Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Genug gejodelt

| 16 Lesermeinungen

Wem es auf Facebook mittlerweile zu wenig Mittagessen gibt, der ist bei Jodel  genau richtig. Perfide belohnt diese App für Studenten vor allem eins: Mittelmäßigkeit. Ist das ihr Erfolgsgeheimnis?

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Wie crazy dieses Studentenleben doch ist. Da wird Montagmittag im Pyjama in Jogginghosenhausen auf der Couch gesessen, gechillt, überlegt welche Pizza man zum Frühstück essen will und ob der Basilikum auf dem Fensterbrett in der Küche noch oder schon wieder lebt. Für diese und alle Fragen, für die das hauseigene Facebookprofil mittlerweile zu schade geworden ist, will die sich gezielt an Studenten wendende Social-Media-App Jodel Abhilfe schaffen.

Für ein paar Tage habe ich mich nun auch einmal in die Tiefen des studentischen Gejodels begeben und bin abgetaucht in eine Welt des Nonsens. Das Prinzip ist simpel. Die User sind es leider auch. Wem es auf Facebook mittlerweile zu wenig Mittagessen gibt, der ist bei Jodel  genau richtig.

Pizzaberatung zum Frühstück

„Sende einen Jodel an alle Studenten im Umkreis von 10km“ fordert dich die App freundlich auf. Hierfür ist noch nicht einmal eine Anmeldung und auch kein lästiges Profilerstellen mehr notwendig, denn im Gegensatz zu herkömmlichen Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter, setzt Jodel auf völlige Anonymität. Appstore aufrufen, App downloaden und schon können Kurztexte und Bildchen mit Kommentaren an alle sich im Umkreis befindenden studentischen Mitjodler gesendet werden. Diese können den eben verfassten Post wie gewohnt kommentieren, liken und durch das Setzen von Pins über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgen. Anders als auf bereits bewährten Plattformen legt Jodel keine accountbasierte Individualchronik an, sondern generiert aus den Standortdaten eine für alle sich im Umkreis befindenden User einsehbare Kollektivchronik.

Ebenfalls nicht ganz so gewohnt ist das Verfahren, nach dem die verfassten Beiträge auf Jodel geliked und auch geunliked werden können, denn via Klick auf einen Pfeil nach oben oder unten können die Beiträge up- and down-geratet werden. Und noch etwas unterscheidet das Jodelvoting hinsichtlich des Downvotings, das man in seiner Reinform bereits schon von Youtube oder Reddit her kennt, denn der Clou an dem Spiel, das Jodel da treibt, ist: wenn ein Post einen Gesamtstand von -5 Votes erreicht hat, wird er gelöscht und verschwindet endgültig im Orkus der Bedeutungslosigkeit.

Wo etablierte Social-Media-Plattformen auf Algorithmen zurückgreifen, die errechnen sollen, welchen der geteilten Beiträge deiner Freunde, Bekannten und gelikten Seiten du wohl gerade lesen möchtest, verzichtet Jodel zwar auf mühseliges Datenauswerten, zumindest bei der Chronik, agiert dennoch nicht minder perfide, denn was die geringe Mehrheit von fünf Usern nicht sehen möchte, fliegt raus. Man könnte es auch als kollektives Beitragstinder bezeichnen, und ob man es nun will oder nicht, eine ganze Online-Community steckt sich ihre Finger in die Ohren, kneift die Augen fest zusammen und macht einmal laut „Flülülülülülülü“.

Kaum habe ich die Frage, ob ich lieber die Pizza Funghi oder die Speziale, die in meinem Kühlfach um meine Aufmerksamkeit buhlen, frühstücken soll, in den Umkreis gejodelt, springen schon ein Dutzend Mitjodler zu Hilfe und auf meinem Display entflammt eine hitzige Diskussion über die Vorzüge und Nachteile der beiden Pizza-Sorten. Bei meiner Entscheidung komme ich zwar keinen Schritt weiter, weiß nun aber, dass es hier in nächster Nähe wohl Leute gibt, die Pizza Funghi auf den Tod nicht ausstehen können, und dass, wenn schon Funghi, ich auf die von Ristorante zurückgreifen solle.

