Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie sollen Lehrkräfte vermitteln, was sie selbst nicht können?

| 155 Lesermeinungen

Am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen (UDE) ist man besorgt: Viele Lehramtsstudierende haben große Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik – und stehen bald selbst vor Schulklassen.

***

Eigentlich erwartet man von Lehrkräften, dass sie ihr Fach beherrschen. Doch die Realität sieht oft anders aus. Patrick Voßkamp und Ulrike Behrens lehren an der UDE im Bereich der Linguistik und der Sprachdidaktik. In ihren Seminaren vermitteln sie ihren Studierenden den Gegenstand der Sprache unter Aspekten der Lehr- und Lernbarkeit, um sie auf die baldige Schulpraxis vorzubereiten. Die Texte, die sie von Studierenden zu Gesicht bekommen, lösen bei ihnen zum Teil Erschrecken aus, sagen sie. Voßkamp hat das Thema erst neulich in einer seiner Lehrveranstaltungen zur Sprache gebracht. In einigen Texten hätte es von Zeichensetzungsfehlern, lexikalischen und grammatikalischen Fehlern sowie erheblichen Defiziten in der Kasusbildung und Flexion gewimmelt. Grundlegende Sprachregeln würden nicht beherrscht. „Im Prinzip werden hier Standards nicht erfüllt, die am Ende der Sekundarstufe I – und eigentlich schon nach der 6. oder 7. Klasse – erfüllt sein müssen“, sagt er und fügt hinzu: „Und das im Lehramtsstudium im Master im Fach Deutsch.“ Dabei handele es sich nicht um Einzelfälle. Allein in seinem Seminar seien ihm in drei Texten erhebliche Sprachdefizite aufgefallen. „Es ist ein gravierenderes Problem, als man anfänglich denkt“, so Voßkamp.

Seine Kollegin Ulrike Behrens verlangt inzwischen von ihren Studierenden zu Beginn jedes Semesters Schreibaufgaben. „Das habe ich früher nicht gemacht. Dann fliegen solche Defizite erst bei den Hausarbeiten auf“, sagt sie. Mittlerweile hat man sich im Fach darauf geeinigt, dass die Korrektur von Arbeiten nach mehr als 15 Fehlern auf den ersten drei Seiten abgebrochen und die Leistung mit „mangelhaft“ bewertet wird. Auf wie viele Arbeiten das zutrifft, können die Dozierenden nicht sagen, da keine Statistik hierzu vorliegt. Wenige seien es jedoch nicht. „Wenn es nur ganz punktuell im Semester vorkommen würde, hätten wir uns ja nicht im Fach in einer Qualitätskonferenz Gedanken machen müssen. Das ist ein ganz schön erschreckendes Signal,“ fügt Voßkamp hinzu.

„Ein gravierendes Problem”

Ihr Institutskollege Albert Bremerich-Vos hat gemeinsam mit Dirk Scholten-Akoun vom Zentrum für Lehrerbildung eine empirische Untersuchung zu schriftsprachlichen Fähigkeiten von Lehramtsstudierenden zu Beginn ihres Studiums durchgeführt. „Da zeigt sich, dass die Situation auch – aber nicht nur in Essen – nicht so bleiben kann, wie sie ist“, fasst Behrens die Ergebnisse zusammen. „Man muss dazu sagen, dass die schriftsprachlichen Leistungen von Lehramtsstudierenden in der Studieneingangsphase in den einzelnen Studiengängen unterschiedlich ausfallen“, ergänzt Voßkamp. Am besten haben angehende Grundschullehrer*innen abgeschnitten – das könnte mit dem relativ hohen Numerus Clausus zusammenhängen, vermutet er. Im Mittelfeld liegen Studierende, die an Gymnasien und Gesamtschulen sowie an Berufskollegs unterrichten wollen. „Wir haben also noch mal ein gravierenderes Problem in der Studierendenschaft, die ‚nur‘ für die Sekundarstufe I studiert“, so Voßkamp weiter über angehende Lehrer*innen, die an Haupt-, Real- und die Unterstufe von Gesamtschulen unterrichten wollen. Es gebe insgesamt eine große Streuung innerhalb der Studierendenschaft und sogar innerhalb eines Studiengangs. „Dort gibt es auch Studierende, die einfach brillant sind.“

© Philipp FrohnBei vielen ist nicht einmal ein Problembewusstsein für die eigenen Schwächen vorhanden

