Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ich trug sie zum Mount Everest – zehn Tage lang

| 49 Lesermeinungen

Ein Jahr, 29 Länder, 45.000 Kilometer. Der Mainzer Student Philipp Thiele fuhr mit dem Geländewagen von Australien nach Deutschland. Im Interview erzählt er von den gefährlichsten Situationen und einer Mitfahrerin, die bis zum Ende bei ihm blieb.

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© Philipp ThieleDer Zufall regiert die Begegnungen: Schulkinder auf dem Heimweg, Indonesien

Philipp, du bist mit einem 30 Jahre alten Toyota Landcruiser von Sydney nach Mainz gefahren. Wie kommt man auf so eine Idee?

Nach dem Abitur 2012 bin ich zum Work & Travel nach Australien. Ursprünglich wollte ich nur ein Jahr bleiben, aber dann traf ich in einer Bar in Darwin zwei Weltenbummler – total coole Typen – die mit dem Motorrad von England nach Australien gefahren sind. Das hat mich inspiriert. Ich wollte das auch machen, nur eben in die andere Richtung.

Bis du dann wirklich losgefahren bist, hat es aber noch drei Jahre gedauert.

Ja, ich brauchte ja Geld für den Trip. Insgesamt 30.000 Euro hatte ich ausgerechnet. Also habe ich in Australien noch mehr gearbeitet, um für die Reise zu sparen. Tagsüber auf Baustellen, abends dann in Bars – 70 bis 90 Stunden die Woche. Klar war das zum Teil krank, aber ich hab das auch gern gemacht, weil ich wöchentlich den Fortschritt auf meinem Konto gesehen habe. Ich wusste: Mit jedem neuen Gehaltsscheck komme ich der Reise näher.

© Philipp ThieleBei einer Passüberquerung auf dem Weg nach Skard, Pakistan

2015 hattest du das Geld zusammen. Du hast dir dann für umgerechnet 7000 Euro einen 30 Jahre alten Geländewagen gekauft. Tachostand schon damals: 430.000 Kilometer. Hattest du keine Bedenken, dass der Wagen unterwegs schlapp macht?

Nee, wenn man Angst vor dem hat, was alles passieren kann, braucht man gar nicht erst loszufahren. Bis auf ein paar kleinere Pannen ist auch alles glatt gelaufen. Nur einmal auf einem Bergpass in Indonesien hat mich der Wagen im Stich gelassen. Das Auto raste abwärts, auf einen Abhang zu und die Bremsen reagierten nicht, weil sie überhitzt waren. Ein Scheißgefühl. Ich habe den Toyota dann noch gerade so mit Schaltung und Handbremse auf einem Schotterfeld zum Stehen gebracht. Das war wirklich haarscharf.

Gestartet bist du in Sydney. Von dort ging es quer durch Australien, per Schiff nach Osttimor und auf dem Landweg weiter Richtung Europa. Insgesamt durch 29 Länder. Wo hat es dir am Besten gefallen?

© Philipp ThieleBaden mit der Hündin Tiksa in Pakistan

Ich bin ein großer Fan von Pakistan. Die Landschaften und die Herzlichkeit der Menschen waren total faszinierend. Ähnlich war es in Iran. Gerade in Regionen, in die fast nie Touristen kommen, nehmen die Menschen einen mit einer wahnsinnigen Gastfreundschaft auf. Die fühlen sich geehrt, dass sie jemand besucht. Auch Osteuropa war spannend. Wenn man von Iran über die Grenze nach Armenien und weiter nach Georgien fährt, gelangt man schlagartig in eine komplett gegensätzliche Welt. Alles sieht anders aus, Gebäude und Natur, kälter irgendwie. Und so sind auch die Menschen: rauher und distanziert – aber auch total ehrlich und entschlossen. Und sie haben diese leckere, deftige Küche. Da möchte ich gerne nochmal hin.

Wie oft warst du auf deinem Trip in Lebensgefahr?