Karmapunkte der Mittelmäßigkeit

Soweit so bekannt – ein Internetszenario, über das wir auch anderswo gerne einmal herüberscrollen könnten. Nur drängt sich mir beim Durchforsten meiner Jodelchronik, ganz gleich ob in Hildesheim, Frankfurt a.M. oder Hamburg, die Frage auf, wo sich hinter all den verpassten Gelegenheiten „diesen süßen Typen im Bus anzusprechen“ und Hilferufen verzweifelter Ersties, in welchem Raum Seminar XY denn nun sei, wohl die echten Inhalte und Diskurse verstecken.

Auffällig ist, dass meine Suche nach den im Internet sonst so beliebten Verbalausbrüchen, von ein paar Schenkelklopfern abgesehen, regelrecht ins Leere läuft. Nicht etwa, dass, wie man annehmen möchte, die Internetluft im anonymen Orbit dünner, der angeschlagene Ton rauher und die geführten Diskurse kruder werden, sondern das Gegenteil ist die Regel. Es scheint fast so, als habe man sich auf einen Knigge des Schweigens geeinigt, und jedes Aufkeimen möglicher Kontroversen oder bad vibrations wird teils schneller erstickt als mancher eine Antwort formulieren kann.

Wo andernorts noch darüber diskutiert wird, wie mit Hassbotschaften, Hetze, Fakenews und Spam umzugehen ist, überlässt Jodel die Kuration seiner Plattform den Usern selbst und schafft, ob freiwillig oder nicht, ein sich selbst regulierendes System. Einen inhaltlichen Nichtraum. Ob dies von den Machern der App durch Verwenden des Löschverfahrens impliziert beziehungsweise explizit gedacht war, bleibt offen. Dass sich die Macher über solche Fragen zumindest Gedanken gemacht zu haben scheinen, wird spätestens dann deutlich, wenn man auf die Karmapunkte verweist, die jeder Jodler erhalten und verlieren kann. Verliert ein Jodel an Likes und Zustimmung, verliert der Jodler an Karmapunkten und umgekehrt. Je höher dein Karma, kann man sagen, umso weiter bist du auf deinem Weg zur Mittelmäßigkeit vorangeschritten.

Tiefschlaf der Schwarmintelligenz

Auf meine Frage hin, warum denn nun gejodelt wird, schreibt ein User in für Jodel doch eher ungewohnt harschem Ton: „Weil Kim Kardashian einfach interessanter ist als Menschenleben in Syrien. Willkommen in unserer oberflächlichen Gesellschaft.“ Ein anderer User formuliert ähnliches, wenn auch nicht ganz so kritisch und ohne störenden Zeigefinger und schreibt: „Es ist eine Gemeinschaft trotz Anonymität, es macht Spaß Erlebnisse, lustige Sprüche oder Gegebenheiten mit anderen jungen Menschen meiner Stadt zu teilen und zu shakern!“ Die meisten jedoch entblößen sich als einfallslose, offenbar sexuell unbefriedigte Spaßkanonen, denen es nach eigenen Angaben darum geht, “den Lörres reinzuhämmern“.

In dem bereits 2010 erschienenen Buch „Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht“ schreibt einer der Pioniere der Digitalen Revolution und der Erfinder des Begriffes der „virtuellen Realität“, Jaron Lanier: „In der gerade erst aufblühenden Welt der digitalen Kultur lautete damals eine verbreitete Rationalisierung, wir träten in eine Phase vorübergehender Stille, bevor ein kreativer Orkan losbräche – oder wir befänden uns bereits im Auge solch eines Sturms. Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass wir keineswegs in eine Phase zeitweiliger Stille vor einem Orkan eintraten, sondern in eine Zeit anhaltender Schläfrigkeit, und inzwischen glaube ich, wir werden dem nur entkommen, wenn wir der Schwarmintelligenz den Garaus machen.“

In welchen Tiefschlaf wir mittlerweile versunken zu sein scheinen und wie treffsicher die Prognose Laniers letztendlich war, lässt sich rund sechs Jahre später am Beispiel von Jodel nur schwer leugnen.

23:27:

Das also war der Jodel des Tages – kann man ihn irgendwie noch schönreden?

