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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie lernt man Demokratie?

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Politische Bildung von Schülern findet in den Länderverfassungen große Beachtung. In der Realität versinkt sie oft in der Bedeutungslosigkeit. Thomas Thielen zeigt mit einem Schulprojekt „Klare Kante“.

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Vernachlässigt: Schülerdiskussionen über Politik

Während weltweit das Vertrauen in demokratische Institutionen sinkt und in Ländern wie Ungarn oder Polen Regierungen aktiv daran arbeiten, freiheitliche Grundprinzipien zu untergraben, richtet sich auch hierzulande der Blick verstärkt auf die politische Einstellungswelt der Bürger. Sobald Fragen nach der Festigkeit der Demokratie gestellt werden, ist auch der Hinweis auf die schulische Bildung nicht weit – immerhin werden dort zukünftige Generationen an das Gemeinwesen herangeführt.

Es klingt zunächst provokativ, aber Mathematik könnte theoretisch aus dem Lehrplan weiterführender Schulen verschwinden, politische Bildung nicht. Aus der Tatsache, dass die meisten Bundesländer, darunter Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen, in ihren jeweiligen Verfassungen den Auftrag niedergelegt haben, junge Menschen im Geiste von Freiheit und Demokratie zu erziehen, ergibt sich zumindest rechtlich ein großes Privileg für Fächer, die den Schülern Wissen und Fähigkeiten des politischen Systems vermitteln wollen. Unter Namen wie „Sozialkunde“, „Gemeinschaftskunde“ oder „Politik und Wirtschaft“ hat sich dieser Auftrag nach dem Zweiten Weltkrieg beinahe bundesweit schulisch niedergeschlagen.

Vorangegangene Versuche, eine Erziehung zum Staatsbürger in den Schulen der Weimarer Republik durchzusetzen, scheiterten. Mit Blick auf dieses Versäumnis wollten die Verfassungsväter und -mütter der Länder verhindern, dass zukünftige Generationen sich – wie in Weimar – von der Demokratie entfremden könnten, weil ihnen basale Kenntnisse der politischen Ordnung oder Fähigkeiten der politischen Partizipation fehlen. Deswegen geht es in den besagten Fächern meist um den Aufbau des Grundgesetzes, die demokratische Institutionenordnung, aber auch um die Kenntnis der großen politischen Partei und ihrer Wahlprogramme. Ziel ist es, die Schüler zu Staatsbürgern heranzuziehen, die in der Lage sind, aktive Rollen in der Demokratie zu übernehmen und so letztlich auch deren Bestand zu garantieren.

Schwächen in der Diskussionskultur

Das rechtliche Privileg politischer Bildung kann allerdings leicht darüber hinwegtäuschen, dass das Fach in der Realität mancherorts in der Bedeutungslosigkeit versinkt. In einer Studie der Universität Bielefeld haben die Sozialwissenschaftler Reinhold Hedtke und Mahir Gökbudak herausgefunden, dass an den deutschen Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien (bis zur 10. Klasse) der Politikunterricht im Median nur 2,2 Prozent der Unterrichtsstundenanzahl ausmacht. Trotz ähnlich schlechter Ergebnisse im Jahr zuvor hat sich daran kaum etwas geändert. „Ich glaube, wir haben einige Bundesländer, die politische Bildung – gemessen am Schulfach und der Zeit dafür – wirklich vernachlässigen“, so Hedtke im „Deutschlandfunk“. Trotzdem müsse man regionale Unterschiede beachten: In Bayern, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Berlin kommt politischer Bildung fast keine nennenswerte Unterrichtszeit zu, während in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hessen und Brandenburg größere Anteile dafür vorgesehen sind.

Auch der Politikwissenschaftler Joachim Detjen sieht die Lage des Fachs als „randständig“ – was daher komme, dass es „aus Sicht der Vertreter der etablierten Fächer“ wie ein „Eindringling“ erscheine, „dem man nur ungern Stunden überlassen wolle.“ Detjen weiter: „Im Unterschied zum neuen Fach hatten die etablierten Fächer in den Ministerien ihre Fürsprecher, und so kam es, dass sich der Politikunterricht bis heute mit einer sehr geringen Stundenausstattung zufrieden geben muss“. Gegen die Widerstände in den Bildungsministerien schlagen Hedtke und Gökbudkak daher vor, eine Stundenanzahl von mindestens 4 Prozent zu etablieren, um der Bedeutung des Fachs einigermaßen gerecht zu werden.

