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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Unsinnige Semesterzeiten: Harmonisierung, bitte!

| 22 Lesermeinungen

Nur Deutschland leistet sich unsinnig späte Semesterzeiten – zum Nachteil aller. Die Gründe, aus denen eine Umstellung vor genau zehn Jahren scheiterte, sind heute hinfällig. Höchste Zeit für Vorlesungen ab Anfang März und Anfang September.

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© picture-allianceEs gibt Bummelstudenten, es gibt aber auch hochschul-organisatorische Bummelideen – Semesterbeginn in Hannover

Während sich bayerische Universitäten gerade erst auf das Ende ihrer zweiten Vorlesungswoche zubewegen, ist das Sommersemester im Ausland fast schon wieder vorüber. Nirgendwo sonst außer in Deutschland ist es üblich, den Hochschulbetrieb sklavisch den Schwankungen des Osterdatums zu unterwerfen – und bei einem späten Frühlingsvollmond bis in die zweite Aprilhälfte hinein zu prokrastinieren. Selbst ein etwas früherer Vorlesungsbeginn in Hamburg oder Leipzig (3. April) ist nur Ausnahme von der Regel, denn in den Studentenhochburgen Hessens, Berlins und Nordrhein-Westfalens wird erst am Dienstag nach Ostern (18. April) und in Bayern und Teilen Baden-Württembergs gar noch eine Woche später (24. April) losgelegt. Warum? Weil es das schon immer gab – späten Semesterbeginn wie föderales Durcheinander.

Dabei hatten die Reformgurus der Hochschulrektorenkonferenz am 4. Mai 2007, also heute vor genau zehn Jahren, inmitten des Bachelor-Master-Trubels eigentlich einen sinnvollen Beschluss gefasst: „Harmonisierung der Semesterzeiten an deutschen Hochschulen im Europäischen Hochschulraum“. Ab 2010 sollten die Vorlesungen Anfang März (Sommersemester) und Anfang September (Wintersemester) beginnen – und damit im Frühjahr immer noch einige Wochen später als im europäischen oder nordamerikanischen Ausland üblich. Doch es hagelte Protest von Hochschulen, Lehrkräften und Studenten.

Früher Start bei den beliebtesten Erasmus-Zielen

Ein Streitpunkt: die Vielzahl an Reformen auf einmal. Diplom und Magister wurden gerade beerdigt, neue Studiengänge modularisiert, Hörsäle durch wütende Bologna-Gegner besetzt. Auch noch den Vorlesungsrhythmus umzukrempeln hätte das Chaos perfekt gemacht. Nur Mannheim hatte es eilig und legte als bislang einzige staatliche Universität neben Flensburg den Beginn des Wintersemesters auf die erste Septemberwoche, hatte aber schon als mittelgroße Hochschule Schwierigkeiten, gleichzeitig irrlichternde Neuankömmlinge und noch in den Prüfungen schwitzende Magisterstudenten zu versorgen. Doch was damals gegen eine Neuregelung der Semesterzeiten sprach, kann im heute konsolidierten Bologna-System kein Argument mehr sein, zumal die Vorteile eindeutig überwiegen.

Wen nämlich im Februar und März noch Klausuren binden, der muss sich vom Auslandsvorhaben im Sommersemester verabschieden. Denn in den drei mit Abstand beliebtesten Erasmus-Zielen – Spanien, Frankreich und Großbritannien -, aber auch in den Vereinigten Staaten geht es im Februar, nicht selten sogar schon Ende Januar los. Viele Universitäten beschränken sich deshalb auf Austauschprogramme im Wintersemester und bieten ausländischen Erasmus-Studenten umgekehrt nur einen Sommeraufenthalt an, damit sich nicht im Frühjahr Prüfungen in Deutschland mit Vorlesungen im Ausland überschneiden.

Auch die Wissenschaft profitiert

Im engen Modulkorsett führt ein Austauschsemester in manchen Fächern folglich zu einer längeren Studiendauer. Zudem bleiben deutschen Studenten viele Sommer- und Sprachkurse im Ausland verwehrt, wohingegen Osteuropäer an bayerischen Universitäten bereits inmitten der Prüfungsphase Anfang August für Deutschkurse auf der Matte stehen. International harmonisierte Semesterzeiten wären deshalb auch für Lehrbeauftrage und Koordinatoren an den Universitäten sinnvoller. Das gilt auch ganz allgemein für Forschung und Lehre. Natürlich profitiert Deutschland gegenwärtig davon, Gastdozenten empfangen zu dürfen, die zuhause bereits ihr Semesterprogramm heruntergespult haben. Auch sind Kurzlehraufträge deutscher Wissenschaftler im März oder September gängige wie beliebte Praxis.

