Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Über Polen zum Oscar

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Soeben ist Yifan Sun aus Los Angeles zurückgekehrt, wo ihr der Studenten-Oscar in der Kategorie Dokumentation verliehen wurde. Die Chinesin studiert in Lodz. Ein Gespräch über den Zusammenstoß von Sprachen, Kulturen und ihren Gewinnerfilm.

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Yifan Sun bei der Preisverleihung in Los Angeles

Yifan Suns Kurzfilm „Family²“  folgt einer belgischen Familie, deren Adoptivtochter ihre leiblichen Eltern in China finden möchte. Dafür hat sie einen Student Academy Award erhalten. Die Regisseurin ist in der inneren Mongolei aufgewachsen und studiert nun Filmregie an der Lodz Film School in Polen.

In „Family²“ sind wir als Publikum, aber auch du als Filmemacherin, der Familie in Belgien und deren Adoptivtochter Lola sehr nah. Wie hast du die Familie kennengelernt und diese Nähe herstellen können?

Yifan Sun: Bei der Recherche zu einem früheren Projekt habe ich erfahren, dass viele Kinder, die aus China adoptiert wurden, nach ihren leiblichen Eltern suchen. Ich bin auf verschiedene Gruppen gestoßen, unter anderem auf eine Frau, deren Familie in China soeben ihre leibliche Tochter gefunden hatte und schlug vor, uns in Kontakt miteinander zu setzen. So habe ich Christine, die belgische Mutter, und ihre Familie kennengelernt. Zwei Monate später haben wir schon unsere gemeinsame Reise nach China angetreten. Alle waren sehr offen und aufgeschlossen mir gegenüber. Als ich Christine traf, teilte sie sogleich Lolas gesamte Geschichte mit mir. Wir stehen regelmäßig in Kontakt, sie sind auch zur Preisverleihung nach Los Angeles gekommen.

Ist dein Film aus dieser Begegnung entstanden?

Ja, definitiv. Vom ersten Treffen an, bei dem mir Christine von der Geschichte ihrer Familie erzählte, dachte ich: Ich will mit nach China und diese Reise filmen. Ich wollte schon davor einen Film zu dem Thema machen. Als ich diese Familie getroffen habe, wusste ich, dass ich ihn über sie drehen möchte.

Woher kam das Interesse am Thema der Adoption?

Ich hatte einen Artikel von Jenna Cook gelesen – sie wurde aus China adoptiert und suchte dort nach ihren leiblichen Eltern. Sie hat viel recherchiert und auch zu dem Thema publiziert, es gibt einen Dokumentarfilm, „Somewhere Between“, in dem sie vorkommt. Ich wusste nichts von internationaler Adoption und Adoptionshandel als Konsequenz der Ein-Kind-Politik in China. Als Einzelkind hat mich das wirklich berührt. Im Anschluss habe ich begonnen zu recherchieren.

In deinem Film gibt es einige Momente, in denen eine Sprachbarriere existiert und das Publikum durch die übersetzten Untertitel mehr versteht als die Personen vor der Kamera. Wie war die Situation für dich als Regisseurin?

Ich war am Set die ganze Zeit mit Übersetzen beschäftigt – es wurde Englisch, Französisch und Chinesisch gesprochen. Aber meistens brauchte es keine Übersetzung, die Familien kommunizierten durch ihre Gefühle und ihre geteilte Liebe zu Lola.

Durch dein Studium bist du das Arbeiten auf mehreren Sprachen wahrscheinlich gewohnt.

Ich komme aus der Mongolei, Chinesisch ist meine Muttersprache. Ich studiere allerdings in Polen an der Filmhochschule Lodz, der komplette Unterricht findet auf Polnisch statt und meine Mentoren sprechen nicht wirklich Englisch. Es gibt in Lodz ein „year zero“, das Jahr, in dem alle internationalen Studierenden erst mal Polnisch lernen müssen. Dann beginnt das eigentliche Studium – das erste Jahr war sehr hart, danach wurde es besser. Polnisch ist sehr schwer, finde ich, aber es hilft natürlich, vor Ort mit Menschen sprechen zu können.

Wie bist du dazu gekommen, in Polen zu studieren und wie kann man sich das Studium in Lodz vorstellen?

Die Schule ist ziemlich international, nicht ganz zur Hälfte kommen die Studierenden aus dem Ausland. Wir arbeiten alle zusammen, mit den Personen aus den anderen Studiengängen. Ich habe diese Schule gewählt, weil ich den Filmemacher Krzysztof Kieślowski sehr schätze und er dort studiert hatte. Ich war in Peking auf der Filmhochschule, bevor ich nach Polen ging. Es war auch kein lang gehegter Traum. Aber jetzt bin ich seit fast sieben Jahren in Polen, habe noch nicht abgeschlossen, und da ich gerade an einem Dokumentarlangfilm mit einem polnischen Produzenten arbeite, werde ich wahrscheinlich nach meinem Abschluss in Polen bleiben.

Hast du dich prinzipiell dem Dokumentarfilm verschrieben?

Ich habe an der Universität verschiedene Filmstudien absolviert, fiktive und dokumentarische. Wir müssen uns in beidem ausprobieren. Ich kann mich schwer zwischen Fiktion und Dokumentarfilm entscheiden – manchmal braucht man echte Emotionen und Geschehnisse und manchmal möchte man die Dinge unter Kontrolle haben. Es kommt sehr auf das Thema an – in diesem Fall wollte ich dem Thema auf dokumentarische Weise nachgehen und verwende auch Fotos, die Lola und ihre Familien im Film machen.

Der Film zeigt sehr persönliche Momente, intime Begegnungen. Wie schwierig ist es dir gefallen, diese zu filmen, musstest du zuerst die Sympathien der chinesischen Familie für dich gewinnen?

Ich war auch überrascht darüber, wie offen sie waren. Von der belgischen Familie wusste ich das, von der chinesischen hatte ich keine Ahnung. Aber sie waren ebenfalls sofort sehr offen uns gegenüber. Sie haben nie in die Kamera geblickt, wie es beim Dokumentarfilm üblich ist, wir mussten es gar nicht eigens erwähnen. Wichtig ist mir zu betonen, dass die chinesische Familie von Lola noch nach ihren zwei anderen Töchtern sucht, das steht auch im Abspann. Wer weiß, vielleicht sind sie ja in Deutschland.

Wie haben die zwei Familien auf den Film reagiert?

Sehr emotional, alle haben geweint. Christine hat mir erzählt, nachdem ich den Film fertiggemacht hatte, dass Lola sie jeden Tag gefragt habe, ob sie den Film nochmal sehen dürfe.

Wie geht es für dich weiter nach dem Studenten-Oscar?

In meinem nächsten Film geht es um ein ähnliches Thema wie in diesem, aber mit einer anderen Herangehensweise: Es geht um Traumata, die bei einer Adoption durch die Trennung von den leiblichen Eltern hervorgerufen werden. Auch nach diesem Preis – ich habe meinen Weg, auf den ich mich konzentrieren möchte, und das ist das Wichtigste. Ich hoffe natürlich, dass es ab jetzt einfacher wird, Geld aufzutreiben.

Die Fragen stellte Lili Hering


1 Lesermeinung

  1. Danke für dieses Interview
    Eine Chinesin in Polen, das zeigt schön, dass Klischees meist in die Irre führen. Wer öfter in Polen ist weiß, dass es gerade an den Hochschulen viele Menschen von außerhalb der EU gibt – die meisten aus der Ukraine und Weißrussland, aber auch viele Chinesen, Inder und Bürger afrikanischer Staaten.

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