Grand Central

Das kleine Welttheater: Weihnachtsschaufenster in New York

Wer die weihnachtlich dekorierten Schaufenster der Kaufhäuser in Manhattan betrachtet, stürzt ins Nichts – in das bodenlose Loch, das der Kauf der ausgestellten Waren in die Geldbörse reißen müsste. Wie soll man es verstehen, dass einige Häuser gar keine Dinge mehr ins Fenster stellen, nach denen man greifen könnte? Wohl als eine Art Haftungsausschluss. Man soll bloß nicht glauben, man bekomme einen handfesten Gegenwert für das weggegebene Geld. Erst die raffinierte Beleuchtung verleiht dem Markenartikel den Schimmer des Unentbehrlichen. Aber das Licht kann man sich nicht einpacken lassen.

Statt Kartons stapeln sich hinter den Scheiben von Barney’s, der Adresse für die Kundin, die sich nichts vormachen will, rahmenlose Flachbildschirme. In diesem Straßeneckenkino läuft ein Zeichentrickfilm aus den Disney-Studios mit seltsam formschwacher Einleitung, einem elektronischen Feuerwerk, wie es schon vor zehn Jahren auch der Heimcomputer zustande brachte, wenn ihm beim Abspielen von Musik langweilig wurde.

Neueste Computertechnik kommt bei De Beers zum Einsatz. Eine Kerze brennt, flackert, verlischt – nicht leibhaftig in der Vitrine, sondern als weichgezeichnetes Abbild in einem kurzen Film. Aus der feuerpolizeilichen Not haben die Dekorateure die Tugend der Nachahmung der Kerzenbilder Gerhard Richters gemacht. Das Diffuse rührt, das hundertfach Abgeleitete, endlos Vermittelte wärmt. Aber das Emblem würde den aus dem Lichtermeer der Weihnachtseinkaufswelt auftauchenden Passanten wohl nicht in diese andächtige Stimmung versetzen, wenn der Rahmen nicht wäre. Am Knopf – hinter dem Glas unerreichbar – erkennt man das Gehäuse unter der schneeweißen Abdeckung. Das iPad, die glasscheibendünne Maschine für profane Erleuchtungen, ist ein alltäglicher Anblick geworden, aber immer noch ein wundersamer. Im Fenster hängt ein Fenster. Das Auge freut sich an einer Täuschung, auf die es nicht hereinfällt, bleibt am Bild kleben, um sich vom Gegenstand zu lösen. Faszinierend, dass die Firma De Beers, die mit dem Härtesten und Klarsten Handel treibt, den iconic turn der Schaukastenästhetik mitmacht.

Der Gegenstand der Schaufensterfolge von Saks Fifth Avenue ist das Urbild des zerfallenden Dings, die Schneeflocke. Höchstauflösende Fotografie kann die Kristallstruktur der Eisteilchen fixieren. Aber dieser genaue Blick, der die Zeit anhält, wird hier als ursprüngliche Leistung der kindlichen Phantasie gezeigt. Kinderspiele im Schnee ergeben Szenen der forschenden Versenkung und des gelassenen Entwerfens. Die altmodischen Schaufensterpuppen sind mit Schals, Mützen, Pullovern und Röcken in zeitlos sachlichen Farben ausstaffiert. Symmetrie und Individualität machen den ästhetischen Reiz der aus dem Schneeball herauspräparierten Flocke aus.

Nebenbei werden die Literatur und das Kino erfunden, indem Kinder versuchen, was gar nicht geht. Zwei Mädchen halten einen Schneereifen ins Licht, um den Schatten auf ein weißes Tuch zu projizieren. Ein Junge presst Schneeblumen zwischen Buchseiten und erzeugt keine Wasserflecken, sondern Gittermuster freier Abwechslung und strenger Spiegelung. Das letzte Fenster der Reihe zeigt die automatisierte Massenproduktion von Bildern, die sofort wieder zerfließen sollen: Eine Batterie aufgeklappter Computer fabriziert ein Gestöber kaleidoskopischer Ordnungseffekte. Mandelbrot ist Gift für die Augen, möchte man ausrufen!

Aber in diesem Fenster fehlt der kindliche Ingenieur, der den Protest zu Protokoll nehmen könnte. Nur die Reihe der schwarzen Kästchen unten hinter der Scheibe lässt die Betrachter erkennen, dass sie das Rohmaterial für diese Bildermaschinerie liefern. Der Flockenkatalog ist eine Porträtsammlung. So sammeln die modernen Kaufhäuser permanent Daten über ihre Kunden, die sie zu abstrakten Bildern zusammensetzen, in denen sich die Dargestellten nicht wiedererkennen würden. Ich stehe vor dem Fenster, studiere mich im Spiegel dieser Allegorie der Algorithmen und entdecke dabei, wie der Erzähler in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” über seine Analyse der Schneeballschlachten mit Gilberte auf den Champs-Elysées berichtet, auch nicht ein einziges Atom der Freude.

