Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Warum Studierende nicht von zu Hause wegwollen

| 6 Lesermeinungen

Ungefähr jeder fünfte deutsche Studierende wohnt noch bei den Eltern. Finanzielle Gründe sind dabei oft nicht entscheidend. Ein Treffen mit Tobias Luczak, der sich von Spöttern nicht aus der Ruhe bringen lässt.

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© Philipp FrohnTobias Luczak

Tobias Luczak sitzt in einem Café und genießt den Ausblick auf das postindustrielle Ambiente des Duisburger Innenhafens. Einst zentraler Handelsplatz des Ruhrgebiets, reihen sich heute zahlreiche Bars und Restaurants am Kan

al. Die Stadt ist ihm wohlbekannt. Sein ganzes Leben hat der 25-Jährige hier verbracht. Grundschule, Realschule, dann der Wechsel aufs Gymnasium – alles vor der Tür des Elternhauses. Für seine weitere berufliche Laufbahn aber musste Luczak über die Stadtgrenze hinausschauen. Lehrer werden, das war sein Traum. Er sollte der erste in der Familie sein, der ein Studium aufnahm. Wie so viele im Ruhrgebiet ist er ein typisches Arbeiterkind. Doch sein gewohntes Umfeld verlassen, wo Familie und Freunde leben, das widerstrebte ihn damals wie heute. An vier Universitäten – allesamt in Nordrhein-Westfalen – bewarb er sich nach Abschluss seines Abiturs vor fünf Jahren – und landete an der Universität Duisburg-Essen. Dort nahm er das Studium der Biologie und Sozialwissenschaften fürs Gymnasiallehramt auf, den Bachelor hat er seit einem Jahr bereits in der Tasche. Während für manche Schulkameraden, die das Studium nach Berlin oder München zog, ein Leben in einer völlig neuen Umgebung begann, blieb Luczak seiner Geburtsstadt treu – und entschied sich, weiterhin bei seinen Eltern zu wohnen.

Sämtliche Universitätsveranstaltungen in der Lehramtsausbildung seiner Hochschule finden in Essen, rund 25 Kilometer von seinem Zuhause entfernt statt. Die Wege wurden also länger. Von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof mag die Fahrtzeit zwar überschaubare zwölf Minuten betragen. Luczak aber wohnt nicht im Bereich der Innenstadt – sondern in Röttgersbach, einem Vorort an der nördlichen Stadtgrenze. Ohnehin hält sich in Duisburg die studentische Szene in Grenzen – in Röttgersbach aber ist das Angebot für junge Leute noch begrenzter. Gutbürgerliche Küche statt Burgerrestaurant, Kneipe mit alterndem Publikum statt Pub mit studentischem Flair.

„Von der Haustür bis zur Universität muss ich mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zwei Stunden einplanen“, sagt der Student: Fußweg, Busfahrt, Umstieg in die Straßenbahn, anschließend in einen Zug und in eine U-Bahn – und das zweimal täglich. „Diese Strecke jeden Tag zu pendeln ist sehr strapazierend“, erzählt er weiter. Gründe, die viele Akademiker in spe zum Umzug bewegen. Nicht aber Tobias Luczak. Er lebt gerne in der Einfamilienhaussiedlung, findet es dort persönlicher und intimer als im Stadtzentrum – trotz des nur rudimentär ausgebauten Nahverkehrs. Der sei der Hauptgrund dafür gewesen, sich zu Beginn seines Studiums für schmale 300 Euro einen alten 3er Golf zuzulegen.

Leben wie zu Schulzeiten?

Mit Hans, wie er sein Auto liebevoll nennt, schraube sich zwar die Fahrtzeit auf verkraftbare 30 Minuten herunter, doch frisst das Gefährt ein Loch ins Portmonee. Schließlich fährt er auch privat fast nur mit dem Auto, gibt er doch am anderen Ende der Stadt ehrenamtlich Schwimmunterricht, auch seine Freunde wohnen 20 Autominuten entfernt. Auf den Monat gerechnet koste ihn der Luxus mit Benzin, Versicherung und Steuern 250 Euro. „Das ist in etwa ein Viertel meines Gehaltes“, sagt Luczak, der als Vertretungslehrer an einer Grundschule in Röttgersbach arbeitet. Weitere 200 Euro Kostgeld zahle er an seine Eltern – ein „symbolischer Akt“, wie er es nennt.

