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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie sollen Lehrkräfte vermitteln, was sie selbst nicht können?

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Am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen (UDE) ist man besorgt: Viele Lehramtsstudierende haben große Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik – und stehen bald selbst vor Schulklassen.

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Eigentlich erwartet man von Lehrkräften, dass sie ihr Fach beherrschen. Doch die Realität sieht oft anders aus. Patrick Voßkamp und Ulrike Behrens lehren an der UDE im Bereich der Linguistik und der Sprachdidaktik. In ihren Seminaren vermitteln sie ihren Studierenden den Gegenstand der Sprache unter Aspekten der Lehr- und Lernbarkeit, um sie auf die baldige Schulpraxis vorzubereiten. Die Texte, die sie von Studierenden zu Gesicht bekommen, lösen bei ihnen zum Teil Erschrecken aus, sagen sie. Voßkamp hat das Thema erst neulich in einer seiner Lehrveranstaltungen zur Sprache gebracht. In einigen Texten hätte es von Zeichensetzungsfehlern, lexikalischen und grammatikalischen Fehlern sowie erheblichen Defiziten in der Kasusbildung und Flexion gewimmelt. Grundlegende Sprachregeln würden nicht beherrscht. „Im Prinzip werden hier Standards nicht erfüllt, die am Ende der Sekundarstufe I – und eigentlich schon nach der 6. oder 7. Klasse – erfüllt sein müssen“, sagt er und fügt hinzu: „Und das im Lehramtsstudium im Master im Fach Deutsch.“ Dabei handele es sich nicht um Einzelfälle. Allein in seinem Seminar seien ihm in drei Texten erhebliche Sprachdefizite aufgefallen. „Es ist ein gravierenderes Problem, als man anfänglich denkt“, so Voßkamp.

Seine Kollegin Ulrike Behrens verlangt inzwischen von ihren Studierenden zu Beginn jedes Semesters Schreibaufgaben. „Das habe ich früher nicht gemacht. Dann fliegen solche Defizite erst bei den Hausarbeiten auf“, sagt sie. Mittlerweile hat man sich im Fach darauf geeinigt, dass die Korrektur von Arbeiten nach mehr als 15 Fehlern auf den ersten drei Seiten abgebrochen und die Leistung mit „mangelhaft“ bewertet wird. Auf wie viele Arbeiten das zutrifft, können die Dozierenden nicht sagen, da keine Statistik hierzu vorliegt. Wenige seien es jedoch nicht. „Wenn es nur ganz punktuell im Semester vorkommen würde, hätten wir uns ja nicht im Fach in einer Qualitätskonferenz Gedanken machen müssen. Das ist ein ganz schön erschreckendes Signal,“ fügt Voßkamp hinzu.

„Ein gravierendes Problem”

Ihr Institutskollege Albert Bremerich-Vos hat gemeinsam mit Dirk Scholten-Akoun vom Zentrum für Lehrerbildung eine empirische Untersuchung zu schriftsprachlichen Fähigkeiten von Lehramtsstudierenden zu Beginn ihres Studiums durchgeführt. „Da zeigt sich, dass die Situation auch – aber nicht nur in Essen – nicht so bleiben kann, wie sie ist“, fasst Behrens die Ergebnisse zusammen. „Man muss dazu sagen, dass die schriftsprachlichen Leistungen von Lehramtsstudierenden in der Studieneingangsphase in den einzelnen Studiengängen unterschiedlich ausfallen“, ergänzt Voßkamp. Am besten haben angehende Grundschullehrer*innen abgeschnitten – das könnte mit dem relativ hohen Numerus Clausus zusammenhängen, vermutet er. Im Mittelfeld liegen Studierende, die an Gymnasien und Gesamtschulen sowie an Berufskollegs unterrichten wollen. „Wir haben also noch mal ein gravierenderes Problem in der Studierendenschaft, die ‚nur‘ für die Sekundarstufe I studiert“, so Voßkamp weiter über angehende Lehrer*innen, die an Haupt-, Real- und die Unterstufe von Gesamtschulen unterrichten wollen. Es gebe insgesamt eine große Streuung innerhalb der Studierendenschaft und sogar innerhalb eines Studiengangs. „Dort gibt es auch Studierende, die einfach brillant sind.“