Für Behrens und Voßkamp ist es unverständlich, wie Schüler*innen und Studierende mit solch defizitären schriftsprachlichen Leistungen die Schullaufbahn durchqueren, durchs Abitur kommen und eine Bachelorarbeit bestehen konnten. „Erschreckend finde ich, dass bei manchen kein Problembewusstsein vorhanden ist“, so Voßkamp. Für die Zukunft der Betroffenen sehe er schwarz. „In maximal zwei Jahren stehen diese Studierenden nicht nur vor einer Klasse, sondern auch vor Fachleitern, Schulleitern und Mentoren“, erklärt er. Während des anderthalbjährigen Vorbereitungsdienstes müssen Referendar*innen einen Spagat hinlegen: Einerseits geben sie eigenständigen Unterricht, andererseits befinden sie sich selbst noch im praktischen Teil ihrer Ausbildung. Sollten auch im Referendariat noch derart große Defizite in der Schriftsprache bestehen, könnten gravierende Konsequenzen auf die Betroffenen zukommen. „Wenn ein Fachseminarleiter im Worst Case den Referendar nicht zur unterrichtspraktischen Prüfung zulässt, verlängert sich die Nummer noch mal um sechs Monate bei gekürzten Bezügen“, warnt Voßkamp. Bei solch schlechten Rechtschreibleistungen – ob im Unterrichtsentwurf, in Aufgabenblättern oder an der Tafel und beim Korrigieren – sei das ein durchaus realistisches Szenario.

Dozenten sind keine Lektoren

Das alles betreffe nicht ausschließlich Deutschlehrer*innen. Vielmehr müsse die gesamte Lehrer*innenschaft einen korrekten (schrift)sprachlichen Umgang vorweisen. Denn auch beispielsweise Mathematiklehrkräfte müssen sich darüber im Klaren sein, dass es Missverständnisquellen gibt, die rein sprachlicher Natur sind – in Textaufgaben beispielsweise. „Lehrer müssen Behördenschreiben und Elternbriefe verfassen können, Sprachvorbild und Sprachreflexionsvorbild sein. Und zwar in allen Fächern“, so Ulrike Behrens.

Der Kernlehrplan für das Fach Deutsch an Gymnasien schreibt vor, dass Schüler*innen am Ende der Sekundarstufe I „Grundregeln der Rechtschreibung und Zeichensetzung sicher beherrschen und häufig vorkommende Wörter, Fachbegriffe und Fremdwörter richtig schreiben“ müssen. Eigentlich sollten basale sprachformale Regeln also vorausgesetzt werden können, damit im Universitätsstudium inhaltliche Aspekte und Debatten des Fachs behandelt werden können. „Wenn man bis in den Master hinein Stoff aus der Sekundarstufe wiederholt, dann heißt es im Umkehrschluss auch was für die fachliche Ausbildung – und das ist ein Problem“, so Behrens. Daher verzichten einige Dozierende darauf, die Sachlage zu thematisieren und schieben die Schuld auf die Schule. Behrens und Voßkamp jedoch wollen das Problem angehen und lösen. Man mache es sich zu einfach, wenn man die Verantwortung zurückweise.

© Uli SchmeltingPatrick Voßkamp

„Wir arbeiten in der Sprachdidaktik und bilden angehende Lehrer*innen aus, die dann wiederum Schüler*innen das beibringen sollen, was sie selbst nicht können. Ich finde, es ist verdammt nochmal unsere Aufgabe, dass wir uns darum bemühen“, so Voßkamp. In ihren Seminaren räumen sie und ihre Institutskolleg*innen regelmäßig Zeit für Auffrischungsübungen ein. Zu Beginn jeder Lehrveranstaltung wiederholen sie mit den Studierenden unter anderem Regeln der Groß- und Kleinschreibung oder der Zeichensetzung. Zirka zehn Minuten der Sitzung verwenden sie dafür. Das sei Zeit, die für eine Auseinandersetzung mit Seminarinhalten fehle, fügt Behrens hinzu. Von den Studierenden erhalten sie jedoch dankbare Rückmeldung. Auch über die Seminarsitzungen hinaus bieten sie Hilfestellung an. Studierende können Teile ihrer Hausarbeit vor der Deadline einreichen und ein Feedback erbitten. Ungefähr ein Viertel der Studierenden nutzt das Angebot von Behrens. „Dabei lese ich faktisch jede Arbeit zweimal“, beschreibt sie den Mehraufwand. Beim ersten Auftreten eines Fehlers notiert sie die jeweilige Regel an den Seitenrand. Von den Studierenden erwartet sie, dass sie anhand dieser Notizen selbständig die Arbeit korrigieren. „Ich bin ja nicht das Lektorat“, sagt sie und verweist darauf, dass eine bloße Korrektur den Lernfortschritt nicht positiv beeinflussen würde.

