Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Was gegen „Wirtschaft“ im Unterricht spricht

| 19 Lesermeinungen

Um die ökonomische Bildung der Schüler zu verbessern, führen viele Bundesländer das Fach „Wirtschaft“ ein. Ob das gut ist, hängt von der Art des Unterrichtens ab, sagt der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner.

***

Lange hallte der Ruf nach einer stärkeren Berücksichtigung von ökonomischer Bildung durch die deutsche Schullandschaft. Schüler wüssten zu wenig über Wirtschaft, so klagten – von Studien untermauert – vor allem Zunftvertreter. Seit einiger Zeit hat die Bildungspolitik nun damit begonnen, dem Rechnung zu tragen. In Bayern und Thüringen werden Schüler schon seit  Jahren in „Wirtschaft/Recht“ unterrichtet, in Baden-Württemberg wurde das Schulfach „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“ vor kurzem eingeführt. Vor wenigen Tagen präsentierte nun die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) erste Details zur Einführung eines entsprechenden Schulfachs, das die schwarz-gelbe Landesregierung verpflichtend einführen will. Demnach werden Gymnasiasten vom Schuljahr 2019/20 an im Fach „Wirtschaft – Politik“, Realschüler in „Wirtschaft“ und Hauptschüler im Lernbereich „Wirtschaft und Arbeitslehre“ unterrichtet. Ziel soll es nach Angabe der Ministerin sein, dass die Schüler ökonomische Nachrichten einordnen und die Wirtschaft später mitgestalten können, und nebenbei auch, dass sie wissen, wie man einen Handyvertrag mit Bedacht abschließt.

Doch nicht alle beobachten die Entwicklung ohne Skepsis. Kritiker warnen vor einem unkritischen Lobby-Unterricht, der die Schule von einer Stätte reflektierter Bildung hin zu einem Lebensratgeber umgestalte. Zu ihnen gehört Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. Er sorgt sich um die Ausrichtung des Fachs: „Es muss die Frage diskutiert werden, welche Art von Ökonomie vermittelt werden soll“, sagt er im Gespräch mit dem Studentenblog.

Beschorner hat die Befürchtung, dass der Wirtschaftsunterricht zu einseitig ausgerichtet werden könnte. Bereits in den Wirtschaftsstudiengängen an den Universitäten würden neoklassische Denkansätze dominieren. Andere Sichtweisen seien deutlich unterrepräsentiert. Mehr und mehr Studierende und Dozenten rufen daher nach einer pluralen Ökonomik. Auch keynesianische, marxistische und feministische Perspektiven auf die Wirtschaft müssten im Studium vermittelt werden. Gleiches gelte für die Schule, findet Beschorner. Die Neoklassik sei immerhin nur ein Ansatz von vielen, ökonomische Zusammenhänge zu erklären. Dabei ist ihm Multiperspektivität wichtig. Schon der Beutelsbacher Konsens schreibt Lehrern der Sozialwissenschaften vor, den Unterricht kontrovers zu gestalten und keine Denkweise priorisiert darzustellen. Beschorner drückt es so aus: „Das Fach darf kein ideologisches Scharmützel sein.“

Unzureichende Ausbildung

Jederzeit sei deutlich zu machen, dass ökonomische Entscheidungen Konsequenzen sowohl für soziale als auch politische Begebenheiten hätten, sagt Beschorner. Zum Beispiel müsse eine umfassende Bewertung der Sparpolitik in Griechenland auch die sozialen Folgen in den Blick nehmen.

Ein Garant für die Vermittlung tiefgreifenden wirtschaftlichen Wissens sei das Schulfach jedenfalls nicht unter allen Umständen, so Beschorner. Viel spräche auch dafür, Sozialwissenschaften als Integrationsfach aus Politik, Soziologie und Wirtschaft zu begreifen und die ökonomische Bildung in diesem Rahmen zu erweitern. Eine Aufstockung der sozialwissenschaftlichen Bildung ermögliche es, ökonomische Fragen in politische und gesellschaftliche Kontexte einzubetten.

