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Der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt 2018

08. Jul. 2018
von Andrea Diener

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Ukrainische Frösche und türkische Mütter

© ORFDie 42. Bachmann-Preisträgerin: Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk

„Der Bachmannpreis steht in ruhigem Fahrwasser“, sagte Juryvorsitzender Hubert Winkels in seiner Abschlussrede, „auch wenn es die Medien gern etwas aufgeregter hätten“. Da reizt es einen als Medium natürlich, sogleich zu widersprechen: Dass der Fortbestand des Bachmannpreises, nicht zuletzt auch durch das Engagement des Deutschlandfunks, gesichert ist, ist eine rundum gute Sache. Diese Art von Aufregung braucht niemand. Aber etwas aufregendere Texte wären ganz nett.

Dass Tanja Maljartschuk, Bov Bjerg und Özlem Özgül Dündar die Sache unter sich ausmachen würden, war abzusehen, denn danach wurde es arg dünn. Joshua Groß befand sich noch auf der Shortlist, Ally Klein mit ihrer von der Jury nicht als solche erkannten Panikattacke in Textform, außerdem Anna Stern und die einzige Österreicherin in diesem Jahr, Raphaela Edelbauer. Stefan Lohse fehlte ebenso wie Stephan Groetzner, über den sich alle – Klaus Kastberger ausgenommen – so einhellig amüsiert hatten, aber Amüsement scheint dann doch nicht preiswürdig zu sein.

Gut, die Reihenfolge unter den Favoriten war noch nicht sicher. Überraschend klar setzte sich Tanja Maljartschuk mit ihrer klassisch erzählten Geschichte „Frösche im Meer“ durch: Sie darf mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und 25.000 Euro nach Hause gehen. Bov Bjerg erhält für seine Vater-Sohn-Erzählung „Serpentinen“ den Deutschlandfunk-Preis, der mit 12.500 Euro dotiert ist, und nach einer Zitterpartie setzte sich Dündar mit „und ich brenne“ gegen Joshua Groß und seinen Post-Pop-Text „Flexen in Miami“ für den Kelag-Preis durch. Warum Groß eine so große Lobby in der Jury hatte, ist schier unverständlich, warum Raphaela Edelbauer nach hinten durchgereicht wurde, ebenso. Den 3Sat-Preis nahm dann nicht sie, sondern Anna Stern für ihre seltsam ungeformte Unfallgeschichte „Warten auf Ava“ entgegen. So blieb es beim gemeinen Lesevolk, den Rest zu richten: Der Publikumspreis ging an Edelbauer und ihren etwas zu glatten, aber gut gearbeiteten Text „Das Loch“.

© ORFVon null auf hundert: Jurorin Insa Wilke

Trotz zweier neuer Gesichter blieb auch die Jury in ruhigem Fahrwasser. Insa Wilke, eine der Neuzugänge, setzte sich recht vehement für ihre Favoriten ein. Sie wurde auf der Website Literaturcafe.de in diesem Jahr zum beliebtesten Jurymitglied gewählt – quasi von null auf eins. Mit Nora Gomringer ist endlich auch wieder eine Autorin in der Jury vertreten, was der Sache guttut. Man möchte den übertragenden Fernsehsendern am liebsten einen Multistream mit NoraCam vorschlagen, denn ihr Gesicht sprach oft Bände und hatte den größten Schauwert im Studio. Verbal ließ sie sich zu oft das Wort abschneiden, was schade war. Frau Gomringer, nächstes Jahr bitte lauter!

Es klafft eine seltsame Lücke zwischen Texten, die sehr konventionell und glatt gearbeitet sind und jenen, die man am liebsten noch einmal einem Lektor vorlegen würde. Hat es die Jury wirklich so oft nötig, öde, aber wackelige Konfektionsware als großes Formexperiment zu verkaufen? Und ist wirklich jeder Text, in dem ein Mond vorkommt, ein romantisches Großereignis? Aber die Tradition, über die Textauswahl zu lamentieren, ist jahrzehntealt wie der Bewerb selbst – und jeder Kritiker ist auf seine eigene Weise mit der Auswahl unglücklich. Sonst hätte man ja auch gar keinen Gesprächsstoff beim Spritzer am Lendhafen.

08. Jul. 2018
von Andrea Diener

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07. Jul. 2018
von Andrea Diener
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Räuberpistolen aus der Arbeiterkneipe

© ORFÜberzeugte die Jury am dritten Lesetag: Özlem Özgül Dündars Mütterchor.

Vier Autoren haben den Lesetag am Samstag bestritten, eine echte Favoritin war dabei. Özlem Özgül Dündars vielstimmiger Solinger Mütterchor (Text) berichtet atmosphärisch dicht – ich benutze diesen Begriff nicht leichtfertig, hier aber ist er angebracht – vom Brandanschlag in Solingen vor 25 Jahren. Neben den Müttern, die das niedergebrannte Haus bewohnten, schaut er auch in den Kopf einer Tätermutter und stellt die Frage, was diesen Frauen gemeinsam ist und wie ein Weiterleben unter diesen Bedingungen möglich sein kann. Dündar bleibt dabei ihrer Perspektive der inneren Monologe treu und gerät nicht ins Berichten, deshalb geht dem Text erfreulicherweise alle Holzhammerhaftigkeit ab. Lesen lässt er sich aufgrund seiner durchgehenden Kleinschreibung und dem Verzicht auf Zeichensetzung nicht ganz leicht, man muss sich schon genau konzentrieren – oder ihn sich von der Autorin vorlesen lassen. Dass sich der Text seinem Zentrum, eben dem Brandanschlag, nur langsam nähere, sei ein enormer Gewinn beim Lesen, konstatiert Juror Klaus Kastberger. Die meisten Jurymitglieder schlossen sich seinem Lob an, nur Michael Wiederstein war Dündars Text zu explizit. Doch auch gegen Wiedersteins Widerstand wird „und ich brenne“ morgen sicherlich mit einem Preis bedacht werden.

