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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Lehramt-Studenten: „Wir wollen niemanden, der nur Beamter werden will“

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Lehrer sollten Kinder mögen und ihnen gerne etwas beibringen. Viele Anwärter haben aber oft ganz andere Beweggründe. Die Uni Passau hat daher einen frühen Praxisschock etabliert. Eine Professorin erklärt die Hintergründe.

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© picture-allianceLehramtsstudenten in der Vorlesung „Einführung in die Schulpädagogik“

Seit dem Wintersemester 2016 gehen Pädagogik- und Didaktik-Studenten der Uni Passau schon zum Start des Studiums ein volles Jahr lang zur Schule. Im Zuge eines Modellcurriculums müssen sie an einer Grundschule über ein volles Schuljahr verteilt 240 Praktikumsstunden absolvieren und dabei auch selbst unterrichten.

Bislang kamen Lehramtsstudenten meist erst im dritten Semester mit dem schulischen Alltag in Kontakt, früher sogar erst nach dem ersten Staatsexamen – und dann weniger regelmäßig und nur als passive Beobachter. Ein Gespräch mit der Leiterin des Passauer Lehrstuhls, Prof. Dr. Christina Hansen, über die Frage, warum sie die Praxisphase nun an den Anfang des Studiums verlegt hat.

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F.A.Z.: Frau Professor Hansen, der Kabarettist Dieter Nuhr wollte ursprünglich Lehrer werden, hat sogar das erste Staatsexamen abgelegt, bevor er sich für die Bühne entschied. Er bringt gerne den Witz, er sei eben ein Gewohnheitsmensch, der sich den Übergang von der Schulbank ins Berufsleben möglichst reibungslos gestalten wollte. Ist der Sinn Ihres Modellcurriculums, den Studenten einen solch fließenden Übergang zu ermöglichen?

© privatChristina Hansen

Christina Hansen: Natürlich wollen wir unsere Studierende sanft in ihr zukünftiges Berufsfeld einführen. Dafür nehmen wir sie mit Vorbereitungsseminaren zunächst behutsam an die Hand. Gleichzeitig möchten wir sie aber auch schon früh  enttäuschen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn viele unterliegen einigen Täuschungen, was den Lehrberuf betrifft. Das sehe ich deutlich im Tandem-Seminar, in dem sich die Studienanfänger mit den Referendaren austauschen. Viele glauben tatsächlich, dass sie nach über einem Jahrzehnt in der Rolle als Schüler wissen, wo es als Lehrer langgeht. Sie erkennen nicht, dass es etwas ganz anderes ist, vor einer Schulklasse zu stehen und den aktiven Part inne zu haben. Manch einer unterschätzt auch, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit im Kollegium ist. Lehrer können keine Einzelkämpfer sein, die gerne die Tür hinter sich zumachen. Nicht zuletzt sind sich manche auch nicht darüber im Klaren, dass Lehramt kein Halbtagsjob ist und die Vorbereitung ebenso viel Zeit in Anspruch nimmt wie das Unterrichten selbst.

Ein oft bemühtes Bild über Lehrer lautet ja, nur die wenigsten wollten wirklich unterrichten. Vielen sei nur einfach nichts Besseres eingefallen. Soll Ihr neues Modell also vor allem als Praxisschock dienen, der früh die Spreu vom Weizen trennen?

Lehrer kann nur sein, wer diesen Beruf wirklich liebt, wer Kinder und Jugendlich mag und ihnen etwas beibringen möchte. Es ist außerdem ein sehr verantwortungsvoller Job, denn er bereitet unsere Kinder auf die Zukunft in einer komplexen pluralistischen Gesellschaft vor. Und dafür brauchen und wollen wir nur die besten und engagiertesten Studierenden. Insofern ist es natürlich wichtig, dass sie schon früh die Chance bekommen herauszufinden, ob Lehramt wirklich das richtige für sie ist. Tatsächlich sagen bereits nach dem Tandem-Seminar drei bis vier Studierende pro Semester: „Der Lehrerberuf, das ist nichts für mich.“ Nach dem Modellcurriculum, das wir bereits 2011 ausprobiert haben, waren es etwa zehn. Mit der Erfahrung, nicht für den Lehrberuf geeignet zu sein, lassen wir sie aber nicht einfach in der Luft hängen. Wir vermitteln ihnen, dass auch diese Erkenntnis gut und wichtig ist. Mir sind solche Aussteiger auch lieber als die Studierenden die sagen, ich habe jetzt damit angefangen, jetzt ziehe ich das auch durch.

