Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Studentenstadt vs. Großstadt

| 24 Lesermeinungen

Vor einem halben Jahr zog ich aus Frankfurt ganz bewusst in die beschauliche Universitätsstadt Göttingen. Es ging um studentische Freiheit. Ging die Rechnung auf?

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Göttinger Wahrzeichen: Die Gänseliesel auf dem Marktplatz

Die größten Unterschiede, der mir zwischen Großstadt und Studentenstadt sofort aufgefallen ist, sind in Zahlen messbar:  Die Größe, die Einwohnerzahl und die Entfernungen von A nach B sind in Göttingen um einiges kleiner als in Frankfurt. Göttingen zählt rund 120.000 Einwohner, von denen Studenten ein Viertel ausmachen – also eine ganze Menge. Wenn ich durch die gepflasterten Straßen in der Altstadt schlendere, sehe ich viele junge Gesichter. Besonders schön und praktisch ist es, dass der Uni-Campus quer über die Stadt verteilt liegt. So befindet man sich jederzeit in unmittelbarer Nähe zur Uni, ist aber binnen weniger Minuten auch schon in den botanischen Garten spaziert, wenn man mal etwas Abstand von Seminaren und Prüfungsstress braucht.

Das ist es auch, was mir an Göttingen besonders gut gefällt: Die Stadt ist so klein, dass sich das gesamte Leben gewissermaßen an einem Ort abspielt. Die kürzeren Distanzen, die man in der Stadt zurücklegen muss, schenken vor allem eines: mehr freie Zeit, die jeder Student anders gestalten kann. In Frankfurt habe ich manchmal eine Stunde mit dem öffentlichen Nahverkehr gebraucht, wenn ich eine Freundin besuchen wollte, die am anderen Ende der Stadt wohnte. Heute brauche ich dafür rund 15 Minuten mit dem Fahrrad. Das gleiche gilt, wenn ich tagsüber schnell den Campus wechseln muss oder nach einem langen Abend in der Stadt nur noch ins Bett fallen will.

Ich habe mich manchmal selbst schon gefragt: Gibt es etwas, das ich am Großstadtleben oder speziell an Frankfurt vermisse? Vielleicht die Vielfalt an Gerüchen und Plätzen, an Nationalitäten und Lebensgeschichten, die einem unübersehbar auf jedem Meter begegnen, den man sich in der Stadt bewegt. Aber wenn man genauer hinschaut, findet man all diese Dinge in einer kleineren Stadt auch. Frankfurt hat im Gegensatz zu Göttingen ein riesiges kulturelles und kulinarisches Angebot. Doch braucht man diese große Wahlmöglichkeit zwischen 30 verschiedenen Konzerten und Ausstellungen oder hundert Restaurants und Cafés überhaupt? Göttingen hat zwar eine überschaubare Kulturlandschaft, aber diese ist voller Leben. Eigentlich ist hier jeden Tag etwas los. In den Märztagen ist es etwas ruhiger geworden in der Stadt, weil viele Studenten in den Semesterferien zu ihren Familien gefahren oder auf Reisen sind. Das Tolle ist aber: Es ist gerade so viel los, dass man einiges unternehmen kann, ohne sich vom Angebot und den Möglichkeiten überfordert zu fühlen. Das gilt auch für das Studentenleben.

Leben wir nicht alle in Blasen?

Göttingen gibt mir die Gelegenheit, aufzuatmen. Denn die Studentenstadt ist voller Studenten, und damit voller Menschen, die ihren Alltag nicht immer komplett durchorganisieren und von einem Termin zum nächsten eilen müssen, wie man es in Großstädten häufig erlebt, sondern manchmal auch den Luxus haben, einfach in den Tag hineinzuleben. Selbst wenn das für viele Studenten nur in Ausnahmefällen oder in den Semesterferien gilt, fühlt sich das Leben in einer kleineren Stadt für mich insgesamt entspannter an. Und das kann man auf viele verschiedene Arten spüren: im Verkehr, der Stimmung und dem Umgangston, in dem miteinander kommuniziert wird.

Göttinger Inennstadt im April

Selbstverständlich ist es für viele Studenten – mich eingeschlossen – wichtig, einen Job neben dem Studium zu haben. Viele von uns arbeiten als Kellner, an der Uni oder in der Bibliothek, um sich etwas dazuzuverdienen. Und das kostet Zeit – aber ich habe seltsamerweise dennoch das Gefühl, insgesamt mehr davon zur Verfügung zu haben. Trotz diverser Seminare und Vorlesungen konnte ich im vergangenen Semester aus bloßem Interesse einen Kurs über die Programmiersprache C besuchen und lerne neben dem Studium gerade Altgriechisch und Japanisch – weil mich die damit verbundenen Kulturen faszinieren. Das Konzentrieren auf eine Sache klappt bei mir in Göttingen auf erstaunliche Weise besser, als es mir in Frankfurt je gelungen ist.