Die anderen drei Kandidaten wirkten im Vergleich deutlich schwächer. Jakob Nolte eröffnete den Morgen mit dem „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“ (Text) – die rätselhaft ereignislose Schilderung eines Mexikoaufenthaltes mit reichlich Naturgeflimmer und einer Figur, die sich selbst beim Denken beobachtet. Nachdem man jahrelang die männliche schreibende Jugend am liebsten vor zu hemmungsloser, zu früher Thomas-Bernhard-Lektüre bewahren wollte, muss man den Jungs jetzt die Kracht-Bücher wegnehmen, so scheint’s. Es handele sich um das Tagebuch einer Selbstvergewisserung, erklärt sogleich Stefan Gmünder, Wilke vermutet eine grundsätzlich poetologische Intention und lobt „einige tolle Formulierungen“. Der mache doch nur Fehler, der Autor, so dagegen Winkels, das sei eben nicht schön und richtig erzählt, das dekonstruiere die klassische Erzählung. Damit bekräftigt er Wilkes Poetologiethese, ihr im Befund widersprechend, aber immerhin haben sich die beiden nicht im Text verlaufen wie Hildegard Keller, sondern die Ahnung, dass es nur um was ganz Großes gehen kann. Ein romantisches Großereignis sei das, so Winkels, Nora Gomringer dagegen findet Noltes Text eitel. Am Ende dieses fiktiven Tagebuches fahren die Erzählerin und ihre Begleiterin in die Mangroven und freuen sich: „ein einmaliges Erlebnis“ sei das. Eventuell gibt dieser fürchterliche Reisekatalogsatz einen Hinweis, in welche sprachdekonstruierende Richtung der Autor gedacht haben mag, allein, er tat es nicht sonderlich konsequent.

Immer, wenn man sich fragt, was um Himmels Willen man da gerade wieder gehört hat, kommt die Jury daher und erklärt, dass das jetzt witzig sein sollte. Kann man bitte einmal eine Kapazität wie Hans Mentz mit einer grundlegenden Humorschulung der deutschen Literaturkritik betrauen, möchte man seufzen, beugt sich also über die nächsten beiden Texte und schaut, was es da zu kichern geben soll. Stephan Groetzner (Text) verrührt in „DESTINATION:AUSTRIA“ irgendwie Moldawien, Österreich, die Wahl zur moldawischen Hanfkönigin und eine realexistierende steirische Weltmaschine zu etwas, von dem man dann auch nicht so genau weiß, aber immerhin klingt es lustig. Mit ein wenig gutem Willen lässt sich aus der Hanfköniginnenwahl eine Parabel auf die Bachmann-Lesesituation konstruieren, alle sind also entsprechend amüsiert, nur Klaus Kastberger ist genervt: Diese superlustigen Österreichklischees hat man doch nun wirklich schon hundertmal gehört, herrje. Witzischkeit kennt halt doch Grenzen, aber leider wirklich kein Pardon.

Der Frankfurter Autor Lennardt Loß macht leider den Fehler, in seinem Vorstellungsvideo zu erzählen, dass er, der er sonst dauernd unter Akademikern abhängt, zwecks Themenfindung ganz gerne in so richtig echte Arbeiterkneipen geht, in denen abgehalfterte Boxer herumhängen und ihm ein paar Geschichten mit Dreck unter den Nägeln liefern. Um Himmels Willen, was kommt jetzt? Jetzt kommt „Der Himmel über A9“ (Text), eine lustige Kolportage, die einen vermuten lässt, dass die echten Arbeiterkneipenabhänger dem Bub ein paar ganz schöne Räuberpistolen reingedrückt haben. Es geht grob um einen alten RAF-Bombenbauer, der unter falschem Namen als Zahntechniker lebt und auf einem Pazifikflug auf dem Weg nach Buenos Aires abstürzt, wo er einen Tierarzt hätte treffen sollen, der ihm eine Polizeikugel aus dem Bauch operieren sollte, die dort seit 17 Jahren steckt. Ja, gut. Eine paranoide Flugzeugangstphantasie sei das, so Hubert Winkels, nur dass dem Todesnahen nicht nur die eigene Lebensgeschichte, sondern gleich die der ganzen Bundesrepublik durch die Birne rauscht. Das sei eben eine Burleske, die sich ungehindert ausbreiten dürfe, das wolle gar keine plausible Geschichte erzählen. Schon zum zweiten Mal an diesem Lesetag diagnostiziert Winkels gewollte Scheußlichkeit, ums große, ganze Poetologische Willen. Man fragt sich. Und zum zweiten Mal ist es Klaus Kastberger, der den Partyschreck gibt und das jetzt einfach nicht witzig findet. Man dankt ihm im Stillen. Auch dafür, Bov Bjerg eingeladen zu haben, dessen Text ohne Fallen, Inversionen und Taschenspielertricks auskommt.

Morgen früh wird die Jury eine Shortlist aus sieben Autoren ausgewählt haben, auf der sich mit ziemlicher Sicherheit die Namen Bjerg, Maljartschuk und Dündar finden.

07. Jul. 2018
von Andrea Diener
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06. Jul. 2018
von Andrea Diener

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Probebohrungen bei der Pornozahnärztin

© ORFEin haushoher Favorit am zweiten Lesungstag: Bov Bjerg

Nach der Flaute des ersten Lesetages, der noch keinen Gewinnertext hervorbrachte, stellt sich die Sache am Freitag anders dar. Es wurde mehr gewagt, es wurde mehr gewonnen, und auch die diskussionsfreudige Jury war sich mitunter einig. Es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht am Nachmittag einen Siegertext gehört haben. Doch der Vormittag begann sicher nicht mit einem solchen.

