Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wer will: aufs Feld!

| 15 Lesermeinungen

Bis zu 300.000 Erntehelfer fehlen in Deutschland. Studierende könnten einspringen, kurzfristig. Aber ist das auch auf lange Sicht eine gute Idee?

***

Student Silas Baumgärtner hilft seit vergangener Woche auf einem Hopfenbetrieb in der Hallertau.

Studierende sind fleißiger als ihr Ruf, das ist nichts Neues. Doch wie ausdauernd sie sind, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Denn wo die Universitäten geschlossen sind und Prüfungen verschoben wurden, sollen Studierende nun freiwillig auf dem Feld helfen. Die ersten haben schon begonnen. Bis zu 300.000 Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa fehlen der deutschen Landwirtschaft aufgrund der Einreisebeschränkungen durch die Corona-Pandemie. Doch dem Frühling ist das egal: Die Spargelzeit beginnt jetzt, auf den Hopfenfeldern müssen Drähte als Wachshilfen gespannt werden, Setzlinge wollen raus aufs Feld und bald sind die ersten Erdbeeren reif. Die Zeit drängt also. Was nicht gepflanzt wird, kann nicht geerntet werden. Und was nicht geerntet wird, kann niemand essen.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium und der Maschinenring – eine bundesweite Vereinigung von Landwirten – haben daher vergangene Woche die Plattform Das Land hilft ins Leben gerufen, um Bürger und Landwirte zusammenzubringen. Interessierte können dort Hilfsangebote online stellen,  Bauern Hilfsgesuche. Neben Angestellten aus Gastronomie und Hotellerie ruft die Plattform explizit Studierende auf, sich zu engagieren. Die Hilfsbereitschaft ist groß, bis Dienstagmorgen haben sich etwa 39.400 Menschen auf der Webseite gemeldet. Davon sind etwa ein Drittel Studierende, schätzt Guido Krisam, Sprecher des Maschinenrings. Doch die Feldarbeit ist voller Strapazen und etwas anderes, als in der Bibliothek zu sitzen. Fühlen sich die Studenten dem gewappnet?

Dass es bei der Arbeit auf dem Feld nicht wie im Proseminar zugeht, weiß Vincent Ulrich schon lange. Der Mannheimer BWL-Student ist auf dem Land in Schleswig-Holstein aufgewachsen, sein Onkel besitzt einen Bauernhof. Dort hilft er regelmäßig auf dem Acker aus. Weil sein Onkel als Ackerbauer weniger auf Saisonarbeitskräfte angewiesen ist als die Gemüsebauern, bietet der Fünfundzwanzigjährige nun über die Plattform „Das Land hilft“ seine Hilfe in Mannheim an. In der naheliegenden Pfalz wird neben Wein viel Spargel und Gemüse angebaut. Dass auch Kommilitonen in der Landwirtschaft anpacken können, die noch keine Erfahrungen haben, davon ist Ulrich überzeugt. Die wichtigste Voraussetzung sei die Motivation. Nur so halte man die harte Arbeit aus. „Nach einem Tag auf dem Acker ist man tierisch platt. Man muss willens sein, sich körperlich zu verausgaben“, sagt der Masterstudent. Aber man gewöhne sich an die Arbeit und den Umgangston auf dem Feld, der rauher als im akademischen Milieu sei. „Irgendwann kommt man in einen Flow und das Erntefieber packt einen“, erzählt er. 

Wie kommen die Studenten auf die Höfe?

Absolut keine Ahnung von der Arbeit in der Landwirtschaft hat Franka Fetzer aus Berlin. Trotzdem hat sich die Architekturstudentin wie viele andere Unerfahrene auf der Vermittlungsplattform für Landwirte und Erntehelfer gemeldet. Die Hilfsbereitschaft betrachtet die Studentin als ihre Pflicht. „Wir Studierende haben aktuell Zeit und die Bauern suchen Hilfe. Es macht einfach Sinn, sich zu engagieren“, sagt die Zwanzigjährige. Neben der Pflicht zur Hilfe kommt für sie etwas Weiteres ins Spiel: Wie viele andere junge Menschen setzt sie sich bei Fridays for Future für den Klimaschutz ein, eine starke regionale Landwirtschaft sei dafür wichtig. Die brauche jetzt Hilfe. Den Worten will sie Taten folgen lassen. „Von meinen Freunden bei Fridays for Future war noch keiner auf dem Feld“, erzählt die Studentin. Es sei an der Zeit, das zu ändern. Verklären will die Studentin der Bauhaus-Uni Weimar die Arbeit auf dem Land nicht. „Ich glaube, das ist ein Superknochenjob“, sagt sie. In den Medien habe sie von Bauern gehört, die sagen, dass es keine Sinn mache, Studierende einzulernen. Sie glaubten nicht daran, dass einheimische Arbeitskräfte die Arbeit durchhalten. Die Zwanzigjährige kann diese Aussagen verstehen. Dennoch ist sie optimistisch, dass sie die Arbeit auf dem Feld schafft und sie bietet daher ihre Hilfe an. Aktuell schleppe sie noch Gemüsekisten auf einem Berliner Wochenmarkt.