Der Beruf des Lehrers gilt als sichere Bank, sofern man verbeamtet wird. Wie viele Ihrer Studierenden schielen tatsächlich nur auf den Beamtenstatus?

 Dazu gibt es valide Studien, beispielsweise eine von den Pädagogikprofessoren Ewald Kiel und Guido Pollak. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass ein Viertel der Studierenden wegen des Beamtenstatus auf Lehramt studieren, ein Viertel wegen Interesses an dem Hauptfach, das sie studieren, also Mathematik oder Sport etc. Ein weiteres Viertel wegen der schönen Ferienzeiten und das letzte Viertel aus Interesse an Pädagogik und Didaktik, also wirklich aus dem Wunsch heraus, zu unterrichten. Das ist erschreckend wenig und ich kann das aus eigener Erfahrung auch bestätigen. In den bereits erwähnten Tandemseminaren fragen wir die Studierenden auch, warum sie eigentlich Lehramt studieren. Eine häufige Antwort lautet „naja, fürs Diplom hat es halt nicht gereicht“ oder „meine Mutter war auch Lehrerin“, also völlig unwesentliche Motive. Sie sind nicht optimal, um die nächsten Jahre Kinder und Jugendliche fürs Lernen zu begeistern. Und auch deshalb haben wir an der Uni Passau als einer der ersten Lehrstühle in Deutschland überhaupt die Praxisphasen so früh angesetzt und begleiten unsere Studierenden mit wöchentlichen Reflexionen durch diese Zeit – weil wir mit völlig falschen Vorstellungen vom und Motivationen für das Lehramt aufräumen wollen.

Was macht im Umkehrschluss einen guten Lehrer aus?

Lehrer müssen nicht nur in dem Fach, das sie unterrichten, bestens Bescheid wissen. Sie sollten auch   sehr flexibel und belastbar sein, außerdem kritisch – auch selbstkritisch – und um die Ecke denken könne. Und sie müssen Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit sehr zugewandt sein. Das alles gilt gerade in Zeiten sehr heterogener Klassen mit Kindern, die einen ganz unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergrund haben. Ein guter Lehrer schafft es, nicht einen Unterricht für alle zu machen, sondern sein Wissen den Kindern so unterschiedlich anzubieten wie es ihnen möglich ist, es aufzunehmen, sprich: ein Lehrer muss sich differenzierend auf Kinder einstellen können. Alle Kinder sollen gleichermaßen von seinem Unterricht profitieren – das ist sein Job. Ein Lehrer der sagt „Dieses Kind passt nicht in meinen Unterricht“, sollte sich vielleicht überlegen, ob es nicht vielmehr er ist, der nicht in die Schule passt. Ein guter Lehrer muss außerdem mit der Zeit gehen und beobachten, was sich in der Welt und in der Gesellschaft verändert. Jahrzehntelanger Dienst strikt nach Lehrplan, das geht nicht. Denn Lehrer müssen ihre Schüler auf den Alltag, auf die Welt da draußen vorbereiten. Und was nützt es dann, wenn sie beispielsweise die immer weiter fortschreitende Digitalisierung links liegen lassen, bloß weil sie noch kaum im Lehrplan berücksichtigt wird? Sie müssen sich dann selbst überlegen, wie sie den Inhalt des Lehrplans mit gesellschaftlich relevanten Themen in Verbindung setzen, also einen aktuellen Bezug herstellen. Für jemanden, der eher einen ruhigen und berechenbaren Berufsalltag schätzt und im Umgang mit anderen Menschen zunächst eher zurückhaltend agiert, ist der Schuldienst also nicht das Wahre.