Erotische Bekenntnisse von Zahnärztinnen sind in der deutschen Gegenwartsliteratur noch vergleichsweise rar. Insofern fügt Corinna T. Sievers (Text) mit „Der Nächste, bitte“ dem Genre durchaus Neues hinzu. Recht sachlich trägt hier die Inhaberin einer Kleinstadtpraxis ihre sexuellen Begegnungen mit Patienten vor und scheut auch nicht vor dem ein oder anderen drastischen Begriff zurück. Ein wenig verstört war die Jury von der „Zahnärztin, die davon besessen ist, dass Martin Walser in sie eingefahren ist“ (Klaus Kastberger) schon, und das nicht ganz zu Unrecht. Bemächtigt sich hier eine Frau einer männlich potenten Sprache, spricht man so halt einfach über Lust, ist das ein Spiel mit Fiktionalität, weil die Autorin bekennendermaßen selbst diesen Beruf ausübt? Eigentlich, so Insa Wilke, sei das doch ein Text über Ekel. Allerdings sei die Groteske nicht konsequent genug durchgeführt und bediene damit letztendlich doch eine Männerphantasie.

Genau das Gegenteil von plakativ der folgende Text von Ally Klein, deren Debütroman im August erscheint. „Carter“ heißt der Roman, und genauso heißt der Auszug, den Klein hier liest. Doch bis wir der gleichnamigen Figur begegnen, muss die Erzählerin eine veritable Panikattacke durchleiden, die ihre Wahrnehmung und Perspektiven verschiebt. Während die Schwarmintelligenz der Twitternutzer das sofort einordnet (und ich bin sehr dankbar dafür), tappt die Jury im Dunkeln. Winkels vermutet kosmologische Zusammenhänge, Hildegard Keller wird handwerklich und rät der Autorin, Adjektive zu streichen. Eventuell sei das ungenau, wendet Insa Wilke ein und fühlt sich sogleich kleinkariert. Es sei hier, so Klaus Kastberger, schwieriger, zu sagen, warum der Text schlecht sei als warum er gut sei, und alle bisher vorgebrachten Argumente würden der Intention nicht gerecht. Ob die Schwarmintelligenz recht hat und die Intention darin bestand, die Wahrnehmung eines Menschen während einer Panikattacke nachzuzeichnen, weiß nur die Autorin selbst – und der Rest dann, wenn der Roman erscheint.

Schon viele Autoren und Autorinnen mit osteuropäischen Wurzeln lasen in Klagenfurt, und oft waren sie höchst erfolgreich. Dana Grigorcea, Katja Petrowskaja, Saša Stanišić oder die jüngst mit dem Büchnerpreis ausgezeichnete Terézia Mora nahmen am Wettbewerb teil und gewannen Preise. In diesem Jahr war es Tanja Maljartschuk (Text), die auf Einladung von Stefan Gmünder die Geschichte einer vorsichtigen Annäherung zwischen einem Wanderarbeiter und einer alten dementen Dame las, und sicherlich nicht unbepreist nach Hause gehen wird. Endlich eine Geschichte! seufzte die Jury auf. So schlicht und doch so komplex! Man habe es mit einem Genre zu tun, so klärt Klaus Kastberger auf, das in Österreich recht verbreitet sei, nämlich das des Schelmenromans Schwejkscher Ausprägung, der unter osteuropäischen Arbeitsmigranten spielt. Warum oh warum, könnte man auch fragen, müssen Texte, in denen osteuropäische Arbeitsmigranten vorkommen, aber eigentlich immer, wirklich immer so klingen? Ist das irgendwie ästhetisch zu begründen – oder bedient es eher die Erwartung westeuropäischer Leser, die alles, was aus östlich von Wien kommt, bittschön gerne in diesem leicht naiv-verschmitztem Ton dargereicht bekommen wollen? Und ab wann gleitet so ein Ton in Kitsch ab? Fragen über Fragen, die die Jury sich heute aber nicht stellte.

Und auch beim nächsten Text hatte man wenig nachzubohren, dafür umso mehr zu jubeln, und zwar zu Recht. Bov Bjerg, seit seinem Roman „Auerhaus“ kein unbekannter Lesebühnenvorleser mehr, sondern veritabler Erfolgsschriftsteller, las eine beängstigend perfekte Kurzgeschichte mit dem Titel „Serpentinen“ (Text). Ein Vater, ein Sohn, Ferientage im Gebirge und viele Leerstellen, endlich einmal, und die größte Leerstelle ist die Mutter. Von den Vorfahren gibt der Erzähler preis, dass sie sich umgebracht haben, einer nach dem anderen verfiel dem Suizid, und was macht man mit so einer Familiengeschichte? Wie übt man sich im Überleben? Und mutet man das dem Sohn zu? Das ganze düstere Gepäck stellt Bjerg gleich an den Anfang, da steht es dann herum und dräut über die lapidar erzählten Ferientage in Museen und Höhlen und was sonst Jungs so Spaß macht hinweg. Spektakulär unspektakulär sei das, freut sich Insa Wilke. Jahrelange Bachmann-Zuschauer bekommen endlich die Antwort darauf, was für die ewig Radikalität einfordernde Hildegard Keller eigentlich radikal sei, nämlich das hier, was für eine Erlösung. Viele Einwände gibt es dann auch nicht, und wenn, dann nur mit dem Hinweis, dass das ja eh ein guter Text gewesen sei. Bov Bjerg weiß also hoffentlich, daß diese Plexiglasstelen, die man in Klagenfurt bekommt, im Handgepäck wirklich unhandlich sind und besorgt sich rechtzeitig irgendwo ein Leinensackerl.