© picture-allianceZu wenig Platz ist ohnehin: Hörsaal der Universität Tübingen

Doch würde es die Angleichung viel einfacher machen, im Ausland Forschungssemester zu verbringen, die mit einer Freistellung von Lehrverpflichtungen an der heimischen Universität einhergehen. Auch diese sind derzeit nur in engen Zeitfenstern möglich und gleichen mitunter einem administrativen Balanceakt. So bleibt das Bologna-System unvollkommen und der europäische Bildungsmarkt voller Austauschhemmnisse. Wie steht all das im Einklang mit den hehren Zielen, die grenzenlose Mobilität von Studenten und Wissenschaftlern zu ermöglichen?

Weniger Kollisionen als vermutet

Allein von den Jahreszyklen her spricht viel für andere Semesterzeiten mit Prüfungen im Juni und Dezember. Klausuren vor Weihnachten mögen der Adventszeit ihre Stille rauben, machen aber nicht nur den Glühwein danach schmackhafter, sondern auch das Fest besinnlicher. Dagegen galt die zweiwöchige Unterbrechung mit Weihnachtsgans, Wintersport und Wunderkerze noch nie als besonders lernintensive Phase, die anschließende Wiederaufnahme des Vorlesungsbetriebs dagegen schon immer als holprig.

Analog eignet sich der Juli erfahrungsgemäß besser für außeruniversitäre Aktivitäten als in staubigen Lesesälen nach Luft zu ringen. Zumal der Einwand, dann drohten Kollisionen mit den Schulferien, nur zum Teil verfängt: In diesem und dem nächsten Jahr zum Beispiel belagert nur eine kleine Minderheit an Lehrern, Eltern und Schülern von Ende Juni an die Urlaubsgebiete. In den drei bevölkerungsstärksten Ländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg beginnen die Sommerferien gar erst in der zweiten Julihälfte.

Für bundesweit einheitliche Zeiten

Wenn hinsichtlich der vorlesungsfreien Monate etwas für den derzeitigen Semesterrhythmus sprechen mag, dann höchstens der etwas günstigere Zeitraum für Praktika. Doch gilt das, wenn überhaupt, mit dem Sommer nur für eine von zwei Ferienzeiten und in erster Linie für Behörden oder Einrichtungen wie den Bundestag, die im Juli und August eingeschränkt arbeiten. Kein Unternehmen kann es sich hingegen leisten, zweieinhalb Monate auf Stand-by zu schalten – und wenn doch, dann mag für Praktikanten gerade darin eine Chance zur Übernahme verantwortlicher Aufgaben liegen. Abgesehen davon ist ein Pflichtpraktikum im Semester immer häufiger obligatorischer Bestandteil vieler Studiengänge.

Und die verkürzte Bewerbungsfrist zwischen Abitur und früherem Semesterbeginn, vor der schon vor zehn Jahren gewarnt wurde? Die Universität Mannheim, die bald im zwölften Jahr von Mitte Mai bis Mitte Juli ihr Portal öffnet, scheint das in Zeiten von Onlinebewerbung und PDF-Upload nicht vor unlösbare Probleme gestellt zu haben. Falls der Turboabiturient des 21. Jahrhunderts nicht ohnehin erst einmal auf unbestimmte Zeit damit beschäftigt ist, in der fernen Wildnis nach sich selbst zu suchen.

Nicht bloß um der Harmonisierung willen braucht es neue Vorlesungszeiten, die bundesweit einheitlich von März bis Mai und von September bis November gehen. Sondern weil sich Deutschland einen nationalen Sonderweg leistet, von dem niemand etwas hat.


22 Lesermeinungen

  1. Matthias Goldmann sagt:

    Dringend notwendige Reform
    Die Studierenden würden profitieren, aber auch die Lehrenden. die meisten Konferenzen finden zwischen Mai und Juli statt. Da stecken wir in der Mitte des Semesters. Die Folge sind ständige Verlegungen, ausfallende Vorlesungen usw., oder man geht schlichtweg nicht hin. Früher hat das wegen der Introspektivität vieler Fächer und mangelnder Reisekostenbudgets niemand gestört. In einem globalen Wissenschaftsbetrieb kann man es sich schlichtweg nicht mehr leisten.

