, da E=mc2; TeV = teraelectronvolt; ATLAS/CMS = Detektoren am Large Hadron Collider), erschienen letztes Jahr im Mai in den Physical Review Letters (G. Aad et. al., 15 May 2015). Die darin publizierten Messungen haben einen Nobelpreis nach sich gezogen (fuer das theoretische Postulat des hier nachgewiesenen Higgs-Bosons). Worauf ich hier aber hinweisen moechte sind nicht publizierten Messungen, sondern die Autoren dieser Publikation: die Liste ihrer Namen erstreckt sich ueber 15 Seiten und nennt in alphabetischer Reihenfolge die c.a. 5000 an den Messungen beteiligten Wissenschaftler und Techniker an 344 Einrichtungen in aller Herren Laender. Hier ist eine lustige Dialektik am Werk: Die Nennung aller Mitglieder der CMS- und der ATLAS-Kooperative geschieht um den Beitrag jedes einzelnen individuellen Wissenschaftlers zu wuerdigen; und doch erlischt eben in der Nennung aller Einzelnen jeder Einzelne in der grossen Zahl der Einzelnen. Was letztlich stehenbleibt, ist allein das gemeinschaftlich erzielte Resultat. Selbstverstaendlich haben wir es hier nicht mit 5000 Sozialisten zu tun. Es laesst sich hier aber gleichwohl leicht einsehen, dass Wissenschaft ueberhaupt – nicht nur die Geisteswissenschaft – heute eine Leistung des Kollektivs ist. Nur der moderne Steuerstaat – bzw. eine weltweite Kooperation solcher Gebilde – ist im Stande, einen LHC zu bauen und eine Armee von Experten heranzubilden und zu beschaeftigen, die damit auch was anfangen kann.

    Zum Glueck hat man den Steuerzahler hier nicht eigens um Erlaubniss bitten muessen, denn der wirtschaftliche Nutzen des Nachweises des Higgs-Bosons oder der Gravitationswellen oder Photos vom Zwergtrabanten Pluto, etc., steht in keinem Verhaeltnis zum Investitionsaufwand. Der vielbeschworene Steuerzahler denkt nicht nur nicht an die Arbeitsplaetze und die vielen Steuerzahler und den allgemeinen Wohlstand, den solche Investionen schaffen. Er wuerde einen Einstein auch nicht erkennen, wenn er direkt vor ihm stuende. Das kann man von ihm auch nicht verlangen. Nicht jeder kann in die Geheimnisse der hoeheren Physik eingeweiht sein. Das ist, wie alles andere auch, in unserer, komplexen, modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft die Aufgabe von Experten.

    Was fuer die Geheimnisse der hoeheren Physik gilt, das gilt selbstverstaendlich auch fuer die der modernen Kultur und Gesellschaft. Gerade heute, in einer Zeit der Krise und einer historischen Transformation globalen Ausmasses, in welcher manch ein Steuerzahler glaubt, auf die Geisteswissenschaften verzichten zu muessen, haetten wir geistes- und gesellschaftwissenschaftliche Expertise so noetig wie nie zuvor. Man sehe sich nur einige der Kommentare in diesem Forum an. Leider muss man aber hier, Herr Gromotka, den Konjunktiv gebrauchen. Denn eine Geisteswissenschaft, deren postmoderner Mainstream sich von aller gesellschaftlichen Verantwortung verabschiedet hat, dessen kritische Reflexionsleistung sich darin erschoepft, den status quo und sich selbst zu affirmieren, und dessen kritisches Potential allenfalls ausreicht, Elementarteilchen oder mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Entdeckungen in der Medizin als “sozial konstruiert” zu entlarven (Latour, Garfinkel, et. al.), ist nicht nur Opfer des Neoliberalismus. Er ist dessen Produkt und Komplize, und zwar einer, der tatsaechlich niemandem nuetzt und den keiner braucht.

    • xbosque sagt:

      PS: Der von Ihnen erwaehlte Heidegger ...
      … und dessen Prominenz im globalen geisteswissenschaftlichen Mainstream illustriert uebrigens in besonders erhellender Weise das, was schon Marx als “Misere der Philosophy” diagnostiziert hat.