Es gib wohl keinen undankbareren Startplatz als den nach Bov Bjerg, aber Anselm Neft musste da durch, und das auch noch an seinem Geburtstag. Sein Text trägt die Überschrift „Mach’s wie Miltos!“ und führt in die gespaltene Psyche eines Menschen, dem alles abhandenkam, sein bürgerliches Leben wie auch sein Selbstverständnis, und der nun mit Hund Lucy auf der Straße lebt. Der bürgerliche und Miltos spielen good Cop, bad Cop, zwei Seiten einer Medaille, aber wer sich hier wen einbildet, das bleibt erfreulich unscharf. Neft orchestriert seinen Text mit viel Verve und Schmackes, um die Leser und Zuhörer für das Schicksal seines Protagonisten zu gewinnen – und hätte doch besser auf seine Figur vertraut, die nun wirklich interessant genug ist. Juror Hubert Winkels fühlt sich emotional erpresst, und Klaus Kastberger vermutet, dass das eher für eine große Bühne gemacht sei, nicht für eine intime Lesesituation wie hier im Studio.

Am Samstag folgen vier weitere Autoren, dann muss sich die Jury auf eine Shortlist einigen – und das Publikum darf über den Publikumspreisträger abstimmen, bevor am Sonntag die Preise verliehen werden.

06. Jul. 2018
von Andrea Diener

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05. Jul. 2018
von Andrea Diener
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Prekärer Hustle in der Sahara

© ORFJury-Neuzugang Insa Wilke, energisch argumentierend

Wie fängt man einen Lesetag an, wenn die Klagenfurter Rede zur Literatur überraschenderweise furios ausfiel – weil man Feridun Zaimoglu eingeladen hat, der mit einiger Sprachgewalt Partei bezog gegen alle, die meinen, andere ausgrenzen zu müssen? Der gegen das vermeintlich so heimatliche Getümel anredete, das letztendlich doch nichts als ein Gewaltakt ist? Dass es die Lesenden danach nicht ganz leicht haben würden, das war abzusehen.

Der Wettbewerb begann mit einem Text, der wie für Klagenfurt gemacht schien und es vermutlich auch war. Die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer (Text) widmete sich in „Das Loch“ einer Stadt und den geographischen Verwerfungen darunter. Sie schickte einen Auffüllungstechniker in eine Kleinstadt, die aufgrund einer instabilen Bergwerksgrube einzustürzen droht, was einigen Anlass zur Verwendung interessant klingenden Fachvokabulars bietet, andererseits ein Metaphernfeld eröffnet, in dem die Erde immer wieder in die Nähe des menschlichen Körpers gerückt wurde. „Alle Männer sind Auffüllungstechniker“, stellte denn auch Jury-Neuzugang Nora Gomringer fest. (Nach diesem wunderbaren Kalauer sorgte in der zweiten Hälfte des Lesetages vor allem ihr Shirt für Aufmerksamkeit, das eng mit bunten Angela-Merkel-Konterfeis bedruckt war – und das ist nun gar nicht despektierlich gemeint.) Dazu kommt die geschichtliche Ebene, nämlich das Arbeitslager, das die Städter gerne vergessen würden, aber nicht können, solange das instabile Loch sie daran erinnert. Worin genau der Mehrwert des sprachlichen Aufwands bestehen soll, außer, dass das alles gut gemacht ist, war dann leider nicht plausibel. Trotz des miserablen ersten Startplatzes und des etwas zu glatten Textes könnte Edelbauer dennoch auf die Shortlist kommen.

Die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher konnte mit ihrem „Schnittmuster“ (Text) hingegen weniger überzeugen. Eine Tote erzählt hier, die zeit ihres Lebens dem Schweizer Quietismus nicht entkommen kann, eben dem Schnittmuster, den die Gesellschaft für die Schneiderin vorgesehen hat. Leider entkommt auch der Text dem nicht, obwohl sich am Ende eine unerwartete, kafkaeske Metamorphose vollzieht. Er phraselt allzu betulich vor sich hin, hangelt sich von einem Diminuitiv zum nächsten, inventarisiert die Acessoires des bürgerlichen Lebens (Satinwäsche, Tafelsiber) und verdeutlicht nicht die Enge und Dunkelheit, die einem solchen Leben innewohnt. Das ist sogar Jurymitglied Stefan Gmünder zu langsam.

Stefan Lohses Text muss man genau lesen. Sonst entgeht einem, dass hier zwei Jungs aus prekären Verhältnissen sich irgendwo zwischen dem Sandhaufen einer Investitionsruine – von den Anwohnern liebevoll Sahara genannt – und einer trostlosen Wohnsiedlung einander zart annähern. Einer der beiden identifiziert sich seit Schulzeiten mit Patrice Lumumba, dem kongolesischen Freiheitskämpfer, er wird sogar von seinen Freunden so genannt. Statt etwas über die Genese dieser Faszination zu erzählen, repetiert Lohse dann aber leider die Wikipediafakten, das man über Lumumba und seinen Kampf gegen die belgische Kolonialregierung überall nachlesen kann und zieht damit den Fokus weg von seinen Jungs hin zu unangenehm bildungshubernden Informationsbröckchen, die er dazu dann auch noch gefunden hat. Das stellt sein erzählerisches Unterfangen in ein ungutes Licht: Warum muss er die Kolonialgeschichte bemühen, um etwas über zwei deutsche Jungs in ihren spätpubertären Wirren zu vermitteln? Hätte es nicht gereicht, sich für seine Protagonisten zu interessieren und nicht so viel Expertentum auszustellen? Die Jury hingegen hat – Klaus Kastberger ausgenommen – wenig zu bemängeln. Das sei doch ein guter Eingang für eine größere Auseinandersetzung mit dem Thema, freut sich Insa Wilke, der zweite Neuzugang in diesem Jahr. Und damit liegt die Latte für literarisches Lob nun so niedrig, dass man für weitere Absenkungen den Spaten braucht.

Mit einem Rätsel tritt Anna Stern (Text) an, nach Martina Clavadetscher bereits die zweite Autorin, die auf Einladung von Hildegard Keller ins Rennen geht. Eine Frau liegt in einer Klinik im schottischen Inverness schwanger im Koma, und an ihr Bett treten reihenweise Besucher und reden zu ihr. Bald wird klar, dass sie allein in die Berge gewandert ist und ein Suchtrupp sie unter dem Flügel eines im Jahr 1951 abgestürzten Flugzeugs fand. Aber warum interessiert sich die Autorin dafür, und warum sollen wir uns dafür interessieren? Verschiedene Arten zu trauern führe sie hier vor, findet Insa Wilke auf der einen Seite, und Stefan Gmünder glaubt, der Text würde zum Opfer seiner eigenen Diskretion. Selten war die Jury so ratlos.