© Uni PassauOrganigramm des Modellcurriculums an der Uni Passau

Was ist Ihnen lieber: Ein Studierender, der schlechte Lehrer hatte und es nun besser machen möchte, oder einer, der gute genoss und ihnen nun nacheifern möchte?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass  die ehemals schlechten Schüler trotz ihrer negativen Erfahrungen oft gute Voraussetzungen für das Lehramt mitbringen, weil sie kritisch geworden sind. Sie sagen sich, so kann es nicht weitergehen. Die Bildungsgewinner sehen ja keinen Grund zur Veränderung. Jemand, der in der Schule nie Probleme hatte, immer mitgelaufen ist, der weiß vielleicht gar nicht wie es sich anfühlt, wenn der Lehrer sich nicht auf seine Bedürfnisse einstellt, wie es ist, wenn man ungerecht behandelt wird. Solch ein Lehrer wird eine stärkere Sensorik dafür entwickeln, wie man unmotivierten Kindern den Spaß an der Schule wieder näherbringt. Und ich sage Ihnen, wir haben leider sehr viele unmotivierte Kinder an unseren Schulen, die noch nicht für das Lernen begeistert werden konnten, was aber wohlgemerkt nicht immer an ihnen selbst liegt.

Welche Exit-Strategien gibt es, wenn ein Studierender das Studium zwar beendet, dann aber merkt, dass er doch nicht in den Schuldienst eintreten will?

Einige, und das vermitteln wir unseren Studierenden auch schon früh. Sie können beispielsweise in die Erwachsenenbildung gehen, in die berufliche Weiterbildung oder in die Freizeitpädagogik, die auf Erwachsene abzielt. Sie haben ja das Lehren gelernt, sie sind Experten fürs Unterrichten. Gerade im Umgang mit Kindern ist Lehrersein aber eben mehr als die Vermittlung des fachlichen Wissens, hier spielen auch didaktische und pädagogische Kompetenzen eine große Rolle. Eine Gruppe Erwachsener konzentriert sich mehr auf das Fachliche, sie muss nicht zu Disziplin und Ordnung gerufen werden und will ja meist auch freiwillig etwas lernen. Bei einer Schulklasse ist das natürlich etwas anderes.

Was empfehlen Sie Abiturienten, die noch unschlüssig sind, ob sie Lehrer werden sollen?

 Sie sollten sich auf jeden Fall vor Beginn des Studiums ein Praktikum an einer Schule organisieren, eine Woche reicht meist schon, und mithelfen. Sie sollen nicht mehr die Rolle des Zuhörers einnehmen, sondern wirklich als eine Art Hilfslehrer agieren. Vielleicht merken sie dann, dass sie mit größeren Kindern besser zurechtkommen, als mit den Kleinen. Oder doch lieber mit Erwachsenen arbeiten. Das ist doch wirklich wunderbar, wenn sie diese Erkenntnis bereits vor dem Studium haben. Denn dann ist das Kind, auch wenn es wie gesagt noch viele andere Möglichkeiten gibt, doch schon ein bisschen in den Brunnen gefallen.

Noch ein Blick in die Geschichte der Pädagogenausbildung, um einen in die Zukunft zu wagen. Vom 19. Jahrhundert an bis etwa in die Mitte des 20. wurden Grundschullehrer vielerorts noch in Seminaren ausgebildet, anfangs benötigten die Anwärter nicht einmal Abitur. Erst später wurde die Ausbildung an die Hochschulen verlegt, was allerdings dazu führte, dass viele das Lehramtsstudium als weltfremd und verkopft empfinden. Wie kann eine Kombination aus akademischem Anspruch und Praxisnähe wieder besser gelingen?