Aus einer kritischen Perspektive betrachtet könnte man sagen, Studenten leben in einer Universitätsstadt in einer akademischen Blase, an die wenig von der Realität der restlichen Welt dringt – und in einem gewissen Sinn stimmt das auch. Aber man kann auch die Gegenfrage stellen: Befinden wir uns nicht alle in irgendwelchen Blasen, weil unsere Wahrnehmung nun einmal in erster Linie von dem bestimmt wird, was um uns herum geschieht und womit wir uns beschäftigen? Die Sorge, nichts vom Leben um einen herum mitzubekommen, nur weil man in einer Studentenstadt lebt, halte ich deshalb für unbegründet.

Die Menschen, die ich bisher in Göttingen kennengelernt habe, sind sehr verschieden – doch eines haben sie alle gemeinsam: ein großes Interesse am Leben, an ihrer Umwelt, an anderen Menschen, daran, ihren Horizont zu erweitern. Wenn ich hier erzähle, dass ich mir für mein Bachelorstudium ein Jahr mehr Zeit als vorgesehen genommen habe, um Praktika zu machen, zu reisen und Erfahrungen fürs Leben zu sammeln, stoße ich bei anderen in Göttingen eher auf Verständnis für meine Entscheidung, als ich es in Frankfurt tat.

Weniger Sorgen

Viele Studenten vereint in meinen Augen eine gewisse Orientierungslosigkeit. Wir wissen alle nicht genau, wohin uns das Studium – vor allem in den Geisteswissenschaften – mal führen wird, aber eigentlich spielt es jetzt auch keine Rolle, weil wir die Zukunft sowieso nicht vorhersehen können und nicht wissen, was kommt. Freunde und Kommilitonen erzählen mir hier oft, was sie noch alles lernen, lesen, bereisen und erleben wollen. In meinem „Reading Club“ diskutieren wir nicht nur über Bücher, sondern auch über Politik und das Weltgeschehen, dafür aber weniger über Zukunftsängste, Berufsaussichten und Lebensvorstellungen.

Seit ich in Göttingen lebe, mache ich mir entsprechend weniger Sorgen um meine berufliche Zukunft. Jeden Tag lerne ich neue, faszinierende Themen, Texte, Worte und manchmal auch Menschen kennen, die mir neue Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Was dann am Ende tatsächlich klappt, wird sich schon zur rechten Zeit offenbaren. Für mich war es in jedem Fall die richtige Entscheidung, nach Göttingen zu ziehen.

Je nachdem, welche Ansprüche man an seine Studienzeit und den Studienort stellt, kann es sich meines Erachtens sehr lohnen, in eine Studentenstadt zu ziehen. Mir persönlich fällt es viel leichter, im Hier und Jetzt zu leben, weil ich nicht mehr der Hektik und Schnelllebigkeit der Großstadt ausgesetzt bin und vom Wesentlichen abgelenkt werde, wenn viele verschiedene Sinneseindrücke gleichzeitig auf mich einströmen. Ich genieße es, an einem Ort zu leben, an dem ich mich voll und ganz auf mein Studium und alles, was dazugehört, konzentrieren darf. 


24 Lesermeinungen

  1. Dr Engelbert Puschmann sagt:

    Von Goettingen ueber London nach Neuseeland
    Ich bin 63, in Goettingen geboren und aufgewachsen,habe dort meine Vorklinik absolviert bis das Fernweh zuschlug und mich ueber Freiburg,Paris (Heine??),Muenchen,Erlangen Berlin,London(Georgia Augusta??) bis nach Neuseeland getragen hat.Goettingen ist trotz gewisser Provinzialitaet und Beschaulichkeit(Eichsfelder Mettwuerste und Wochenmarkt) durch seine zentrale Lage in Deutschland (besonders nach der Grenzoeffnung) immer auch weltoffen gewesen und die Uni hat bis heute Top-Wissenschaftler angezogen.Zu meiner Freude lese ich dass sich mein Geburtsort weiter grosser Beliebtheit erfreut – gut so!Wem es zusagt der kann es dort in der Tat sehr gut aushalten.Aber fuer mich war es DER Ort sich zu allerlei Unternehmungen inspirieren lassen – homo faber!Kia ora!Good luck!