Ins heftige Debattieren geriet sie dann noch einmal über den letzten Text des ersten Tages. Joshua Groß (Text) liest auf Einladung Insa Wilkes. Er ist einer der jungen Autoren des ebenso jungen Korbinian-Verlages und fiel zuletzt mit dem schönen Titel „Flauschkontraste“ auf, der dem Klagenfurttitel „Flexen in Miami“ um nichts nachsteht. Titel kann er also, aber Texte? Ein junger Mann wohnt in Miami einem Basketballspiel bei, denn er tappt in die Falle des „prekären Hustle“, den ihm seine Eltern vorgelebt haben, obwohl er eigentlich auf der Suche nach Mystik und Existenzialismus ist, was immer er sich darunter vorstellt. Er feiert dann mit Claire, Charlotte kotzt ihm aufs Hemd, er denkt an einen Satz von Wolfgang Borchert, so haben alle was zu tun. Claire redet über BSE und alle fahren im Taxi nach Hause. Tja. „Der Sound“, „der Groove“, freut sich Hildegard Keller sogleich, Hubert Winkels diagnostiziert eine Schwere, die da sei, und meint anscheinend eine Leif-Randteske Unheimlichkeit unter der vollgestellten Oberfläche. Insa Wilke jubelt, dass man genau diesen Text im Jahr 2099 in Schulbüchern lesen werde, während Nora Gomringer als bekennende „schwerfällige Traditionalistin“ skeptisch ist. Es gibt immer wieder diese Klagenfurt-Texte, die sich mit Zeitgenossentum möblieren, die mit Aktualitäts-Buzzwords um sich feuern, bei denen einzelne Juroren jubelnd von Welthaltigkeit schwadronieren und davon, wie heutig das sei, wenn da Drogen und Mobiltelefone vorkommen. Man möchte solche Juroren dann immer gern an die Hand nehmen und behutsam in die blinkende, bunte Welt des gegenwärtigen Internetzeitalters führen. Und ihnen erklären, dass es manchmal ehrlicher ist, sich in Kenntnis all dessen als Traditionalistin zu fühlen, statt die Wunderwelt der Gegenwart von ferne zu bestaunen und vorsorglich schon einmal als ästhetisch relevant einzustufen.

Morgen lesen wir uns wieder – nach einem zweiten, hoffentlich erfreulicheren Wettbewerbstag.

05. Jul. 2018
von Andrea Diener
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04. Jul. 2018
von Andrea Diener

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Bachmannpreis: Alle in den Startlöchern

Wieder einmal trifft sich der deutschsprachige Literaturbetrieb am Strand des Wörthersees zum Betriebsausflug. Aber irgendwo zwischen Badehose und Schaumrolle gilt es, den Pflichtteil zu absolvieren – die Lesungen der jungen und halbjungen Autorinnen und Autoren, derentwegen man überhaupt nach Klagenfurt gereist ist. Die Teilnehmer finden sich hier. Die Reihenfolge wird, wie immer, nach der jährlichen Rede zur Lage der Literatur, die Feridun Zaimoglu halten wird, am Mittwochabend ausgelost. Und ab Donnerstag sind wir dabei und kommentieren jeweils die Lesung des Tages. Sonntag, wenn die Jury abstimmt, werden Sie auch bei uns den Gewinner und ein Resümee lesen können. (Weitere Artikel zum Bachmannpreis finden Sie unter dem entsprechenden Schlagwort, zum Beispiel die Sieger des Vorjahres.)

04. Jul. 2018
von Andrea Diener

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15. Okt. 2017
von Julia Bähr
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Es ist nicht vorbei

Liebe Leserin, lieber Leser,

üblicherweise sagen wir um diese Zeit an diesem Ort: Die Messe ist zu Ende, das war’s für dieses Jahr. 2017 können wir das nicht sagen. Die Messe ist zu Ende, aber es sind dort Dinge vorgefallen, über die wir noch lange diskutieren werden.  Was mit friedlichen Protesten vor den Ständen der rechten Verlage begann, endete mit Prügeln, Verwüstungen, Beschimpfungen und einem halbgaren Statement der Buchmesse. Zumindest eines ist jetzt geklärt: Die Buchmesse ist kein Kurator, der gezielt Veranstalter ausschließt, sondern ein Organisator, der allen Platz gibt. Dass man allerdings auch als Organisator Risiken im Vorfeld einschränken könnte, indem man etwa die linken und rechten kleinen Verlage nicht in der gleichen Ecke plaziert, wäre eine Erwägung wert – selbst wenn die Aussteller selbst das durchaus spannend fanden, weil sie die Debatte schätzen.

Aber warum wurde die Debatte ausgerechnet in diesem Jahr zur gewalttätigen Konfrontation? Diese Verlage sitzen seit Jahr und Tag nicht durch Panzerglas getrennt. Hängt die Eskalation vielleicht mit dem Wahlergebnis der AfD zusammen: Haben die einen das Gefühl, sie müssten jetzt noch mehr gegen rechtes Gedankengut unternehmen, während die anderen denken, sie sind nun legitimiert, darauf mit Gewalt zu reagieren? Weiterlesen →

15. Okt. 2017
von Julia Bähr
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15. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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Harald Glööckler – ein Streiter Christi

© Felix-Emeric TotaMacht jetzt auch in Bibeln: Harald Glööckler

Die Aufregung am Buchmessenstand der „Deutschen Bibelgesellschaft“ ist groß. Denn gleich kommt Harald Glööckler, auf seinem bunten Kreuzzug der Extravaganz. Seine Anhänger sind bereits zahlreich anwesend und bis an die Zähne bewaffnet mit Autogrammkarten – deshalb wird er von seinen Bodyguards abgeschirmt. Noch! Denn nach der Veranstaltung wird er sich Zeit für sie und ihre Karten nehmen und sich auf  ein Menschenbad einlassen. Die Rettungsringe trägt er an seinen Fingern. Groß und funkelnd sind sie, wie auch die Augen der Glööckler-Pilger bei seinem Anblick. Doch weswegen sind sie eigentlich alle hier versammelt? Aus dem selben Grund wie er auch: um sein neustes Produkt zu preisen.