  2. Gast sagt:

    Blöd nur, wenn niemand zum Lehren da ist - Zu prüfen gibt's ja eh schon immer weniger
    Erstens: Februar, März und September, teils bis in die zweite Oktoberwoche, sind für viele Fachgesellschaften die etablierten Tagungszeiträume. Der vorgeschlagene vorgezogene Beginn der VL-Zeit muss dann eben künftiger häufiger mal ohne die Lehrenden stattfinden, zumindest ab Mittelbau aufwärts.

    Zweitens: VL-Beginn im September heißt, dass sowohl die Korrekturen als auch das Nachholen von Prüfungen ebenfalls vorverlegt werden müssen – genauso wie die Veranstaltungsvorbereitung. Danke, lieber Autor, dass Sie auch daran gedacht haben – und an die Lehrenden und Studierenden mit Familien, die z.B. von Schulferien abhängig sind. Dann fällt der Erholungsurlaub im Sommer halt auch der vorgeblich so wichtigen weiteren Internationalisierung zum Opfer. Hauptsache, es betrifft nur die anderen …

    • Niklas Záboji sagt:

      Tagungen und Ferien
      1.) Gibt es einen Grund, warum die Fachgesellschaften bei anderen Semesterzeiten weiterhin nur im Februar, März und September tagen könnten?
      2.) Wäre es bei unverändert langen, nur eben früheren Semesterferien nicht gerade für Familien sinnvoller, mit den Schulferien im Juli und August Überschneidungen?

  3. Gast sagt:

    Wer dem nicht zustimmt, war in letzter Zeit kein Student
    Ich bin Student und rege mich jedes Semester wieder über diese unfassbare Inkonsequenz auf. Es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund – nur das “es war halt schon immer so” Totschlagargument – für die aktuellen Semesterzeiten.
    Die Regel bei einem Auslandsstudium lautet bei uns allen: man verliert min. 1 Semester, weil man zwischen Tür und Angel fortgeht und wiederkommt, dann aber nicht direkt noch die Klausuren des laufenden Semesters mitschreiben kann.
    Es ist zum Haare raufen.
    Übrigens auch, dass man mit einem deutschen Bachelor mitunter gar nicht für einen internationalen Master qualifiziert ist, bspw. in den UK, wo der Bachelor 4 Jahre dauert.
    Und deutsche Master fordern quasi durch die Bank, dass man den gleichen Bachelor an der gleichen Uni gemacht hat, ansonsten hagelt es Auflagen in Höhe von bis zu 50 ECTS, die man binnen 1 Semester (!) nachzuholen hat. Noch so ein Missstand.
    Zum Haare raufen.

  4. Jochen Lang sagt:

    Prof
    Seien wir doch ehrlich, die kurzen Semesterferien im Ausland sind einfach ueber die Daten der Schulferien bestimmt (damit es die Eltern, dh Hochschullehrende, leichter haben). Hier in Frankreich hat man Weihnachten und im Februar je ein bis zwei Wochen vorlesungsfreie Zeit, sowie vom 14 Juli bis Ende August. Da verbleibt wenig zusammenhangende Zeit fuer Forschung oder im Falle der Studenten, fuer Praktika (im In- oder Ausland). Es ist auch Wahnsinn, da im September alle wichtigen Kongresse stattfinden (Liebe Studenten, es war nett, sie Anfang September zu sehen, leider treffen wir uns erst im Oktober wieder). Hoeren wir doch auf, Uni und Schule gleichzusetzen.

    Auslandssemester? Ich habe, dank Studienstiftung, in drei Landern studiert und in zwei anderen laengere Praktika verbracht. Ein Auslandssemester ist Tourismus, ein Auslandsjahr sinnvoll und da spielen dann unterschiedliche Semesterzeiten keine Rolle mehr.

  5. chris sagt:

    Deutsche Semesterzeiten haben auch Vorteile
    Die bestehenden deutschen Semsterzeiten bieten auch – gerade bei Auslandsaufenthalten – Vorteile, wenn man sie geschickt nutzt. Mein eigener Auslandsaufenthalt in Schweden (Vorlesungszeit von September – Dezember & Februar-Mai) hat mir im Anschluss ganz bequem drei Monate Zeit für ein Praktikum gegeben – ohne eine einzige versäumte Vorlesung.

    Etliche Kommilitonen, die nur ein (Winter-) Semester in Schweden waren, konnten zu Hause im Februar noch Prüfungen schreiben und haben zu Hause kein Semester “verloren”. Sooo nachteilig sind die deutschen Semesterzeiten also gar nicht.

    • Niklas Záboji sagt:

      Anwesenheitszwänge
      Lässt sich das nicht deshalb nur selten bewerkstelligen, weil die Kurse in den meisten Studiengängen Kurse Präsenz erfordern?

