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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Stehaufstudenten: So steigert man die Resilienz im Studium

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Durch die Klausur gefallen, Verzweiflung bei der Hausarbeit: Vieles kann einen in der Studentenzeit umhauen. Wichtig ist nur, wieder aufzustehen. Stichwort: Resilienz. Wie geht man mit Krisen um?

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Eine Woche vor der mündlichen Bachelorprüfung kam die Nachricht: durchgefallen. „Ich war sofort in Schockstarre“, sagt Marie* über die Zeit vor etwa einem Jahr. „Mich hat die pure Verzweiflung gepackt und ich fürchtete, dass die letzten Jahre umsonst gewesen waren.“ Lange hadern durfte sie nicht, ihr Master an einer anderen Uni hatte schon begonnen und jetzt sollte sie die Thesis noch einmal schreiben, so ganz nebenbei.

Mit persönlichen Krisen gut umgehen zu können, nennt man auch Resilienz oder psychische Widerstandskraft. Weniger resiliente Studenten werden von Rückschlägen leichter aus der Bahn geworfen, auch fällt es vielleicht schwerer, mit Stress durch Deadlines umzugehen. Oft sind sie deshalb unzufriedener mit dem Studium und brechen es vielleicht sogar ab. Doch man kann seine Resilienz steigern.

Erfolgreich scheitern

Nach dem Unheil kann es sich lohnen, zunächst etwas Abstand zu gewinnen. Ablenkung kann helfen: Erstmal Netflix anschmeißen oder in den Kurzurlaub gehen, einfach erholen und Pause machen. Aber das sollte nicht in Verdrängung enden, denn ohne Problemanalyse geht es kaum. „Man sollte ein positives Attributionsmuster erwerben“, sagt Prof. Bernhard Leipold, Entwicklungs- und Gesundheitspsychologe an der Universität der Bundeswehr München. „Das heißt, sich zu sagen: Die Ursachen für mein Scheitern lagen nicht in meinen Fähigkeiten.“ Das würde sonst bedeuten, dass man sich im Allgemeinen eher als beschränkt und defizitär ansieht. Etwa zu denken, ich bin halt kein Mathe-Typ, helfe nicht. Man solle lieber schauen, ob es vielleicht an mangelnder Anstrengung oder an der Schwere der Aufgaben lag. Vielleicht war es auch eine einmalige Situation, in der viele Widrigkeiten zusammenkamen. Gibt es noch andere Ressourcen, die ich beim nächsten Mal nutzen kann? Bei diesem Herangehen sei es leichter, sich wieder aufzuraffen und für den nächsten Versuch zu motivieren.

„Mir hat mein Freund in der Zeit sehr geholfen“, sagt Marie über ihr Scheitern bei der Bachelorarbeit. „Er hat mich ständig motiviert, nicht aufzugeben.“ Freunde können einen aber nicht nur emotional auffangen, sie sind auch eine Informations-Quelle. Sie können etwa erzählen, wie sie mit vergleichbaren Schwierigkeiten erfolgreich umgegangen sind.

Coaching: Stärken übertragen

Manch einer freut sich über professionelle Unterstützung in der Krise. Die Universität Witten/Herdecke etwa bietet dafür Coachings an. Die Psychologin und Psychotherapeutin Prof. Ulrike Willutzki und ihre Kollegen verfolgen dabei den Ansatz, bei jedem Studenten nach einem Lebensbereich zu suchen, für den er eine besondere Leidenschaft hat, ein Hobby vielleicht. „Wenn wir an etwas Freude haben, dann bleiben wir an Aufgaben dran. Dadurch lernt man Körperbeherrschung, die man dann auch in anderen Situationen einsetzen kann“, so Willutzki.

In individuellen oder Kleingruppen-Coachings schauen sich die Psychologen an, wie jemand Herausforderungen in seinem Stärkebereich angeht. Wird jemand beim Fußball vom Trainer vielleicht nicht mehr eingewechselt, dann interessiert Willutzki, wie er darauf reagiert: Legt er Extraschichten ein oder hilft es ihm einfach, mit Mitspielern über den Trainer zu lästern und so die Durststrecke zu überstehen? Haben die Psychologen ein Lösungsmuster entziffert, suchen sie nach Analogien für die derzeitige Situation. Lassen sich vielleicht erprobte Herangehensweisen übertragen? Diesen Ansatz könne man auch ohne therapeutische Unterstützung anwenden, sagt Willutzki.