Von Mode, Schmuck und Beauty-Artikeln über Bettwäsche bis hin zur Tapete: für jede Lebenslage hat Harald Glööckler etwas in seinem Sortiment. Um dieses Konzept von der Ding-Ebene auf die Geistige zu heben, stockt er seine Produktpalette nun um ein weiteres Manufakt auf: Eine Bibel. Ja, genau. Ich wiederhole: Harald Glööckler, der Mann mit dem Filzstiftbart, hat seine eigene Bibel designt. Amen.

 

Und diese stellt er auf der Bühne der „Deutschen Bibelgesellschaft“ im Gespräch vor. Der Stand ist mit kleinen Kaffeetischen versehen, auf denen diese großartigen Arztbonbons liegen (von denen im Übrigen niemand den offiziellen Namen kennt, auch nicht die Zuckerbäcker, die sie herstellen!). Dazu werden Kaffee und Glööckler-Postkarten gereicht.  Am Nebentisch sitzt eine Gruppe Frauen mittleren Alters, die zwar für Glööckler angereist ist, so jedoch auch am heimischen Wohnzimmertisch sitzen könnte. Die Damen lachen viel und unterhalten sich über die großen Themen der Welt – Geld, Liebe, Freundschaft, die eigenen Krankheiten – und empfehlen sich gegenseitig ihre Ärzte in Mikrorezensionen: „Dr. Graf ist ein brillanter Diagnostiker, doch man muss immer so lange bei ihm warten. In der Zeit wird man fast schon von allein wieder gesund.“ Das alles, Arztbonbons und Kaffeeklatsch, sorgt für eine wirklich familiäre Grundstimmung vor der Veranstaltung. Und dann wird es voll. Der Glööckler kommt, der Glööckler spricht.

Convenience-Gabentisch der Spitzenklasse: (v.l.) Glööckler, Arztbonbons und Medizinerrezensionen

Bei der schrillen Sonderedition handelt es sich um eine Lutherbibel, die von der „Deutschen Bibelgesellschaft“ bei Glööckler in Auftrag geben wurde. „Man muss provozieren, sonst entsteht kein Gespräch“, sagt er auf der Bühne. Das scheint wohl auch die Intention der Auftraggeber gewesen zu sein. Und so kam denn ein weiterer Merchandise-Artikel in die Welt. Das jetzige Cover des Schmuckschubers ist um das Thema Paradies und um Harald Glööcklers Gesicht herum gestaltet. Schriftzuglos steht er auf einem Schachbrettboden, umrankt von paradiesischer Botanik und neben seinem Hund, Billy King. Und das alles in einem wundervollen Wackel- bzw. Linsenrasterbild-Finish. Nur auf dem Buchrücken lässt sich erkennen, dass es sich um eine Bibel handelt. Einen der ersten Entwürfe für die Edition hat Glööckler thematisch um „Perlen vor die Säue“ angelegt, doch dann war ihm das Paradies nach eigener Aussage wichtiger. Die Bibel sollte man nach Glööcklers Meinung zur Lektüre nutzen und als Ratgeber im Alltag. Er selbst ist protestantisch getauft und hat sie gelesen. Sowie aber auch den Koran und diverse buddhistische Schriften.

Zudem erklärte Glööckler, habe er in einem Gottesdienst als Kind den Innenraum einer Kirche betrachtet und sich gedacht, „die könnte aber auch ein paar Kronleuchter vertragen“. Als er nach diesem Gottesdienst darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Luther das Pompöse aus den Kirchen entfernt habe, schien ihm Luthers Entrümpelung suspekt. Das glaubt man dem Mann mit den dicken Ringen an den Fingern sofort. Es muss halt was Besonderes sein. Das Business zwischen frommem Leben und Coffeetablebook ist hart umkämpft.

15. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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14. Okt. 2017
von Andrea Diener

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Von Aha bis Uff: Wie man eine Geschichte erzählt

© dpaWas macht den Helden zum Helden? Martin Freeman als Hobbit.

Die Buchmesse ist – vielleicht mehr als andere Messen, auf denen sich alle irgendwie auf den Verkauf von Sanitärzubehör oder Weihnachtsdekoration einigen können – eine Messe der Paralleluniversen. Was auch daran liegt, dass Bücher mit ihrem Nimbus als Kulturgut diversen Diskursen ausgesetzt sind, was vielleicht weniger an den Büchern liegt als an den Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen. Gräben werden gezogen, Distinktionsdünkel vorgeworfen, Posen und Positionen eingenommen, die nur wenig mit dem zu tun haben, was man mit einem Buch gemeinhin tut, nämlich lesen. Oder mit dem, was getan werden muss, damit ein Buch entsteht, nämlich schreiben.

In Halle 3.0 traf sich an diesem Samstag erstens alles, was Flügelchen oder Elfenöhrchen hatte und zweitens die Selfpublisher. Und während das Schreiben in dem Universum, das den Diskurs über Gegenwartsliteratur bestimmt (Sie dürfen das jetzt gerne als Feuilleton bezeichnen, doch, doch), ein immer noch sehr hermetischer Prozess ist, der sich gut verborgen in dunklen Dichterköpfen abspielt, so spricht man am Book-on-Demand-Stand darüber wie über eine mathematische Gleichung mit einer Unbekannten: Manchmal bisschen knifflig, aber meistens doch lösbar.

