Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Inklusion: Warum schicken Eltern ihre Kinder auf Förderschulen?

| 27 Lesermeinungen

Die Inklusion an Schulen ist zum Kampfplatz geworden. Der Trend geht hin zur Förderschule. Aber kann die Debatte fair geführt werden, solange an Regelschulen bei den Ressourcen gespart wird?

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Kein Thema polarisiert in bildungspolitischen Debatten so stark wie die Inklusion. Sie ist zum argumentativen Schlachtfeld konkurrierender Interessen und Einstellungen geworden. Eine Schule für alle, die niemanden ausschließt, mit verschiedenen binnendifferenzierenden Maßnahmen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler eingeht sowie – und das steht im Vordergrund – Menschen mit Behinderung einen Platz inmitten der Gesellschaft gibt, das ist das Ziel des gemeinsamen Lernens. Behinderungen sollen als Teil gesellschaftlicher Normalität begriffen, soziales Lernen und Miteinander gefördert werden. Doch Kritiker betrachten dieses Ideal als gescheitert, teils gar als ideologisches Experiment auf dem Rücken der Kinder.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass 2017 4,3 Prozent der Kinder an Förderschulen unterrichtet wurden. 2008 waren es noch 4,9 Prozent. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Kinder mit Förderbedarf. Von 2005 bis 2014 allein ist der Prozentsatz von 5,7 auf 7 Prozent aller Schüler angestiegen, so die Kultusministerkonferenz. Eltern stehen angesichts der aufgeladenen Kontroverse vor einer schwierigen Entscheidung: Welche Schule berücksichtigt das Kindeswohl am meisten? Denn in vielen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg haben Eltern die Wahlmöglichkeit, ob sie ihr Kind an einer Förder- oder einer Regelschule anmelden. Ihre Gründe, weshalb sie sich für die eine oder die andere Variante entscheiden, sind äußert vielschichtig. Hinter jeder Entscheidung steht ein langer, individueller Prozess.

Maike Behrens ist Mutter eines behinderten Kindes. Ihr wurde damals von Lehrern und Sonderpädagogen geraten, ihr Kind an einer Förderschule anzumelden. Dass sie dem gefolgt ist, bereue sie mit Blick auf die Entwicklung ihres Sohnes überhaupt nicht, sagt sie. Er weist autistische Züge auf, hat eine Impulssteuerungsstörung und eine fortschreitende Erkrankung, die ihm immer wieder abverlangt, Rückschritte psychisch aufzuarbeiten.

Inklusion wird nur als Sozialprojekt gesehen

Die Mutter sieht ihr Kind an einer speziell auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Förderschule viel besser aufgehoben als einer Regelschule. „Es verlangt fachkompetente Lehrer und Mitarbeiter in jeder Stunde, in jeder Pause, und jeder Unterricht muss letztlich in enger Aufsicht und Betreuung erfolgen“, führt sie aus. Eine Regelschule könne im Normalfall nicht auf diese Ressourcen zurückgreifen – eines der größten Probleme in der gemeinsamen Beschulung behinderter und nicht-behinderter Kinder, wie Eltern und Lehrer gleichermaßen beklagen.

Manche Schulen aber sind eben kein Normalfall, berichtet Rebecca Müller (Name geändert). Sie ist ebenfalls Mutter eines Kindes mit Behinderung, das allerdings eine Regelschule besucht. Für die findet sie durchweg lobende Worte, denn die Schule habe genügend Ressourcen, um kompetent auf die Bedürfnisse der Lernenden eingehen zu können. Dort gebe es Sonderpädagogen, Entspannungspausen, speziellen Förderunterricht etwa für Sport und fürs phonologische Bewusstsein, Hundepädagogik und einen Aufzug. Denn allein die physische Barrierefreiheit ist vielerorts nicht gegeben.

Maike Behrens hat da schlechtere Erfahrung gemacht. Eine Regelschule mit deutlich größeren Lerngruppen könne das, was Förderschulen böten, wahrlich nicht gewährleisten – zumal sie Sorge trägt, ihr Sohn würde sich dort im Unterricht so auffällig verhalten, dass für die anderen Schüler keine Lernzeit mehr stattfände. Eine gängige Befürchtung, wenn es ums gemeinsame Lernen geht. Darunter würde dann auch ihr Sohn leiden, glaubt sie. Schließlich könne er von der Klasse ausgestoßen werden, eine Separation innerhalb der Inklusion eintreten. In der Förderschule aber sei er mittendrin statt nur dabei, habe eine normale Adoleszenz gehabt, eine Pubertät mit Freundschaften und Liebschaften erlebt. „Unter sich zu sein ist nicht nur als Ausgrenzung zu verstehen“, sagt sie.

