Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie Theater Schule macht

| 3 Lesermeinungen

Im Schultheater gelten die üblichen Regeln nicht. Es ist ein zeitloser, besonderer Ort, der wichtige Erfahrungen ermöglicht. Was geht da genau vor? Ein Praxisbericht.

***

Theatergruppe der Hohen Landesschule in Hanau (HOLA)

Mehr als 120 Schülerinnen und Schüler wollten im vergangenen Jahr mitmachen, sie wollten Theater spielen, bei „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch dabei sein. Wer behauptet, Theater zu sehen und zu spielen interessierte die jungen Leute nicht mehr, liegt also falsch. Im Gegenteil, das Interesse der Schüler an der Hohen Landesschule in Hanau (kurz: HOLA) steigt – das zeigt sich seit Jahren nicht nur in der schuleigenen Theatergruppe, sondern auch in der Fachschaft Darstellendes Spiel, die seit zwei Jahren in Hessen sogar mögliches Abiturfach ist.

In diesem Jahr, in dem Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Panne“ auf dem Spielplan steht, gab es einen leichten Rückgang der Interessierten, viele der Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller der vergangenen Jahre haben inzwischen ihr Abitur abgelegt. „Nur“ noch 80 Anwärterinnen und Anwärter wollten eine der Rollen in der inzwischen 41. Großproduktion übernehmen. Doch 80 Interessierte kommen auf zehn zu besetzende Rollen, eine unlösbare Aufgabe? Der Anspruch von Spielleiter und Lehrer Andreas Kühnel besteht zumindest darin, niemanden in seiner Ambition, sich einzubringen, zu enttäuschen. Das Motto, unter dem Kühnel die Arbeit mit einer Theatergruppe innerhalb des streng getakteten Schulalltags beschreibt, lautet daher: Schaffe, mitunter im Minutentakt, die Quadratur des Kreises. Mache jeden Tag das Unmögliche, also einen ausgewogenen, ausreichenden Probenbetrieb neben dem laufenden Unterricht von Lehrern und Schülern möglich.

Das Theater fasziniert die Schülerinnen und Schüler an der HOLA seit vielen Jahren. Bereits in die siebziger Jahre reicht die Schülertheater-Tradition zurück. Seit sechs Jahren bin ich selbst aktiver Teil der TheaterGruppe HOLA, seit 2017 studiere ich Theaterwissenschaft, in diesem Jahr unterstütze ich Spielleiter Andreas Kühnel während des Projekts bei allem, was anfällt und führe mit ihm zusammen das Regiebuch. Seine Art, Theater zu machen, animiert dazu, auch nach dem Abitur mit- und weiterzumachen. Doch was ist eigentlich für Schülerinnen und Schüler so faszinierend daran, Theater zu spielen?

Wie kann ich sogar mich selbst überzeugen?

Zuerst bleibt festzustellen, dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, wie man es sonst nur dem Sport zuschreibt: Viele Menschen werden zusammengewürfelt, zumeist kennen sie sich zuvor nur vom Vorbeigehen. Sie begegnen Unbekannten und Unbekanntem, treffen auf einen Theater- oder Literaturstoff, der zunächst einmal verstanden werden will. Das muss nicht sofort passieren und ist, wie alles andere beim Theaterspielen, ein fortlaufender Prozess. Am Ende lässt sich dann meist feststellen: Hey, das war doch gar nicht so schwer, wie ich es mir vorgestellt hatte. Gleiches gilt für die Begegnungen mit den Mitschülern. Aufeinander zugehen und voneinander lernen hat keine Altersgrenze.

Ein Text muss für die Bühne erschlossen werden

Im Zentrum dieses großen Prozesses steht die ständige Begegnung mit sich selbst. Es erfordert enormen Mut, sich auf eine Bühne zu stellen, mehrere hundert Menschen, die auf einen blicken, mitzunehmen, und sich auf einen oft zunächst nicht ganz so plausiblen Gedanken einzulassen. Dabei kommen die Schülerinnen und Schüler in Kontakt mit den eigenen Grenzen: Wie kann ich die Person, die ich verkörpern will, darstellen? Und wie schaffe ich es, dass ich sogar mich selbst davon überzeugen kann, dass da gerade eine Person auf der Bühne steht, die ich von mir selbst unterscheiden kann?