 Die mangelnde Praxisnähe ist in der Tat ein Schwachpunkt, den ich derzeit in der Lehrerbildung sehe. Die Lehrveranstaltungen haben oft nichts mit dem Alltag der Lehrer zu tun und umgekehrt. Auch das versuchen wir an der Uni aufzufangen, indem wir aktuelle Themen wie beispielsweise Inklusion und Integration in Seminaren aufgreifen. Zudem versuchen wir, mit den Lehrkräften an den Schulen, die unsere Studierenden im Modellcurriculum betreuen, in Kontakt zu bleiben, sie sollen uns als Partner verstehen, uns Rückmeldung zu unseren Inhalten geben. Gleichzeitig ist uns der akademische Anspruch unserer Lehrveranstaltungen aber nach wie vor wichtig, denn das Lehramt ist eben kein Handwerk, es ist ein akademischer Beruf. Ich brauche die Theorie, um die Praxis gestalten zu können und die Praxis, um die Theorie besser verstehen zu können – das ist meine Überzeugung.

Die Fragen stellte Eva Heidenfelder


29 Lesermeinungen

  1. Dipl.Ing. Dipl.Päd.
    „Wir lernen nur von denen,
    Die wir lieben.“

    Das sagt uns Goethe und ich habe als Lehrer an einer Berufsschule 35 Jahre lang die Bestätigung dafür gefunden.

    Deshalb habe ich zunächst immer alles dran gesetzt, die Zuneigung der oftmals erwachsenen Schüler(innen) zu gewinnen.

    Und die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man seine Schüler(innen) liebt. Nur dann wird man auch als 75jähriger Pensionär zum Klassentreffen seiner Ex-Schüler(in) eingeladen bzw. trifft sich einmal wöchentlich mit ehemaligen Schülern.

  2. Fehlende Autorität
    Eine härtere Hand wäre wünschenswert, damit der Unterricht überhaupt ablaufen kann und sich nicht darauf beschränkt, Störenfriede zurechtzuweisen. Dazu muss man eine natürlich Autorität ausstrahlen oder mit der nötigen Macht ausgestattet sein. Ich selbst bin ein aufmüpfiger Störenfried gewesen und wünschte mir, rückblickend betrachtet, man hätte mich öfter auf den richtigen Pfad gebracht. Denn die fehlende Disziplin musste ich über sehr viele Umwege ausgleichen und eigentlich bin ich gar nicht fähig, überhaupt richtig zu arbeiten (und das System wird mir die Chance auch nicht mehr geben), also ging ich an die Uni. Und auch da fehlt mir die Disziplin. Gut, ich bin kein Schaf, das darauf Wert legt, sich 40 Stunden die Woche ausnutzen zu lassen, um dann das Versagen der politischen Institutionen und Verwaltungen zu bezahlen – aber so eine Art unabhängigen Lebensunterhalt würde ich schon gerne bestreiten und es zeigt sich, dass selbst die Dummen alles hinbekommen können, wenn sie nur fleißig sind; und die Intelligenten ohne Fleiß zugrundegehen, weil sie alles zerdenken und nicht einfach mal machen.

  3. Und dann?
    Laut des Artikels sind 3 von 4 Lehrern Lehrer aus den falschen Motiven.

    Machen wir einen Denkversuch. Stellen wir uns vor, der Professorin gelänge es, alle „fehlmotivierten“ Lehrer auszusortieren, also 3 von 4 Lehrern (mehr, wenn man berücksichtigt, dass bei solchen Befragungen Menschen lügen und die erwartete Antwort geben). Die Folge des Ausscheidens der überwältigenden Mehrheit der Studierenden wäre, dass der Unterricht zusammenbräche wegen Lehrermangels.

    Wir müssen einfach damit leben, dass es weniger Menschen gibt, die aus den „richtigen“ Gründen Lehrer werden wollen als Stellen, die besetzt werden müssen. Letztlich ist das vermutlich auch nicht schlimm: Nur weil jemand wegen der langen Ferien Lehrer wird heißt das nicht, dass er ein schlechter Lehrer wird: Vielleicht ist das dann einer, der den Schülern nur dann Hausaufgaben gibt, wenn es wirklich nötig ist. Vielleicht ist ein Englischlehrer, der Englisch kann, besser als einer, der es nicht kann, aber gerne (und falsch) unterrichtet.
    Meine schlimmsten Lehrer waren die stressigen übermotivierten Oberpädagogen, die kein Verständnis hatten, dass es auch Menschen gibt, die nicht schulgeil sind.

