Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Mehr Nüchternheit auf der Kanzel!

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Das Reformationsjubiläum wird in diesem Jahr groß inszeniert. Doch zwischen Papphockern und Lutherbonbons stellt sich immer mehr ein Bedürfnis nach der protestantischsten aller Haltungen ein.

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Luftblasen während eines Konzerts von Yvonne Catterfeld auf dem 36. Kirchentag in Berlin.

Er ist orange und verursacht Rückenschmerzen. Mit einem Abschlussgottesdienst und anschließendem Reformationspicknick auf den Elbwiesen in Wittenberg endet heute die turnusgemäß wiederkehrende Ausnahmeerscheinung des bundesdeutschen Protestantismus: der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag. Fünf Tage lang diskutierten, beteten und sangen über 100.000 Menschen in Berlin und Wittenberg miteinander – angetan mit orangenen Schals, auf obligatorischen Papphockern. Wie immer, so wurde auch in diesem Jahr viel geredet. Nicht nur über Flüchtlingspolitik und Drohneneinsätze bei Merkel und Obama am Brandenburger Tor, sondern auch über Maria, die die amerikanische Ausnahmepfarrerin Nadia Bolz-Weber in ihrer Bibelarbeit als eine Art weiblichen Che Guevara bezeichnete, während sich der Landesbischof Markus Dröge eine kontroverse Debatte mit der Vorsitzenden der „Christen in der AfD“, Anette Schultner, lieferte. So ist er, der Kirchentag. Er schreckt vor strittigen Themen und Gästen nicht zurück, auch nicht beim 36. Mal, und er tut dies so konsequent, dass es schon fast wieder konventionell ist.

Von Nüchternheit keine Spur

Nur eines wird im Jahr der Reformationssuperlative, auch jenseits der Mega-Events, vielleicht deutlicher als sonst. Es scheint so, als hätte die evangelische Kirche sich in wenigen Jahrzehnten – und nicht zuletzt in der 2017 endenden Reformationsdekade – zunehmend von der 500 Jahre alten protestantischen Nüchternheit entfernt. Manche überzeugte Christin empfindet heute fast schon so etwas wie Scham, wenn sie zufällig Zeugin einer Szene wie dieser wird: Da öffnen sich plötzlich die Pforten einer Stadtkirche, und unter afrikanischen Trommelklängen strömen mitteleuropäisch aussehende ChristInnen lautstark auf den Marktplatz, angeführt von einer talartragenden Geistlichen, die eine Ananas in der Luft schwenkt. Begeisterung ist ja schön und gut, es gibt aber einen Punkt, an dem sie in Effekthascherei umschlägt. Bei so viel formaler Innovation stellt sich ein Bedürfnis nach Nüchternheit ein – und nach einer sehr trockenen Predigt.

Die allerdings steht immer wieder in der Kritik. Navid Kermani etwa denkt, wenn er sich an die Christen seiner Kindheit erinnert, vor allem an ein Lust-loses Volk. In seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ schreibt er: „Ich hatte gute Menschen vor Augen […] aber nicht schöne; vernünftige Predigten, aber sterbenslangweilige; Nächstenliebe, aber nicht Sex.“ An diesen Predigten war offenbar nicht viel zu bemängeln, außer, dass sie rundherum spaßfrei waren, unattraktiv. Kermani trifft einen wunden Punkt. Was aber ist die Alternative? Trotz vieler Neuansätze sind protestantische Predigten heute vielerorts vor allem eins: unverständlich oder langweilig, im schlimmsten Fall beides. Der Grund liegt in der verwendeten Sprache. Der fiebrig gesuchte Höreranschluss mündet in kanzeltypische Floskeln und eine krude Form unbestimmter Offenheit, all das vorgetragen in einem völlig widernatürlichen Sprachgesang mit irritierender Emphase.

Diesen Spruch hätte Luther wahrscheinlich in sein „geliebtes Deutsch“ übertragen wollen.

Das Problem ist schon länger bekannt. Die Kirche verrecke an ihrem eigenen Jargon der Betroffenheit, konstatiert der Politikberater und ehemalige Theologiestudent Erik Flügge in einem vieldiskutierten Buch und kritisiert die Aneinanderreihung von „verschrobenen, gefühlsduseligen Wortbildern“. Auch die EKD hat den Handlungsbedarf erkannt. Seit 2009 unterhält sie ein Zentrum für Evangelische Predigtkultur. Dessen Team beschreibt sein Anliegen unter anderem darin „die Sprache und Kultur der Gegenwart [zu] erkunden und zu der Predigtrede in Beziehung [zu] setzen“. Das ist nur allzu natürlich, denn wie für die Kirche insgesamt gilt auch für die Predigt das Prinzip der „semper reformanda“, der steten Erneuerung. Wie können die Sprachwelten von Bibel und Gegenwart in ein Verhältnis gesetzt werden, wo soll die Sprache zeitgenössischer Predigt zwischen rhetorischer Kultur und Ästhetik angesiedelt sein? Die Predigt gerät dabei zunehmend in die Nähe von sprachlichen Formen wie dem Feuilleton, dem Drama, der Poesie.

In den letzten Jahren wächst auch das Interesse an Poetry Slams und ihrem homiletischen Äquivalent: dem Predigt-Slam. Der Prediger wird dabei zum Künstler, die HörerInnen werden zum aktiven Publikum. Ist das eine neue Sackgasse? So leicht ist es nicht. Diese Tendenz lässt sich zurückverfolgen bis an die Schwelle zur Moderne. Friedrich Schleiermacher bezeichnete 1799 den religiösen Redner als „Virtuosen“, er sei ein „Dichter oder Seher, Redner oder Künstler“. Religiöse Rede ist bei ihm die individuelle Darstellung von Frömmigkeit im Forum Gleichgesinnter. Die Rede soll die Religion des Gegenübers anregen – und Resonanzen erzeugen.