 


16 Lesermeinungen

  1. Einfache Chemiestudentin sagt:

    Bestes Beispiel der Ignoranz
    Jodel ist eine Gemeinschafft. Zu der Frage welche Pizza man haben will, wird ganz persönlich geantwortet. Das Ziel war es nicht einem die Entscheidung zu nehmen. Man kann den Alltag aller Studenten miterleben. Wo sonst kriegt man antworten von Mitmenschen die einen verstehen. Selbst die Kritik an uns Studenten, dass wir mur über Bedeutungsloses sprechen ist nicht wahr. Hätten Sie sich die Mühe gemacht ein bisschen länger sich auf Jodel aufzihalten, wäre Ihnen klar das große politische Ereignisse auch diskutiert werden. Natürlich gibt es den einen oder anderen der Leute beleidigt. Aber unsere Community ist erwachsen genug um es nicht an einen ran zu lassen. Und primär geht es auf Jodel um dem Spaß und ein paar Lacher zu kriegen. Ihnen ist gar nicht klar wie sehr die Uni einen zum verzweifeln bringen kann. Dann ist etwas heiteres wie Jodel immer gerne erwünscht.

  2. Paul sagt:

    Fehlinterpretation der Gemeinschaft
    Dass die Inhalte der App tatsächlich eher einfacherer Natur sind mag richtig sein, der jetzigen jungen Generation daher in eine Zeit anhaltender Schläfrigkeit zu attestieren halte ich hingegen für eine Fehleinschätzung.

    Die App bietet den Nutzern genau das, was sie ohne die Anonymität heute nicht mehr machen könnten: Über die Belanglosigkeiten des Lebens sprechen und ohne viel Hirn über alles sprechen, was ihnen im Kopf schwirrt. Während alle Nachrichten und Gesprächsthemen mit Trump, dem IS oder Kriegen in aller Welt in der Gesellschaft eher negativ sind, bietet Jodel eine Plattform der Belanglosigkeit und des Wohlfühlens – Jeder ist willkommen, so lange er nicht die positive Stimmung, die sonst kaum mehr eine Plattform bietet, zerstört. Quasi eine Art Flucht in das, was die heutige Generation dank der kompletten Transparenz durch Facebook & Co. nicht mehr bietet.

  3. anonymous sagt:

    Jodel erklärt
    Jodel beschreibt sich am besten als bekrizelte Klotür in der Uni, die dir zurück schreibt.

  4. Valentin sagt:

    Titel eingeben
    Sehr schöner Artikel!
    Als ehemaliger jodel-user hab ich die gleiche ernüchternde Erfahrung gemacht. Selbst zum Ende der amerikanischen Präsidentschaftswahl waren politische Themen auf der Plattform tabu. Alles was nicht “witzig” ist oder einen Bezug zu Sex hat, hat leider keine Chance gehört (gelesen) zu werden…

    • Alex sagt:

      Lokale Unterschiede
      Dann scheint es wohl doch lokale Unterschiede zu geben. Während und vor allem gegen Ende der amerikanischen Präsidentschaftswahl war der Münchner Jodelfeed durchaus voll davon… Und es kamen doch Diskussionen zustande, die auf einem angemessen hohem Niveau waren…

  5. Jodler sagt:

    Knapp daneben..
    Der Autor verkennt den eigentlichen Sinn der App. Eben gerade das Voting System mit Rauswurf bei -5 macht doch deutlich, dass es sich hierbei um eine Plattform für Unterhaltung und örtlich (!) relevante Themen handelt. Ob es sich dabei nun um das wieder aufgekochte Mensaessen, um die Warnung vor dem gerade zugestiegenen Kontrolleur in der S4 (Kontrolörres), um Anekdoten von der Fleischtheke oder schlicht um das gemeinsame Leiden vor der anstehenden Statistik Klausur dreht, fällt hier doch kaum ins Gewicht.
    Der schnelle Austausch zu solchen Dingen kann ein Segen sein. Man muss sich nur darauf einlassen und sollte seine Syrien Diskussion besser bei einem Kaffee face to face austragen.

    • Gast sagt:

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      Ich denke nicht, dass der Autor den Sinn der App verkennt, er stellt meines Erachtens nach die Frage, ob dieser “Sinn”, sollte es sich überhaupt um einen handeln, überhaupt gedacht war oder sich aus sich selbst ergibt und was das letztendlich bedeuten kann.