Mehrfach. Mein bedrohlichstes Erlebnis hatte ich in Indonesien, auf der Insel Lombok. Da hat mich eine Horde Taxifahrer verfolgt und eingekesselt. Ich habe regelmäßig Touristen auf der Straße mitgenommen. Die dachten wohl, ich sei ein Konkurrent und nehme Geld dafür. Die Männer waren extrem wütend und haben auf mich eingeschrien. Ich war mir sicher, dass ich aus dieser Situation nicht unverletzt rauskomme. Gottseidank kam dann der Boss der Gruppe dazu, der relativ ruhig war. Er sagte zu mir, ich solle sofort abhauen, bevor die Situation eskaliere. Ich bin dann Hals über Kopf abgereist. Nach diesem Erlebnis habe ich mir auf einem Markt eine Waffe gekauft, einen Teleskop-Schlagstock.

Hast du die Waffe einsetzen müssen?

In Malaysia war ich ganz kurz davor. Ich hatte mein Auto von Indonesien nach Kuala Lumpur in einem Container verschifft. Die Abwicklung vor Ort regelten Zollagenten – soweit, so üblich. Das zog sich dann aber über zwei Wochen hin. Irgendwann hieß es: Jemand holt dich in deinem Hotel ab und wir treffen uns in einem Depot, in dem der Wagen geparkt ist. Es war schon dunkel, als der Typ endlich aufkreuzte, ein Klotz von einem Mann. Ich hatte 800 Dollar in bar dabei. Wir fuhren ziemlich weit raus aus der Stadt, in ein Industriegebiet. Plötzlich bog der Fahrer auf eine unbefestigte Straße ab, auf der es keinerlei Beleuchtung gab. Die Straße wurde immer holpriger und ich war mir sicher, dass irgendwas nicht stimmt. Im Rückspiegel tauchte dann auch noch ein weiteres Auto auf, das uns verfolgte. Mein Fahrer schnallte sich ab und reagierte nicht mehr auf meine Fragen. Ich hatte den Schlagstock bereits ausgefahren, als ich in der Dunkelheit ein Tor erkannte. Dahinter stand mein Wagen. 30 Sekunden später – und ich hätte den Mann wohl K.O. geschlagen.

© Philipp ThieleDepot in Malaysia: obskures Treffen mit Zollagenten

Also war alles nur ein Missverständnis?

Ja. Der Fahrer kannte den Weg nicht genau und war offenbar total überfordert. Deshalb hat er auch nicht mehr auf meine Fragen reagiert. Die Typen hinter uns waren die Zollagenten, mit denen wir verabredet waren. Für die war es eine normale geschäftliche Abwicklung. Ich empfand es als lebensbedrohlich.

Auf einigen Fotos, die du gemacht hast, sind Männer mit Maschinengewehren zu sehen. Wurdest du bewacht?

© Philipp ThieleBewacher in Pakistan

Ja, das war in Pakistan. Dort haben mich Soldaten über eine Strecke von 500 Kilometern begleitet. Anders darf man dort gar nicht ins Land einreisen. In Myanmar wurde ich sogar die komplette Zeit eskortiert. Ein  Aufpasser von der Regierung und ein Tour-Guide wichen so gut wie nicht von meiner Seite. Das ist die einzige Möglichkeit, das Land mit dem Auto zu durchqueren – extrem kostspielig.  Immerhin bekommt man für sein Geld eine coole Sightseeingtour-Tour.

Auch sonst warst du während deiner Reise selten allein. Über 100 Mitfahrer hast du in deinem Geländewagen mitgenommen, hast du gezählt. Wie ging das vor sich?

Komplett unterschiedlich. Backpacker habe ich meist in Hostels oder Bars kennengelernt. Manche haben sich auch über meine Website mit mir verabredet.  Einheimische sind oft per Anhalter mitgefahren.

Gibt es eine Begegnung, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

© Philipp ThieleBinods erster Schultag

Fasziniert hat mich ein junger Pole, den ich in Iran aufgegabelt habe. Er war Kriegskorrespondent und auf dem Weg nach Russland. Der hatte ein wahnsinniges Wissen über die Region. In Nepal habe ich Binod kennengelernt, einen elf Jahre alten Jungen. Sein Vater hat die Familie verlassen und seine Mutter ist so krank, dass sie nicht für ihn sorgen kann. Eine Familie in Kathmandu hat Binod aufgenommen. Eine Freundin und ich haben das Schulgeld für ihn bezahlt. Für das nächste Jahr sammeln wir derzeit noch Spenden über meine Homepage.