    • Leukozyt sagt:

      Soziale Konstruktionen etc
      Na klar… es muss WissenschaftlerInnen geben, die sich mit Sozialkonstruktivismus auseinandersetzen, genauso wie es WissenschaftlerInnen in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) gibt, die sich mit angewandten Projekten und ökologisch oder wirtschaftlich relevanten praktischen Tätigkeiten beschäftigen. Die GSK führt sich nicht selbst durch Postmodernität ad absurdum, wie Sie behaupten. Latour haben Sie offenbar nicht verstanden, bzw nicht gelesen (2013, AIME Projekt, erklärt u.a. die Beschränkungen des Konstruktivismus).
      Es ist wichtig, den Geistes- und Sozialwissenschaften sowohl theoretische Grundlagenforschung (sogar über Konstruktivismus) zu ermöglichen, wie auch anwendungsorientierte Projekte. Es gibt genug Leute in meinem direkten Umfeld, die sehr gute Ideen für sozial, ökologisch und wirtschaftlich voll relevante Projekte haben, aber die durch die derzeitige katastrophale Lage der GSK daran gehindert werden, an diesen zu arbeiten.
      Genau was Sie machen, die GSK pauschal als weltfremd abzustempeln, hilft den politischen Akteuren die weiter kürzen wollen, dankeschön, genau damit erweisen Sie uns den Bärendienst.

    • xbosque sagt:

      @ Leukozyt
      Es ist Ihnen angesichts des von mir gewaehlten Beispiels sicher nicht entgangen, dass es mir gerade um die Grundlagenforschung geht, und nicht um die wirtschaftliche Verwertbarkeit irgendwelcher angewandter Natur- oder Geisteswissenschaften. Wenn Sie mir nun noch im Lichte Ihrer Kennerschaft Latours erklaerten, inwiefern ausgerechnet Latour “theoretische” Grundlagenforschung betreibt, antworte ich gerne ausfuehrlicher.

  7. Wissenschaftler sagt:

    Dr.
    Es ist erschütternd, wie wenig einige der Kommentatoren hier den Text gelesen oder verstanden haben (oder nicht verstehen wollen). Es geht hier zum Einen gerade NICHT um die staatliche Finanzierung eines im Zweifel weltfremden “Hobbys”, sondern um das Überleben einer (Reflektions-) Kultur, die von neoliberaler (oder dumpf-nationalistischer) Seite naturgemäß nicht gewollt ist, aber große Bereiche der Denkfähigkeit in diesem unseren schönen Lande am Leben erhält. Sicher, man kann die Geisteswissenschaften weitestgehend abschaffen, dann bildet auch niemand mehr Geschichts- und Deutschlehrer etc. aus, Zugänge zu anderen Kulturen braucht ja auch keiner. Auch anspruchsvoller Journalismus ist ohne Geisteswissenschaften nicht denkbar.
    Was der Autor hier diskutiert, ist doch genau dieses Problem: Dass, wer (übrigens auch in Naturwissenschaften etc.) an einer Universität arbeiten und forschen will, oft in unerträglich prekäre Verhältnisse gedrängt wird. Das muss geändert werden – oder man lagert das Berufsbild “Wissenschaftler” gleich in andere Länder aus.

    • GuGross sagt:

      Wertung
      Mit Ihrem Kommentar über die Geisteswissenschaften legen Sie bereits eine inhaltliche Ausrichtung fest. Nicht der inhaltliche, wissenschaftliche Diskurs, sondern die Alimentierung linker Bohemiens. Gerade deswegen erachte ich die Förderung von staatlicher Seite, als überdenkenswert. Da kommt nichts weiter, als bereits Bekanntes heraus, das zigmal wiedergekaut nur in neuer Verpackung serviert wird.

      Etwas anderes ist die Förderung von Wissenschaftlern, die uns Erkenntnisse bringen sollen, die wir auch im internationalen Vergleich benötigen. Aus meiner Sicht sollte der Wechsel aus Industrie in die Wissenschaft und zurück zur Regel werden.

  8. 474747 sagt:

    Im Englischen nennt man Geisteswissenschaften "humanities"
    Das ist schon mal ein guter Ansatz, denn mit Wissenschaft (science) haben die meisten Geisteswissenschaften wenig bis gar nichts zu tun.

    Rutherfords “All science is either physics or stamp collecting” halte ich zwar für etwas übers Ziel hinausgeschossen, er berührt allerdings einen, vielleicht sogar den wunden Punkt.