© Philipp FrohnBei vielen ist nicht einmal ein Problembewusstsein für die eigenen Schwächen vorhanden

Für Behrens und Voßkamp ist es unverständlich, wie Schüler*innen und Studierende mit solch defizitären schriftsprachlichen Leistungen die Schullaufbahn durchqueren, durchs Abitur kommen und eine Bachelorarbeit bestehen konnten. „Erschreckend finde ich, dass bei manchen kein Problembewusstsein vorhanden ist“, so Voßkamp. Für die Zukunft der Betroffenen sehe er schwarz. „In maximal zwei Jahren stehen diese Studierenden nicht nur vor einer Klasse, sondern auch vor Fachleitern, Schulleitern und Mentoren“, erklärt er. Während des anderthalbjährigen Vorbereitungsdienstes müssen Referendar*innen einen Spagat hinlegen: Einerseits geben sie eigenständigen Unterricht, andererseits befinden sie sich selbst noch im praktischen Teil ihrer Ausbildung. Sollten auch im Referendariat noch derart große Defizite in der Schriftsprache bestehen, könnten gravierende Konsequenzen auf die Betroffenen zukommen. „Wenn ein Fachseminarleiter im Worst Case den Referendar nicht zur unterrichtspraktischen Prüfung zulässt, verlängert sich die Nummer noch mal um sechs Monate bei gekürzten Bezügen“, warnt Voßkamp. Bei solch schlechten Rechtschreibleistungen – ob im Unterrichtsentwurf, in Aufgabenblättern oder an der Tafel und beim Korrigieren – sei das ein durchaus realistisches Szenario.

Dozenten sind keine Lektoren

Das alles betreffe nicht ausschließlich Deutschlehrer*innen. Vielmehr müsse die gesamte Lehrer*innenschaft einen korrekten (schrift)sprachlichen Umgang vorweisen. Denn auch beispielsweise Mathematiklehrkräfte müssen sich darüber im Klaren sein, dass es Missverständnisquellen gibt, die rein sprachlicher Natur sind – in Textaufgaben beispielsweise. „Lehrer müssen Behördenschreiben und Elternbriefe verfassen können, Sprachvorbild und Sprachreflexionsvorbild sein. Und zwar in allen Fächern“, so Ulrike Behrens.

Der Kernlehrplan für das Fach Deutsch an Gymnasien schreibt vor, dass Schüler*innen am Ende der Sekundarstufe I „Grundregeln der Rechtschreibung und Zeichensetzung sicher beherrschen und häufig vorkommende Wörter, Fachbegriffe und Fremdwörter richtig schreiben“ müssen. Eigentlich sollten basale sprachformale Regeln also vorausgesetzt werden können, damit im Universitätsstudium inhaltliche Aspekte und Debatten des Fachs behandelt werden können. „Wenn man bis in den Master hinein Stoff aus der Sekundarstufe wiederholt, dann heißt es im Umkehrschluss auch was für die fachliche Ausbildung – und das ist ein Problem“, so Behrens. Daher verzichten einige Dozierende darauf, die Sachlage zu thematisieren und schieben die Schuld auf die Schule. Behrens und Voßkamp jedoch wollen das Problem angehen und lösen. Man mache es sich zu einfach, wenn man die Verantwortung zurückweise.