Doch auch eine schlichte Erhöhung der Stundenanzahl ist wohl nur Voraussetzung, nicht Garantie eines wirksamen Politikunterrichts. In Zeiten von polarisierter Gesellschaften und der Internationalisierung politischer Probleme reicht die einfache Erhöhung des Wissensbestandes nicht aus, um als aktiver und kompetenter Bürger auf die Bühne des politischen Prozesses zu treten. Die „International Civic and Citizenship Education Study“ fand im Vergleich mehrerer europäischer Länder etwa heraus, dass deutsche Schüler zwar in Fragen politischen Wissens, etwa zu bestimmten Verfassungsartikeln, überdurchschnittlich abschneiden, doch in Sachen der Begründung und Diskussion politischer Standpunkte in ihrem Verhältnis zueinander und zur politischen Ordnung kaum wirksam Fähigkeiten vermittelt bekommen. Sie werden zum Beispiel seltener von Lehrern dazu ermutigt, selbst Stellung zu politischen Fragen zu beziehen. Zweifellos ist aber gerade das ein Wesensmerkmal der aktiven Zivilgesellschaft.

Populistische Argumentationsstrategien

Thomas Thielen

Um genau diesem Mangel etwas entgegenzusetzen, hat der Musiker und promovierte Philologe Thomas Thielen ein Projekt für Schulen ins Leben gerufen, das politische Bildung durch eine radikal diskussionsfreudige und auf politische Begründungsfiguren achtende Praxis vermitteln will. Unter dem Namen „Klare Kante – Demokratie demokratisch verteidigen“ können Schulen ein oder zwei Projekttage buchen, um ihre Schüler damit für eine politisierte und die Demokratie in Zweifel ziehende Gegenwart fit zu machen. „Meine Motivation war es, Diskurskultur wieder einzufordern, überideologisch“, sagt Thielen, Es gehe ihm darum, „Bullshit von gültigem Argument“ zu trennen, wofür man den Schülern vermitteln müsse, „was Geltung bedingt, wie Manipulation sich manifestieren und wie man sich dagegen wehren kann“. Grundlage ist dabei keine neue ausgefeilte pädagogische Technik: „Es ist einfach notwendig, klassische geisteswissenschaftliche Bildung wiederzubeleben, die in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht zu Gunsten stärker auf berufliche Nutzbarkeit ausgerichteter Lehrpläne aus den Schulen und Universitäten verschwunden ist“, erklärt Thielen.

Im März buchte zum Beispiel das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin bei Thielen einen Projekttag für die dortige Oberstufe. Schon die Atmosphäre im Klassenraum wich vom normalen Politikunterricht ab: Weder gab es einen bestimmten Wissensinhalt, den am Ende des Tages alle auswendig wiedergeben können mussten, noch einen strengen Ablaufplan. Der Referent versuchte, mit den Schülern das politische System nicht von außen zu betrachten, sondern aus einer Innenperspektive heraus die Schüler für rhetorische Tricks politischer Ideologen zu sensibilisieren.

Mit der einfach anmutenden, tatsächlich aber höchst schwierigen Frage „Was ist eigentlich Vernunft?“ konfrontiert, begann die gemeinsame Suche nach einem angemessenen Verhältnis zur politischen Gegenwart. Die Schüler versuchten herauszufinden, nach welchen Kriterien man überhaupt politische Aussagen bewerten und kritisieren kann. Schon nach kurzer Zeit waren die ersten Kriterien gefunden – darunter die Vermeidung von Selbstwidersprüchen. Als anschauliches Beispiel diente ein Wahlplakat mit dem Spruch „Wahlplakate lügen“. Schnell wurde den Teilnehmern klar, dass hier nicht einfach ein mysteriöses Paradoxon vorliegt, sondern einfach eine sich selbst widerlegende Behauptung. Denn warum sollte man einem Wahlplakat glauben, das selbst zugibt, dass es notwendigerweise lügt? Mit diesem Rüstzeug gewappnet, untersuchten die Schüler weitere populistische Aussagen nach Selbstwidersprüchen und ihrer instrumentellen Funktion.