    • Rischtisch
      Dies ist endlich mal eine vernünftige Argumentation!

    • Titel eingeben
      …nicht „3 von 4“, da steht „3 bis 4 aus einem Seminar“. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

    • Titel eingeben
      Da stimme ich voll zu!
      Ich habe die Zweitestaatsexamenprüfung nicht bestanden, weil die Fachlieter dachten, dass ich kein guter Lehrer wäre, aber ich arbeite weiterhin als Lehrer in den Privatschulen und die Schüler sind zufrieden, ich auch.

  4. Nur ein Baustein
    „Viele glauben tatsächlich, dass sie nach über einem Jahrzehnt in der Rolle als Schüler wissen, wo es als Lehrer langgeht.“

    Und viele Akademiker, nach Jahrzehnten an der Uni, von Studenten und Doktoranden umgeben, glauben den Lehrern erzählen zu können wo es langgeht.

    Danke Frau Hansen, ich unterstütze die schnelle Konfrontation mit der Praxis sehr, noch mehr wünschte ich mir allerdings Leute mit Berufserfahrung würden mehr in die Gestaltung der Schule einbezogen.
    Was vom Lehrer auf dem Papier verlangt wird, schaffen nur die allerwenigsten.
    Vielleicht sollte man den Lehrkräften auch einfach mal mehr Zeit zum Verschnaufen, Rekapitulieren, Vorbereiten geben, einfach mehr Zeit für die Schüler/innen. Das brächte mehr (kostet allerdings auch mehr) als ständig Papier mit tollen Konzepten voll zuschreiben.
    Dann würden auch die Engagierten engagiert bleiben und weniger engagierte/ geeignete Lehrer zumindest bessere Arbeit abliefern als unter den jetzigen Bedingungen.

    • Ministeriale
      „Die besten Lehrer“, habe ich mal bei einem Fachmann gelesen, „sind im Ministerium zu finden. Denn sie haben es schon früh genug geschafft, sich aus dem anstrengenden Schulalltag zu verabschieden.“

  5. Früher Praxisschock: Auch die negativen Folgen beachten
    Gewiss hat es positive Seiten, wenn Lehramtsstudenten früh Praxiserfahrungen sammeln. Umgekehrt muss man aber auch sehen: Die kommen gerade aus der Schule, schon sitzen sie wieder im Klassenraum. Aus meiner Erfahrung als praktikumsbetreuender Lehrer kann ich sagen: Ein paar Jahre Abstand zwischen Abi und Lehrerfahrung sind auch hilfreich, um anschließend den Perspektivwechsel im Klassenraum besser hinzubekommen.
    Zweites Problemfeld: Wenn die Lehramtsstudiengänge sehr früh bereits mit Praktika vollgestopft werden, führt dies notgedrungen zu einer stärkeren Trennung der Studiengänge. Früher konnte man gut parallel Lehramt und Magister/Diplom studieren. Mit ein paar Jahren Abstand zur Schule und Lebenserfahrung war dann eine bewusste zweite Entscheidung leichter, in welche Richtung es schließlich gehen sollte. Jetzt aber müssen die Studenten quasi im ersten Semester entscheiden, ob sie später in die Schule gehen wollen. Das verschreckt v.a. diejenigen, die auch fachlich gut sind.

  6. Sehr gerne würde ich einmal sehen,...
    …wie Frau Professor vor der Klasse steht, und zwar nicht nur mal ’ne Stunde, sondern 6 Wochen im Rahmen eines regulären Deputats. Anschließend kontrollieren wir dann den Lernerfolg. Da dürfte sich dann vermutlich zeigen, dass es wesentlich einfacher ist, Ansprüche zu formulieren, als ihnen gerecht zu werden. Die „Bildungswissenschaftler“ sollten sich einmal fragen, wie es möglich war, dass unsere Großeltern im Zeitalter von Frontalunterricht, Rohrstock und Eselsmütze überhaupt etwas gelernt haben. Da ist doch schon empirisch erwiesen, dass der Effekt der heutigen didaktischen Mätzchen bei weitem überschätzt wird. Was schrieb Nicolas Gomez Davila? „Die Pädagogik versucht vergebens, das in Reichweite eines jeden zu bringen, was nur vererbbar ist“.