© Uli SchmeltingPatrick Voßkamp

„Wir arbeiten in der Sprachdidaktik und bilden angehende Lehrer*innen aus, die dann wiederum Schüler*innen das beibringen sollen, was sie selbst nicht können. Ich finde, es ist verdammt nochmal unsere Aufgabe, dass wir uns darum bemühen“, so Voßkamp. In ihren Seminaren räumen sie und ihre Institutskolleg*innen regelmäßig Zeit für Auffrischungsübungen ein. Zu Beginn jeder Lehrveranstaltung wiederholen sie mit den Studierenden unter anderem Regeln der Groß- und Kleinschreibung oder der Zeichensetzung. Zirka zehn Minuten der Sitzung verwenden sie dafür. Das sei Zeit, die für eine Auseinandersetzung mit Seminarinhalten fehle, fügt Behrens hinzu. Von den Studierenden erhalten sie jedoch dankbare Rückmeldung. Auch über die Seminarsitzungen hinaus bieten sie Hilfestellung an. Studierende können Teile ihrer Hausarbeit vor der Deadline einreichen und ein Feedback erbitten. Ungefähr ein Viertel der Studierenden nutzt das Angebot von Behrens. „Dabei lese ich faktisch jede Arbeit zweimal“, beschreibt sie den Mehraufwand. Beim ersten Auftreten eines Fehlers notiert sie die jeweilige Regel an den Seitenrand. Von den Studierenden erwartet sie, dass sie anhand dieser Notizen selbständig die Arbeit korrigieren. „Ich bin ja nicht das Lektorat“, sagt sie und verweist darauf, dass eine bloße Korrektur den Lernfortschritt nicht positiv beeinflussen würde.

Die Angebote sind da

Voßkamp erwartet von den betroffenen Studierenden ein ausgeprägteres Problembewusstsein und mehr Ehrlichkeit zu sich selbst. Oftmals bekomme er zu hören, dass es sich um Flüchtigkeitsfehler handle oder dass der Text unter Zeitdruck entstanden sei. Doch in der Regel sei dies nur ein Vorwand. Auf einer Seite erkenne man sehr gut, ob es sich tatsächlich um Flüchtigkeitsfehler oder ein größeres Defizit handle. Voßkamp versteht diesen Schutzmechanismus – schließlich möchte niemand zugeben, Probleme in der Rechtschreibung zu haben.

Neben Bemühungen von Dozierenden scheint auch die Universität die Dringlichkeit des Themas zum Anlass zu nehmen, verschiedene darauf zugeschnittene Angebote zu schaffen. Schon bei der Einschreibung müssen Studieninteressierte am Projekt Sprachkompetenz angehender Lehramtsstudierender (SkaLa) verpflichtend teilnehmen. Anschließend bekommen sie ein Feedback über mögliche Defizite. Das könne bis Januar des jeweiligen Folgejahres dauern, so Behrens, sei aber immer noch früh genug, um diese aufzuarbeiten. Auch das Projekt Studiport vom Landesministerium für Kultur und Wissenschaft bietet verschiedene Tests – zum Beispiel zu Rechtschreibung und Grammatik, aber auch zur Gestaltung wissenschaftlicher Texte –, um Studierende und Studieninteressierte über persönliche Fehlerfelder zu informieren.

Mit neuen Projekten sollen an der UDE die Sprachkompetenzen von Lehramtsstudierenden verbessert werden, etwa durch Professionalisierung für Vielfalt (ProViel). Im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung von Bund und Ländern soll dadurch der Ausbau des Umgangs mit Heterogenität in der Schule gefördert werden. Ein Teilprojekt ist das fördernde Beurteilen schriftlicher Studienleistungen (FöBesS), mit dem über Fächergrenzen hinweg dieselben Beurteilungsraster etabliert werden sollen. „Wir glauben, dass es sinnvoll ist, dass Studierende während des Studiums immer wieder mit denselben Anforderungen konfrontiert sind“, so Behrens.

Seit über 20 Jahren ist zudem die Schreibwerkstatt eine feste Institution an der UDE. Dort können Studierende Hilfe beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten, aber auch bei Fragen hinsichtlich der Formulierung von Texten finden. Jedoch nehmen dieses Angebot eher Studierende wahr, die keine großen schriftsprachlichen Probleme haben, schildert Voßkamp seinen Eindruck. Es sei ähnlich wie bei Nachbesprechungen von Hausarbeiten: „Da kommt eher die Person mit einer 1,3 und fragt, was sie für eine 1,0 hätte machen müssen.“ Doch gerade von Studierenden mit Defiziten wünscht sich Voßkamp, dass sie die Probleme reflektieren und ihnen entgegenwirken – zu ihrem eigenen Wohl und dem der künftigen Schüler*innen. „Man kann da nur appellieren: Macht was. Die Angebote sind da. Ob online, in den Seminaren oder in zusätzlichen Institutionen innerhalb der Uni“, so der Dozent.

