Chaos as usual

Das Eigentum in der Krise (und die Ökonomie auch)

Mit Subprime fing es an, dann kamen die ersten Bankenpleiten, und jetzt diskutieren wir das Enteignungsgesetz – je länger die Kreditkrise dauert, um so stärker verlagert sich ihr Epizentrum aus der Peripherie der Finanzmärkte direkt in den Maschinenraum des Kapitalismus: dorthin, wo der Motor allen wirtschaftlichen Wachstums die längste Zeit störungsfrei vor sich hin brummte, dann von einer Sekunde auf die nächste ins Stottern geriet, die Fehlzündungen sich häuften, und jetzt akute Gefahr besteht, dass er wegen eines veritablen Kolbenfressers seinen Geist aufgibt: das Eigentum treibt die Marktwirtschaft an, und diese Krise ist eine Eigentumskrise!

Dabei geht es dem Eigentum der Form nach eigentlich gut, zumindest wenn man dem jüngst veröffentlichen „Internationalen Index für Eigentumsrechte“ (IPRI) Glauben schenkt: Deutschland liegt demnach beim Schutz des Eigentums weltweit auf Platz 4, und insgesamt werden die Spitzenplätze natürlich von den Industrienationen belegt. Doch den peruanischen Ökonom Hernando de Soto bekümmern die Zustände am unteren Ende der Skala: die nur spärlich ausgeprägten Eigentumsrechte in den Entwicklungsländern; in ihnen sieht er nämlich die Armutsursache Nummer 1. Der britische Historiker Niall Ferguson zitiert ihn in seinem neuesten Buch „The Ascent of Money“ mit einem interessanten Vergleich:

„Die Armen der Welt bewohnen Immobilien im Gesamtwert von 9.300 Milliarden Dollar, das entspricht in etwa der Marktkapitalisierung aller börsennotierten Unternehmen in den 20 größten Volkswirtschaften der Erde. Das Problem ist aber, dass die Armen in den Entwicklungsländern keine titulierten Eigentumsrechte an ihren Häusern und Wohnungen halten, und diese daher nicht als Kreditsicherheit nutzen können.“

Im Resultat blieben diese Länder laut de Soto in der Wohlstandsentwicklung zurück, weil wer nicht kreditfähig ist, natürlich auch kein Kapital aufbringen kann, um ein Unternehmen zu starten; und damit scheitert die Marktwirtschaft gewissermaßen schon an der Startlinie. De Soto spricht hier eine häufig verkannte Grundwahrheit aus: der Kapitalismus ist das leistungsfähigste Wirtschaftssystem nicht primär deshalb, weil sich darin die Keynesschen „Animal instincts“ ungehindert austoben könnten, oder Schumpeters „kreativer Zerstörer“ seine Innovationen in die Welt setzt; sondern vielmehr aus dem Grund, dass kreditfinanzierte Unternehmer alles dafür geben, ihr mit Schulden belastetes Eigentum nicht in der Pleite zu verlieren.

Machen wir an dieser Stelle einen großen Sprung von Peru und de Soto zurück nach Deutschland und zu den beiden Professoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: gemeinsam haben sie in ihrem „Eigentum, Zins und Geld“ eine umfassende Eigentumstheorie der Wirtschaft dargelegt, in der sich de Soto mit seinen Ansichten wohl recht gut wiederfinden würde. Und nicht nur er: Peter Sloterdijk machte den unter Schuldendruck operierenden Unternehmer zum Helden seines „Weltinnenraums des Kapitals“ und empfahl das Werk der beiden jüngst als „das Kapital des 21. Jahrhunderts“. Freunde der Nationalökonomie mag das verwundern, wo doch spätestens seit Adam Smith von nichts anderem mehr als „Privateigentum“ die Rede ist. – Aber stimmt das? Oder wird dabei nicht ebenso oft Eigentum mit „Besitz“ verwechselt? Das in der Ökonomie auch heute noch gültige „Tauschparadigma“ deutet stark darauf hin, dass es der physische Besitz und nicht das Rechtsinstitut des Eigentums war, dass alle Autoren seit Adam Smith und John Stuart Mill zum agens des wirtschaftlichen Wohlstands verklärten; und weil ihnen dadurch die ausschließlich dem Eigentum vorbehaltenen Operationen „Kauf“, „Belasten“ und „Beleihen“ entgingen, haben sie es auch bis heute nicht geschafft, ein Wirtschaftsmodell vorzulegen, das dem modernen Kapitalismus angemessen wäre. Ganz im Gegenteil: Geld und Kredit sind ihrer Auffassung nach nichts weiter als ein „Schleier“, der die realen Tauschakte verhüllt. Dass ebendieser „Schleier“ sich gerade anschickt, den industriellen Westen samt und sonders in den Abgrund zu reißen, entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik.