Problematisch mag auch sein, dass die universitäre Ausbildung der Lehrkräfte höchst unterschiedlich ausfällt und nicht alle nach Abschluss derselben ausreichend Kompetenzen mitbringen, um den Schülern einen multiperspektivischen Blick auf Wirtschaft zu ermöglichen. Von Bundesland zu Bundesland, gar von Hochschule zu Hochschule schwanken die Rahmenbedingungen. Während an manchen nordrhein-westfälischen Universitäten dezidiert sozioökonomische Elemente im Studium der Sozialwissenschaften enthalten sind, haben Lehrkräfte in Baden-Württemberg nur Kenntnisse in Politik oder Wirtschaft – wenn sie nicht beide Fächer studiert haben. Natürlich gebe es, so Beschorner, noch die Möglichkeit, Berufsschullehrer mit dem Wirtschaftsunterricht zu betrauen. Doch auch sie würden nicht über das notwendige Kombinationswissen verfügen, um den Facettenreichtum unterrichtlich aufzubereiten. Für Beschorner entsteht daher die Frage: Wer soll das Fach unterrichten? Eine Angelegenheit, die auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) umtreibt.

Einseitiges Unterrichtsmaterial

Dass die Lehrerausbildung an den Universitäten diese neuen Schwerpunktsetzungen ins Visier nimmt und die Studiengänge dahingehend reformiert werden, dürfte noch auf sich warten lassen. Doch vor allem für Pädagogen, die bereits im Schuldienst tätig sind, heißt es aus Beschorners Sicht: „Lehrerinnen und Lehrer müssen sich einiges an ökonomischen Fachkompetenzen aneignen.“ Dabei stehen sie vor großen Hürden. Der Schulbuchmarkt fürs Fach „Wirtschaft“ ist noch stark ausbaufähig, und in den vorliegenden Veröffentlichungen macht sich das Problem bemerkbar, dass zum Großteil keine sozialwissenschaftliche Einbettung stattfindet.

Mittlerweile gibt es viele Angebote im Internet. Zum Nulltarif geben Stiftungen und Initiativen Unterrichtsmaterialien heraus, die im Unterricht verwendet werden dürfen. Darauf greifen Lehrer natürlich gerne zurück. Vor einer unkritischen Inanspruchnahme warnt Beschorner aber ausdrücklich. Denn die Materialien ignorieren nicht selten Aspekte, die für die jeweils vertretene Position missbillig sind. Aufgabe der Lehrer ist es in solchen Fällen, im Sinne des Kontroversitätsgebotes Material zu ergänzen, das den Schülern eine kritische und umfassende Urteilsbildung ermöglicht. In der Konsequenz bedeute das, so Beschorner, neben Material der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft etwa auch solches der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac in den Unterricht einfließen zu lassen.

„Ökonomische Bildung ist ein wichtiges Thema für die Gesellschaft, aber es hängt davon ab, welche Art von Wirtschaft unterrichtet wird“, so Beschorner. Die Grundstrukturen für das Fach Wirtschaft erweisen sich jedenfalls als ungünstig. Bestenfalls oberflächlich ausgebildete Lehrer sollen mit oftmals einseitigem Unterrichtsmaterial einen kontroversen Wirtschaftsunterricht gestalten. Ob damit das Ziel, Schülern zu ökonomischer Mündigkeit zu verhelfen, erfüllt wird, darf angezweifelt werden.


19 Lesermeinungen

  1. Lieber Grundlagen der Psychologie vermitteln
    Am Ende jedes wirtschaftlichen Handelns steht ein Mensch. Plurale Ökonomik, verschiedene Perspektiven – das sagt mir eigentlich nur, dass selbst die Fachleute ihr Fach nicht in einer Tiefe verstehen, die zuverlässige Aussagen und vor allem Voraussagen ermöglicht. Vor diesem Hintergrund sollte man den Kids in der Schule ein bisschen Rechtskunde für das eigene wirtschaftliche Überleben mitgeben und möglichst viel Wissen über die Abgründe menschlichen Verhaltens, die sich oft so gar nicht mit den humanistischen Leitbildern in Einklang bringen lassen, die ihnen als Ziel ihrer eigenen Entwicklung vorgehalten werden. Wer sowas weiß und seine vier Grundrechenarten beherrscht, für den erklären sich Wirtschaftsnachrichten – und Handyverträge – ganz von alleine.