Im Sinne der ständigen Kreisquadratur findet das Probenprogramm grundsätzlich nachmittags, außerhalb der regulären Unterrichtszeiten statt. Innerhalb von 90 Minuten wird eine Szene von den beteiligten Schülern bis zu vier Mal wiederholt, die Proben für die Komödie sind also zunächst alles andere als amüsant. Sie sind Fleißarbeit, die zusätzlich zum normalen Pensum von Klausuren- oder sogar Abiturstress gemeistert werden will. Sie zeigen, dass auch jenseits vom Spielen auf der Bühne wichtige Aufgaben auf eine engagierte Übernahme warten, beispielsweise im Licht- oder Tonteam, das ausschließlich durch Schüler betreut wird.

Die Kraft des Schultheaters

Diejenigen, die nicht mitspielen oder eine der zahlreichen Aufgaben hinter den Kulissen übernehmen, sind trotzdem immer Teil der Produktion. Entweder beobachten sie eine der Proben oder sie wohnen den Aufführungen im barocken Comoedienhaus Wilhelmsbad bei. So erleben nicht nur beteiligte Schüler, wie Theater funktioniert, sondern auch Freunde, Mitschüler und Lehrer, welche Kraft das Medium „Theater“ im Leben einer Schule besitzt. Mehr als tausend Menschen werden nach der siebten Aufführung zugeschaut haben.

Und was bleibt davon? Am Offensichtlichsten ist, dass einige der ehemaligen Mitglieder der Theatergruppe dem Medium treu bleiben. Alleine im letzten Jahr schlugen zwei der Hauptdarstellerinnen einen Ausbildungsweg als Dramaturgin und Schauspielerin ein. Schon die beiden heute bekannten Schauspieler Dominic Raacke und Rolf Kanies hatten die Theatergruppe in ihrer Schulzeit an der HOLA in den Siebzigern aus dem Wunsch heraus gegründet, später einmal selbst als Schauspieler zu arbeiten. Mittlerweile, nach 40 Großprojekten, ist die TheaterGruppe HOLA fester Bestandteil der Hanauer Theaterlandschaft geworden.

Das Schultheater stellt einen Ort dar, der die Grenzen des regulären Unterrichts verlässt, um ein anderes Wissen zu vermitteln. Die Betreuung durch eine theaterpädagogisch geschulte Lehrkraft ermöglicht es den Schülern, anders auf das Lernen zu blicken. Denn ist es nicht so, dass man ästhetische Bildung nur durch Identifikation und praktische Arbeit erzielen kann? Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Amateur- und Profitheater. Schüler spielen Theater nicht nur, aber vor allem auch für sich selbst. Das Schultheater ist vielleicht eine der letzten reinen Theaterformen, die für sich selbst besteht und keinen Gewinn erwirtschaften muss. Damit ist es eine letztlich zeitlose Institution, die sich ständig neu ausprobieren kann.

Die TheaterGruppe HOLA führt Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Panne“ vom 3. bis zum 6. September 2019 jeweils um 19.30 Uhr im Comoedienhaus Hanau/Wilhelmsbad auf. Kartenreservierungen sind per E-Mail an hola.theater@gmail.com möglich. An der Abendkasse sind eventuell Restkarten erhältlich. Ein Euro pro Karte wird an das Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Hanau gespendet.


3 Lesermeinungen

  1. Viel Erfolg
    Scheint eine sehr engagierte Gruppe an dieser Schule zu sein. Das Comoedienhaus ist auch ein schöner Ort für Theateraufführungen. Viel Erfolg!

  2. Titel eingeben
    Inspirierender Artikel

  3. Theaterschule
    Gratulation.

Kommentare sind deaktiviert.