Die Angebote sind da

Voßkamp erwartet von den betroffenen Studierenden ein ausgeprägteres Problembewusstsein und mehr Ehrlichkeit zu sich selbst. Oftmals bekomme er zu hören, dass es sich um Flüchtigkeitsfehler handle oder dass der Text unter Zeitdruck entstanden sei. Doch in der Regel sei dies nur ein Vorwand. Auf einer Seite erkenne man sehr gut, ob es sich tatsächlich um Flüchtigkeitsfehler oder ein größeres Defizit handle. Voßkamp versteht diesen Schutzmechanismus – schließlich möchte niemand zugeben, Probleme in der Rechtschreibung zu haben.

Neben Bemühungen von Dozierenden scheint auch die Universität die Dringlichkeit des Themas zum Anlass zu nehmen, verschiedene darauf zugeschnittene Angebote zu schaffen. Schon bei der Einschreibung müssen Studieninteressierte am Projekt Sprachkompetenz angehender Lehramtsstudierender (SkaLa) verpflichtend teilnehmen. Anschließend bekommen sie ein Feedback über mögliche Defizite. Das könne bis Januar des jeweiligen Folgejahres dauern, so Behrens, sei aber immer noch früh genug, um diese aufzuarbeiten. Auch das Projekt Studiport vom Landesministerium für Kultur und Wissenschaft bietet verschiedene Tests – zum Beispiel zu Rechtschreibung und Grammatik, aber auch zur Gestaltung wissenschaftlicher Texte –, um Studierende und Studieninteressierte über persönliche Fehlerfelder zu informieren.

Mit neuen Projekten sollen an der UDE die Sprachkompetenzen von Lehramtsstudierenden verbessert werden, etwa durch Professionalisierung für Vielfalt (ProViel). Im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung von Bund und Ländern soll dadurch der Ausbau des Umgangs mit Heterogenität in der Schule gefördert werden. Ein Teilprojekt ist das fördernde Beurteilen schriftlicher Studienleistungen (FöBesS), mit dem über Fächergrenzen hinweg dieselben Beurteilungsraster etabliert werden sollen. „Wir glauben, dass es sinnvoll ist, dass Studierende während des Studiums immer wieder mit denselben Anforderungen konfrontiert sind“, so Behrens.

Seit über 20 Jahren ist zudem die Schreibwerkstatt eine feste Institution an der UDE. Dort können Studierende Hilfe beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten, aber auch bei Fragen hinsichtlich der Formulierung von Texten finden. Jedoch nehmen dieses Angebot eher Studierende wahr, die keine großen schriftsprachlichen Probleme haben, schildert Voßkamp seinen Eindruck. Es sei ähnlich wie bei Nachbesprechungen von Hausarbeiten: „Da kommt eher die Person mit einer 1,3 und fragt, was sie für eine 1,0 hätte machen müssen.“ Doch gerade von Studierenden mit Defiziten wünscht sich Voßkamp, dass sie die Probleme reflektieren und ihnen entgegenwirken – zu ihrem eigenen Wohl und dem der künftigen Schüler*innen. „Man kann da nur appellieren: Macht was. Die Angebote sind da. Ob online, in den Seminaren oder in zusätzlichen Institutionen innerhalb der Uni“, so der Dozent.

 

Dieser Text erschien zuerst in der Studentischen Zeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet ak[due]ll


155 Lesermeinungen

  1. Kommunikationsfähigkeit
    Mir missfällt die Schwarz-Weiß-Malerei in Ihrer Argumentation gegen die Wichtigkeit der Vermittlung von Rechtschreibkompetenz. In dem Sinne möchte ich mich Hope anschließen: Das eine schließt das andere nicht aus.

    Sicher ist in der Schule heute auch die Vermittlung von Lebenskompetenz gefragt und wird von einigen Schulen angeboten. Sehr gut, kommen doch nicht alle Eltern dieser Aufgabe nach.