Behrens hat sich in der Elternarbeit viel mit Inklusions-Konzepten beschäftigt, etliche Diskussionen geführt. Ihre BilanReflexion ist ernüchternd: „Ich hatte oft das Gefühl, dass man die behinderten Kinder eins zu eins durch ein Klassenhaustier hätte ersetzen können und an dem Konzept hätte sich nichts geändert.“ Die Inklusion werde als Sozialprojekt verstanden – nicht als Förderung behinderter Kinder, die doch im Fokus stehen müsste, so wie es zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention will.

Länder machen eine Kehrtwende

„Ich finde eine Zwangsbeglückung durch verpflichtende Inklusion genauso schlimm wie eine zwangsweise Aussonderung an Förderschulen“, sagt die Mutter und sieht den Mittelweg der Wahlfreiheit, den viele Länder gehen, als beste Variante. Es gebe Kinder, die sehr wohl ohne Probleme mit differenzierendem Material zielgleich eine Regelschule besuchen könnten. Das sei auch eine Selbstverständlichkeit, sagt sie. Aber letzten Endes brauche es ein durchlässiges System, eine Koexistenz verschiedener Optionen, um allen Kindern die für sie beste Schulbildung zu ermöglichen. Doch entspräche das nicht der teilweisen Aufgabe der Idee der Inklusion, die doch über die bloße Integration ins Schulsystem hinausgehen soll? Bräuchte es nicht erst mal ausreichende Ressourcen, wie sie Rebecca Müller an ihrer Schule sieht? Eine Inklusion auf Sparflamme kann nicht gelingen.

In der deutschen Schullandschaft scheint sich indes eine Kehrtwende in den Inklusionsbemühungen abzuzeichnen. Lange wurden Förderschulen geschlossen, um das gemeinsame Lernen voranzutreiben. Ihr Bestand in Deutschland sank laut Statista von etwa 3500 im Jahr 2005 auf etwa 2900 im vergangenen Jahr. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel setzt man weitere Förderschulschließungen aus. Die schwarz-gelbe Landesregierung fokussiert sich nun auf die vielfach kritisierten Bedingungen, die dem gemeinsamen Lernen nicht Rechnung tragen. Nun müssen Regelschulen strengere Standards erfüllen. Auch der niedersächsische Landtag hat im Frühjahr ein neues Schulgesetz beschlossen, demzufolge Förderschulen für Lernbehinderte auch die nächsten zehn Jahre auf Antrag fortgeführt werden. In Süddeutschland stockt es ebenfalls bei der Umsetzung der Inklusion. Im Saarland scheint der Richtungswechsel am stärksten ausgeprägt: Dort hat die Regierung gar vor, weitere Förderschulen zu eröffnen.

An der elterlichen Wahlfreiheit rütteln die Landesregierungen dabei zwar nicht. Aber während Förderschulen erhalten werden, kommt der Ausbau inklusiver Ressourcen an den Regelschulen ins Stocken – dabei sind es doch gerade die schlechten Bedingungen, die Eltern behinderter Kinder von der Anmeldung abhalten. In der Konsequenz wird sich die Qualität der inklusiven Pädagogik an Regelschulen so nicht verbessern lassen. Dabei ist eine verstärkte pädagogische Förderung entscheidend für das Gelingen der Inklusion. Gießener Erziehungswissenschaftler fordern nun, dass an Förderschulen tätige Lehrer sowie Sozial- und Heilpädagogen zunehmend an Regelschulen eingesetzt werden. Und Elisabeth von Stechow, Professorin an der Julius-Liebig-Universität Gießen, sagt über gute Bedingungen gemeinsamen Lernens: „Wenn die ganzen Ressourcen, die jetzt in Förderschulen sind, in der Regelschule bereitgestellt würden, dann wäre auch dort eine angemessene Beschulung möglich, so wie wir das zum Beispiel in Finnland sehen.“

Dass die Länder verstärkt auf das Gegenteil setzen, dürfte die Rufe über ein Scheitern des gemeinsamen Lernens befeuern – und Inklusionsgegnern zusätzliche Munition liefern.