 

Dieser Text erschien zuerst in der Studentischen Zeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet ak[due]ll


155 Lesermeinungen

  1. Fehler korrigieren
    Das ganze Problem ließe sich leichter lösen, wenn die Klassen nicht so groß wären. Individuelle Arbeit lässt sich nur verwirklichen, wenn man sich einem Schüler auch mehr zuwenden könnte. Als Eltern vermissen wir häufig eben auch die Zusammenarbeit mit den Lehrern/innen. Alles aber auf den Lehrer/in zu schieben, wäre zu einfach. Er/sie ist nicht verantwortlich zu machen für das Problem. Wenn man kurz nach der Rechtschreibreform, wo alles nicht eindeutig geklärt war, ein Abitur im Fach Deutsch mit 30 Fehlern in Grammatik/Rechtschreibung bestehen konnte, brauchen wir uns heute nicht wundern, wenn das sich in der neuen Generation so widerspiegelt, deren Kinder wir jetzt vor uns haben. Außerdem verlangen viele Berufsgruppen bereits ein Abitur. Deshalb schicken wir Eltern unsere Kinder ans Gymnasium. Die Berufsauswahl verbessert sich dadurch. D.h. aber nicht, dass mein Kind dadurch automatisch alles besser kann.
    Hier ist die Politik gefragt, das gegenwärtige Schulsystem zu verändern und nicht nur die Unis und Hochschulen, um das Kind, das in den Brunnen gefallen ist, zu retten.
    Hier ein Beispiel:
    Als ich bei einer Reklamation im Schreiben der Ablehnung 13 Fehler fand, unterschrieben von der Filialleiterin, ob nun selbst verfasst oder nur unterzeichnet, entzieht sich meiner Kenntnis, es war einfach schockierend.
    Noch mal für all die Verantwortlichen, die das Problem erkannt haben, betreiben Schadensbegrenzung, aber lösen das anstehende Problem nicht.
    Viel Glück…

  2. So so...
    „[…] so Voßkamp weiter über angehende Lehrer*innen, die an Haupt-, Real- und die Unterstufe von Gesamtschulen unterrichten wollen.“

    Wo wir schon beim Thema Kasus sind… die Präposition „an“ (sofern sie keine direktionale Funktion besitzt) fordert Dativ. Sollte dem Verfasser die Zusammensetzung „an einer Unterstufe unterrichten“ verständlicherweise merkwürdig vorgekommen sein, hätte man wenigstens eine elliptische Konstruktion mit „in“ bauen können („[…] die an Haupt- Real- und in der Unterstufe von Gesamtschulen unterrichten wollen.“).
    Die hier wohl angedachte elliptische Bildung klingt einfach nur merkwürdig und ist falsch, da 2 verschiedene Ausprägungen des Verbs „unterrichten“ nicht in dieser Weise kombiniert werden können:
    1) unterrichten (+präpositionale Ergänzung), z.B. an einer Hauptschule unterrichten. [1-stelliges Verb: Ich unterrichte.]
    2) jmd./etw. (in etw.) unterrichten, z.B. die Unterstufe/eine Klasse einer Gesamtschule unterrichten. [2- bis 3-stelliges Verb: Ich unterrichte die Klasse 9b (in Mathematik)].

    Sorry für die Erbsenzählerei, aber ein Artikel über orthographische und grammatische Schwächen unserer Studierenden sollte selbst höchsten Ansprüchen genügen.