Franka Fetzer bei einer Aktion von Fridays for Future in Weimar

Die teils verhaltenen Reaktionen der Bauern treffen das Kernproblem der Idee, Studierende und andere Branchenfremde auf die Felder zu lassen: Sie können einen Saisonarbeiter nicht ersetzen. Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, betonte kürzlich in einem Interview im Deutschlandfunk, dass die neu gewonnenen, heimischen Arbeitskräfte die jetzige Situation nur abmildern könnten. „Wir brauchen als Stammpersonal unsere bewährten Saisonarbeitskräfte. Sonst wird das nicht funktionieren.“ Die Bauern stehen unter einem harten wirtschaftlichen Druck. Das Einarbeiten in die Feldarbeit ist aufwendig und ohne langfristige Perspektive, denn dass die Studierenden nächstes Jahr erneut als Erntehelfer kommen, ist unwahrscheinlich. Erntezeiten während des Semesters und körperlich harte Arbeit für Mindestlohn ist für die meisten unattraktiv. Derweil entstehen neue Probleme: Die meisten Studierenden wohnen in der Stadt und besitzen kein Auto, wie kommen die studentischen Aushilfen auf die Höfe der Bauern?

Aber auch andere Stimmen werden laut. Maschinenring-Sprecher Guido Krisam berichtet von ersten erfolgreichen Vermittlungen zwischen Hopfenbauern und Studierenden. Die Studierenden helfen aktuell, die Drähte zu spannen, an denen der Hopfen empor wächst. Weil sie erst wenige Tage zusammenarbeiten, könne man noch keine Bilanz ziehen. „Aber das erste Feedback der Landwirte ist sehr positiv“, sagt Krisam. Niemand behauptet, dass es leicht wird, findet Franka Fetzer. Ohne Corona-Pandemie und Hilferuf der Landwirte-Vereinigung und der Bundesregierung wäre auch sie nie auf die Idee gekommen, sich einmal aufs Feld zu stellen. Jetzt wartet die Architektur-Studentin darauf, ob ein Bauer ihre Hilfe braucht.

Auch Bauernhof-Kind Vincent Ulrich findet trotz aller Schwierigkeiten die studentische Hilfe auf den Feldern eine gute Idee. „Für die Bauern kann das eine große Chance sein“, sagt er. Für den BWL-Studenten haben sich die Landwirtschaft und große Teile der Gesellschaft voneinander entfernt. Die Bauernproteste im Januar für mehr Wertschätzung zeigen ihm das deutlich. „Die Landwirte können jetzt vermitteln, was sie machen, wie wichtig das ist und wie anstrengend ihre Arbeit ist“, erklärt Ulrich. „Damit können sie dazu beitragen, dass sich Gesellschaft und Landwirtschaft wieder einander annähern.“ Bis dahin heißt es für Vincent Ulrich warten, ob ein Bauer seine Hilfe braucht. Da geht es dem Studenten mit Landarbeit-Erfahrung nicht anders als der Klimaktivistin Franka Fetzer und den anderen Tausenden Studierenden, die auf dem Feld anpacken wollen. Denn am Ende handelt es sich für sie nicht nur um Spargel, Erdbeeren und Bier, sondern um Solidarität für alle. Vielleicht wird man darüber in einigen Jahren in den Hörsälen sprechen.  


15 Lesermeinungen

  1. Helga Fiedler sagt:

    Titel eingeben
    In den 1960ern habe ich an der Humboldt-Uni zu Berlin studiert.Die ersten 3 Studienjahre begannen mit einem je 4wöchigem Ernteeinsatz bei der Kartoffelernte in Brandenburg. Wir haben die 4 Wochen auf den Dörfern gewohnt und wurden gut beköstigt
    Die Arbeit war knochemhart
    Die Erfahrung hat allen gut getan.
    Geschadet hat die körperliche Strapaze niemandem
    Wir waren jung und motiviert,Muskelkater inbegriffen.
    Studenten zeigt was ihr könnt.
    Bleibt gesund!!
    H.F.

  2. Gabi sagt:

    Keinen
    Ich beziehe Hartz IV und würde gerne als Erntehelfer arbeiten, wird mir das angerechnet ans Hartz IV, es ist knochenarbeit aber ich mache es ja wegen der Wirtschaftskrise (Corona)und hab ja auch Auslagen z.b Benzinkosten da ich zum nächsten Landwirt 45 km einfach fahren mus und ich finde es gehört normal belohnt und nicht bestraft, wenn ich am Feld Arbeite, ich könnte ja auch Zuhause bleiben und Fernsehen, wie es viele Hartz IV besonders junge,ich bin schon 53 Jahre und mus Arbeiten! Ich finde das das belohnt werden müste, weil ich über 3 Monate ohne geld auskommen muste da sich das Job Center Zeit gelassen hat und sich dadurch jede Menge Rechnungen angesammelt haben Plus Mahngebühren die ich jetzt natürlich selbst tragen mus!