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14. Okt. 2017
von Andrea Diener

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14. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota
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Der humanoide Lügendetektor will wissen: In welcher Hand ist das Bonbon?

© Picture AllianceGleich werde ich dieses Bonbon verschwinden lassen. Sie werden sich wundern.

„Kein Gehirn ist vor ihm sicher“, heißt es herausfordernd in dem Showreel, das vor Tobias Heinemanns Auftritt auf der Buchmesse gezeigt wird. In dem Zusammenschnitt  seiner Fernseh-Auftritte wird ebenfalls erwähnt, dass er manchmal einen Sinn ausschaltet, um die übrigen zu schärfen. Und der ganze Rest, der so gesagt wird, wenn es um Magier, Illusionisten, Hypnotiseure oder Mentalisten geht, bleibt natürlich auch nicht unausgesprochen. Eine Stimmungsmache wie bei einer Show von David Copperfield oder zumindest Hans Klok – aber genau dafür ist das Publikum ja auch gekommen. Zahlreich und bereit, sehr, sehr clever zu sein, wenn Tobias Heinemann versucht sie – in guter alter Showmanship – zu verführen.

© Felix-Emeric Tota„Kommen Sie doch mal auf die Bühne.“

Doch Gott sei Dank kommt nach dem ganzen Bohei keine wild gesprayte Frisur und keine Las-Vegas-Jacke auf die Bühne, sondern ein Mann, der ein Buch geschrieben hat. „Entfessle dein Potenzial: Stärke deine Intuition für mehr Erfolg und Lebensqualität“, heißt es und gibt Tipps, wie man seine Mitmenschen manipuliert. Und Tobias Heinemann zeigt selbst, wie gut er mit Menschen umgehen, soll heißen: sie charmant hintergehen kann. Er macht den Test und bittet alle Anwesenden aufzustehen, und ihm nachzumachen, was er gerade erklärt: „Die Arme ausstrecken und den rechten Zeigefinger mit dem Daumen bitte zum festen Kreis machen und zum Kinn führen.“ Während er „Kinn“ sagt, zieht er seine Hand zur Schläfe und ein Großteil der Anwesenden macht es ihm nach. Daraufhin erklärt er, wie einfach es ist, durch nonverbale Signale Leute zu manipulieren – das Publikum klatscht, als hätte er der Schwerkraft getrotzt.

© Felix-Emeric TotaDer Mentalist zeigt seine Kunst: „In welcher Hand ist das Bonbon?“

Die Show geht weiter, das nächste Experiment wird süß. Er gibt einer Dame auf der Bühne ein Bonbon in die Hand und bittet sie, es in einer Hand zu verstecken. (Spoiler Alert!) Natürlich findet Heinemann bei allen drei Versuchen heraus, in welcher Hand sie es hielt. Um irgendwann die Schwierigkeit bei seinen Vorführungen zu steigern, schaltet er für die nächsten Nummern einen Sinn aus. Den Seh-Sinn. Es wurde ja schon so im Showreel angekündigt.

Dafür klebt er sich zwei Schweizer Franken mit Gaffer-Tape auf die Augen und knotet sich auch noch eine Augenbinde um den Kopf. Trotzdem findet Heinemann heraus, was der Herr auf der Bühne aus seiner Hosentasche gezogen hat (eine Gehörschutz-Schachtel) und mit welchem Gegenstand aus dem Publikum eine weitere Dame zurück auf die Bühne steigt: eine bunte Katzenmaske aus Plastik. Das Publikum klatscht wieder Applaus, als hätte Tobias Heinemann erneut der Schwerkraft getrotzt und diesmal auch noch unter Lasershow einen weißen Tiger aus dem Hut gezogen.

Ja, so was möchte man sehen, und ja, irgendwann fängt man an, das Publikum zu beobachten. Wie es vom Ehrgeiz gepackt wird, genau aufzupassen, nicht ertappt zu werden und sehr, sehr clever zu sein – um am Ende doch immer wieder scheitern. Und irgendwann stellt sich die Frage: Warum sind Menschen eigentlich so fasziniert davon, sehenden Auges ausgetrickst zu werden?

14. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota
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14. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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Auf der Party-Treppe: Hotlist 2017

Bei der Hotlist-Party geht es prinzipiell um zwei Dinge: 1. Die Verleihung des Hotlist-Preises (Brigitta Falkner: „Strategien der Wirtsfindung“, Matthes und Seitz) und des Melusine-Huss-Preises (Lutz Täufers: „Über Grenzen“, Assoziation A). Und 2., dem gemütlichen Teil des Abends: Rauchen um die Wette mit sich selbst auf der Treppe des Literaturhauses Frankfurt. Dabei war es mal wieder ein Abend wie bei der Mini Playback Show: Alle waren Sieger.

Partyerfassung: Felix-Emeric Tota

14. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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14. Okt. 2017
von Andrea Diener

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Auf der Partymeile: Kuschelrock bei Titanic

Dealt with it, Mainstreamverlage: Lebenszugewandter als bei Titanic genießt man nirgends die Messenacht. Deshalb strömt es bis Redaktionsschluß immer noch fleißig in den Kanuclub und die Erfassung muss als vorläufig bezeichnet werden. Wer weiß, vielleicht kommt der Macron doch noch.

Partyerfassung: Andrea Diener

14. Okt. 2017
von Andrea Diener

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13. Okt. 2017
von Julia Bähr
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Der Untergang des Abendlandes ist verschoben

Weil doch immer alle fragen, wo sie sind, die jungen Leute, und wofür sie sich begeistern: Hier sind sie. Sitzen auf Papphockern herum oder drängen sich dahinter und warten auf die Verleihung des ersten deutschen Buchblog Awards, als hätte es nie eine Diskussion darüber gegeben, ob die jungen Leute heutzutage nur noch in Smartphones gucken statt in Bücher. Denn hier könnten die Bedenkenträger erleben, wie sehr Buch und Handys einander befruchten: Mehrere Hände gehen in die Luft und streamen via Facebook live die Verleihung eines Preises, für den unter anderem Vlogs nominiert sind, die mit Handys aufgenommen und ins Internet gestellt wurden. Because it’s 2017.

