Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie wäre es, wenn die Frauen Elektronen darstellen?

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Beim internationalen Wettbewerb „Dance Your PhD“ muss man seine Doktorarbeit vortanzen. Diesmal gab es auch eine deutsche Gewinnerin: Shari Finner gewann in der „Chemie“. Wir haben mit ihr gesprochen.

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2008 rief der Wissenschaftsjournalist John Bohannon den Dance Your PhD-Wettbewerb ins Leben, der mittlerweile vom amerikanischen Science Magazine und der American Association for the Advancement of Science (AAAS) unterstützt wird. Was ursprünglich als Veranstaltung gedacht war, die gestressten Doktoranden helfen sollte, etwas Dampf abzulassen, wurde schnell zum Hit. Insgesamt gibt es vier Kategorien: Physik, Chemie, Biologie und Sozialwissenschaften, zusätzlich wird ein Gesamtsieger gekürt.

Unter den Teilnehmern der letzten Ausgabe: die Deutsche Physik-Doktorandin Shari Finner, die mit ihrem Beitrag Percolation theory – Conducting plastics zur Gewinnerin in der Kategorie „Chemie“ gekürt wurde. Wir haben mit Shari über den Wettbewerb gesprochen.

F.A.Z.: Erzähl uns doch kurz: Worum geht es bei „Dance Your Phd“? Was ist das für ein Wettbewerb?

Shari Finner

Shari Finner: Es geht darum, dass man das Thema seiner Forschung in einem Video als Tanz darstellt. Der Wettbewerb hat vor 11 Jahren angefangen und am Anfang haben die Teilnehmer recht unprofessionelle Videos gemacht, die oft nur zwei oder drei Minuten lang waren. Inzwischen ist der Wettbewerb ziemlich groß und bekannt geworden und die Videos sind viel professioneller. Das Konzept aber ist das gleiche geblieben.

Die Herausforderung besteht darin, dass man versuchen muss, seine Forschung auf eine andere Abstraktionsebene zu bringen um eben auch Laien und fachfremden klar zu machen, worum es geht. Die genauen Ergebnisse kann man dabei natürlich nicht kommunizieren – das generelle Thema schon.

Woher kam für dich die Idee, daran teilzunehmen?

Ich kannte den Wettbewerb schon, als ich noch in Dortmund studiert habe. Damals dachte ich aber noch: „Ich kann das sowieso nicht“ und „Das ist nur etwas für Leute, die ganz viel Zeit haben. Ich muss doch effizient sein.“

In den Niederlanden habe ich aber etwas mehr kreative Freiheit. Im Allgemeinen wird hier auch etwas mehr Wert auf Wissenschaftskommunikation gelegt. Dann war es am Ende eigentlich eine Kette von Ereignissen. Ich war auf einer Konferenz, dem Dutch Soft Matter Meeting. Dort hat man üblicherweise drei Minuten Zeit, um seine Forschung darzustellen, in einem sogenannten „Soundbite“. Und ich dachte: „Hey, das Ding heißt Soundbite. Wir wäre es, wenn ich das einfach einmal singe?“ Also habe ich mir eine Ukulele geschnappt und ein Lied gelernt, den Text umgeschrieben und über meine Forschung gesungen. Anschließend haben viele gesagt: „Was ist denn jetzt mit Dance Your Phd? Du tanzt doch schon so lange, warum machst du das denn nicht?“ Damit war die Idee dann geboren.  Es dauerte dann noch einmal eineinhalb Jahre, bis ich es tatsächlich gemacht habe.

Screenshot aus dem Gewinner-Video

Kannst du kurz für uns das Thema deines PhDs erklären? Worum geht es bei dem, was du erforschst?

Es geht darum, dass man ein Material herstellen möchte, welches sowohl transparent als auch elektrisch leitfähig ist. Das kann man erreichen, indem man normales, transparentes Plastik nimmt und leitfähige Nanoteilchen einarbeitet. Der Trick ist, dass man so wenig wie möglich beimischt, damit das Plastik transparent bleibt. Ich versuche herauszufinden, wie das am besten geht.

Und wofür genau braucht man so ein Material?

Da gibt es ganz viele Anwendungsbereiche: Einer davon sind transparente Elektroden für Solarzellen. Weitere Möglichkeiten sind (durchsichtige) Materialien zur Abschirmung gegen elektromagnetische Störfelder oder gut biegsame Elektronik, die in Textilien eingearbeitet werden kann.

Wie entwickelte sich die Konzeption deines Beitrags? 

Ich habe länger darüber nachgedacht und hatte nie eine gute Idee. Dann war ich am Wochenende auf einer Zouk Party (ein brasilianischer Tanz, Anmerkung der Redaktion) und dort haben Leute ständig den Tanzpartner gewechselt. Und plötzlich dachte ich: „Moment, bei mir wechseln die Elektronen auch vom einen zum anderen Kohlenstoffnanoröhrchen. Wie wäre es denn, wenn die Frauen Elektronen darstellen, und sich vom einen zum anderen Tänzer bewegen.“ Damit war die Idee geboren. Es fehlte nur die Umsetzung.

Wer waren all die Tänzer, die mitgemacht haben? Waren das Kollegen oder Freunde aus deinem Tanzklub? 

Beides. Wir waren rund 16 Leute und 14 davon sind aus dem Studententanzkurs an der Universität. Zwei davon sind meine Kollegen. Die tanzen eigentlich nicht, haben sich aber dazu bereit erklärt, mir zu helfen.

Wie waren die Reaktionen, als du ihnen das erste Mal von deinem Vorhaben erzählt hast? 