  2. Ralf Rath sagt:

    Es gibt kein richtiges Leben im falschen
    Heinrich Heine schrieb einst über Göttingen: “Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht”. Entsprechend hielt es mich nur rund zehn Jahre in der Stadt. Ausschlaggebend dafür, Göttingen wieder zu verlassen, waren letztlich äußerst seltsame Erfahrungen im Umgang mit meiner Gesundheit an einem ansonsten überaus renommierten Forschungsinstitut. So streuten ehemalige Kollegen beispielsweise das Gerücht, dass ich eine Erkrankung lediglich vortäusche; so, als ob ich verdeckt einen Arbeitskampf (Going Sick) ausfechten würde. Weil solch eine ideologische Verblendung politisch längst nicht mehr ernst zu nehmen ist, fiel es mir nicht schwer, der offenkundig falschen Praxis den Rücken zu kehren und mich stattdessen für das richtige Leben zu entscheiden.

  3. Albert sagt:

    Von Göttingen nach Paris
    … war damals ein großer Sprung. Ich kam mir verloren vor in dieser fremden Großstadt mit Riesenuniversitäten. Als ich Jahre später zurückkam fand ich den Grad der Provinzialität Göttingens unerwartet frappierend, unbeholfen und vorhersehbar, einfach unerträglich – da habe ich mich an Heinrich Heine erinnert: wie wahr. In Paris war ich frei, die Menschen meiner Umgebung waren subtil und raffiniert….. und dabei fand ich Göttingen im ersten Jahr des Studiums wunderbar: niedlich und hübsch, unkompliziert, bequem und mit einer sprühenden Intelligenz, der man überall begegnen konnte. Im zweiten Jahr begann ich mich zu langweilen – da war ich entschlossen, die Stadt zu verlassen!

  4. J. Hoffmann sagt:

    Bis Anfang der 90er war Göttingen
    noch interessanter. Denn da gab es die Zieten-Kaserne noch. Auch ein Teil der Gesellschaft, dem man begegnet wäre. In Uniform oder ohne . .

  5. Sönke sagt:

    Schöner Artikel
    Bin 65 und in Göttingen aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe dort auch studiert. Alles, was Laura Henkel hier darlegt, erinnert mich an meine eigenen Erfahrungen von damals und im späteren Leben aus Großstadtperspektive. Übrigens: die Leserin Gisela hat recht, Erlangen bietet ein ähnliches Umfeld, auch dort durfte ich 8 Jahre leben und mich auch wieder an Göttingen erinnern – Danke Euch beiden für diese Reminiszenz

  6. Peter sagt:

    Einfach schöne Erinnerungen
    Ich denke auch gerne an meine Zeit in Göttingen zurück. Nach einem Semster im eher blassen Siegen, konnte ich mir keine schönere Unistadt wünschen. Die Uni liegt hier wirklich schön mittig in der Stadt und die SUB war der perfekte Ort zum Lernen. Auch der Mensa haben wir samstags gerne einen Besuch abgestattet. Irgendwie ein Familienbetrieb. Die kleinen Kneipen und die schöne Innenstadt waren damals der perfekte Ausgleich zum harten Unialltag…. Mal eben aufs Rad gestiegen und ab die Post…. Seit dem Ende des Studiums war ich schon ein paar Mal wieder dort zu Besuch – das sagt ja eigentlich alles! Göttingen – ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Trip!

  7. Gregor sagt:

    zentrale Lage - Verbund der Institutionen
    Was ich genieße:
    Erstens: in 2-3,5 Stunden Zug nach Frankfurt, Hamburg, Berlin oder München.

    Zweitens: Enge Zusammenarbeit von Uni mit Max-Planck oder Primatenzentrum erweitert meinen Horizont als Wissenschaftler und ermöglicht den Studierenden größere Auswahl für das Thema der Abschlussarbeit.

  8. Gisela sagt:

    Erlangen
    Ein schöner Bericht der 1:1 auf die Universitätsstadt Erlangen zutrifft.

  9. Benjamin sagt:

    Titel eingeben
    Ich kann mich nur anschliessen…ich habe in Göttingen sechs schöne Jahre verbracht und erinnere mich sehr gerne daran zurück. Ich würde auch jedem Göttingen als Studienort empfehlen, der auf das “Studentenleben” Lust hat. Zudem ist die Stadt nicht schlecht angebunden über die A7 und die ICE-Strecke.
    Auf der anderen Seite kenne ich ein paar Menschen, die in Göttingen aufgewachsen sind und diesen eher romantischen Blick auf Ihre Stadt überhaupt nicht teilen. Ich tue das im Bezug auf Marburg a.d. Lahn zum Beispiel nicht, weil ich dort herkomme. Es hängt eben auch sehr von der Lebensphase ab.

  10. Katrin sagt:

    Göttingen und Frankfurt: beides übersichtlich... und empfehlenswert
    Auch ich habe vor Jahren in Göttingen studiert – und bin, anders herum als die Autorin, danach nach Frankfurt gezogen. Ganz zu Beginn kam mir Frankfurt tatsächlich groß vor, worüber ich heute oft schmunzele. Es ist alles eine Frage der Zeit und der Perspektive.

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