27 Lesermeinungen

  1. Grober Unfug
    Die Verantwortlichen müssten einmal verstehen, dass alle Kinder verschieden sind.
    Was dem einen Kind gut tut, mag einem anderen Kind schaden.
    Schon die Diskussion ob inklusiver Unterricht für alle Kinder anzustreben sei, oder ob alle behinderten Kinder eine Förderschule besuchen sollen, ist Unfug. Es muss eine Wahlmöglichkeit geben um alle Kinder optimal zu fördern, und es müssen für beide Varianten – Inkusion und Förderschulen – ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.
    Wer etwas anderes behauptet ist entweder Dogmatiker oder will an der falschen Stelle Geld einsparen.

  2. Inklusion: Warum schicken Eltern ihre Kinder auf Förderschulen?
    Wie am Ende zusammengefasst: Wenn die Regelschulen mit heilpädagogischem Fachpersonal, Pflegeausstattung und Barrierefreiheit ausgestattet sind, steht einer Inklusion nichts mehr im Wege und käme allen Kindern und der Gesellschaft zugute.

  3. Titel eingeben
    Inklusion muss viel früher beginnen. Bei Feststellung einer Behinderung müssen Eltern sofort informiert werden wo sie welche Hilfen bekommen. Was ihre Rechte sind,wie das Kind bereits vor der Schule gefördert werden kann. Dann kann man mit Berater schauen, welche Schule für das Kind die beste ist.
    Kinder einfach in Regeschulen zu schicken, keine Nachmittagsbetreuung /Förderung anzubieten hilft weder den Behinderten noch den Nichtbehinderten.
    Dadurch entstehen auch Ängste bei Eltern, dass ihr Kind nicht genügend lernt weil zu wenig Zeit für ihr Kind ist.

  4. Ressourcen
    Ich bin Förderschullehrerin in Inköusion. Es sind von meoner Stammschule über 300 Unterrichtsstunden kn der Inklusion an diverse regelschulen im stadtgebiet abgeordnet. Das hat sazu geführt, dass es an den Förderschulen speziell doppelbesetzte stznden für Therapien niccht mehr gibt und Vertretung nicht mehr gewährleistet wird.
    An den Regelschulen wiederum werden PRO WOCHE max. 5 Unterrichtsstunden durch eine förderLehrkraft abgedeckt …zu wenige . Es muss eine durchgängige Doppelsteckung in jeder klasse geben, damit ALLE profitieren können. Weiteres Problem: selbst wenn der wille zur Neueinstellung seitens der Regierung da ist…es Gibt kaum qualifiziertes personal!

  5. Debatten müssen realistisch geführt werden...
    denn der Preis der notwendigen Ressourcen spielt eben auch eine Rolle. Schulen waren schon vor der Inklusion chronisch unterfinanziert.
    Sich nach Einführung der Inklusion über fehlende Ressourcen zu wundern zeigt schlicht die Inkompetenz derjenigen, die die Inklusion durchgesetzt haben!
    Letztlich wurde die Diskussion ausschließlich von der Idee her diskutiert und umgesetzt, nicht von realistischen Faktoren in der Praxis.

    • Titel eingeben
      Ja, eine äußerst unheilige Allianz aus sparwilligen Politikern und wohlstmeinenden Idealisten, die mit der Realität fremdeln.

  6. Inklusion
    Stell dir vor, dein normalbegabtes Kind, solche soll es geben, ist in einer Regelschulklasse mit 25 – 30 Kindern zusammen mit 3 – 4 Verhaltensauffälligen und Geistig Behinderten …

    • ...und was dann...
      …Lernen Kinder Empathie und Verständnis aufzubringen…. Ohne Ideologie… wäre in der heutigen Zeit durchaus wünschenswert….

  7. Kernpunkt:
    „… und das steht im Vordergrund – Menschen mit Behinderung einen Platz inmitten der Gesellschaft gibt, das ist das Ziel des gemeinsamen Lernens“. Mit anderen Worten: „Inklusion wird nur als Sozialprojekt gesehen“. Die Schule ist nun mal ein Experimentierfeld von Weltverbesserern und Ideologen mit den Schülern als Experimentierkaninchen.