    Die Frage ist letztlich, wie viel Geld die Gesellschaft für hauptberufliche “Nachdenker” mit kaum wissenschaftlichem Fleisch ausgeben möchte. Dies ist exakt die gleiche Frage wie jene, wieviel Geld vom Steuerzahler für Künstler, Schauspieler usw. bereitgestellt wird. Deren Produkte finden zumindest ein häufig großes Publikum, das sieht in den Geisteswissenschaften anders aus. Wenige profitieren von den “Ergebnissen” der Geisteswissenschaften.

    Ich plädiere für mehr “science” und weniger “humanities”. Geisteswissenschaft kann jeder Betreiben, als Hobby. Die Zugangshürden sind im Vergleich zu Naturwissenschaften recht niedrig. Eine gute Bibliothek und Zeit zum Einlesen und Nachdenken reichen.

    • Gast sagt:

      Da haben wir...
      “Geisteswissenschaft kann jeder Betreiben, als Hobby. Die Zugangshürden sind im Vergleich zu Naturwissenschaften recht niedrig. Eine gute Bibliothek und Zeit zum Einlesen und Nachdenken reichen.”

      … in einem Satz die Misere, in der sich die Geisteswissenschaften befinden, zusammengefasst. Es glauben offenbar recht viele Menschen, dass , nur weil die Erkenntnisse besagter Wissenschaften in muttersprachlicher Prosa und nicht “in Algebra” verfasst werden, sofort mitreden zu können(was für sich genommen eigentlich als positive Eigenschaft zu verstehen ist- Wissenschaft benötigt auch breiten Diskurs).
      Der Nimbus der Naturwissenschaften als “echte” “science” gründet v.a. aus der Verwendung der Formelsprache der Mathematik. Die in diesen Formeln zugrunde liegenden Erkenntnisse sind letztlich aber ähnlich komplex oder trivial, wie die in den Geisteswissenschaften Entdeckten.

      In diesem Sinne provokant von einem Physiker: Auch Naturwissenschaften kann jeder doch als Hobby betreiben. Ein Stück Papier, Schreibzeug, Zugang zu ein paar Büchern und Zeit zum Nachdenken reichen doch…oder?!

  9. Felix Schnabels Universitätsjahre sagt:

    Wissenschaftsmanagement
    An der Universität gibt es durchaus wachsende Arbeitsmärkte. Die Stellen im Wissenschaftsmanagement irgendwo zwischen Fakultät, Lehrstuhl und Verwaltung wachsen. Sie sind auch notwendig, weil der Bologna-Prozess ganz neue Rollen und Tätigkeit kreiert hat – Studiengangsplanung etc. Die Professoren haben in ihrer permanenten Klage über zuviel Belastung jenseits von Forschung es zugelassen, dass solche Servicedienstleister an fast jeder Universität wie Unkraut aus dem Boden geschossen sind. Es hätte ihnen klar sein müssen, dass diese vermeintliche Entlastung auf Kosten der Personalressourcen in Forschung und Lehre gehen. Jetzt ist es zu spät. Ein Akt des Widerstands wäre es, wenn das Wissenschaftsmanagement kollektiv Versetzungsanträge stellen würde, und Forschung und Lehre zu stärken. Schließlich sind die Stellen zu einem sehr großen Teil unbefristet.

    • Fred Kellner sagt:

      Die alte Mär vom Management als Bedrohung der Professoren
      Obwohl die FAZ (neben anderen Medien) sich bereits öfter als Druckdienstleister für diese Behauptung hat einspannen lassen, ist an den deutschen Universitäten eine Verlagerung von Stellen aus der Wissenschaft in “die Administration” oder “das Management” nicht erfolgt, wie ein gründlicher und unvoreingenommener Blick in die Hochschulstatistik leicht erweist.
      Und ja, es gibt neue Arten von Stellen in der Administration, die sich beispielsweise mit Studiengangsplanung und Studienorganisation, aber auch mit anderem (z.B. Drittmittelsupport) befassen. Von diesen Stellen (und den dort beschäftigten Personen) als “Unkraut” zu sprechen, zeigt bloß, dass es manchen immer noch an der Einsicht mangelt, dass grundlegende Funktionen einer Organisation (z.B. die Planung des Studienangebots) selbst an einer Universität erwartet werden können, was beispielsweise in den neunziger Jahren so nicht zu erleben war. Die regierende Professorenherrlichkeit hat insoweit mit Professionalität wenig zu tun. Eine Lösung der im Artikel angesprochenen Probleme ist von dieser Lobby eher nicht zu erhoffen.

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