Eine Mitfahrerin ist bis zum Schluss der Reise bei dir geblieben: Mischlingshündin Tiksa. Wie seid ihr euch begegnet?

Im Himalaya, am Fuß des Mount Everest. Ich war mit einer Gruppe von Freunden wandern, als sie mir über den Weg lief. Sie war am Bein verletzt und humpelte. Erst wollte ich sie gar nicht anfassen, weil sie so jämmerlich aussah. Das Fell war vernarbt, ein zerzauster Knäuel Hund. Ich konnte sie nicht zurücklassen, dass wäre ihr sicherer Tod gewesen. In Nepal sind Hunde so viel wert wie Ratten. Also habe ich sie durch die Berge getragen, zehn Tage lang – bis zum Basecamp des Mount Everest. Später habe ich einen Helikopter-Piloten bestochen, damit er uns nach Kathmandu zurückfliegt.

© Philipp ThieleMit Tiksa am Mount Everest

… weil Tiksa im Flugzeug nicht mitfliegen durfte?

Genau. Hunde sind an Flughäfen in Nepal verboten. Der Helikopter-Pilot flog uns heimlich aus. Auf dem Rollfeld in Kathmandu holte uns dann ein Krankentransporter ab. Ich habe so getan, als sei ich ein Bergsteiger mit Höhenkrankheit. Das war die einzige Möglichkeit, Tiksa aus dem Flughafen herauszuschmuggeln, denn in den Krankentransporten durchsuchen sie deine Taschen nicht.

Wie viel Geld hat dich die Aktion gekostet?

Umgerechnet 400 Euro, hinzu kamen dann nochmal 300 Euro für Impfungen und Papiere.

Du hast die Hündin Tiksa getauft. Was bedeutet der Name?

Tiksa ist abgeleitet von Tick-Cha. Das ist nepali für „alles okay“. Alle sagen es ständig in Nepal. Und sie war eben auch Tick-Cha.

Du hast Tiksa mit nach Deutschland gebracht, in deine Heimatstadt Mainz. Wie ist es für euch beide, nach einem Jahr Reise und 45.000 zurücklegten Kilometern wieder sesshaft zu sein?

Damit kommen wir beide super klar. Es tut gut, mal zur Ruhe zu kommen, ein bisschen Kontinuität ins Leben zu kriegen. Auf einer solchen Reise begegnest du ja ständig neuen Menschen, die dich aber auch bald wieder verlassen. Es ist schön Freunde und Familie jetzt dauerhaft um einen zu haben. Und Tiksa fühlt sich pudelwohl in Mainz.

© Philipp ThieleMitfahrer in Indien

Welche Erfahrungen hast du mitgenommen von deiner Reise?

(überlegt lange) Ich habe gelernt, geduldig zu sein, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Wenn man positiv denkt und freundlich bleibt, ergeben sich immer Situationen, die einem weiterhelfen. Ich hatte zum Beispiel Probleme mit meinem Visum für Pakistan. Dann traf ich in einem Copy-Shop einen Mann, der in Diplomaten-Kreise unterwegs war. Er bat mir seine Hilfe an und zwei Tage später hatte ich die Papiere in der Hand. Vieles, was das Leben ausmacht, ist eben dem Zufall überlassen.

Viele Weltenbummler zieht es immer wieder hinaus auf Reisen. Planst du schon den nächsten Trip?

© Philipp ThieleVolles Auto in Myanmar

Derzeit nicht. Aber wenn sich was ergibt, warum nicht? Ich würde gerne einige Freunde besuchen, die ich auf der Reise getroffen habe.

Wo steht der Geländewagen jetzt?

Bei mir im Hof. Ich habe schon eine besondere Beziehung zu dem Auto entwickelt. Es war ja nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern für ein Jahr meine Base, mein Rückzugsort. Ich habe in dem Wagen geschlafen, gegessen, Freunde getroffen. In Mainz fahre ich nicht mehr damit – aber verkaufen? Das geht einfach nicht. Nicht nachdem, was wir gemeinsam erlebt haben.

Die Fragen stellte Florian Barz.