Soweit die Theorie. Hinter deren Dynamik allerdings bleibt die Predigtpraxis zurück. Gründe dafür gibt es viele. Das Theologiestudium etwa formt zwar kritische und präzise WissenschaftlerInnen, aber keine Prediger. In der praktischen Ausbildung ist die Predigt nur eines von vielen Themen. Eine ausführliche rhetorische Schulung der Kanzelredner von morgen würde man zwar erwarten, sie ist in vielen Fällen aber eine Fehlanzeige. Und so setzen Generationen von Predigern weiterhin Sonntag für Sonntag hinter ihre Predigten alter Schule ein Amen. Wobei diese Diagnose den wortverliebten Protestantismus mit besonderer Wucht trifft. Die Predigt ist Teil seiner DNA. Martin Luther forderte eine Erneuerung der Kirche aus dem Wort Gottes, dessen vollständige Offenbarung er in der Schrift erkannte und nur in ihr: sola scriptura. Und aus ihrer Mitte erging die glaubensstiftende Predigt. In Abgrenzung zu den sinnlichen Riten des Katholizismus wurde die protestantische Kanzelrede im Zentrum des Gottesdienstes aufgewertet. Dort steht sie bis heute. Nicht selten ist sie jedoch genau dort auf verlorenem Posten.

Ernüchterung, nicht Langeweile

In Deutschland finden Sonntag für Sonntag etwa 25.000 evangelische Gottesdienste vor etwa einer Million Gläubigen statt. Damit verfügt die Predigt potentiell über eine große Breitenwirkung. Wie gut und aussagekräftig eine Predigt für die Gottesdienstbesucher ist, muss sich aber im konkreten Predigtereignis, zwischen Prediger und Gemeinde, erweisen. Im Grunde gibt es so viele Arten der Predigtsprache wie Prediger. Wenn der Prediger nicht in den bemängelten Floskeln verharren, sondern eine eigene individuelle Predigtsprache besitzt, ist seine Rede authentisch.

Luther auf der Kanzel – Abbildung auf dem Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche von Lucas Cranach dem Älteren

Wäre es nicht schön, wenn inmitten der für dieses Jahr angesagten emphatischen reformatorischen Selbstbesinnung zumindest gelegentlich wieder die Stunde der ent-emotionalisierten Predigt schlagen könnte, die einer Nüchternheit im besten Sinne? Thomas Klie erinnert in seinem kleinen Traktat „Der Beitrag der Kanzelrede zur rhetorischen Kultur unserer Gesellschaft“ daran, wie fest auch solche Predigten im kulturellen Gedächtnis des Protestantismus verankert sind. Als 1522 in Wittenberg Unruhen ausbrachen, reiste Luther im März unter Lebensgefahr dorthin, um acht Predigten zu halten. Sie waren von einem seelsorgerischen Impuls getragen. Und sie bewirkten, so Klie, dass „diffuse Diskurse und Affekthandlungen gekonnt homiletisch ent-emotionalisiert“ wurden, kurz: sie bewirkten eine öffentliche Rationalisierung. Einen ähnlichen Effekt erzielten die Wendepredigten des Jahres 1989.

In Zeiten, in denen 160 Zeichen zu einer massiven Emotionalisierung der Worte führen, besitzt die protestantische Kanzelrede ein selten gewordenes Potential: die Predigt als Form der Ernüchterung. Das wäre ein lutherisches Erbe, das es fast schon wieder neu zu entdecken gälte – am besten nicht erst im Jahr eins nach dem Reformationsjubiläum.


5 Lesermeinungen

  1. Nüchternheit
    Ich bin ganz Ihrer Meinung. Aber – Hand aufs Herz – wer sucht heute noch Nüchternheit? Wer steht deswegen sonntags früher auf und geht zur Kirche? Das Problem heute ist, dass bei der grossen masse bloss noch Events, die Spannung und Spass versprechen, gefragt sind.

  2. Pfarrer i.R.
    eine treffende Beschreibung – dieser Artikel. Was RATIO ist und Rationalität im besten Sinne ausrichten kann, scheint für viele nicht mehr erstrebens-
    wert. Das spricht nicht gegen einen guten Unterhaltungswert. Aber Belanglosigkeiten sind einer Predigt als zugesprochenem Wort Gottes nicht angemessen.

  3. Authentizität
    „diffuse Diskurse und Affekthandlungen gekonnt homiletisch ent-emotionalisiert“ – so lange wir so über gelungene Predigten schreiben müssen, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Schon besser das weiter oben genannte Stichwort „Authentizität“ – wer ehrlich von seiner eigenen Auseinandersetzung mit Gottes Wort berichtet, von Fehlern, Versagen, Triumph und Erfolgen, der findet – gerade in der Postmoderne – auch aufmerksame Zuhörer.

    • Zurück zu den Wurzeln
      Es würde neben aller (Aus-)Bildung auch nicht schaden, wenn die Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Bezug zur Schrift in der Predigt spürbar sind.

      (Links-)Intellektuelle Platitüden losgelöst von jeder selbstempfundenden Heilsbotschaft schrecken nicht nur den aussterbenden traditionellen Kirchgänger, sie höhlen auch die Tiefe der Begegnung mit Gott im „Gottes“dienst aus.

  4. Na endlich!
    Wie gut dieser Text tut! Mehr davon!

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