Die waren eigentlich alle begeistert. Viele haben gesagt: „Hey, das wird doch sowieso total cool. Und falls es mit dem Video schief geht, haben wir trotzdem einen schönen Abend.“ Manche haben mich im Scherz verrückt genannt, aber es war nicht böse gemeint. Nur die Terminfindung mit 16 Leuten war etwas schwierig.

Wie lange habt ihr insgesamt daran gearbeitet?

Das ist schwierig zu sagen, da ich alles neben meinen Hobbys und der Arbeit gemacht habe. Wir haben im August 2018 gefilmt und das Video war Anfang Januar fertig. Das Filmen war eigentlich gar nicht so schlimm, das hatten wir an wenigen Abenden erledigt. Das Schneiden war jedoch sehr aufwendig, vor allem, weil ich das Programm nicht kannte.

Du hast dir also extra für die Teilname am Wettbewerb eine Schnittsoftware beigebracht?

Genau. Und was ebenfalls schwierig und zeitraubend war, war Musik zu finden, die nicht copyrightgeschützt ist.

Was war, abgesehen von der Musik, die größte Hürde?

Ich glaube, die Musik war tatsächlich die größte Herausforderung. Der Perfektionismus. Den sollte man irgendwo abstellen und erst nach Ende des Projekts wieder ausgraben. Es geht sowieso nicht alles gut. Ich hatte wer weiß wie oft eine Leiter im Hintergrund oder das Licht stimmte nicht.

Du bist ja die Gewinnerin der Kategorie Chemie 2018 – hat dir der Gewinn größere Anerkennung oder Bekanntheit in deinem Feld gebracht?

Was passiert ist, ist, dass die Unizeitung einen Artikel geschrieben hat und als Folge davon war ich dann eine Zeitlang auf allen Werbebildschirmen der Universität zu sehen. Leute haben mich auch angesprochen und mir gratuliert. Ob es längerfristig einen Effekt hat, weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes. Und falls ich später in Job-Bewerbungen mal beweisen muss, dass ich Forschung und Wissenschaft kreativ kommunizieren kann, wird es bestimmt nicht schaden.

Wie kam es eigentlich, dass du in der Chemie-Kategorie gewonnen hast, obwohl du theoretische Physikerin bist?

Ich glaube, die beste Erklärung ist, dass meine Forschung sehr interdisziplinär ist. Mit Physik assoziieren viele eher so etwas wie Supraleitung – das Thema des Gesamtgewinners des Wettbewerbs – oder eben andere Themen aus der Quantenmechanik. Was ich mache ist sehr an der Grenze zu Biologie und Chemie. Es war aber vorher schon klar, dass die Ausrichter die Kategorie bestimmen würden, von daher war das für mich kein Problem.

Hast du damit gerechnet, dass du eine Chance hättest, zu gewinnen? 

Hätte ich die Chance gar nicht gesehen, hätte ich vermutlich nicht angefangen. Aber man zweifelt natürlich schon, vor allem weil es so viele Teilnehmer gibt und die Konkurrenz sehr stark ist. Ich freue mich.

Es gab ein Preisgeld von 500 Dollar. Weißt du schon, was du damit machen möchtest? Publikationen bezahlen? 

Die Publikationen werden zum Glück von einem Stipendium der EU bezahlt, genau wie der Rest meiner Promotion. Ich werde aber eine Tanzparty organisieren. Da wird es Snacks, Getränke und vielleicht sogar einen DJ geben, und dann ist das Geld vermutlich auch schon weg.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Erst einmal muss ich den Rest meines PhDs schaffen. Ich sollte im Januar 2020 fertig werden und das bedeutet noch eine Menge Arbeit. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Aktuell reizt mich die „reale“ Welt etwas mehr als die universitäre, aber das ändert sich ständig.

Hast du Tipps für andere, die gerne an Dance Your PhD teilnehmen würden? 

Ein Tipp ist, dass man so viel Spaß wie möglich haben sollte. Manche Leute stellen sich im Video hin und machen den Eindruck, dass sie selbst nicht so richtig davon überzeugt sind. Wenn man sich für Dance Your PhD entscheidet, sollte man versuchen, die Zweifel hinter sich zu lassen und ein bisschen “Bühnenpräsenz” zu zeigen. Dann ist es auch nicht wichtig, ob man das alleine macht oder mit 20 Leuten – solange man die Stimmung und die Idee mit Leidenschaft rüberbringt, wird es schon gut gehen.

Die Fragen stellte Felix Simon.

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Shari Finner (28) stammt aus Hattingen und studierte Physik an der TU Dortmund. Während ihres Studiums absolvierte sie DAAD- Forschungspraktika an der Louisiana State University (Baton Rouge, Vereinigte Staaten) and der Monash University (Melbourne, Australien). Aktuell lebt sie in den Niederlanden und steht kurz davor, ihre Promotion im Bereich „Soft Matter Physics“ an der TU Eindhoven abzuschließen. Am Wochenende ist sie oft auf der Tanzfläche zu finden – mit dem in Deutschland noch relativ unbekannten Tanz „Brazilian Zouk“. Sie twittert unter ihrem „Dance Your PhD“ Alias @emily_electron.


1 Lesermeinung

  1. alles echt cool...
    Ich will gar nicht auf Details eingehen, ich (55) sehe in dem Beitrag, die „kreative Jugend“ sage ich mal. Ich darf gar nicht zurück denken, wie wir studiert haben, Mitte der 80er war alles anders in Ingenieurwissenschaften.
    Ich habe volles Vertrauen in unseren Nachwuchs, weiter so,…. ;-)

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