  3. Die Realität
    Mal ganz ehrlich..

    Bei euch Deutschen kann doch eigentlich jeder auf ein Gymnasium. Unabhängig was die Person kann und was nicht. Ich habe „nur“ einen Österreichischen „Hauptschulabschluss“ doch trotz meiner diagnostizierten „Lese-Rechtschreibschwäche“ und einen Abschluss mit „Leistungsstufe3“ liefere ich ein besseres Ergebnis, als so mancher der in Deutschland auf ein Gymnasium geht. So etwas sollte wirklich zu denken geben. Und war schon vor 10 Jahren so. Ich hatte das vergnügen, mich mit einigen zu messen und selbst mir standen die Haare zu Berge. Texte ohne Punkt und Komma, ohne Groß und Kleinschreibung. Hinzukommend das jedes Wort mit mindestens 2 Fehlern bestückt. Und solche Menschen besuchen ein Gymnasium, ist das euer ernst? In Österreich bedarf es einer Qualifikation um ein solches besuchen zu dürfen. Ihr hab die Qualität eurer Schulbildung abgewertet.

    • Österreichischer Hauptschulabschluss soll besser sein als deutsches Abitur?
      Sie behaupten ernsthaft, dass Ihre Rechtschreibleistung toll ist? Dann machen Sie keine so groben Fehler!

      Es muss heißen „….österreichischen Hauptschulabschluss“ „und einem Abschluss“, „So etwas sollte wirklich zu denken geben, und war vor zehn Jahren schon so / oder „Es war vor zehn Jahren schon so.“,
      „….. Groß- und Kleinschreibung“, „Hinzukommend, dass ….“, “ In Österreich bedarf es einer Qualifikation, um ein ……“, “ Ihr habt die Qualität eurer Schulbildung abgewertet“.

      Ich würde es nicht wagen, österreichische Schulabschlüsse zu kritisieren, wenn ich dort nicht zur Schule gegangen bin. Aber natürlich will ich nicht behaupten, dass der Artikel nicht auch meinem Eindruck entspricht. Nur, sich über andere erheben und selbst nicht wirklich gut in der Rechtschreibung zu sein, das geht nicht.

      Ich will Ihnen aber nicht zu nahe treten und räume ein, dass es sich um reine Tippfehler handeln mag.

  4. Titel eingeben
    Schon als Schüler habe ich die deutsche Rechtschreibung als sehr individuell behandelt mit der Folge, dass mein Deutschprofessor in der 3. Klasse Gymnasium (heute 7. Klasse) meinen Aufsatz stark rötete. Er beherrschte die deutsche Rechtschreibung. Da zu dieser Zeit noch die Rechtschreibung in die Gesamtnote z. B. eines Aufsatzes einfloß, wurde ich mehr oder weniger gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen.
    Später als Hauptschullehrer in Bayern wurde mit den Schülern jede Woche ein sogenanntes Übungsdiktat eingeübt: Montag wurde das Diktat vorgestellt, Dienstag bis Donnerstag die rechtschreiblichen Schwerpunkte geübt und Freitag wurde das Diktat geschrieben. Daraus ergab sich eine Fortschrittsnote, die zusammen mit einigen unvorbereiteten Diktaten den rechtschriftlichen Teil der Gesamtnote Deutsch bildete.
    Diese Praxis wurde in den 1990ern aufgegeben, da es zuviel Drill war und die Schüler ja rechtschriftlich sicher waren.
    Ich bin der Meinung, dass die deutsche Rechtschreibung nicht einfach ist. Man lernt sie nicht nur durch Erklären, sondern vor allem durch Üben.
    Heute gibt es keine Übungsfelder mehr: Elektronische Medien reagieren bei der Texteingabe sofort mit Vorschlägen, die man nur bestätigen braucht.
    Dazu kommt noch das Haptische: Etwas Handschriftliches prägt sich wesentlich besser ein als ein Eingabe über eine Tastatur.