    Warum um alles in der Welt sollen aber die Kernfächer aufgeweicht werden?

    Rechtschreibkenntnisse dienen der Sprachkompetenz und damit dem Erwerb aller anderer Kenntnisse. Sprachkompetenz dient der Kommunikationsfähigkeit. Kommunikationsfähigkeit fördert Gemeinsamkeiten und damit ein friedliches Zusammenleben (woher kommt das Wort wohl?). Haben Sie mal darüber nachgedacht, ob die von Ihnen angeprangerten Missstände vielleicht von den Rechtschreibinkompetenten am Laufen gehalten werden? In dem Sinne: Schaffen es denn die RechtschreibINkompetenten, die Welt zu einem friedlicheren, gerechteren Ort zu machen und die Ressourcen des Planeten für nachfolgende Generationen zu bewahren?

    Mir fällt die Beantwortung dieser Frage leicht, wenn ich mir ansehe, wie meine Kinder aus der Schule kommen- an Tagen, an denen sie Unterricht haben bei Lehrern, die sich auf die Vermittlung ihres Unterrichtsstoffes konzentrieren im Vergleich zu Tagen, an denen sie diesen eben nicht bekommen und Stunden vor Erwachsenen sitzen, die die Stunden irgendwie mit dem unstrukturierten Besprechen irgendwelchen Alltagskrams rumkriegen.

    Wäre schön, wenn sich die Erwachsenen einfach mal auf ihre Aufgaben konzentrieren könnten, jeder für sich. Aufgabe der Deutschlehrer ist das Vermitteln der deutschen Sprache. Zur deutschen Sprache gehört ihre Rechtschreibung. Deren Vermittlung ist sicher auch möglich, ohne dass die Schüler innerlich gebrochen aus dem Deutschunterricht kommen. Oder andersrum gefragt: Kommen die Schüler zerstört aus dem Unterricht, liegt es dann am Stoff oder am Lehrer?

    • Natürlich schließt sich das nicht aus. Nur die Reihenfolge ist verkehrt.
      Sicher habe ich darüber nachgedacht, ob die von mir angeprangerten Missstände vielleicht von RechtschreibINkompetenten am Laufen gehalten werden. Dazu kann ich ganz klar sagen: Diese wunderbaren Menschen, von denen ich in meinem vorigen Beitrag sprach, traf ich häufig bei sozialen und ökologischen Projekten, bei denen es darum geht, die Welt zu einem friedlicheren, gerechteren Ort zu machen und die Ressourcen des Planeten für nachfolgende Generationen zu bewahren. Menschen, die Naturerlebnisse für Kinder organisieren, sich im Permakultur-Garten weitgehend selbst versorgen, Mehrgenerationen-Wohnprojekte aufbauen, usw.
      Hierzu empfehle ich wärmstens den Film „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“
      Es ist schön, dass Sie Ihren Kindern Lebenskompetenz vermitteln. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie der Deutschunterricht in einer Klasse aussieht, in der über die Hälfte der Kinder Eltern haben, die das nicht tun? Das „unstrukturierte Besprechen irgendwelchen Alltagskrams“ ist oft die einzige Möglichkeit, diesen Kindern wenigstens zu einer kurzen Zeitspanne der Aufmerksamkeit für solche Dinge wie Rechtschreibung zu verhelfen.
      Bei all dem Schimpfen über die Lehrer wird meines Erachtens immer wieder zweierlei vergessen:
      1. dass die Kindheit sich in den letzten Jahren SO massiv verändert hat, dass Lerninhalte (u.a. Rechtschreibung) in viele Köpfe schlichtweg nicht mehr so reinzubekommen sind wie noch vor 10 / 20 Jahren
      2. dass die Menschheit an einem ganz anderen Punkt steht als vor 40 Jahren, und dass sich daher die Schule VERÄNDERN muss. Und zwar grundlegend.
      Hierzu liefern Hirnforscher wie z.B. Gerald Hüther, oder auch Richard David Precht wertvolle und umsetzbare Modelle.
      Bleibt noch zu erwähnen, dass ich Rechtschreibung durchaus für wichtig halte. Noch wichtiger ist mir jedoch, dass Schulkinder ERST einmal eine solide sozial-emotionale Basis haben und ihre Lebensgrundlagen kennen und wertschätzen lernen. Dann übe ich auch gern Rechtschreibung mit ihnen.

