Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Was die Students for Future wollen

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Die Freitagsdemonstrationen für das Klima werden meist mit Schülern in Verbindung gebracht. Dabei liefen von Anfang an viele Studenten mit. Jetzt haben sie eine eigene Organisation gegründet. Ein erster Überblick.

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Students-for-Future-Demonstration in Hamburg

Vor den Folgen des vom Menschen gemachten Klimawandels wird schon seit 1970 gewarnt. Doch frühere Generationen und vor allem die Politik scheinen den Wissenschaftler*innen kaum Gehör geschenkt zu haben. Bis die Schülerin Greta Thunberg an einem Freitag im August 2018 in den Klimastreik trat, dem sich im Lauf der Zeit immer mehr Schüler*innen anschlossen, die Fridays-for-Future-Bewegung entstand.

Weitere Aktionsgruppen, die sich dem Anliegen der Schülerinnen und Schüler verpflichtet fühlen, haben sich die Worte „for Future“ – für die Zukunft – ebenfalls angehängt. Unter anderem unterstützen inzwischen Wissenschaftler*innen als „Scientists for Future“ die Schüler*innen in ihren Forderungen gegenüber der Politik. Eltern laufen bei den Streiks oder Demonstrationen als „Parents for Future“ mit. Und auch Studierende schließen sich als „Students for Future“ der Bewegung an.

Warum haben sich die Students-for-Future-Gruppen in deutschen Universitätsstädten so vergleichsweise zaghaft gegründet? Wie prägt die Universität dabei ihr Engagement? Welche Aktionen unternehmen sie? Darüber haben wir mit verschiedenen Students-for-Future-Ortsgruppen und Sebastian Koos, Juniorprofessor für Corporate Social Responsibility am Fachbereich für Politik- und Verwaltungswissenschaften und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz, gesprochen.

„Students for Future“ und „Fridays for Future“ – wo sich die Studierenden verorten

„Es wird gigantisch. Wir sind im Begriff, die größte unabhängige, überparteiliche, selbst organisierte Klima- und Jugendbewegung zu mobilisieren“, sagt Luisa, die eine der wenigen bekannten studentischen Gesichter von „Fridays for Future“ in Deutschland ist. Oftmals wird „Fridays for Future“ eher als Schüler*innenbewegung dargestellt, weshalb die Studierenden vor allem anfangs in der Menge nicht so sehr aufgefallen sind. Was könnte das für Gründe haben? Es mag zum einen mit der Entstehungsgeschichte der Klimabewegung zu tun haben – der Schülerin Greta Thunberg und dem viel diskutierten Fernbleiben vom Schulunterricht. Für Studierende gab es dadurch anfangs kein großes Identifikationspotential mit der Bewegung. Davon abgesehen gibt es schon länger verschiedene Hochschulgruppen, die sich, oftmals auf der Grundlage von Non-Profit-Organisationen wie „Viva con Agua“, intensiv mit den Themen Umwelt und Nachhaltigkeit beschäftigt haben.

Ein aktiver Studierender von „Fridays for Future“ Hamburg nennt als weiteren Grund strukturelle Unterschiede: An Hochschulen sei die soziale Bindung im Vergleich zu den starken Klassenverbänden an Schulen nicht so stark. Außerdem ist er der Meinung, dass Studierende gezielter angesprochen werden wollen. Und natürlich befinden sich Studierende in einer anderen Lebenssituation als Schüler*innen. Meist führen Studierende ein flüchtigeres Leben, was sie freier in ihren Entscheidungen macht, aber ihnen auch mehr Verantwortung abverlangt. Die Students-for-Future-Gruppe der Universität Bamberg sieht auch in der Bologna-Reform einen Hemmschuh, es bleibe seither weniger Zeit für hochschulexternes Engagement. Darüber hinaus waren zur Zeit des Aufkommens der Klimabewegung in Deutschland an vielen Universitäten Semesterferien, einige befanden sich auch gerade in einer Klausurenphase.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie von Sebastian Koos, der die Entwicklung der Fridays-for-Future-Bewegung und auch den Anteil der Studierenden bei den FridaysProtesten in Konstanz untersucht. Während im März 2019 nur etwa jeder zehnte Teilnehmende von einer Universität oder Hochschule kam, waren es im April schon 40 Prozent. Gerade zu Beginn des Sommersemesters im April 2019 haben sich immer mehr Studierende an Fridays for Future beteiligt. Im Mai war noch rund ein Viertel der Demonstrierenden Studierende, ein Anteil, der beim globalen Klimastreik am 20. September 2019 ähnlich hoch lag. Bei diesem Streik hatte sich die Teilnehmerzahl in Konstanz von 1000 im Mai auf im September 10.000 vergrößert.

War im Mai noch die Mehrheit der Teilnehmenden unter 20 Jahren alt gewesen, waren im September mehr als 80 Prozent der Teilnehmenden älter als 20, wobei die Berufstätigen mit über 40 Prozent den größten Anteil darstellten. Das ist bemerkenswert, da sich „Fridays for Future“ als „Arm der Wissenschaft“ versteht und auf den Klimawandel mit möglichst breiter gesellschaftlicher Unterstützung aufmerksam machen will.

