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Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 2019

Französinnen, ihr habt es besser!

| 26 Lesermeinungen

© picture alliance / Everett ColleIsabelle Huppert in „Falsche Vertraulichkeiten“: Gibt es in Deutschland überhaupt Filmrollen für Frauen über sechzig?

Das Klischee geht ungefähr so: In Frankreich sind alle Frauen elegant, verführerisch und feminin, deutsche Frauen hingegen sind verbissene Spaßbremsen, flirten können sie auch nicht und womöglich sind sie auch noch unrasiert und Feministin. Das stellt Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, erst einmal so in den Raum des Lesezeltes, denn es ist ja nicht ganz aus der Luft gegriffen und womöglich hat es, wie viele Klischees, einen wahren Kern. Vergleichen wir also einmal Gastland und Gastgeberland anhand seiner Frauen – und den Lebensbedingungen diesseits und jenseits des Rheins.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler erzählt, ihr Mann, der Verleger Hubert Burda, sage gern: „Oh, so jung und schon Französin“, als sei das eine Auszeichnung.  Maria Furtwängler erzählt in dieser Runde noch so einiges, zum Glück aber recht wenig über ihren Mann. Dafür aber, dass sie eine Studie initiiert hat, die Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen untersucht. Und die ergibt, dass in Deutschland Frauenrollen vor allem in Beziehungszusammenhängen vorkommen, nämlich im Alter zwischen zwanzig und dreißig. Für Frauen über vierzig gibt es hingegen kein Narrativ, die verschwinden einfach, die werden nicht dargestellt, über die gibt es anscheinend nichts zu erzählen. Über Männer diesen Alters hingegen schon. In Frankreich haben Frauen kein Alter, so lautet ein Bonmot des Modeschöpfers Yves Saint Laurent, in Deutschland haben sie vor allem ein Verfallsdatum. Vielleicht kommt daher diese gewisse Bitterkeit deutscher Frauen, so Furtwängler am Ende des Gesprächs, wenn es um den Feminismus geht – weil deutsche Frauen noch viel abhängiger seien.

Furtwängler zur Seite springt die Professorin für französische Literaturwissenschaft Barbara Vinken, selbst in Frankreich aufgewachsen. Es gebe in Frankreich eine große Bewunderung für alles Weibliche, was auch bedeutet, dass Intellektuelle ihrer Weiblichkeit nicht abschwören müssen, um ernst genommen zu werden. Das sehe man ja schon an den Haaren, so Rüdiger Suchsland, Filmkritiker und Quotenmann der Runde: Französinnen schnitten sich auch im Alter ihre Haare nicht ab. Hierzulande war es das erste, was eine Ursula von der Leyen tat, als sie ihren Ministerposten bekam. In Deutschland stehe das Weibliche sofort unter Verdacht und sei mit dem Intellektuellen kaum vereinbar.

Na, da haben sich die Pariserinnen ja erfolgreich vermarktet, so Journalistin und Deutschland-Korrespondentin Cecile Calla. So ganz paradiesisch ungezwungen gingen die Geschlechter seit der Affäre Strauss-Kahn auch in Frankreich nicht mehr miteinander um. Zwar werde die Kultur der Begierde und der Verführung noch immer als nationales Gut angesehen, doch sprächen immer mehr Frauen über Belästigungen durch Männer und man werde sich der Grenzen langsam bewusster.

Ganz anders als in Deutschland sei in Frankreich hingegen das Bild vom Muttersein. Niemand werde als Rabenmutter angesehen, wenn man sein Kind in die Krippe gebe, ganz im Gegenteil: Es gebe durchaus einen Druck, nach der Geburt schnell wieder seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, berichtet Calla. Das habe sich bereits seit dem 18. Jahrhundert in diese Richtung entwickelt, damals gab es für die Städterinnen Ammen, die sich um die Kinder kümmerten. Und wenn Kinder zu Hause bleiben, so befürchtet man heute, sie entwickelten keine sozialen Kompetenzen. Allerdings gebe es auch da langsam eine Gegenbewegung, so Calla, denn nicht alle Frauen mache dieses Modell glücklich. Auch hier ist das wieder eine Frage des Medienbilds, das der Wirklichkeit vorausgeht. In Frankreich seien Mütter in Filmen oft sehr erotisch, in Deutschland seien sie eher tabuisiert, so Barbara Vinken. Unser deutsches Muttermodell hingegen sei gescheitert, denn dabei verlieren alle.

Egal, wie man das Gespräch drehte und wendete: Die Französinnen scheinen freier zu leben, mit weniger Druck und mehr Entscheidungsfreiheit. Vielleicht liegt darin ihr größeres Selbstvertrauen begründet. Und darin, dass ihnen das Kino noch erzählenswerte Leben zutraut, auch wenn sie – und die Schauspielerinnen, die sie darstellen – die vierzig, fünfzig oder sechzig Jahre überschritten haben. Sie sind ganz wunderbar, weil sie wunderbar sein dürfen. Liebes deutsches Kino, liebes Fernsehen: Ihr seid jetzt dran.


26 Lesermeinungen

  1. Gesetzgebung
    In Frankreich zollt man den Frauen auch dadurch Respekt,
    daß Prostitution, wie beim deutschen grünen Sonderweg,
    kein Beruf wie jeder andere ist.
    Der Mann kauft, die Frau funktioniert, ist keine Option.
    Ähnlich in Schweden and so on!
    Stopp Sexkauf, dann ändert sich auch der männliche Blick!

    • Was für ein Blödsinn
      Hauptsache, mal wieder weit abseits vom Thema unterwegs? Das ist Ihnen gelungen.

