Literaturblog

Literaturblog

Die Frankfurter Buchmesse 2018

Ein bisschen wehleidig?

| 2 Lesermeinungen

© Friedemann Vogel/EPA-EFE/REXGünter Wallraff (l.) und Alexander Skipis auf dem Podium

Auf dem Podium „Weltempfang“ erzählte Carlos Collado Seidel, Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland, an diesem Mittwochnachmittag eine deutsche Anekdote. Zur kommenden PEN-Jahrestagung habe er eine türkischstämmige Lyrikerin eingeladen. Die sagte zunächst zu, meldete sich dann aber wieder ab, als sie erfuhr, dass die Tagung in Chemnitz stattfinden soll. „Nichtdeutsche Autoren in eine Stadt wie Chemnitz einzuladen, ist gefährlich“, schrieb sie an Collado Seidel. So sei nun einmal die aktuelle Situation in Deutschland. Den Risiken wolle sie sich nicht aussetzen.

Am Eröffnungstag der Buchmesse hatte die Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer unter allgemeinem Staunen eine gemeinsam mit dem Schriftstellerverband erhobene Umfrage zur Meinungsfreiheit von Autoren in Deutschland vorgestellt. Auf die Anfrage bei 800 Autorinnen und Autoren, wie Shitstorms und Hetze im Netz ihren Arbeitsalltag beeinträchtigen, kamen ungewöhnlich viele Rückmeldungen. Drei Viertel der mehr als 500 Teilnehmer der Studie äußerten sich besorgt über die Situation. Die Hälfte berichtete von Erfahrungen mit Angriffen, jeder Vierte gab zu, bei seiner Themensetzung vorsichtiger geworden zu sein. Das allgemein verbreitete Gefühl: In den vergangenen drei Jahren wurde die Meinungsfreiheit in Deutschland zunehmend beeinträchtigt.

Der PEN-Verband beschloss also, über das freie Wort und Selbstzensur diskutieren zu lassen. Günther Wallraff war als anfeindungserprobter Investigativjournalist und Schriftsteller sozusagen gesetzt. Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels wiederholte mahnende Worte zur Verhaftung von Medienvertretern und Autoren in der Türkei, die man nicht oft genug wiederholen kann, auch wenn sie mit der Studie selbst wenig zu tun hatten. Wallraff hingegen beschloss, sich der allgemeinen Besorgnis gerade wegen der bestürzenden Nachrichten aus anderen Ländern nicht anzuschließen. Deutschland sei immer noch ein Rechtsstaat. Wenn einzelne angefeindet würden, sei das natürlich auch ein systemisches Problem. Er selbst hat ja seine Erfahrungen. Aber man müsse eben dagegenhalten. Auch diese neue Art der Hetze werde sich überwinden lassen. Dass sich Autoren wegducken, wenn es zu hässlich wir, versteht Wallraff nicht: „Ich finde das ein bisschen wehleidig.“

Dass der Undercover-Reporter weder Facebook noch Twitter nutzt, die Medien, die fast zwei Drittel der Befragten der Studie als Gefahr für die Meinungsfreiheit bezeichneten, mag zu seinem gutgelaunten Appell beitragen haben. „Wenn ich das jeden Tag sehen würde, wäre ich depressiv“, erklärte er. Wer sich angegriffen fühle, solle das Tosen im Netz einfach ignorieren. Dann berichtete er in bester Wallraff-Manier, wie er einen seiner dogmatischsten Kritiker anrief, um sich mit ihm zum Tischtennisspielen zu verabreden. Der sei zwar „ideologisch verhetzt“ gewesen, aber beim Sport ein anderer Mensch. An dieser Stelle die schützende Anonymität des Internets anzuführen, verpassten seine Gesprächspartner.

Am Ende ging alles etwas drunter und drüber. Skipis blieb bei seinem Thema und appellierte an die Menschen außerhalb der Messehallen, auch bei der Inhaftierung des 357. türkischen Autoren an das Einzelschicksal zu denken, und forderte dazu auf, am Samstag gemeinsam mit „Pulse of Europe“ in Frankfurt zu demonstrieren. Elizabeth Prommer erinnerte daran, dass Twitter kein Abbild der Gesellschaft sei. Und Wallraff brachte die Verantwortung der Schulen ins Spiel. Einen gemeinsamen Nenner gab es doch: Schluss mit der Gleichgültigkeit. Auf der Buchmesse wurde schon weniger brisant diskutiert.


2 Lesermeinungen

  1. Deutsche Anekdoten
    Carlos Collado Seidel hätte lieber erzählen sollen, wie unliebsame Verlage auf der Frankfurter Buchmesse unter fadenscheinigen Begründungen ausgegrenzt wurden. Vom der Ausgrenzung bis zur Inhaftierung ist es dann nicht mehr weit. Fragen Sie mal die türkischen Autoren.

  2. Zustand der Meinungsfreiheit
    Was sagt das über den Zustand der Meinungsfreiheit, wenn gegen eine Zeitung (FAZ) gehetzt wird, die ausdrücklich unter der distanzierenden Rubrik „Fremder Federn“ den Text eines Autors – Herrn Gauland – druckt, der vielen nicht genehm ist? Es werden schon Publikationsverbote und Erziehungsanstalten für bestimmte Menschen gefordert. Wo soll da enden?

Kommentare sind deaktiviert.