Damit ist der Untergang des Abendlandes wohl mal wieder verschoben; wir hätten ja eh alle nichts anzuziehen gehabt. Also können wir unsere Zeit jetzt auf andere fruchtlose Diskussionen verwenden: Heißt es der oder das Blog? „Diese Frage hört nie auf, brennend zu sein“, findet die moderierende Kleinverlegerin Christiane Frohmann, was ein paar Anfangszwanziger im Publikum mit „Hä?!“ kommentieren. Da scheint also nicht allzu viel zu brennen, und auch die anschließend heraufbeschworene Kluft zwischen der Literaturkritik im Feuilleton (bildungsbürgerlich) und Buchblogs (keine Angst vor Genre-Romanen) wird kurz darauf an Ort und Stelle beigelegt: Weil Buchhändlerin Sarah Reul, die unter dem Namen Pinkfisch bloggt, erfrischenderweise um Handzeichen bittet, ob das Thema durch ist, und das Votum einhellig ausfällt.

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13. Okt. 2017
von Julia Bähr
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13. Okt. 2017
von Andrea Diener
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Ein schöner Verriss ist auch ein Geschenk

© ORF/Puch JohannesWarum tun die sich das an? Jackie Thomae bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Es könnte mit dem Autorendasein so schön sein, gäbe es diese lästigen Kritiker (ja, auch uns) nicht. Die in der Zeitung gehen ja noch (uff), die bei Amazon kann man zur Not auch ignorieren, wenn einer dem Buch zwei Sterne gibt, weil die Post mal wieder den Umschlag geknickt hat. Schwieriger ist es, wenn man gleich einem ganzen Rudel von ihnen leibhaftig gegenübertritt, wie es beim Bachmann-Wettbewerb der Fall ist, der Topmodelshow des Bildungsbürgertums, so Moderatorin und Verlegerin Christiane Frohmann. Was richtet das, was richtet Kritik allgemein im Inneren des Autors an? Eine Diskussion auf der Orbanism-Bühne wollte dieser Frage nachgehen. Es war dann aber vor allem Thomae, die zu einer Antwort beitragen konnte.

Das liegt vor allem daran, dass sie im Sommer nicht davor zurückgeschreckt ist, in Klagenfurt vor einem Kritikerpodium zu lesen. Einer der Juroren, so berichtet sie, ist immer der Dieter Bohlen, und einige ergehen sich immer in Thomas-Bernhard-Vergleichen, anstatt mal wirklich genau zu berichten, was einen Text und dessen Sprache wirklich ausmacht. Zu lang, zu staubig, zu österreichisch findet Kritiker Stefan Mesch die Angelegenheit und Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski würde gerne mal einen belesenen Fliesenleger oder eine Lehrerin in die Jury einladen, an denen der Bullshit abprallt. Jüngeren Autoren raten viele Verleger und Agenten ohnehin von der Teilnahme ab, berichtet Thomae, sie hingegen habe sich reif genug gefühlt und geistig gewappnet, indem sie mit dem Schlimmsten rechnete. Und dann guckt man besser nicht auf Twitter: Schöne Stimme, schön gelesen, lauteten da die Urteile zu ihrem Vortrag. Sicher ein Kompliment, aber das will man als Autor ja auch nicht hören.

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13. Okt. 2017
von Andrea Diener
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13. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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Der Bücher-DJ soll mal lauter drehen! Ich will lesen!

Wenn man so in die Welt hineinhört, dann könnte man meinen, der DJ hat in der Musik die Band abgelöst. Doch gibt es eigentlich eine vergleichbare Veränderung in der Literatur? Auf der Frankfurter Buchmesse wird jedenfalls ein Bücher-DJ vorgestellt – mit Mischpult, Touch-Funktion und eigenem Hashtag. Zeit für einen Besuch beim „mvb“, dem Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels!

Getanzt wird am Stand des mvb nicht. Klar, der normale Buchmessen-Besucher bekommt seine Schwungmasse oft nicht in Gang, aber um das Tanzen geht es hier auch gar nicht. Auch nicht um Lieder, die in Büchern vorkommen. Dem mvb ging es vielmehr darum, zu zeigen, was man mit Metadaten für die Literatur, die Literaturvermittlung und den Buchhandel machen kann. Und dafür haben sie – richtig – einen Tisch bauen lassen, der aussieht wie aus einer Raumstation in einem Star Trek Film. An ihn können sich nun Unentschlossene stellen, die zwar ein Buch lesen wollen, aber nicht wissen, was für eines. Sie müssen dafür nur an den Reglern „Genre“, „Region“ und „Farbe“ drehen – und schon spuckt die Nutzeroberfläche Bücher aus, die mit den Nutzerpräferenzen übereinstimmen.

13. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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13. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota
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Politischer Büchervandalismus: Ein Fall für die Polizei

© dpaVorgestern wurde noch friedlich vor den Ständen rechter Verlage demonstriert.

In der Buchmessennacht von Donnerstag auf Freitag wurde der Stand vom „Manuskriptum Verlag“ und von „Tumult“ , einem Magazin, das sich als „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“ bezeichnet, beschädigt und leergeräumt. Verlag und Zeitschrift werden kontroverse, rechte Inhalte zugeschrieben. Am Morgen fanden die Betreiber die Regale des Standes leer vor. Alle Bücher wurden entwendet. Zudem wurde ein Prospekt für ein Buch von Rolf Peter Sieferle mit obszönen Zeichen beschmiert und auf dem Fußboden wurde Unrat vorgefunden. „Tumult“ sagte, die Kriminalpolizei sei bereits am Morgen vor Ort gewesen und hätte eine Anzeige aufgenommen. „Manuskriptum Verlag“ sagte: „Wir machen einfach weiter.“

13. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota
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