    Doof ist nur, dass spätestens bei einer Bewerbung der eine oder andere Arbeitgeber darauf achtet…

    • Titel eingeben
      1. Das Schreckgespenst „Bewerbung“ sollte man wirklich nicht mehr überstrapazieren, wenn man glaubwürdig bleiben will.
      Allerdings: Vielleicht sollte man tatsächlich mal über eine normierte Sprachprüfung wie den GMAT (den Muttersprachlicher und Fremdsprachler absolvieren können) auch fürs deutsche nachdenken.

      2. Mich interessiert ihr Begriff „Fortschrittsnote“ und ich hoffe, ihn richtig verstanden zu haben. Denn gerade durch die psychisch ausgeklügelte Belohnung kleiner Fortschritte entsteht bei vielen elektronischen Spielen der gefürchtete Suchteffekt. Vielleicht sollte man an ihre Erfahrungen anknüpfen und einfach auch mal didaktisch nachrüsten.

  5. Orthographie
    Der beschriebene Befund ist keineswegs neu. Schon seit geraumer Zeit wurden die Schreibfähigkeiten der Schüler und Schülerinnen von Jahr zu Jahr schlechter, oft so schlecht, dass die Korrekturzeit einer Klausur bis zum Dreifachen des durchschnittlichen Wertes benötigte; und manchmal waren die Sachaussagen vor lauter sprachlichen Fehler kaum mehr rekonstruierbar.
    Aber im „System“ dürfen diese Defizite nicht so sanktioniert werden, wie es nötig wäre. Ich habe es nicht selten erlebt, dass Abiturklausuren sehr hoch bewertet wurden, obwohl die sprachliche Leistung ungenügend war.
    Philologie heißt: Liebe zur /Freundschaft mit der Sprache.
    (Pensionierter Lehrer)

  6. Kultur-Abbruch
    Als leidenschaftliche Hobby-Altphilologin habe ich zwei Schuljahre lang fachfremd Latein unterrichtet. Aus dieser Zeit sind mir die beiden Latein-Anfängerkurse der Jahrgangsstufe 11 eines Aufbau-Gymnasiums sehr nachdrücklich in Erinnerung geblieben: Hochmotivierte und überaus fleißige Schüler und Schülerinnen, die gerade an einer Haupt- oder Realschule ihre Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe geschafft hatten. Viele konnten die lateinischen Deklinationen, Konjugationen und ähnlichen ‚Lernstoff‘ perfekt herunterbeten. Das nützte aber einem Großteil von ihnen für die Übersetzungsklausuren überhaupt nichts, weil sie einfach nicht in der Lage waren, das Lateinische in einen korrekten deutschen Satz zu übertragen.
    Früher hat man sich lesend nicht nur eine Sprache, sondern ganze Welten erschlossen. Heute sagen mir Jugendliche: Nachrichten, für deren Lektüre sie länger als 30 sec bräuchten, klicken sie sofort weg. Entsprechend gering ist auch der Wortschatz vieler junger Menschen… SMS-geprägt eben.
    Und – ja: Auch, dass niemand mehr (mit der Hand!) schreibt und in den Schulen keine flüssige Schreibschrift mehr gelehrt wird, scheint mir den immer weiter um sich greifenden Verlust der Schrift- und Sprachkultur zu ‚begünstigen‘.
    Vielleicht bin ich zu altmodisch – aber ich habe die Sorge, dass das, was wir hier gerade erleben, nicht nur ein durch die digitale Medienrevolution ausgelöster kultureller Wandel ist, sondern ein krasser, kaum noch aufzuhaltender Kultur-Abbruch…

  7. Welch' Ironie!
    Ich muss sagen es ist wirklich äußerst belustigend zu sehen, wie sich ausgerechnet in den Beiträgen derjenigen, die sich süffisant über mangelnde Orthografie- und Grammatikkenntnisse anderer echauffieren, viele Orthografie- und Grammatikfehler finden lassen!
    Insbesondere dem Herrn mit dem langen zweiteiligen Kommentar scheint der Unterschied zwischen DAS und DASS nicht (mehr?) geläufig zu sein.
    Leider ist er in diesem Forum kein Einzelfall. Deshalb mein Vorschlag an (nicht alle aber durchaus) viele: Gründlicher vor der eigenen Haustür kehren. Denn offensichtlich hat man einiges übersehen.