  2. Neulich in Wanne-Eickel
    Es gibt hier und dort auch noch andere. Eine Belgierin, eine Dänin, eine Kenianerin, eine Chinesin, eine Polin, eine Holländerin gar. Weder am französischen noch am deutschen Wesen wird die Welt genesen. Geht raus, schaut Euch um, geniesst! Das klappt auch in Wanne-Eickel (neulich), und in Bielefeld sowieso. Das gibt’s ja gar nicht.

  3. Sehr amüsant....
    Aber das hier aufgezeigte Problem ist eine Oberschichten Problem, jedenfalls weitgehend. Das hängt damit zusammen, dass die deutsche Emanzipationsbewegung mit etwas Bildung glaub bzw. propagiert, das sexuelle Austrahlung im Gegensatz zum Intellekt stünde. Was seine Wurzel eher einer protestantisch prüden Reaktion auf die naiven Rollenverständnisse der 50ziger und 60ziger darstellt.
    Mit der viel verspotteten „Girlymode“ hat sich das teilweise geändert, sicher nicht immer stilsicher, aber der damalige Spott und die Vorstellungen von Feministinnen erklären den Unterschied mehr als ausreichend.
    Französinnen haben wohl kaum andere Probleme, aber ihre Oberschichten haben eben eine andere Haltung dazu. Weniger engstirnig, prüde und verbissen.

  4. Vorurteile
    Zugegeben, ich oute mich als frankophil. Kenne Haeberlin, Grand Vefour und Tour d´àrgent und sogar das Crocodile in Strasburg. Dazu einige aus Relais et Chateau und Orte von der d´Azur über Biarritz bis Deauville und Trouvile und Calais. Bin tagelang auf der Suche nach attraktiven Frauen durch Paris gelaufen, durch Nizza, Cannes, St. Tropez. Die Suche war recht unergiebig, meist zu klein und garantiert nicht elegant. Ich bin enorm verwundert über Äußerungen einiger Foristen über deutsche Frauen. Da macht man sich so seine Gedanken.Ob HH, Düsseldorf, Frankfurt, Berlin,Wiesbaden, Mainz etc., sagen Sie´s nicht weiter: Die Germaninnen sind viel attraktiver als die Kolleginnen aus la France. Vorschlag: Laufen Sie eine Woche durch Paris und suchen eine tolle Frau. Ist wie in den USA, die hübschen sind alle beim Film!

  5. Spieglei Spieglein an der Wand...
    …wer hat die Schönsten im Land…
    Es kommt wohl drauf an wo man sich in welchem Land befindet.
    Auf Düsseldorfs Kö ist die elegante Dame ebenso zu sehen wie in Maastrichts kleinen Gassen. Das ist weder in Paris oder Berlin ein großer Unterschied. Verlagert man den Blick auf den Wochenmarkt, liegt Italien und Frankreich in den Kleinstädten an Eleganz und zur Schau tragendem Selbstwertgefühl weit vor dem meist auf Funktionalität reduziertem Erscheinungsbild deutscher Städteinnen.
    Das liegt Teils an der Beflasterung, den fehlenden Platzen, die nur den Autos als Abstellkammer dienen. Neben dem Wettbewerb Ville de Fleur gibt es Cafes und Geschäftsauslagen die das Drunter und Drüber inlusive der Accessoire so nebensächlich zur Hauptsache machen. Schuhe, Taschen, Schals usw sind der offensichlichere Beweis emazipiert femininer Attraktivität. Das größere Maß an selbstbewuster und zugebilligter Selbstverliebtheit macht schon attraktiver.
    Kleider machen einfacher elegante Dam

  6. Selbst mir einer Französin liiert...
    … und einem gemeinsamen Kind kann ich persönlich sagen, dass ich dieser Typisierung „der“ französischen oder „der“ deutschen Frau relativ wenig abgewinnen kann. Was ich jedoch (leider) immer wieder erlebe, ist die gesellschaftlich teils völlig unterschiedliche Erwartungshaltung an Mütter in Frankreich und Deutschland. Dazu wurde in dem Beitrag ja fast alles gesagt. Diese Stigmatisierung der Frau in Deutschland als zuvorderst „Muttertier“ (und dann, wenn das Kind mit 7 in die Schule kommt, kann sie ja bei Vorwerk „Familienmanagerin“ werden… mal etwas überspitzt gesprochen) und dann kommt der Rest; da stehen meiner franz. Frau regelm. die Haare zu berge… auch soll sich bitte keiner über niedrige Geburtenraten beschweren, wenn von einer Familie bzw. Frau unausgesprochen erwartet wird, jetzt bitte Vollzeit und mit stetem Lächeln auf dem Gesicht für die nächsten zwei Jahrzehnte für die Blagen zuständig zu sein. Aber auch da ändert sich langsam was. Zum Glück.

  7. Titel eingeben
    Als alte Frau (66 Jahre) finde ich diese Klischees über deutsche Frauen nur noch ridicule. Ganz abgesehen davon, dass es im Straßenbild meiner Umgebung sehr viel mehr unförmige Männer fortgeschrittenen Alters als Frauen gibt, hat der Charme und die Flirtfähigkeit überhaupt nichts (!) mit dem body-mass-index zu tun. Gut finde ich allerdings,dass französische Frauen über die Kinderbetreuung keinen hasserfüllten Glaubenskrieg führen, sondern es jede so macht, wie sie es für richtig hält. –
    Ich laufe auch nicht mit einer geschlechtslosen Kurzhaarfrisur herum und meine Haare sind nicht gefärbt.

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