  6. Jürgen von Hagen sagt:

    Unsiinnige Synchronisieren
    Für die an Universitäten tätigen Wissenschaftler ist gerade die Tatsache, daß die deutschen und ausländischen Semester nicht synchron sind, eine große Chance. Sie erlaubt uns nämlich, ausländische Universitäten dann zu besuchen und mit Kollegen dort zu arbeiten, wenn bei uns kein Lehrbetrieb herrscht und die Kollegen dort anwesend sind; umgekehrt kommen die zu uns, wenn sie nicht lehren und wir vor Ort sind. Das ermöglicht regelmäßigen und intensiven Austausch, der gerade nicht an Freisemester gebunden ist. Die gibt es nämlich nur in Zeitabständen, die für Forschungskooperation zu groß sind. Gerade für junge Wissenschaftler ist das ein großer Vorteil.

  7. Hans-Peter Blume sagt:

    Titel eingeben
    “Weil es das schon immer gab – späten Semesterbeginn wie föderales Durcheinander.”
    Davon kann keine Rede sein. Ursprünglich dauerte an deutschen Universitäten das Sommersemester drei Monate von Mai bis Juli und das Wintersemester vier Monate von Oktober bis Februar.

  8. Bauherr sagt:

    Nebenschauplatz
    Das deutsche Bildungssystem, dessen Niveau mit dem Ziel der sogenannten Internationalisierung immer mehr reduziert wird, hat mit Sicherheit wichtigere Baustellen. Ohne Not wurde das weltweit anerkannte deutsche Diplom auf dem Altar der Internationalisierung geopfert. Alle erhalten unabhängig von den intellektuellen Möglichkeiten in vielen Studiengängen einen Bachelorabschluss und so generieren wir auf Wunsch der Politik massenweise sogenannte “Akademiker” mit oft miserablen Berufsaussichten.

  9. Rodapiao sagt:

    Unter den Talaren, der Muff von 2000 Jahren
    Ich sehe jetzt wenig Gewinn in den provokativ vorgetragenen Änderungen, außer eben, dass die Reise in Richtung Schule geht, wo man solche aufschiebenden Traditionen nicht mehr kennt – und das wünscht sich ja manch einer, dem die Bologna-Änderungen nicht weit genug gingen, und dem sich akademische Freiheiten und Traditionen als abschneidepflichtiger Zopf darstellen.

  10. udippel sagt:

    Alles immer schön durchorganisieren und streamlinen!
    Der Cicero sei anempfohlen, mit seiner Mai-Ausgabe und dem Schwerpunkt ‘Humboldt’.
    Es braucht nicht noch weitere Lernfabrikisierung der eh schon an Akkord und Fliessband sich anpassende deutsche Universität.
    April und Oktober sind gute alte deutsche Tradition. Sooo schlecht kann das nicht gewesen sein.

    • Deul Wippe sagt:

      Nostalgie
      Es ist nicht alles schlecht am deutschen Universitätssystem und wir sollten nicht eilfertige irgendwelche Modelle im Namen der Internationalisierung kopieren. Doch warum sollte man ausgerechnet bei den Semesterzeiten an der “Tradition” festhalten? Semsterzeiten haben nichts, aber auch gar nichts mit den Inhalten und der Struktur des Studiums zu tun. Es handelt sich dabei ausschließlich um eine willkürliche Setzung. Warum sollte man diese nicht so wählen, dass der Austausch mit anderen Ländern vereinfacht wird?

    • Gast sagt:

      Das ist keine Verschulung, sondern schlicht pragmatisch und sinnvoll
      Auch wenn ich als Student selbst der “Lernfabrikisierung” des Universitätsbetriebes kritisch gegenüberstehe und meine Skepsis gegenüber dem Bologna-System auch nicht unerheblich ist, halte ich die Semesterzeiten nicht für gute alte Traditionen. Wer, wie ich, mit Erasmus-Programm studieren möchte und einen Auslandsaufenthalt plant, empfindet das schlicht als nervtötend:
      Die Tatsache, dass ich z.B. durch die verschobenen Semesterferien dieses Jahr sämtliche Arbeiten in zwei Wochen absolvieren muss und keine Ferien haben, dafür nächstes Jahr an die 4 Monate frei habe, ist wohl kaum im humboldtschen Geiste, sondern einfach nur ein sinnloses Organisationsdefizit. In dem Falle ist internationale Angleichung keine Schande. Und Nostalgie hilft da auch nicht.

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