  2. Dr.
    Ich unterrichte seit knapp 25 Jahren Deutsch als Fremdsprache, habe Linguistik und Psychologie des Spracherwerbs studiert … und raufe mir zunehmend die Haare. In den Deutschkursen unterrichten Sprachmittler, Ehrenamtliche, die schlecht und fast gar nicht vorbereitet sind. Die Methode stimmt nicht, die Sprachbeherrschung nicht adäquat – ja, in manchen Instituten bin ich mittlerweile die einzige deutsche Muttersprachlerin. So geht das nicht. Sprachlehrer, ob für Muttersprachler oder für Schüler, die Deutsch noch lernen müssen, müssen gut ausgebildete Leute ran!
    Eine Kollegin und ich haben eine UG in Frankfurt gegründet, in der wir Sprachlehrer ausbilden. Den Link schicke ich nicht, wäre vielleicht unzulässige Werbung.

  3. Was
    Was nützt den zukünftig Erwachsenen die Fähigkeit, orthographisch und grammatikalisch korrekt zu schreiben, wenn Klimakatastrophen, Gewalt, Überbevölkerung, Atom- und Plastik-Müllmassen, verseuchtes Trinkwasser, Bienensterben und die immer größer werdende Schere zwischen bettelarm und superreich ihren Alltag bestimmen werden?
    All die Rechtschreibkompetenten haben es bisher nicht geschafft, die Welt zu einem friedlicheren, gerechteren Ort zu machen und die Ressourcen des Planeten für nachfolgende Generationen zu bewahren. Im Gegenteil.
    Ein Umdenken ist bitter nötig. Bitte, Menschheit, erkenne endlich, was wirklich wichtig ist. Und lass uns Lehrer bei der Ausbildung unserer Schützlinge Folgendes in den Fokus nehmen: unabhängiges, vernetztes Denken, Wertschätzung (sowohl gegenseitige, als auch die Wertschätzung von Lebensmitteln und Lebensgrundlagen), Mitgefühl, Freude, Begeisterung, Neugier, Selbstvertrauen, Entspannung und Naturverbundenheit.

    • Titel eingeben
      Das eine schließt doch das andere nicht aus! Sie können den Ihnen anvertrauten Kindern all das beibringen, was Sie aufzählen und außerdem korrekte Rechtschreibung und Grammatik.

      Die „Rechtschreibkomponenten“ tragen keinerlei Schuld am Zustand der Welt – sie sind aber ein wichtiges Kulturgut, welches wir (aus welchen Gründen auch immer) niemals aufgeben sollten.

    • Super, sogar zwei Antworten gefischt!
      Medienkompetenz und Trollerkennung sollte im Master ebenfalls gelehrt werden.

    • Wiederholung
      Ich möchte der inhaltlichen Wiederholung Ihres Beitrages die Wiederholung meiner Antwort entgensetzen. Vielleicht erreiche ich Sie ja diesmal…Vielleicht erklären Sie dann auch, wieso Rechtschreibkompetenz und die von Ihnen präferierten Kompetenzen sich ausschließen. Ich schrieb:
      Gerade deswegen!
      Gerade deswegen! Alle die angesprochenen Probleme eskalieren unter unklarer Kommunikation. WEIL heutzutage viel über die Schrift kommuniziert wird, sollten die Regeln bekannt sein und beachtet werden. Mein Deutschlehrer hat unser Meckern über das verlangte Auswendiglernen der Kommaregeln einfach mit Beispielsätzen abgekürzt: „Die Amerikaner sagen die Russen wollen den Krieg“- uneindeutig ohne Komma, falsch mit falsch gesetztem Komma. Oder: Komm wir essen Opa. Guten Appetit!