Noch vor einiger Zeit arbeitete er auf 450-Euro-Basis bei einem Discounter – zu wenig, um davon ohne Bafög in einer eigenen Wohnung leben zu können. Mit seinem jetzigen Lehrergehalt jedoch würde er in Duisburg eine finden. Zwar steigen auch dort die Mieten, doch ist die Wohnsituation in der Ruhrgebietsstadt noch immer deutlich komfortabler als anderswo. Auszuziehen würde aber bedeuten, Abstriche zu machen, jeden Euro doppelt umzudrehen. Aus Luczaks Sicht aber besteht auch gar keine Notwendigkeit, auf Bequemlichkeiten zu verzichten und in Unsicherheit zu leben, habe er doch zuhause alles, was er braucht. Safety first ist sein Motto. „Bei meinen Eltern habe ich eine komplette Etage mit 35 Quadratmetern für mich, eignes Badezimmer inklusive“, sagt er. Potenzielle Wohnungen böten nicht mehr Platz. Er vergleicht das Leben im Einfamilienhaus bei seinen Eltern mit einer Wohngemeinschaft – plus „familiärer Komponente“. Obgleich er dort keine großen Partys feiern kann – der einzige Nachteil sei die längere Anfahrt, sagt er.

Aber sollte das Studium nicht eine Zäsur im Leben eines jungen Menschen sein, ihm einen Blick über den Tellerrand gewähren und neue Möglichkeiten aufzeigen – geistig und räumlich? Setzen Studierende nicht das Leben wie zu Schulzeiten fort, wenn sie sich gegen den Umzug entscheiden? Luczak sieht das nicht so. Nur weil man noch bei seinen Eltern lebt, bedeute es nicht, dass man sämtlichen Klischees eines „Hotel Mama“-Bewohners entspricht. Wäsche waschen, kochen, einkaufen – all das müsse Luczak genauso erledigen wie seine Kommilitonen, die bereits eigene vier Wände bezogen haben.

Die Folgen für das studentische Leben

Ohnehin sei das Bild von Studierenden vor allem durch Filme wie „American Pie“ vollkommen überstilisiert. Die Realität sehe anders aus – tägliche Partyexzesse in Wohngemeinschaften seien wohl den wenigsten Studierenden vertraut, für diese These erhält Luczak Bestätigung aus dem Bekanntenkreis. Er weiß aber auch, dass die Universität Duisburg-Essen ein besonderes Pflaster ist: „Ein wesentliches Charakteristikum der Hochschule ist, dass es sich um eine Pendler-Uni handelt.“ Bundesweit wohnt ein Fünftel der Studierenden noch bei ihren Eltern, wie aus der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016 hervorgeht. An seiner Hochschule dürfte der Prozentsatz noch höher liegen, schätzt der angehende Lehrer. Viele Studierende kämen aus den Städten der Fusionshochschule selbst oder aus dem Umland. Ein Merkmal, das wohl auch für andere Ruhrgebietsstädte gilt, wo im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er Jahre verstärkt Hochschulen gebaut wurden. Viele Studenten befinden sich in einer ähnlichen Situation wie Luczak: Für sie ist ein Umzug schlicht nicht zwingend nötig. Anders hätte es ausgesehen, wenn er zum Beispiel lediglich an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster eine Zusage erhalten hätte. Ein Umzug wäre dann auch für Tobias Luczak ein Thema gewesen.

Seine Entscheidung, die Zeit auch während des Studiums bei seinen Eltern zu verbringen, bereut er jedoch nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt lohne es sich ohnehin nicht mehr, eine Wohnung zu mieten. In gut einem Jahr beginnt er den praktischen Teil seiner Lehrerausbildung, das Referendariat. Dann möchte er die ersten eigenen vier Wände beziehen – am liebsten in Duisburg.


6 Lesermeinungen

  1. warum nicht ?
    Ehrenamt, Kostgeld abgeben, Kontakt zu den Eltern, selber Wäsche waschen, kochen, einkaufen…
    Was spricht eigentlich dagegegen ?

  2. War bei mir vergleichbar...
    … im Nachhinein wäre ich lieber früher ausgezogen. Und zwar in eine andere Unistadt.

    Meine Persönlichkeitsentwicklung hat nach dem Auszug nochmal einen enormen Schritt nach vorn erlebt. Daheim lebt man – wenn auch nicht aktiv so gelebt und mit vielen Freiheiten – doch unterschwellig unter der Betreuung der Eltern. Teilt sehr viel stärker und unreflektierter ihre Einstellungen.

    In einer anderen Stadt muss man zwar erstmal Kontakte knüpfen, was für eher introvertierte eine echte Hürde sein kann. Doch bei den meisten funktionierts recht gut. Auch die Finanzierung bekommen die meisten doch hin.

  3. Es sind sehr wohl finannzielle Gründe
    Die Einleitung berichtet hochtrabend: „Finanzielle Gründe sind dabei oft nicht entscheidend.“ während dann der Artikel mit folgendem Absatz aufwartet:

    Noch vor einiger Zeit arbeitete er auf 450-Euro-Basis bei einem Discounter – zu wenig, um davon ohne Bafög in einer eigenen Wohnung leben zu können. Mit seinem jetzigen Lehrergehalt jedoch würde er in Duisburg eine finden. […] Auszuziehen würde aber bedeuten, Abstriche zu machen, jeden Euro doppelt umzudrehen.