    • Frau Professor....
      …. ist vor der Klasse gestanden.
      Mehr als eine Stunde, sondern 26h/Woche.
      Ich habe mit einem Team viele Jahre inklusiven Unterricht gemacht und hatten wir in unseren Klassen drei Lehrpläne zu berücksichtigen: ASO/HS/Gym – voila. Aus den Schülern ist was geworden.

      Dass Menschen trotz Rohrstock gelernt haben, stelle ich nicht in Abrede. Die Frage bleibt: Wenn die Rohstock-Didaktik so gut gewesen wäre, wozu brauchte man ihn denn dann überhaupt?
      Kennen Sie Torbergs „Schüler Gerber“ – Pardon: Wurde Ihnen der Inhalt vererbt?

    • "Schüler Gerber"...
      …kannte ich nicht, habe mir aber die auf Ihren Hinweis hin die Zusammenfassung auf Wikipedia durchgelesen. Wohin zielte Ihre Frage?

      Was hat die Auswertung Ihrer didaktischen Bemühungen ergeben? Brachte Ihr Unterricht einen signifikanten Vorteil gegenüber Frontalunterricht in weitgehend homogenen Lerngruppen?

      War Ihre Schlussbemerkung reine Polemik, oder haben Sie den Aphorismus wirklich nicht verstanden?

  7. Bildung
    Die Sache ist weitaus komplexer als hier (verständlicherweise) dargestellt, sodass viele zu berücksichtigende Aspekte weder diskutiert noch angerissen werden (können). Dass ein Thema wie Inklusion in der Uni kurz angedeutet wird, jedoch graue Theorie bleibt, zeigt aber ganz gut, mit welchen Voraussetzungen Lehrer in Ausbildung von der Uni kommen. Ferner würde mich interessieren, und nun schweife ich ab, welchen Stundenlohn ein Lehrer erhalten würde, täte er alles in vollem Maße, was die Politik von ihm verlangt (z.B. Stichwort Innere Diff.). Und wir reden hier nicht, wie oben ganz richtig dargestellt, von einfacher Tätigkeit. Die Bildungsarbeit mit Kindern ist unglaublich Komplex. Bildung der Bürger ist aber die Grundlage eines funktionierenden Staates. Im Grunde müsste die Debatte viel breiter und gleichzeitig konkreter geführt werden, damit in Zukunft etwas passiert.

  8. Individualisierender Unterricht
    ‚Alle Kinder sollen gleichermaßen von seinem Unterricht profitieren – das ist sein Job. Ein Lehrer der sagt „Dieses Kind passt nicht in meinen Unterricht“, sollte sich vielleicht überlegen, ob es nicht vielmehr er ist, der nicht in die Schule passt‘.Ein sehr guter, jedoch auch sehr anspruchsvoller Ansatz zur Eignungsabklärung für künftige Lehrpersonen. 2 Fragen tauchen auf: können die Studierenden solchen Unterricht mit innerer Differenzierung bereits sehen an öffentlichen Schulen, wie geht geht die Schule mit dem Thema ‚Selektion‘ um?

    • Differenzierung
      Sie sprechen ein wichtiges Problem an: An die Komplexität von (differenziertem) Unterricht können Studierende tatsächlich nur langsam und schrittweise heran geführt werden und man darf sie aus meiner Erfahrung damit nicht alleine lassen. Vielmehr gilt es, ihnen Raum für Fragen und den Umgang mit Unsicherheit zu geben. Deshalb haben wir auch das MC eingeführt, das Studierende bei diesen Schritten engmaschig begleitet und ihnen Mut macht, das Thema Differenzierung auch in einem selektiven Schulsystem umzusetzen. Ein inklusives System würde (mit dementsprechender Ausstattung) einige Herausforderungen zur Differenzierung vereinfachen, aber solange bildungspolitische Vorgaben dies nicht ermöglichen, sollten Lehrkräfte eben das Beste für SchülerInnen innerhalb des bestehenden tun.