Globaler Klimastreik in Konstanz: gemeinsam für das Klima auf die Straße gehen

Viele Students-for-Future-Gruppen sehen sich explizit als Teil von „Fridays for Future“ und unterstützen deren Forderungen. Organisiert wird sich über die gängigen Messengerdienste wie WhatsApp oder Telegram, aber auch Businesstools wie Slack und Trello werden genutzt. Neben lokalen Gruppen gibt es auch eine bundesweite Vernetzung mit regelmäßigen Telefonkonferenzen und Treffen. In Hamburg bilden die Studierenden eine Arbeitsgruppe innerhalb von „Fridays for Future“, sitzen mit im Plenum von „Fridays for Future“ und wollen das auch nach der Gründung von „Students for Future“ so beibehalten, da das für sie „Hand in Hand geht“. Ein Aktiver der Universität Hamburg berichtet, dass er in der Strategiegruppe von „Fridays for Future“ sitzt und sich dort vor allem um die interne Kommunikation kümmert.

Ähnlich gestaltet sich die Situation in Leipzig, wo die Initiative von aktiven Studierenden bei „Fridays for Future“ und anderen Klimagerechtigkeitsbewegungen ausging. Und auch in Eichstätt wird das Ziel verfolgt, „Fridays for Future“ an die Uni zu bringen und eigene Aktionen zu entwickeln, die besser an die Uni passen.

Universitäten als Orte der Transformation?

Auffällig ist, dass sich die Teilnehmer bei „Students for Future“ fachübergreifend zusammensetzen – so kann Wissen aus den Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften und anderen Themenfeldern gebündelt genutzt werden. Markus Lamprecht bezeichnet Universitäten als potenziell wichtige Orte einer nachhaltigen Transformation. Aktivst*innen der Universität Eichstätt sehen die Universität gar als Vordenkerin. Denn hier wird über die Zukunft geforscht, es werden Arbeits- und Führungskräfte von morgen rekrutiert und entscheidende Fähigkeiten vermittelt.

Universitäten sind klassische Orte der Veränderung

Universitäten und Hochschulen sind zweifellos prädestinierte Orte für Veränderung. Die Freiheit der Forschung erlaubt individuelle Schwerpunktsetzung, es können sich sowohl Seminare als auch Diskussionsveranstaltungen mit Aspekten zum Klimawandel beschäftigen. Daraus ergibt sich zum einen ein wissenschaftlicher Beitrag, aber es können zum anderen auch praktisch relevante Schlüsse gezogen werden: Was kann konkret an der Universität und im breiteren Umfeld getan werden? Ein wünschenswertes Ziel wäre etwa die klimaneutrale Gestaltung der Gebäude für Universitäten, ein durchdachteres Mensaessen oder die klimafreundliche Gestaltung von Dienstreisen der Mitarbeiter.

Vollversammlungen, Seed Bombs und Die-Ins  

Welche besonderen Aktionsformen bringt das Engagement der Studierenden hervor? Es gibt Aktionsformen, die sich auf die Universität selbst konzentrieren, aber auch solche, die auf die Gesellschaft und (Kommunal-)Politik – wie die Ausrufung des Klimanotstandes – einwirken sollen. So wird an der TU Berlin für Demonstrationen mobilisiert, es gibt Infostände und „Die-Ins“, bei denen sich die Studierenden totstellen, sowie Menschenketten auf dem Campus. Ähnliche Aktionen sind man auch in Regensburg, Bamberg und Konstanz zu finden. In Braunschweig wurde auf einer großen Univeranstaltung mit vielen verschiedenen Ständen über den Klimawandel informiert, unter Anleitung konnten sogenannte „Seed Bombs“ (Samenbomben) aus Erde geformt werden. In Hamburg wurde zu Beginn des Wintersemesters eine Orientierungseinheit über die Themen Klimakrise und Nachhaltigkeit veranstaltet, um die Erstsemester durch Vorträge und Mitmachaktionen für das Thema zu sensibilisieren.

Mit kreativen Sprüchen informieren die Studierenden und wollen ins Gespräch kommen

Das einflussreichste demokratische Mittel der „Students for Future“ ist aber wohl die studentische Vollversammlungen, wo konkrete Forderungen an die Universitäten gestellt werden können. An vielen Universitäten haben seit Jahren keine Vollversammlungen mehr stattgefunden, in Leipzig beispielsweise die letzte vor sieben Jahren. Dort und an der TU Berlin wurden nun die ersten Vollversammlungen zum Klimaschutz an Universitäten überhaupt durchgeführt. Eichstätt, Münster und Braunschweig folgten, an vielen anderen Universitäten befinden sich Planungen für Vollversammlungen in der Endphase. Leipzig und Berlin haben einen Leitfaden erstellt, den andere universitäre Gruppen nutzen können.