Sämtliche Folgen unserer Reihe „Feldforschung“

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© Philipp ThieleKonvoi in Myanmar
© Philipp ThieleZwischenstopp vor Kathmandu
© Philipp ThieleIn Myanmar
© Philipp ThieleAuf dem Dach der Welt
© Philipp ThieleKratersee des Vulkans Kelimutu in Indonesien – der See heißt “Lake of Young Men and Maiden”
© Philipp ThieleMit Tiksa in Pakistan

49 Lesermeinungen

  1. Spannend
    Hallo Phillip,

    ich habe deine Story gelesen und finde sie sehr spanned. Es brachte auch Erinnerungen zurueck an eine aehnliche Reisen die ich als Student 1978 von Deutschland aus machte (per 4. Klasse Zug, Bus, Ricksha, etc). Mein Ansporn war damals ein Buch „Narren des Gluecks“, eine Story von zwei deutschen Studenten, die nach einer Studienzeit in Australien durch Asien zurueck nach Deutschland reisen, mit Rucksack, ueber ein Jahr. Check it out. Findest Du wahrscheinlich sehr interressant.

    Again, sounds like you had a great trip!

    Cheers.

  2. Titel eingeben
    Man hat bei diesem Bericht schon richtig mit gelitten und kann nur seinen großen Respekt vor so einer Weltreise zum Ausdruck bringen. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und Gesundheit.

    • Erstaunlich
      Bemerkenswert, dass er dafür im Ausland Jahre hart gearbeitet und gespart hat, um dann die nächste Strapaze auf sich zu nehmen.
      Mut, Ausdauer und Fleiß sind die Tugenden der ganz Großen.

  3. Respekt für diese Tour.
    Ich hörte immer, dass es in Pakistan sehr problematisch ist. Jetzt lese ich mit Freude das Gegenteil. Alleine dies zu starten, kann ich nur mit großem Respekt beantworten. Die Hündin sieht ja toll aus.

  4. Respekt
    Wer so viel Lebenslust und Mut bewiesen hat, der kann erhobenes Hauptes und optimistisch in Leben schauen. Und wenn es doch irgendwo und irgendwann mal eng werden sollte, einfach an die überstandenen Klippen der Tour denken. Dann geht’s weiter. Wenn ich Unternehmer wäre, dann würde ich Philipp als kreativen Ideengeber und Berater einstellen. Denn Philipp Thiele aus MZ hat das Leben erfahren und (kennen)gelernt.

  5. Titel eingeben
    hallo philipp,
    grosses kompliment und jede menge respekt. du hast genau das gewagt, wovon ich im fortgeschrittenen alter träume.
    deine erfahrungen und erlebnisse sind es auf jeden fall wert, daraus einen bildband zu produzieren. ich freue mich, wieder neues von dir zu lesen und zu hören. adios!!

  6. Was fuer eine Lebenserfahrung
    Gratulation zu Deinem Mut und Deiner Weltoffenheit und danke fuer die wunderschoenen Fotos, die es bestimmt irgendwann in Buchform zu bewundern gibt;)!

  7. Wenn das nicht richtig ist....
    Diesen Mut und die Lust sich mit anderen Werten und Kulturen auseinander zu setzen, wünsche ich viel mehr Menschen. Den Ausbruch aus dem Gewohnten und vermeintlich sicheren zu wagen…mit der Möglichkeit wieder dort hin zurück zu kehren. Wenn man sich sicher ist, dass man es dann auch wirklich will. Respekt!

  8. Gratulation
    Meine Hochachtung für deinen Willen, diese lange gefährliche Reise antreten zu wollen, meinen Respekt für deinen Fleiß und deine Ausdauer, dafür tagtäglich schwer gearbeitet zu haben und meine Gratulation, dass du es bis in deine Heimat nach Deutschland geschafft hast.
    Jetzt soll dir ein Verlag einen Vertrag für ein Buch geben.
    Das hast du dir verdient, nicht nur als wertvoller Mensch, welcher einem Tier das Leben gerettet hat, sondern als Vorbild für eine ganze Generation, wie man mit Beharrlichkeit, Mut und harter Arbeit seine Träume verwirklichen kann.
    Du bist für mich genau der Typ Mensch, welcher durch herrausragende Leistungen seinem Land noch viel Ehre erweisen wird.
    Alles Gute und viel Glück in deinem weiteren Leben!
    Schöne Grüße aus Österreich.

  9. .
    Doch eine Frage bleibt noch offen. Was studiert der junge Mann?

  10. Titel eingeben
    Inspirierend !!

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