  9. Endlich bringt es mal jemanmd auf den Punkt
    Dieser Artikel spricht mir so richtig aus dem Herzen ! Zum einem in meiner Rolle als Mutter 2er Söhne die gerade die Schule beenden und Ausschau nach Perspektiven halten, wobei bei einem der Beiden auch Lehramt auf dem Wunschzettel steht. Zum anderen spricht mich dieser Artikel aber auch in meiner Rolle als Kindergärtnerin an, womit ich also weiß mit welchen Vorstellungen und Hürden man kämpfen muss wenn man sich durch ein Pädagogikstudium arbeitet. Meine Motivation waren von anfang an die Kinder, mit ihnen und für sie wollte ich arbeiten und ich war erstaunt und auch genervt wieviel Theorie ringsrum nötig war um diesem Ziel nahezukommen. Aber die regelmäßigen Praktika, sowohl 2 bis 8 Wochen lange Einsätze als auch der wöchentlich Praxistag haben mir geholfen mich zu motivieren um das Studium am Ende sogar als 3.Beste des Jahrgangs abzuschließen.
    Aus meiner Sicht als Mutter habe ich schon viele motivierte und leider auch unzumutbare Lehrer kennengelernt ,die über die 13 Schuljahre auf einen Schüler treffen können. Natürlich ist mir klar das Lehrer Menschen sind und jeder entsprechen seiner Persönlichkeit anderes an das Unterrichten herangeht. Aber schnell merkt man immer, ob da jemand steht der unterrichten will oder unterrichten muss. Vor 2 Jahren hatte mein Sohn in einem Nebenfach einen jungen Lehramtsanwärter als Lehrer, die ersten 2 Unterrichtsstunden waren alle „geschockt“ von seinen unorthodoxen Unterrichtsmethoden, sowohl die Schüler als auch Eltern. Das hatte zur Folge das etliche Eltern Beschwerden eingereicht haben…leider. Denn wie sich herrausstellte waren diesem jungen Lehrer die Schüler alles andere als egal. Erwollte das sie Spaß haben in seinem Unterricht und freiwillig mitmachen , deshalb hat er ihnen beispielsweise die Handys nicht verboten und zur Auflockerung Karaoke mit ihnen gespielt. Und siehe da nach einigen Stunden haben die meisten ihre Handys nicht mehr benutzt und dem Lehrer Aufmerksamkeit gewidmet und sogar gut Noten in den Tests geschrieben. Es haben sich sogar Freundschaften entwickelt zwischen Lehrer und Schülern, welche seit über 2 Jahren anhalten. Der junge Lehrer hat leider keine Anstellung an dieser Schule bekommen und auch sonst keine Anstellung in Thüringen….er arbeitet jetzt in der Grünanlagenpflege als Aushilfe… Und ich bin sehr traurig darüber, wie es ihm ergangen ist und wie engstirnig und verknöchert die Ansichten in einem Schulsystem sind wo kreatieve und motivierte Lehrer nicht anerkannt werden.

  10. Dipl.-Ing
    Sehr geehrte Frau Heidenfelder,
    mit sehr großem Interesse habe ich ihren Artikel gelesen. Die Lehrerin meines Enkelsohnes sagt: „Das Kind passt nicht in meinen Unterricht.“ Sie strebt ein Schulwechsel an. Der Hintergrund ist eine festgestellt leicht Form von ADHS. Der Junge ist intelligent. Vor allem im Fach Mathematik rechnet er schon in der 1. Klasse bis 1000. Wir haben noch nicht die richtige Lösung für unser weiteres Vorgehen.
    viele Grüße
    Jörg Seidel
    90559 Burgthann

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