Literaturblog

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Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 2019

Wer Gespenst werden will, muss den Dienstweg einhalten

 

© Picture AllianceDie deutsche Autorin Katharina Schultens liest am ersten Tag der Literaturtage ihren Text vor

Die gute Nachricht zuerst: Im Jahr 2184 wird noch Klavier gespielt, Bach und Schubert, wenn auch etwas verstimmt. Was sonst so mit den Menschen los ist, lässt sich schwer sagen. Erster Satz des ersten Vorlesetextes beim Bachmannpreis an diesem Donnerstag: „Die Mädchen sind keine richtigen.“ Davon fühlte sich die Jury zurecht erinnert an einen wirkmächtigen Satz des Vorvorjahres von Eckhart Nickel: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ In dem Text von Katharina Schultens stimmt also etwas mit den Mädchen nicht. In beiden Fällen besteht der Reiz der Interpretation darin, herauszufinden, was es ist. In beiden Fällen folgen dystopische Zukunftserzählungen.

Ging es bei Nickel um die Manipulation von Nahrungsmitteln, so geht es in Schultens‘ Romanauszug namens „Urmünder“ um eine Welt, in der die menschliche Reproduktion gefährdet ist und der menschliche Körper starke Mutationen erfahren hat. Immerhin, es gibt noch „Menschen mit und ohne Schwanz“, aber sie sind offenbar nicht mit Männern und Frauen gleichzusetzen. Aus dem Tagebuch einer „Gärtnerin“ jenes Jahres 2184 erfahren wir, dass in einem Moosteppich über einer riesigen Kloake „Chimären“ gedeihen, die vielleicht früher einmal Menschen waren. Die Erzählerin selbst hat zahlreiche Fehlgeburten erlitten, sie denkt „über Dickblattvermehrung, Zelltypen und Genscheren nach“ und betet in einer Gemeinschaft von „Amatae“ den Rosenkranz.

Warum? So weit, so unklar. Die Jury hatte also gleich zu Beginn alle Hände voll zu tun mit dem Dechiffrieren, wobei Insa Wilke, die Katharina Schultens eingeladen hatte, nicht übertrieb, als sie sagte, deren Text gebe „der Imagination Freiheit“. Sie sah ihn in der Tradition spezifisch weiblicher Science Fiction wie jener von Ursula K. Le Guin, in der die bislang männlich dominierten Weltrettungs-Vorstellungen umkodiert werden. Jury-Kollege Klaus Kastberger sah Filmbezüge zu „Avatar“ und „The Handmaid’s Tale“, Hubert Winkels sich etwas überfordert von den vielen Motiven und Bezügen, Nora Gomringer fühlte sich ganz verloren.

Und doch markierte diese durch Losverfahren zur ersten von vierzehn gewordene Lesung samt Diskussion gleich auch die Fallhöhe des folgenden Tages, womöglich des ganzen diesjährigen Bewerbs: Denn rätselhafter oder umstrittener scheint es kaum noch werden zu können.

Ein Text wie Andrea Gersters „Das kann ich“ wirkt im Vergleich dazu fast unglaublich banal – würde es allerdings auch ohne den Vergleich noch. Warum solcherlei schriftgewordene Telenovelas (an solche fühlte sich auch Juror Michael Wiederstein erinnert), die von irgendeinem Mathi, Tilli, einer Julia und einer Nanny erzählen, es doch immer wieder nach Klagenfurt schaffen – hier auf Einladung Hildegard Kellers -, bleibt seinerseits ein Rätsel.

Wenn die Texte schwächeln, sind dafür die Jurydiskussion oft umso witziger. Als man in Silvia Tschuis aus Kinderperspektive erzählter Fingerübung „Der Wod“, in deren Hintergrund undeutlich Krieg und Vertreibung stehen, schon allzuviel hineinlesen wollte, was gar nicht dasteht, etwa Bezüge zu Imre Kertesz, fragte Klaus Kastberger entgeistert: „Aber du willst das nicht ernsthaft mit dem ‚Roman eines Schicksallosen‘ vergleichen“?

Wenn die Texte auf Anhieb ambivalente Eindrücke hinterlassen wie bei Sarah Wipauer oder Julia Jost, so dass man sie erst mal sacken lassen und in Ruhe nochmal lesen möchte, ist das wahrscheinlich ein gutes Zeichen. Bei Josts seltsamer Dorfgeschichte „Unweit vom Schakaltal“ muss man das, zumindest als Nichtösterreicher, allein schon um zu recherchieren, ob ein „klunzendes Klagen“ gängiger Sprachgebrauch oder ein hübscher Neologismus ist, und was man davon halten soll, wenn im Dörfchen namens Bruder Elend jemand ruft: „Woatats lei, mei Dirndle, schiaßt eich hiaz schon die Erpelschnecken vom Huat oba!“

Um überhaupt zu verstehen, wovon ein Text erzählt, sind die Jurydiskussionen manchmal auch nicht die beste Hilfe, weil sie selbst kryptisch bleiben oder sich gleich an Details verbeißen. Ganz anders aber bei der unübertrefflich prägnanten Zusammenfassung Michael Wiedersteins von Sarah Wipauers Erzählung „Raumstation Hirschstetten“: „Untote österreichische Blaublüter okkupieren die ISS.“

Deren erster Satz lautet: „Gespenster entstehen zufällig.“ Das veranlasste den Kritiker Stefan Gmünder zu der schönen literaturgeschichtlichen Bemerkung, er habe immer gedacht, wer Gespenst werden will, müsse den Dienstweg einhalten.