    • Titel eingeben
      genau, und künftig ist 3×3 = 12, hilft der Umwelt auch nicht, schafft aber ein gutes Gefühl

    • Antwort an die Mutter
      Die Kommaregel-Beispiele sind natürlich nett.
      Dennoch glaube ich nicht, dass die Missverständnisse unter Menschen orthographischen Ursprungs sind.
      Ich meine, dass wir mit dem Fokus auf der Rechtschreibung Zeit verschwenden und lernfreudige Kinder frustrieren. Kinder, die in einer Zeit aufwachsen, die sich immens von der Zeit unterscheidet, in der wir Rechtschreibung gelernt haben.
      Wo soll der Nutzen sein, wenn ich mit Förderplänen, Extra-Hausaufgaben und zusätzlichen Förderstunden versuche, Kindern die Regeln für Doppelkonsonanten und das Dehnungs-h beizubringen – Kindern, die schon im Kinderwagen mit dem Tablet gespielt haben, nie in den Wald gehen oder draußen spielen, die nicht wissen, wie eine Karotte wächst. Den Kindern heute fehlen grundsätzliche Lebensbezüge!
      Noch dazu habe ich wunderbare Menschen kennen gelernt – fröhlich, empathisch, kreativ, selbstbewusst, liebevoll, intelligent und voller Lebensweisheit – mit grottenschlechter Rechtschreibkompetenz.
      Die sind mir lieber als verbissene Richtigschreiber, die keine Alternative sehen zu büffeln und pauken und verachtend auf andere herabschauen.

  4. Sprachprobleme von Migranten
    Zwar gibt es sicher auch viele muttersprachliche Deutsche, die mit Rechtschreib- und Grammatikproblemen zu kämpfen haben, realistischerweise ist aber klar, dass dieses Problem vor allem Studierende mit Migrationshintergrund betrifft, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben. Das kann ich als Leiter einer Bildungseinrichtung in Berlin klar verfolgen. Die Problemgruppe darf mal wieder nicht genannt werden.

    Ich schreibe diesen Brief aber nicht, um Migrantenschelte zu betreiben. Im Gegenteil. Die Schüler haben im Vergleich zu ihren Mitschülern aus Schulen im Brennpunktkiez schon ein hervorragendes Deutsch gelernt und sind einen weiten Weg gegangen, können aber mit deutschen Akademikerkindern sprachlich in der Regel nicht mithalten. Viele leiden selbst darunter. Man sollte dieses Problem für die Zielgruppe offen benennen und dann endlich eine vernünftige Sprachförderung ab der Kita für Kinder aus Duisburg-Marxloh oder Berlin-Wedding etablieren.

  5. Titel eingeben
    Also ich als Lehrer für Mathe und Religion kann das absolut bestätigen. Meine Rechtschreibung ist ein Problem. Das habe ich schon im Studium gemerkt und sogar in der studentischen Schreibberatung um Hilfe gebeten. Die dort sitzende angehende Deutschlehrerin konnte mir nicht im geringsten erklären welche Schritte ich gehen sollte um meine Orthographieprobleme in den Griff zu bekommen. Letztendlich habe ich dann einfach geübt und geübt. In meiner Masterarbeit hat meine Kerrekturleserin dann nur noch 1/4 der Fehler gefunden, die in meiner Bachelorarbeit waren. Also doch etwas gelernt, aber weit davon entfernt, dass ich mich meinem Beruf entsprechend mit der deutschen Rechtschreibung auskenne. Und ja, ich bin auch der Meinung, dass das ein Problem ist. Ich kann auch sagen, dass es den meisten meiner Mathe-Kollegen genauso geht.

  6. Selektion
    Ein Problem des ganzen Systems ist doch, dass an keiner Stelle jemand sitzt, der tatsächlich bereit ist, zu selektieren. In der Schule werden die Fehlerquotienten heruntergeschraubt, im Abitur gibt es Hinweise, welche Fehler nicht als solche angestrichen werden sollen mit dem Ziel, dass mehr Schüler ihr Abitur bestehen. Auch an der Uni versagt keiner diesen Studierenden das Weiterkommen. Gleiches wiederholt sich dann im Referendariat. Es ist unangenehm, mit einem jungen Menschen das Gespräch zu suchen und deutlich zu machen, dass seine Fähigkeiten für den vorgesehenen Lebensweg so nicht ausreichen. Das Ergebnis ist, dass Menschen, denen Grundfähigkeiten fehlen, die sie brauchen, den Beruf auszuüben.
    H.Müller

    • Selektion nötig!
      Wie wahr!
      Leider wird zu wenig selektiert. Auch in meinem Studium der Germanistik befanden sich Kommilitonen, die Defizite in Schulgrammatik hatten bzw. deren Kommasetzung leider Glücksache war. An der Schule begegnete ich Fachkollegen, die viele sprachliche Fehler nicht anstreichen konnten, weil sie diese als Fehler nicht erkannten („Wenn ich nicht weiß, was falsch ist, wie kann ich es dann meinem Schüler anstreichen?“).
      So sind einige dann 35 Jahre im Lehrberuf drin, weil wirklich niemand ihnen einmal deutlich machte, dass sie nicht geeignet sind. Schade!