Für die Einberufung von Vollversammlungen braucht es eine gewisse Anzahl an Studierenden, Unterschriften werden sowohl über Online-Petitionen als auch persönlich auf dem Universitätsgelände gesammelt. Bei der Vollversammlung in Leipzig waren dann ungefähr 1300 Studierende anwesend, auch an anderen Universitäten kamen mehr Studenten als in den vorgesehenen Raum passten.

Eine der ersten studentischen Vollversammlungen in Leipzig. Hier wird gerade über eine konkrete Forderung abgestimmt, mit der sich die Universität dann auseinandersetzen muss.
Volles Haus auch in Braunschweig

Daneben wird versucht, das wissenschaftliche Potential an den Universitäten zu nutzen und praktisch umzusetzen. So lief zum internationalen Klimastreik im Mai die Leipziger Students-for-Future-Gruppe gemeinsam von der Universität zum Startpunkt der Fridays-for-Future-Demonstration und hat diese mit verschiedenen Redebeiträgen begleitet. In Münster haben die „Students for Future“ die Universität und Fachbereiche aufgefordert, an den „Lectures for Future“ der „Scientists for Future“ teilzunehmen.

Wie geht es nach dem globalen Klimastreik und nach der Vorstellung des von vielen als defizitär bewerteten Klimapaketes weiter mit „Fridays for Future“ und „Students for Future“?

Aktivist*innen von der Universität Regensburg finden es wichtig, dranzubleiben, bis man sagen kann: „Jetzt geht die Klimapolitik Schritte, die groß genug sind, um die Klimaerwärmung aufzuhalten.“ Diese Schritte müssen aus ihrer Sicht gemeinsam von den For-Future-Gruppen gegangen werden – mit Streiks, aber auch anderen Formaten. Entgegen vielen Spekulationen ist „Fridays for Future“ über die Sommerferien nicht verschwunden, sondern hat angefangen, durch andere Formate wie das Sommerklimacamp zu wachsen. Daran hat sich auch „Students for Future“ beteiligt, für das Wintersemester sind bereits neue Aktionen geplant – Demonstrationen zum Semesterbeginn, weitere Vollversammlungen, Verknüpfungstreffen und eine Hochschulstreikwoche im November.

Die freitäglichen Streiks sollen aufrechterhalten werden. Daneben wird immer wieder über eine Radikalisierung der For-future-Bewegung nachgedacht. In der Studie von Sebastian Koos sprechen sich die Protestteilnehmenden nicht klar dagegen, aber auch nicht klar dafür aus. Während gewalttätiger Protest stark abgelehnt wird, unterstützt immerhin mehr als ein Drittel der Befragten eine friedliche Radikalisierung im Sinne zivilen Ungehorsams, wie er zum Beispiel von Organisationen wie „Extinction Rebellion“ praktiziert wird.

Das Thema Klima mobilisiert, wie hier beim globalen Klimastreik in Hamburg zu sehen ist

Wie werden sich die „Students for Future“ in nächster Zeit weiterentwickeln? Was können die Klimabewegungen dazu beitragen, dass eine Klimapolitik betrieben wird, die über die momentane Politik hinausgeht? Vier Millionen Menschen beim globalen Klimastreik im September – das war eine Schlagzeile, die vielen engagierten Studenten Mut gemacht hat. Die Arbeit geht weiter, die Welt liegt in unseren Händen.


4 Lesermeinungen

  1. Diversität ist eine Stärke der Klimabewegung.
    @Kritiker: Wenn Sie meinen, die Gefahr eines nuklearen Krieges sei viel größer und wichtiger als der Klimawandel, dann sollten Sie vielleicht bedenken, ob ein bereits eintretendes Ereignis mit weltweiten katastrophalen Folgen wirklich von einem nur möglichen Ereignis mit vergleichbar katastrophalen Folgen in den Schatten gestellt wird. Den Studenten und Schülern scheint es wohl dringlicher, die bereits anlaufende und damit sichere Katastrophe abzuwenden, als sich um eine potentielle zu kümmern. Ich halte das nicht für dumm, sondern für ziemlich rational.

  2. Haben die eigentlich wirklich keine anderen Probleme?
    Die Abrüstungsverträge laufen aus. DAS ist essentiell für unsere Zukunft. Wir haben, vier, fünf weitere Themen, die ähnlich existentiell sind, für die aber kein Mensch auf die Strasse geht.

    Hier wird aber nun unkritisch auf einen Hype aufgesprungen, als ob man Lämmer in der Schafherde wäre.

    Mein Gott, ist das peinlich für die akademische Jugend.

  3. ach ja
    inhaltlich bin ich für diese Information dankbar. Aber gegenderte Texte lesen sich echt unangenehm. Kann man nicht beim normalen Deutsch bleiben?
    Was heißt übrigens „Studierende“ auf Englisch?

    • Das geht mir auch so.
      „Leiden für die Gleichstellung“ kommt mir bei solchen Texten in den Sinn. Aber obwohl ich Gleichstellung an sich für wünschenwert halte, fehlt mir der Glaube, dass Gendertexte hierbei helfen.

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