Smith selbst trug zum historischen Missverständnis durch eine Fehlinterpretation von Aristoteles bei, genauer: dessen Aussagen zu Eigentum und Tauschhandel in „Politik“ und „Nikomachischer Ethik“: Wo der antike Philosoph kollektive Reproduktionsprinzipien wie Autarkie und Reziprozität beschreibt, und den „gerechten“ Tausch zwischen den Polis-Bürgern als eine gesellschaftlich vernünftige Konsequenz des erreichten Selbstversorgungsgrades hervorhebt, macht Smith daraus einen „menschlichen Hang zu tauschen“. Der große Karl Polanyi, der Aristoteles in seinem „Ökonomie und Gesellschaft“ ein ganzes Kapitel widmet, schreibt denn auch:

„Was den Ursprung des Tauschaktes betrifft, so hätte den Philosophen der  Gemeinschaft nichts weniger begeistert als die laut Adam Smith dem Individuum angeblich inhärente Neigung.“

Nach Polanyis Auffassung war Aristoteles zudem gar nicht im Stande, für Smith die Blaupause zu einer auf Eigentum und Tauschhandel beruhenden Marktwirtschaft zu liefern, weil selbige zu dessen Lebzeiten erst im Entstehen begriffen war; insbesondere der Angebots-Nachfrage-Mechanismus sei ihm gänzlich unbekannt gewesen. Mit anderen Worten: Smith reimte sich eine Utopie zusammen, die uns bis in die heutige Ära der Banken-Conduits, der Leveraged Buyouts und der Kreditderivate im Trillionen-Dollar-Bereich verfolgt.

Weil der etablierten Ökonomie die überragende Bedeutung des Eigentums für die Kreditfähigkeit lange Zeit verborgen blieb, war diese auch nie im Stande, die Pleiten-, Pech- und Pannenchronik des Kapitalismus korrekt zu deuten. Nach Ansicht von Heinsohn/Steiger sind die periodisch wiederkehrenden Krisen nur Ausdruck desselben Problems, das de Soto oben für die Entwicklungsländer als Ausgangshandicap diagnostizierte: Güterbesitz mag vorhanden sein bis zum Abwinken, aber kreditfähiges Eigentum? Fehlanzeige! – Sei es, weil Verschuldungsspielräume bereits restlos ausgereizt sind; weil Einbrüche bei den Vermögenspreisen zu Unterbesicherung bestehender Kredite führen und deshalb unbelastetes Eigentum nachgeschossen werden muss; oder weil diejenigen, die noch über belastungsfähiges Eigentum verfügen, sich schlicht weigern, dieses wirtschaftlich einzusetzen.

Gunnar Heinsohn sieht uns aktuell an einem solchen Punkt: das Publikum hat kein verschuldungsfähiges Eigentum mehr, denn nicht nur Haus und Hof, auch zukünftiges Einkommen sind bereits weitestgehend verpfändet (man denke an den US Verbraucher); und potenzielle Investoren sind aufgrund individueller Risiko-/Renditeerwartungen nicht gewillt, ihr Eigentum dem Wirtschaftskreislauf zuzuführen, horten stattdessen amerikanische T-Bonds und deutsche Bundesanleihen. Zentralbankpolitik kann an diesem Zustand wenig ändern: die Fähigkeit, die Zinsen zu senken, ist nicht gleichbedeutend mit der Fähigkeit, zusätzliches  Eigentum zur Verfügung zu stellen. Dummerweise kann diese Misere sehr lange anhalten, wie insbesondere Japan erfahren musste, das sich nach dem Platzen seiner Immobilien- und Aktienblasen Anfang der 90er-Jahre über ein Jahrzehnt lang damit herumschlagen musste; und aktuell sieht es eigentlich fast wieder danach aus, als wäre sie noch immer virulent.

Kann die Politik überhaupt irgendwas gegen eine derartige „Eigentumskrise“ tun? – Ja: sie kann Eigentum mehr oder weniger direkt umverteilen, hin zu denen, die es unmittelbar konsumieren oder investieren. Zunächst vergleichsweise schmerzfrei über höhere Staatsverschuldung, und falls das nichts fruchtet, über direkte Vermögenseingriffe bei den Bürgern. Letzteres hätte in der Jahrtausende alten Geschichte der Schuldenwirtschaft durchaus Tradition: schon im antiken Sparta erwarb sich Lykurg damit seinen Ruf als „Reformer“; und noch viel früher, nämlich 1788 v Chr., erklärte in Mesopotamien König Rim-Sin alle Schulden in seinem Reich Ur für null und nichtig, und trieb damit einige der frühesten, dokumentierten Geldverleiher in den Bankrott; der derart schuldbefreiten Wirtschaft soll es hernach aber wieder bestens gegangen sein.

In unseren modernen Zeiten schafft man kapitalismuskompatible Eigentumsstrukturen natürlich nicht mehr mit derlei archaischen Methoden, sondern bedient sich progressiver Einkommens- und Vermögensbesteuerung; da ist die Regierung Merkel zwar aktuell noch auf einer Art fiskalischem „Schmusekurs“, aber das muss ja nicht immer so bleiben: aus dem politischen Off erklingen bereits deutlich vernehmbare Rufe nach einem „Krisensoli“ oder einer „Zwangsanleihe“ für die „Reichen“; zudem wird mit der aktuell ablaufenden Enteignungsdebatte womöglich die Tür zu wesentlich drastischeren Maßnahmen aufgestoßen, mit denen auch Rim-Sin und Lykurg ihre Freude gehabt hätten. Alles nur eine Frage der politischen Prioritäten…

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