    • So ist es leider!
      Genauso läuft es! Die Lehrer in den Schulen werden jahrelang dazu angehalten, die Bewertungen den Leistungen nach unten anzugleichen und zu schönen, wo immer es geht, um nur ja Misserfolgserlebnisse zu vermeiden und nicht zu demotivieren.
      Unmengen von Diagnosen und Attests laufen auf, um die Schüler vor dem Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen zu schützen. Um diese zu erlernen, ging man früher überhaupt in die Schule.
      Und wenn ich dann unten lese „Orthografie war schon immer mein Feind“, dann, muss ich sagen, ist ein Beruf mit viel öffentlich sichtbarer Schreibarbeit eben nichts für mich.
      Meine Feinde waren früher Sport und Mathe.
      Wegen des Sportfeindes brauchte ich zur Polizei-Aufnahmeprüfung erst gar nicht anzutreten und wegen des Mathematikproblems wäre ich nie auf die Idee gekommen, Mathe- oder Physiklehrer werden zu wollen. Die hatten da, wie ich von einem Freund mitbekommen habe, auch ganz schön gnadenlose Auslesemechanismen an der Uni. Da gab es keinen Zahlendreherbonus.
      Nur bei Lesen, Rechtschreibung und Grammatik wird irgendwie immer so getan, als sei das nicht so maßgeblich.
      Dabei fällt doch nichts öffentlich so auf, als wenn man nicht richtig schreiben oder auch lesen kann, weil man damit ständig konfrontiert wird. Wenn ich im Kopf nicht 324 mit 576 multiplizieren kann, merkt das kein Mensch.
      Wir verkehren eben viel durch Schriftsprache, daran ändert auch die Digitalisierung nichts. Die macht nur noch die Gleichgültigkeit deutlicher: Jedes Textverarbeitungsprogramm hat eine Rechtschreibprüfungsfunktion, d.h. wer seine Texte immer noch mit Unmengen von Fehlern abgibt, hat sich noch nicht mal die Mühe gemacht, diese – sicher manchmal etwas unzureichende – Kontrolle drüber laufen zu lassen. Dem war es egal.

  7. Bücherlesen hilft - wer aber macht das noch??
    Nach meiner Wahrnehmung habe ich meine Sicherheit in der Rechtschreibung (die nicht immer 100%ig ist, dann schlage ich nach – merke es aber meist!) durch ständiges LESEN VON BÜCHERN erlangt, seit ich Lesen lernte, also mit 6 Jahren, jetzt bin ich fast 60. Insofern muss ich (als Dozierender) „Student“ widersprechen: nein, wir sind es nicht allein, die es nicht geschafft haben, die notwendigen Kenntnisse zu vermitteln. Dies geschieht vor allem in An-Eignung, also eigener Erarbeitung, von orthografischem Wissen – das kann narürlich von verschiedenen Person*innen (Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen) unterschiedlich gefördert werden… ich kenne aber auch die relative Resistenz meiner Kinder und Enkel gegenüber dem Lesen von Büchern, nochzumal wenn ein Bildschirm irgendwo leuchtet.
    Die Postkarte mit dem folgenden Witz hat also ihre tragische Berechtigung: „Bildung kommt von Bildschirm – sonst hieße es ja Buchung!“ Ich musste bitter lächeln darüber.

    • Titel eingeben
      Was sind denn bitte „Person*innen“ ?

    • Ich stimme zwar zu - aber das ist eine stark idealisierte Sicht
      Gerade wer schon einmal Originalmanuskripte unserer Geistesheroen der letzten zweihundert Jahre gesehen oder gar historische Handschriften aus deren Privatkorrespondenz mühsam entziffert hat, kann wenigstens zu einem Teil Entwarnung geben: auch dort wimmelt es von inkonsistenten Schreibweisen, Korrekturen von dritter Hand, mitten im Satz abgebrochenen Gedanken.
      Dem Lamento über die Mühseligkeit, die Nachkommenden auszubilden, eignet wenigstens zum Teil auch die Selbsterhöhung der Klagenden.
      Das Lesen von letztlich also in sozialer Arbeitsteilung entstandenen, gut redigierten Büchern bleibt aber nicht zuletzt deswegen unersetzlich.