Proust in einer Weihnachtsschaufensterrezension? Ist dieser Gewährsmann nicht sehr weit hergeholt? Keineswegs!

Im übernächsten Fenster hängt das Porträt von Jacques-Emile Blanche. Prousts Blickfeld kreuzen mondäne Damen und Herren, auf deren festlicher Kleidung sich Rieselweißgold abgelagert hat, obwohl sie sich nicht im Freien aufhalten und vor jähen Witterungsumschlägen geschützt sein müssten. Dass die Flocke der allgemeinen Dekadenz wundersamerweise Widerstand leistet, bleibt unbeachtet. Vergessen ist die Neugier der Kinderzeit. Gibt es unter den erwachsenen Kunden von Saks Fifth Avenue nach Vorstellung der Geschäftsführung also keine Nachfrage nach Chiffren des Unvergänglichen?

Oder betreibt die Dame mit dem Wasserfall des tischbeinlangen Haares vor dem Eiswolkengebirge der Pelzstola Grundlagenforschung in ihrer ausgesprochen drolligen Stellung? Sucht sie die Heizung? An jenem Wintertag, da die alte Dame, die bei jedem Wetter auf der Parkbank das „Journal des Débats” las, Gilberte anvertraute, dass der Schnee auf den Wegen sie immer an Hermelin erinnere, sah Prousts Erzähler die blaue Feder, die den Hut der Gouvernante und damit die Nähe des verehrten Mädchens ankündigte, zwischen Kasperletheater und Zirkus ins Licht schweben. Diese beiden Institutionen der populären Unterhaltung liefern heute noch die Requisiten, Figuren und Situationen für die Guckkästen der New Yorker Weihnachtsfestspiele.

Bei Bloomingdale’s zirkulieren, navigieren und voltigieren altmeisterlich handgemachte Avatare der Akrobaten aus „Worlds Away”, einem von James Cameron produzierten 3D-Kinofilm, der die aufwendigsten Darbietungen des „Cirque du Soleil” in Las Vegas zu einer Märchenhandlung verknüpft. Zwei Maskenmänner in Glitzertrikots führen in respektheischender Seelenruhe das Synchronfliegen im Aufschneidersitz vor.

Ein „Hammering Man” in schwarzen Pumphosen, die mit Goldbändern abgeschnürt sind, löst mit einem Meisterschlag den Mechanismus aus, der Luft in die Ziehharmonikahose einer Ganzkörpernationalfahnenträgerin in Orantenhaltung bläst: Hau drauf und Schlussverkauf!

Denselben Wachstumseffekt erlebt Minnie Maus im Film von Barney‘s, als sie sich auf den Laufsteg träumt. Dass Minnie, das Gänseblümchen unter den Orchideen der Disney-Diven, die Amerikanerin in Paris spielen darf, ist charmantes Weihnachtswunschdenken.

In der Neujahrsrevue von Bergdorf Goodman wirbeln Weißröckchen und glitzern Lamettaträger. Ach, die jungen Damen vom Variété! Die Glasdecke im Schaugewerbe haben sie zerbrochen: Eine Goldreifrockträgerin kommandiert 24 Gipshunde, deren zuckerbrotlose Kunststücke wie das Kaffeetassenbalancieren und das Posthornblasen an zweckfreie Tricks der Finanzjongleure wie den Kredittausch und die Prospektausgabe denken lassen. Nach einer Schätzung texanischer Tierschützer wird jedes dritte zu Weihnachten verschenkte Haustier im Tierheim abgegeben.

Als Kind wünscht man sich Geschenke, die Persönlichkeit zeigen und sich nicht dressieren lassen. Stefan G. Bucher, der aus Deutschland gebürtige Grafikdesigner, dessen Zeichentisch in Pasadena steht, hat aus dem ewigen Eis seines weißen Papiers ein Ungeheuer herausgelockt, das noch niemand gesehen hat. Das Geheimnis des geheimnisvollen Schneemenschen: Er ist viel kleiner, als die Einbildungskraft eines von Bucher eingehend studierten Comiczeichners wie Carl Barks sich ausgemalt hat, und wurde daher trotz seiner putzigen Kulleraugen übersehen.

Bucher, der Linné der Monsterwelt (www.dailymonster.com), hat den Namen des Fabeltiers wörtlich genommen, um den Existenzbeweis zu führen. Der Schneemensch ist der Mensch gewordene Schnee, ein Mirakel der Kompaktheit: Flocke mit Armen und Beinen. Saks Fifth Avenue produziert das Stoffuntier in Serie. Die Zotteligkeit des Schneemenschen ist der Inbegriff des Eigenlebens der Dinge, das alle bildgebenden Verfahren der wunscherfüllenden Industrie noch nicht simulieren können.

Fotos Bahners

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