Stichhaltigkeit der Notengebung

Auch die Aussage des Handballstars Stefan Kretzschmar der in einem Interview behauptete hatte, eine „gesellschafts- oder regierungskritische Meinung“ dürfe „man in diesem Land nicht mehr haben“, wurde genauer untersucht. Schnell gingen die Finger nach oben: „Die Aussage widerspricht sich selbst, wenn man bedenkt, dass sie reichweitenstark öffentlich vertreten werden durfte“, bemerkte ein Schüler. Auch apokalyptischere rhetorische Strategien erkannten die Schülern schnell. So analysierten sie eine Wahlkampfrede Alexander Gaulands, in der dieser zunächst vor einer „Überflutung“ Deutschlands mit Flüchtlingen warnte, um anschließend, auf diesem Schreckensbild aufbauend, einen Bundeswehreinsatz an der deutschen Grenze zu fordern. Zur besseren Schulung tritt Thielen am Schluss seines Projekts selbst in die Rolle eines Rechtspopulisten. In dieser letzten Phase ist es nun an den trainierten Schülern, die Fehlschlüsse und rhetorische Manipulationen aufzudecken.

Das Projekt von Thomas Thielen, das schon seit vier Jahren existiert und inzwischen von der Konrad-Adenauer-Stiftung getragen wird, erfreut sich großer Beliebtheit – nicht nur bei den Schulen, die meist ein gewisses Budget für Veranstaltungen dieser Art haben, sondern auch bei den Schülern. Ein Erfolgserlebnis ist es für Thielen, wenn die Schüler das bei ihm Gelernte anschließend nutzen, „um in Gemeinderatssitzungen Populismus zu entlarven“, sich lokalpolitisch zu engagieren oder im Internet und in der Schule populistischen Redeweisen argumentativ entgegenzutreten. Ein ungeahnter Nebeneffekt: Auch gegen schlichte Verweise auf die Autorität des Lehrers bei der Notengebung hätten die Schüler anschließend stichhaltige Argumente zur Hand, so Thielen. Denn wenn dieser für sich beansprucht, aus nachvollziehbaren Gründen Arbeiten zu bewerten, muss er sie auf Nachfrage auch einsichtig machen können.

Die philosophische Grundlage dieser Herangehensweise ist gleichermaßen weitreichend wie praxisbezogen: von Sokrates über neuzeitliche italienische Humanisten bis zu aktuellen Philosophen wie Daniel-Pascal Zorn, auf dessen Komparatistik der Ansatz beruht, sind die Verweise in die Geistesgeschichte gestreut. Nicht um abstrakte Wissensbestände zu vermitteln, sondern um sich deren Argumente für politische Diskurse zu Nutze zu machen. Klar ist aber auch, dass Einzelprojekte wie „Klare Kante“ nicht den Mangel eines zu wenig ausgeprägten und gelebten Politikunterrichts ausgleichen können. Letztlich sind die Schulen dauerhaft gefordert, unter dem Eindruck der zahlreichen Gegenwartskrisen der politischen Bildung einen höheren Stellenwert einzuräumen.


2 Lesermeinungen

  1. Es sollte um " Herrschaftsausübung " gehen
    Und wie das Volk, der demos, bei dieser Herrschaft, kratos, mitwirkt. Diskussion, Meinung, Stimmung oder der sehr schillernde Begriff von Populismus, sind im Vorfeld von “ Demokratie“, aber nicht das Machtsystem selbst. Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit, mit dem angeblich oder tatsächlich demokratische Politik realisiert wird sind der Maschinenraum. Demokratie ist eben nicht die Diktatur der Mehrheit und die Repression der Minderheit, die auch nur ideell sein kann. Demokratie lernen heisst nicht, nur das Vorfeld zu verstehen, es geht um den Maschinenraum.

  2. Dr. med.
    Einfach nur super!!!! Und soooo nötig!
    War lange Jahre Elternbeiratsvorsitzende an einem württembergischen allgemein bildenden Gymnasium und dann noch im Landeselternbeirat. Es ist dem Schülerrat und dem Elternrat nicht gelungen die Demokratiebildung als eigenständigen Punkt in die neuen Bildungspläne mit aufzunehmen – Antwort des Ministeriums: das machen wir doch ohnehin schon….einfach nur traurig!

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