  8. Ein Lehrer für alles!?
    Ich bin einer dieser Studierenden. In der Mittelschule muss ich später alle Fächer unterrichten. In den Praktika bekomme ich eigentlich immer gutes Feedback. Doch Orthografie war von Kind an mein Feind. Ob es an meinen eigenen Erfahrungen als Schüler lag, an der Tatsache, dass ich in einer Montessorigrundschule war oder daran, dass Mathematik mein Lieblingsfach war, kann ich nicht sagen. Ich hab meine Schwächen erkannt und arbeite daran. Jeden Tag. Um genau zu sein, jeden Morgen (6:15 – 6:45 Uhr). Ich finde es interessant, wie Lehrende auf dieses Thema reagieren. Seid ihr es nicht, die es nicht geschafft haben, die notwendigen orthografischen Kenntnisse unserer Generation zu vermitteln? Für mich steht hierbei nicht die Schuldfrage im Mittelpunkt. Viel mehr möchte ich dazu anregen über seine eigenen Schwächen nachzudenken. Wie viele Lehrer, die nicht Mathematik als Hauptfach haben, wissen schon warum Minus mal Minus Plus ergibt? Ein bisschen mehr Bescheidenheit würde uns da allen gut stehen!
    P.S. Die Lehrkraft hat das Wissensmonopol seit der Erfindung des Smartphones im Klassenzimmer sowieso verloren.

  9. Kommentar zum Beitrag von Herrn Christian Wöllecke
    Sehr geehrter Herr Wöllecke,
    zu Ihrem Einwurf: Es ist richtig, dass es bisweilen mehrere plausible Lösungen gibt. Und auch ich würde selbstverständlich „Tee zu trinken ist uns eine Freude.“ schreiben. Im übrigen halte ich es allerdings für wünschenswert, substantivierte Infinitive durch Großschreibung klar zu markieren und deshalb die Schreibung „Tee trinken macht Spaß.“ eher zu meiden: Von dort ist es für Lernende kein weiter Weg mehr zum eindeutig falschen „Ich finde, singen macht Spaß.“

    Sie schreiben: ‚Tatsache ist aber, dass in der zwanglosen Kommunikation untereinander weniger die Form eine Rolle spielt, sondern es vor allem um die schnelle Vermittlung des Inhaltes geht. Und solche Inhalte werden ja häufig auch dann verstanden, wenn die Form ungenügend ist.‘ Das stimmt. Aber genau da liegt, wie Ihnen sicher klar ist, das Problem: Die zwanglose, schnelle, smartphonegestützte, von Korrekturprogrammen beeinflusste Kommunikation setzt einen neuen, lässigen Standard, der etwa im Chat ausreichen mag, der aber zur Erfüllung bestimmter wichtiger Funktionen im Zusammenhang von Bildung, Wissenschaft, Literatur usw. nicht geeignet ist: In diesen Bereichen ist die Kritik an ungenügender Form keineswegs überflüssig, sondern dringend notwendig.

    Meiner Meinung nach wären Konsequenz, prägnante Vorgaben und eine gewisse Pedanterie IM SCHULISCHEN SPRACHUNTERRICHT durchaus nützlich: Schüler, die zunächst für Ihr Schreiben nach Gehör gelobt werden und später immer wieder Verständnis für formal eigentlich ungenügende, zwanglose Texte ernten, haben es, wie der Artikel von Frohn zeigt, im Studium schwer, akzeptable wissenschaftliche Texte zu verfassen.

  10. Titel eingeben
    Ich finde ein möglichst gutes Deutsch ist eine Zierde. Mir passieren auch Fehler, ohne jede Frage. Fehler passieren einfach, das macht ja niemand mit Absicht.
    Ich hingegen ziehe jedoch meine Schlüsse aus allzu brutaler, teilweise sogar sinnentstellender, Nicht-Rechtschreibung und meide solche Menschen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es nicht lohnt von solchen hartnäckigen Orthographieverweigerern z.B. etwas bei ebay zu kaufen. Diskussionen mit diversen ebay Teilnehmern und Sprachausprobierern zeigte, daß das jeweilige Gegenüber sich für klüger hielt als der Rest der Menschheit zusammen und versuchte mir seinen fuktionalen Analphabetismus als „persönlichen Style“ zu verkaufen.

Kommentare sind deaktiviert.