    • Missverständnis
      …nicht nur als sozialprojekt. So ein Unsinn… es geht um Teilhabe. Handicaps müssen nicht zwangsläufig massive geistige Behinderungen sein. Rollstuhlfahrer, blinde und sehbehinderte Kinder, Hörgeschädigte usw. weshalb sollten diese Kinder nicht dieselbe Möglichkeit haben, in der ortsnahen Schule beschult zu werden. Wenn es nachdem Verfasser dieses Kommentares geht…alle in Förderschulen… saubere Lösung…!!! Undifferenzierter Quatsch. Sorry.

    • An Ch
      Warum sollen Lehrer eigentlich zwei (drei, vier, fünf,…) Unterrichtsvorbereitungen leisten für das gleiche Geld? Und zwar für jede Stunde? Das ergibt nicht einfach eine Addition von Aufgaben, sondern Sie müssen die Unterrichte dann iwie wieder zusammenlaufen lassen, koordinieren und Sie müssten sich mehrteilen. Blindenbeschulung ist z.B. doch recht anspruchsvoll und nicht mal eben so zu leisten.
      Ihren Vorwurf an den obigen Kommentator, Günter Rampe, kann ich aus seinem Kommentar übrigens nicht herauslesen.

  8. Differenziert und gut
    Der Artikel ist gerade durch seine differenzierte Herangehensweise sehr gut. Im Mittelpunkt aller Überlegungen zur Bildung muss das Kindeswohl stehen! Im Falle der Inklusion bedeutet das, Regelschule wenn Schule und Schüler hierfür die Voraussetzungen bieten. Die Förderschullehrer werden auch hier als beratende Experten dringend gebraucht. Gerade bei körperlichen Beeinträchtigungen ist das ein praktizierter und bewährter Weg. Bei geistigen Beeinträchtigungen bedeutet Regelschule im Normalfall die Vernachlässigung und für das Kind eine Kette von Misserfolgserlebnissen. Die Inklusion muss auf der Freiwilligkeit von Kind, Eltern und Schule beruhen. Das entspricht auch der UN-Resolution. Alles andere ist Ideologie und setzt sich dem Verdacht aus, dass Kindeswohl dem Gesamtschulgedanken zu opfern.

  9. solange an Regelschulen bei den Ressourcen gespart wird?
    Es geht nicht um Ressourcen. Das wollen Ideologen aber nicht einsehen. Eine Förderschule heißt doch deshalb so, weil dort eine individuelle Förderung stattfindet. Das kann doch in einer Regelklasse gar nicht geleistet werden. Die Versetzung der Lehrer von Förderschulen an Regelschulen ist doch illusorisch. In jeder Klasse, in der auch nur e i n Förderschüler unterrichtet werden soll, müßte dann ein Förderlehrer zusätzlich vorhanden sein. Abgesehen von der Störung des Unterrichts der 25 anderen Schüler, sind doch soviel Lehrer gar nicht vorhanden. Wir sollten endlich mit dem Unfug aufhören und den behinderten Schülern die bestmögliche Förderung in Förderschulen geben und den Regelschülern ein geregeltes Lernen ermöglichen.

  10. Nach allem was ich aus dem Bekanntenkreis (Lehrer) höre,
    schliessen die Zustände in diesen „Inklusionsschulen“ die ausreichende Beschulung „nicht-behinderter“ Schüler aus. Köperliche Behinderungen sind ja nicht das Problem, sondern geistige. Wenn ein solcher Schüler, dem sein Problem täglich vor Augen geführt wird, auf den Tisch steigt und mit voller Lunge anfängt zu schreien, ist die Mathestunde für alle Schüler sofort beendet.
    Und wenn die „Unterstützungslehrer“ nur so lange im Klassenzimmer sind, wie das Fernsehteam anwesend ist, sonst aber nicht, dann erkennt man was „Inklusion“ wirklich bedeutet: Wir benachteiligen alle Schüler gleich und geben alle die selbe schlechte Schulbildung. Durch Benachteiligung der Begabteren macht man es nicht besser für die Benachteiligten! Man spart Geld für die Förderschulen. Der Rest ist Ideologie.

    • Ist das so ?
      Ich hoffe, dass der Verfasser, nie in eine Lage kommt, und er sich die Frage stellt, auf welche Schule sein eigenes Kind ( mit Handicap ) gehen könnte. Möglicherweise würde dich die Sichtweise dann rasant ändern. Und das hat nix mit Ideologie zutun.

    • Titel eingeben
      Ch,
      kann es sein, dass Sie Förderschulen pauschal ablehnen? Sehr differenziert…

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