  2. Kinder, Kinder
    Die Idee des Wirtschaftsunterrichts per se ist nicht schlecht. Denke ich dabei an Schule und Schüler stehen sich da zwei kontrovers gegenüber, egal wie das Fach heißt. Zum einen würde ich eine Schüler-/Lehrerbefragung durchführen in regelmäßigen Abständen und zum zweiten würde ich die Aufforderung an die Wirtschaft ihre Lobbyarbeit einzustellen nicht zu hoch bewerten von ethischer Seite. Fast alles in unserer Gesellschaft wird lobbyistisch „begleitet“, sprich wird werden beeinflusst. Die Kinder wollen später viel Geld verdienen, dazu gehört realistischerweise mit den Wölfen zu heulen. Im Alltag der Kinder ist das Phänomen Anpassung gut zu beobachten.

  3. Berufsschullehrer in Baden-Württemberg
    Die Gattung „Berufsschullehrer in Baden-Württemberg“ wird hier pauschal abgehandelt. Gerade an Berufsschulen oder vielleicht noch besser formuliert an Beruflichen Schulen (ich hoffe, dem Autor ist der feine Unterschied bekannt) finden sich Fachleute aller Berufsrichtungen – vom Ingeneur Maschinenbau über Betriesbwirte bis zum Meister Metallverarbeitung in den Werkstätten. Viele Kollegen haben Berufserfahrung außerhalb des Schulwesens gesammelt und können diese eher einbringen, als jemand an einer allgemeinbildenden Schule, die unter Umständen von der Schulbank zum Pult gewechselt haben.

    Ich fühle mich als Diplom-Handelslehrer durchaus in der Lage, nach 11 Semestern BWL/VWL Wirtschaft zu unterrichten. Für die „Komponente“ Poltik tausche ich mich vor Ort mit den Kollegen, die das explizit studiert haben aus. Alles kein Problem.

    Wer letztendlich „Wirtschaft“ unterrichtet, sollte untersucht werden. Fachfremder Unterricht ist immer einen Schritt hintendran. BWL muss man leben! Gerade der Teil, der nicht in den Büchern steht, ist der für die Schüler interessante. Wenn ich dann so Exzesse wie „Umsatzsteuer auf Mieten“ verfolge, frage ich mich, ob man das Fach Wirtschaft bzw. BWR – wie es in Bayern heißt – nicht lieber lassen sollte.

    Was im Lehrplan endet, ist auch nicht immer der Weisheit letzter Schluss und bildet manchmal ein übles Sammelsurium bzw. Kaleidoskop, in dem der Kern eines Themas aufgrund der Masse der Themen nicht erreicht werden kann. Ich denke hier zum Beispiel an das Fach Gesamtwirtschaft, früher Allgemeine Wirtschaftslehre und davon meilenweit entfernt.

    Die Schule soll Wirtschaft unterrichte, Medienkompetenz vermitteln, Anstand beibringen und was weiß ich nicht alles. Wenn man alle Forderungen an die Schule zeitlich zusammenfasst, ist der Schüler genau 24,5 Stunden je Tag in der Schule – zwei Pausen mit eingeschlossen.

    Einen Dank nochmal an den Autor für das offene Feedback in Sachen Kompetenzeinschätzung „Berufsschullehrer“

  4. Fernab von der Realität
    Es ist völlig abwegig, dass sogenannte „neolibarale“ (was auch immer man darunter verstehen soll) Ansätze in einem solchen Fach unterrichtet werden, geschweige denn feministische Denkansätze.

    Es geht doch nur darum, dass Schüler ein grundsätzliches Verständnis dafür entwickeln sollen, was ein Leitzins, was ein Markt oder was Geld ist. Hieran fehlt es schon beim Gros der Bevölkerung. Mehr als das kann man sowieso nicht in 2 Stunden/Woche über vielleicht 2 Jahre durcharbeiten. Da braucht man wirklich keine Besorgnis haben, dass eine libertäre Indoktrination stattfindet.