    Irgendwie will das in meinem Augen nicht so recht zusammen passen…

    Noch ein anderes Schmankerl, das mir bis heute nicht einleuchten will:
    Das Regelbedarfs-Ermittlungsgesetz (RBEG) bestimmt sein 2011 den finanziellen Grundbedarf der notwendig ist um ein der Bundesrepublik Deutschland ein geregeltes Leben zu führen. Im Falle des Arbeitslosengeld II (Hartz 4) sind dies zur Zeit 416 Euro. Zusätzlich werden die Kosten für Wohnung und Heizung separat erstattet.
    Ein Student hingegen hat mit einem Höchstsatz von 735 EUR BaFöG auszukommen. Ihm bleiben also bestenfalls – nämlich dann wenn er tatsächlich den Höchstsatz erhält – ganze 319 Euro um seine Wohnung und sämtliche Mehrausgaben durch das Studium (Büromaterial/Laptop, Fahrten zur Uni, Semester- und Studiengebühren) die im Grundbedarf nicht vorgesehen sind zu finanzieren. Wenn er nicht grade das Glück hat in einem Studentenwohnheim unterzukommen funktioniert dies in den meisten deutschen Großstädten vorne und hinten nicht.

    Jetzt wir man mir entgegenhalten: Der Student kann ja schließlich auch etwas für seine Ausbildung tun!
    Ja, geschenkt soll es die Ausbildung nicht geben… Daher verlangen die +die Modulhandbücher der aktuellen Bachelor- und Masterstudiengänge ein wöchentliches Pensum von 20 Stunden Anwesenheit bei Vorlesungen und Seminaren sowie noch einmal den 1-2 fachen an Zeitaufwand zum nachbereiten (also eine volle 40 bis 60 Stunden Woche). Daneben soll der Student dann noch nebenher arbeiten gehen oder von seinen Eltern unterstützt werden… Was ihm im Gegenzug auch erst einmal wieder auf seinen BaFüG Anspruch angerechnet wird. Zudem dauert das Studium dauert fast zwangsläufig ein bisschen länger wenn man nebenher noch jobben gehen muss. Jedoch wird dem arbeitendem Studenten dann wiederum auch früher oder später das BaFöG gestrichen, wenn er nicht fix genug fertig wird…

    Lange Rede – kurzer Sinn: Bei den meisten liegt es halt doch am Geld.

  4. Schade
    Schade,dass Tobias einen wesentlichen Teil der Hochschulzeit verpasst. Aus unerfindlichen Gründen wird die Uni- ganz im Stil einer FH – auf das Lernen von Sachwissen reduziert.
    Dabei sollte es doch so sein:Man lernt, zu lernen, und das (nebenher) in einer bestimmten Fachrichtung.
    Abseits der Uni lernt man, sein Leben zu organisieren, kann abends mit den Kommilitonen auf der Studentenmeile was trinken gehen und sollte trotzdem morgens in der Vorlesung oder Übung sein. Man kann sich engagieren in Fachschaft, AStA, oder anderen studentischen Gruppen wie Unikino, Segelklub, Amateuerfunkergruppe usw.

    Das erfordert aber, in der Stadt auch ein Stück weit heimisch zu werden und von den Eltern losgelöst zurecht zu kommen.

    Man lernt, seinen eigenen Weg zu gehen, auf eigenen Füßen zu stehen und für seine Entscheidungen gerade zu stehen. Fähigkeiten, die nicht nur privat, sondern vor allem beruflich wichtig sind. Unter anderem deshalb verdienen Akademiker gut und haben nicht zuletzt deshalb oft einen Chefposten.

    Die Uni bietet so viel mehr, als nur Sachwissen, und die Chance, alte Gewohnheiten abzulegen und sich neue anzueignen ohne kritische Blicke der Eltern, hat man genau im Studium.

    Eine Zeit, die ich mit allen Hochs und Tiefs nicht missen möchte. Sollte ich mal genug vom Job haben und aussteigen wollen, könnte ich mir vorstellen, nochmal zu studieren, auch wenn gilt: Man steigt nicht zweimal in den selben Fluss. Er wird sich verändert haben und man selbst auch.

    • man lernt, zu lernen...
      Das hört sich, mit Verlaub, hier doch eher nach einer verlängerten Schulzeit und Selbsterfahrung an. Und wenn das nicht reicht, dann nochmal studieren ? Den Steuerzahler freut es.
      Im Ergebnis hätten Akademiker oft einen Chefposten….die anderen haben dann selber Schud…

  5. Der Trend geht
    Der Trend geht – offenbar nicht nur notgedrungen aufgrund des Mangels an bezahlbarem Wohnraum – zum Studium als Verlängerung der Schule. Dabei wird es den Heramwachsenden auch durch den Bachelor-Abschluss leichtgemacht, der – G8 & Aussetzung der Wehrpfliche sei Dank – mit 21 Jahren erreichbar ist.

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