Sei realistisch!

Zu hohe Ansprüche schaden. In der Schule war man in den Fächern, die man heute studiert, vielleicht einer der Besten. Das wird sich bei vielen geändert haben. Die eigenen Ansprüche anzupassen ist wichtig. Selbst wenn man sich hohe Ziele setzt, sollte man in kleinen Schritten denken, rät Willutzki.

Schon vor dem Scheitern kann man sich für Krisen wappnen, sagt Marvin Franke von Studicare, einem Forschungsprojekt zur psychischen Gesundheit von Studenten. Einerseits sollte man aktuelle Belastungen wie langanhaltende Sorgen und Ängste angehen, um die Widerstandsfähigkeit für neue Anforderungen zu stärken. „Wer nicht konstant unter Stress steht, kann besser mit besonderen Belastungen umgehen, die im Laufe des Studiums auftauchen“, so Franke. Andererseits können man das psychische Wohlbefinden steigern, indem man sich einen geregelten Tagesablauf oder Lernpläne schafft. Auch Zeiten zur Entspannung einzuplanen, kann helfen. Auf der Internetseite bietet Studicare Online-Trainings mit interaktiven Übungen, Videos und Aufgaben zur Steigerung der Resilienz und für andere Problemfelder wie Prokrastination an.

Oder ist die Uni das Problem?

Aber nur zu denken „Ist der Rückschlag zu groß, bist du zu schwach“ geht auch nicht. „Dass wir sagen, komm, streng dich doch mal an, sei noch ein bisschen resilienter. Das ist auch nicht die Lösung aller Probleme“, sagt Willutzki. Man müsse vielleicht auch die Strukturen der Studiengänge verändern. „Ist nicht manchmal auch der Leistungsdruck zu groß oder der Anspruch, der medial vermittelt wird?“

Marie hat ihre Bachelorarbeit inzwischen gut bestanden. „Am Ende ging‘s. Mit ganz wenig Schlaf und viel Stress und Druck habe ich es irgendwie geschafft.“ Und nicht nur das: „Beim wissenschaftlichen Arbeiten fühle ich mich jetzt sogar wesentlich stärker und selbstbewusster als vorher.“

*Name wurde geändert

Links:

Die Uni Witten/Herdecke bietet für ihre Studenten Krisen-Coachings an. Ebenso die Uni Bochum.

Mit den Online-Kursen auf Studicare, kann man versuchen, seine Resilienz zu steigern oder auch das Problem Prokrastination angehen. Es finden sich aber auch noch weitere Kurse.


3 Lesermeinungen

  1. Prävention bereits zu Studienbeginn, nicht nur Krisen-Coaching
    ReMed, das Unterstützungsnetzwerk für Ärzte in Krisensituationen in der Schweiz, bietet nicht nur Krisen-Coachings für Mediziner an, sondern
    auch regionale Coaching-Gruppen für Ärztinnen und Ärzte.
    Das Thema „Stressbewältigung und Resilienz“ sollte idealerweise aber bereits zu Studienbeginn ins Curriculum integriert werden! Wir spezialisieren uns in der heutigen Welt immer mehr im fachlichen Bereich, verdichten und beschleunigen die Arbeit, kommunizieren dabei auf allen Kanälen gleichzeitig und wollen auch noch multioptional leben, verlieren dabei aber wichtige soft skills wie Selbstwahrnehmung und Selbstführung. Genau diese Kompetenzen sind aber entscheidend, um nicht nur erfolgreich zu studieren, sondern auch langfristig fit und gesund im Job zu bleiben. Sabine Werner, Mitglied Nationaler Leitungsausschuss ReMed, Coach und Trainerin für Stress-Management und Resilienz

  2. Berater
    Beratung hilft auf jeden Fall —die studentische Beratung muesste europaweit ausgebaut werden zB von den Unis vor Ort , oder den Astas—- schliesslich haben die Lehrenden einen Grossteil mit zu verantworten , wenn die Studierenden zB in den Naturwissenschaften einfach nicht mitkommen , weil die Dozenten z.T. zu oberflaechlich erklaeren und Quellenangaben nicht angegeben werden , wo sich der Stoff gut lernbar nachbereiten laesst .

  3. Oder ist die Uni das Problem ?
    Wenn ca jeder dritte Student sein Studium abbricht, passt die Uni vielleicht auch nicht für alle.
    Wer sagt eigentlich, dass jeder Abiturient studieren muss ?

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