    Im Übrigen bestehen diese Bedenken nicht beim klassischen Politik- und Geschichtsunterricht, obwohl dort auch reichlich einseitig (meistens extrem linkslastig) gesellschaftliche Themen behandelt werden. Hängt natürlich stark vom Lehrer ab.

    Witzig finde ich auch, dass man Akademiker nicht zutraut auf diesem oberflächlichen (inhaltlichen) Niveau, auch wenn sie das nicht studiert haben, zu unterrichten. Seltsam ist dann nur, dass es eigentlich mittlerweile tagtäglicher Standard ist, dass Lehrer fachfremd unterrichten. Bei Wirtschaftskunde ist das aber ein Problem.

    Mir scheint es, als ob ein Großteil der Lehrer und gewisse gesellschaftliche Kreise eher aus prinzipiellen ideologischen Gründen Wirtschaftskunde nicht zulassen wollen. Dabei sind wirtschaftliche Grundkenntnisse für jeden, der in aufgeklärter Weise am politischen Leben teilhaben will, dringend notwendig.

  5. Gesellschaftswissenschaften
    „dezidiert sozioökonomische Elemente im Studium der Sozialwissenschaften enthalten sind, haben Lehrkräfte in Baden-Württemberg nur Kenntnisse in Politik oder Wirtschaft“…… sorry aber Wirtschafts- Politik, und Rechtswissenschaft SIND ebenfalls Gesellschaftswissenschaften und sie erklären uns und jungen Menschen von ihren Fragestellungen her nicht weniger darüber wie ‚Gesellschaft‘ funktioniert als die ‚Soziologie’… wozu man die noch darüberhinaus braucht hat sich mir nie so ganz erschlossen. Um demographische Prozesse zu verstehen braucht man ja nun kein Studium. Warum nennt man es an den Schulen also nicht ‚Gesellschaftskunde‘ und beinhaltet Wirtschaft, Recht und Politik gleichermassen?

  6. Auf Schulniveau
    kann es nur das Ziel sein, die Schüler mit ökonomischen Begriffen und Grundprinzipien vertraut zu machen. Das Problem des ökonomischen Spartendenkens sollte sich auf diesem Basisniveau eigentlich nicht stellen, zumindest wenn von den Lehrkräften keine falschen Illusionen zum Umfang der vermittelten Inhalte verbreitet werden. Ökonomen, die eine Ausbildung auf Universitätsniveau erhalten haben und sich über die mangelnde Pluralität der im Lehrstoff behandelten Denkschulen beschweren, sollten sich ernsthafte Gedanken zum Sinn eines Studiums machen. Selbst ein Bachelor in VWL sollte die Absolventen in die Lage versetzt haben, sich durch das Studium der entsprechenden Literatur mit jedem Zweig der VWL vertraut zu machen.

  7. Zu Lasten historischer Bildung
    Was in dem Beitrag nicht vorkommt, ist die Aussage der NRW-Ministerin, dass das Fach Geschichte eine Stunde an die Wirtschaft abgeben soll. Das spricht allen Absichtserklärungen zur als so nötig bezeichneten Stärkung historisch-politischer Bildung Hohn. Man muss sich schon fragen, wer die Lobby hinter dem Fach Wirtschaft ist. Und das Ganze weist in Richtung des von der aktuellen Bundesbildungsministerin an die gesamte Bildung herangetragene ökonomistische Nützlichkeitsdenken. Der allgemeingebildete, selbständig auch über Systemgrenzen hinausdenkende Schüler wird wohl noch rarer werden.

    • Ökonomie und Geschichte
      sind gegenseitig Hilfswissenschaften und sollten sich befruchten. Wenn Geschichte mehr ist als die Jahreszahlen von Schlachten auswendig zu lernen, ist ein ökonomisches Verständnis besonders in der Oberstufe wesentlich. Hanse, Merkantilismus, Kolonialismus, Kontinentalsperre, Industrialisierung, deutscher Zollverein, Sozialistengesetze, Weltwirtschaftskrise und viele andere Themen sind ohne Ökonomie nicht zu verstehen.

Kommentare sind deaktiviert.