  8. Zeitmangel bei der Vermittlung, oder?
    Eines der größten Probleme in bezug auf die genannte Problematik ist, daß in der Grundschule Kl. 1-4 oft nicht mehr systematisch geübt wird. Außerdem ist der Lehrgang Deutsche Sprache und Literatur – Bereich: Orthographie und Grammatik in Klasse 9 abgeschlossen und spielt nur noch bei Korrekturen eine Rolle. Allerdings stelle ich im Moment fest, daß viele Schüler keine Berichtigung mehr anzufertigen haben. Hinzu kommt, wenn sie anzufertigen ist, sie danach aber nicht kontrolliert wird. Auffallend ist auch, daß in einigen Fächern die Korrekturen vonseiten der Lehrer nicht so ausgeführt werden, daß der Schüler eindeutig nachvollziehen kann, wo er nacharbeiten muß. Leider fällt hier auf, eine richtige Auswertung der Klassenarbeit erfolgt nicht. Eine Überprüfung des vermittelten Lernstoffes sollte aber meiner Meinung nach dazu dienen, festzustellen, was muß noch geübt werden und worauf kann ich als Lehrer aufbauen, damit ich den neuen Stoff vermitteln kann, um den vorgegebenen Rahmenrichtlinien gerecht zu werden und andererseits einen Wissenszuwachs zu garantieren. In der Sekundarstufe II sollte man darauf achten, daß der studienvorbereitende Aspekt eine Rolle spielt, deshalb bin ich der Auffassung, daß die auftretenden Defizite besonders hier zu beachten sind und vor allem auch bearbeitet werden sollten. Voraussetzung ist in jedem Fall eine gute Planung, genügend Zeit zur Vor- und Nachbereitung. – Es nützt keinem Schüler, wenn er durch die neuen Medien, die sicher hilfreich sind, richtig eingesetzt, die alte Form nicht mehr parallel dazu gebrauchen sollte, denn eine gute Handschrift, die lesbar ist, hilft auch Fehler zu erkennen. – Lückentexte scheinen ja sehr beliebt zu sein, fördern aber nicht, die Fähigkeit richtig zu schreiben.

    Noch ist es üblich, den Lebenslauf handschriftlich zu verfassen. (nur ein Beispiel – Manche Firmen verlangen es.) Was für mich auch sehr wichtig ist: ein Schüler sollte sich nicht auf das Rechtschreibpropramm seines Computers verlassen, sondern lernen, ihn zu überprüfen. Leider wird das sehr häufig vernachlässigt und übersehen, daß nicht alle Programme korrekt sind.

    Hin und wieder habe ich feststellen müssen, daß selbst in Unterrichtsmaterialien Fehler aufreten. –

    Zum Schluß noch ein Wort zu meiner Orthographie – ich habe hier bewußt die alte benutzt, trotz der Tatsache, daß ich beide Varianten bereits vermittelt habe.

  9. Schlamperei in den Schulen
    Auch ostfriesische Juristen beherrschen die Deutsche Sprache nicht richtig und Studenten machen in Internetz-Foren Grammatikfehler, dass es einen graut – ich frage mich immer wieder, wo diese Leute ihr Abitur gemacht haben? In Bayern würden die nichtmal den Quali bestehen.

    Das hängt wohl mit dem laschen Deutschunterricht zusammen, der auch Analphabeten produziert, ohne dass dies auffällt?

    Auch die Texter von ARD und ZDF machen eklatante Grammatik- und Ausdrucksfehler – egal ob sie für Quizsendungen moderieren, Infos für Dokus formuliere oder Texte für Schauspieler in Filmen. Sogar die Nachrichtensprecher reden oft einen Stuss.

  10. Die Probleme bestehen dem Anschein nach wohl nur im Studium.
    „Viele Lehramtsstudierende haben große Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik“ Der Duden ist da nicht ausgenommen.

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