  3. Peter sagt:

    Zivil- und Ökologiedienst
    Bei uns damals in den 90ern war es eine aufregende Sache, raus aus dem Elternhaus und mal was anders machen. Nicht gleich von der der Schule an die Uni, sondern frische Luft! schnuppern und der Gemeinschaft etwas zurückgeben.
    Ich war auf einem Bauernhof mit Behinderten, habe gemolken, gekäst, geackert und die Betreuten gepflegt. Abends Spaß unter Gleichaltrigen. Gut war auch die Erdung durch die Umgebung. Viele städtische linksgrüne Seifenblasen sind bei mir geplatzt, die Realität wurde sichtbar.
    Eine tolle, bereichernde Zeit, die ich auch der heutigen Jugend herzlich gönne.

  4. Alex sagt:

    Herr
    Viele Menschen hatte keine Job mehr und viel anders sind plötzlich arme geworden oder fast,der Stadt sage das wir keine miete zahlen können,Darlehen verschoben und Zuhause bleiben,Restaurant sind zu,keine Weiß wie lang noch,und müssen diese spargel gerettet werden sollen,wär soll das kaufen? Wir sind zuhause und keine Kock für uns. Klar ich kann auch selber kochen aber der Rest ohne einzige Restaurant,potenzielle Kunden,,, was sollen wir machen mit So viel Spargel danach.

  5. Anomym sagt:

    Falsche Annahme
    Die Annahme das Studenten durch die Coronakrise mehr Zeit haben ist in vielen Fällen falsch! Natürlich fallen Jobs weg und die Unis können keine Vorlesungen im Hörsaal bis mindestens den 20.04. halten, doch an der Uni Kiel zb entscheidet fast jede Fakultät einzeln über den Verlauf des nächsten Semesters. Einige Vorlesungen beginnen virtuell schon nächste Woche, andere Entfallen. Ein katastrophales Durcheinander, das nicht hilft Studenten zur Feldarbeit zu gewinnen.

  6. Carsten Kramer sagt:

    Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge sind die bessere Wahl
    Wieso sollten Studenten Spargel stechen statt zu lernen und Deutschland voranzubringen? Besser sind robuste Anreize für Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge. Zeit dürfen diese Personengruppen oft in größerem Umfang haben – und die wichtige Integration in ein geregeltes Arbeitsleben stärkt es auch!

  7. Uli Wendholt sagt:

    Spargel schmeckt auch grün - mir sowieso
    Vielleicht sollte unsere Landwirtschaftsministerin diese Jahr 2020 zum “Jahr des grünen Spargels” erklären. Der lässt sich zur Not auch maschinell ernten.

    • Niklas H sagt:

      Spargel Sorten
      Grüner Spargel und weißer Spargel sind 2 verschiedene Sorten. Vergleichbar mit Roggen und Weizen. Man muss schon Weizen sähen, um Weizen zu ernten.

  8. walterhein sagt:

    Studenten auf dem Feld
    Großartig! Ich hoffe, der eine oder andere entdeckt die Landwirtschaft und wird statt Betriebswirt eben Landwirt.
    Der Landwirt mehr den je braucht auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse!

  9. P.W. Kirchhoff sagt:

    Diese Erfahrung...
    … wird die jungen Menschen prägen und sicherlich später in Freundes- und Familienkreisen als hilfreich geschildert !

  10. antholog sagt:

    Hier gibt es viel zu gewinnen!
    Natürlich ist es nicht dasselbe, wenn ungelernte, körperlich nicht darauf eingestellte Studierende erfahrene Landarbeiter ersetzen.
    Bloß sind diese ja nunmal nicht da, und es muss jetzt sofort eine Lösung her – besser eine schlechte als keine.
    Und so bieten sich viele Chancen: Studierende erfahren die Unmittelbarkeit körperlicher Arbeit, die viele nicht kennen – manche natürlich schon. Und vielleicht sogar auch, dass Landwirtschaft nicht nur Ernten ist, sondern ein komplexes Unterfangen, das natürlich auch viel Wissen voraussetzt.
    Aber auch Bauern erfahren im besten Fall, dass “das faule und schwache Studentenpack” womöglich länger durchhält als gedacht. Und dass auch Akademiker körperliche Arbeit lernen können. Sowie, dass einen auch der Beistand der Unerfahrenen aufrichten und bestärken kann.
    Nicht zuletzt werden Menschen miteinander reden, die bislang nur immer übereinander geredet haben. Diese Erfahrung ist _immer_ von Nutzen, wird sie in großem Stil gemacht, kann sie die ganze Gesellschaft weiterbringen!

Kommentare sind deaktiviert.