  6. Linus Röchert sagt:

    Manchmal darf´s auch Currywurst sein
    Ihre Erwartungen an diese Plattform sind in etwa so sinnvoll wie sich an einer Currywurst-Bude ein Mehrgänge Menü nebst Rioja zu bestellen. Wer das ernsthaft erwartet, der fällt seinen eigenen Erwartungen zum Opfer, nicht dem tatsächlichen Angebot.

  7. Linda M. sagt:

    Super!
    Macht Spaß zu lesen. Musste viel schmunzeln.
    Wirklich toll geschrieben :)

  8. Martin sagt:

    Zu viel gewollt
    Ich glaube es gibt heutzutage eine überwiegende Masse an Menschen, die in banale Applikationen einen Sinn hineininterpretieren wollen, den es nicht gibt, und des es nicht geben soll.
    Jodel soll kein Sprachrohr sein und keine politische Diskussionsplattform. Es ist einfach nur das Flurgespräch in einem Mietshaus, nur das dieses eben etwas größer ist. Oder haben Sie sich bei Ihrem Nachbar schon über mangelnden ernsten Gesprächsstoff beschwert?

  9. Alexandra Kargmeier sagt:

    Titel eingeben
    Lieber Herr Döring,

    dieser Artikel fällt dem zentralen Vorwurf, den er gegenüber Jodel-Nutzern macht, selbst zum Opfer. Der Artikel ist simpel, die These auch.

    Was markiert einen echten Inhalt und einen echten Diskurs? Und falls ja, ist es der Sinn von Jodel, dass die Form von hochkulturellem Diskurs, den Sie als gültig ausmachen, hier stattfindet? Inhärent in ihrer Argumentation ist immer noch die Annahme, dass soziale Medien, oder das Web generell oberflächlicher sind als gesellschaftliches Leben an anderer Stelle, eine Behauptung, die in der Forschung längst überholt ist.

    Jaron Lanier zu zitieren, zeugt ebenfalls von einer geringen Auseinandersetzung mit der vorhandenen Literatur zu diesem Thema. Ich empfehle Ihnen als Ansatzpunkt Nathan Jurgensons Arbeiten zum digitalen Dualismus und die aktuellen Schriften von Daniel Miller und Kollegen.

    Amüsanterweise versteckt sich ein möglicher Sinn, den sie übersehen, in einem ihrer Zitate. “Es ist eine Gemeinschaft trotz Anonymität, es macht Spaß Erlebnisse, lustige Sprüche oder Gegebenheiten mit anderen jungen Menschen meiner Stadt zu teilen und zu shakern!“
    Für die User geht es in Jodel nicht darum, Goethe, Kant oder die politische Zukunft zu diskutieren – eine Möglichkeit, die durch die Affordanz der Plattform auch nicht richtig gegeben ist –, sondern um das Erlebnis von Gemeinschaft, Austausch und Unterhaltung. Sie deshalb als simpel zu verschreien, zeugt von äußert dünnem Verständnis, nicht nur der vorhandenen Forschungsliteratur, sondern auch der Prinzipien von sozialem Zusammenleben.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Alexandra Kargmeier

    • Uwe Ebbinghaus sagt:

      Hallo Frau Kargmeier, lassen Sie uns die zentralen Forschungsthesen zum Thema Jodel wissen?

    • Tilman Döring sagt:

      Danke für diesen Kommentar
      Sehr geehrte Frau Kargmeier,
      vielen Dank für diesen ausführlichen und guten Kommentar.

      Warum ich auf Lanier referiere kann ich einfach beantworten.
      Ich lese ihn gerne, teile seine Ansichten und er unterstreicht die von mir formulierte Beobachtung.

      “Inhärent in ihrer Argumentation ist immer noch die Annahme, dass soziale Medien, oder das Web generell oberflächlicher sind als gesellschaftliches Leben an anderer Stelle, eine Behauptung, die in der Forschung längst überholt ist.”
      Wo lesen Sie diese Behauptung?

      Liebst

    • Grammanaz sagt:

      Titel eingeben
      Hehe. Schön, wenngleich die grammatikalische Verwendung von inhärent ungewöhnlich anmutet.

  10. Lukas sagt:

    Richtig!
    Haha…verwende die App selbst manchmal. Wie recht er hat!

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