Chaos as usual

Chaos as usual

Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Non vitae sed solum rei oeconomicae discimus?

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Es war vorhersehbar, dass die bestürzte Republik in der Debatte um den Amoklauf von Winnenden die Schuld bei allen möglichen Verdächtigen suchen würde, vom geschmacklosen Computerspiel bis zu den sorglosen Eltern, von den überforderten Schulbehörden bis zum unaufmerksamen Freundeskreis; kaum ein Wort jedoch über das eigentliche Übel, das anzusprechen wir uns scheuen, weil unangenehm, unangepasst, unzeitgemäß, noch dazu höchst unpassend, in einer - in ihrem PISA-Stolz ohnehin gekränkten - Republik honoriger Bildungsbürger: die Schule ist zu einem verlotterten Ort geworden, einer Verwahranstalt für Kinder und Jugendliche, die jedem humboldtschen Ideal von Bildung Hohn spottet, einer standardisierten Geistaufbereitungsmaschine für den kommerziellen Zweck, vor der sich selbst und vor allem ein Seneca, der die antiken Philosophenschulen mit seinem bekannten Zitat zu mehr Wirklichkeitsnähe ermahnte, mit Grauen abwenden würde.

Es war vorhersehbar, dass die bestürzte Republik in der Debatte um den Amoklauf von Winnenden die Schuld bei allen möglichen Verdächtigen suchen würde, vom geschmacklosen Computerspiel bis zu den sorglosen Eltern, von den überforderten Schulbehörden bis zum unaufmerksamen Freundeskreis; kaum ein Wort jedoch über das eigentliche Übel, das anzusprechen wir uns scheuen, weil unangenehm, unangepasst, unzeitgemäß, noch dazu höchst unpassend, in einem – in seinem PISA-Stolz ohnehin gekränkten – deutschen Bildungsbürgertum: die Schule ist zu einem verlotterten Ort geworden, einer Verwahranstalt für Kinder und Jugendliche, die jedem humboldtschen Ideal von Bildung Hohn spottet, einer standardisierten Geistaufbereitungsmaschine für den kommerziellen Zweck, vor der sich selbst und vor allem ein Seneca, der die antiken Philosophenschulen mit seinem bekannten Zitat zu mehr Wirklichkeitsnähe ermahnte, mit Grauen abwenden würde.

Der das hier schreibt, geht hauptberuflich einer ehrbaren, wenn auch neuerdings mit gelegentlich negativer Konnotation in den Schlagzeilen befindlichen Profession nach, die neudeutsch-feuilletonistisch als „Manager“ bezeichnet wird; engagiert sich in seiner Freizeit als Elternsprecher einer örtlichen Grundschule, und kam in seinen Jugendtagen noch in den Genuss eines hervorragenden Schulbildungsangebots; selbiges konnte er zwar leider nicht in vollem Umfang in Anspruch zu nehmen, weil er – wie es auf Österreichisch so schön heißt – im Gymnasium eine „faule Sau“ war. Gleichwohl hinterließ aber auch das Wenige, das ich aus meinen insgesamt 12 Schuljahren mit ins Leben nehmen konnte, deutliche Spuren, und in der Retrospektive bedaure ich natürlich wie jeder andere auch, dass ich das, was so reichlich vorhanden gewesen wäre, nur in so spärlichem Umfang zu nutzen wusste. Aber immerhin: sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, meine Memoiren schreiben zu müssen, dann werde ich darin als zentrales Leitmotiv meines Lebens den Satz würdigen, den mein langjähriger Lateinlehrer immer einzuwerfen pflegte, wenn seine Mühen in der lehrplanmäßigen Kerndisziplin wieder einmal nicht den erhofften Erfolg zeitigten: „Wenn’s bei mir scho ned Ladein leants, doann suillts wenigstans Deitsch learna!“

Er war der beste Lehrer, den ich je hatte. Mein Erfolg in Latein war zwar nicht berauschend, aber ich schaffte immerhin das Abitur, und hatte – was wesentlich wichtiger war – eine Ausgangsbasis für mein weiteres Leben: non scholae sed vitae discimus – dieser Professor hatte den Sinn der Botschaft sehr wohl verstanden, er verschaffte uns, seinen Schülern, ein Rüstzeug, einen Basis-Werkzeugkasten, und schickte uns damit auf die Reise. Wohin? – Ganz egal wohin; wo der Weg eben hinführte. Und das schreibe ich nicht nur schöngeistig so dahin: in der Tat war ich mit 18 alles anderes als der Prototyp des karrieristischen Konzernkriegers, sondern dieser Teil meiner Biografie stellte sich eher zufällig ein, Jahre später.

Die heutige Schule ist nicht mehr der Ort, an der ich aus der Perspektive eines Vaters das wiederfinde, was ich als Schüler noch erfahren durfte; nicht der Ort, an den man gerne seine Kinder schickt, in ihrem wichtigsten, weil prägendsten Lebensabschnitt. Und daran gebe ich bestimmt nicht den Lehren die Schuld, zumindest nicht direkt: sie sind ebenfalls nur Opfer einer tragischen und selbstvergessenen kollektiven Schandtat, die kein geringerer als der ehemalige Bundeskanzler und heutige Energie-Lobbyist Gerhard Schröder auf den Punkt brachte, als er die Lehrer Niedersachsens in Bausch und Bogen als „faule Säcke“ bezeichnete, und dafür auch noch regen öffentlichen Applaus bekam. – WIR haben die Schule zu dem gemacht, was sie heute ist, wir haben sie verstümmelt und vergewaltigt, haben sie ihres ursprünglichsten und nobelsten Auftrags beraubt, und sie an den Katzentisch unserer Gesellschaft verwiesen. Wollten wir nicht unsere Kinder einmal mit dem Schlüssel zu einer besseren Welt ausstatten? War das nicht mal irgendwann unsere Maxime? In ihrem Interesse und unserem eigenen? – Wo stünde das denn heute noch ernsthaft zur Debatte? Wer schriebe sich denn das noch auf seine Fahnen, außer wahlkämpfenden Politikern, wenn sie sonntags ihre Blumensträußchen und bunte Kugelschreiber verteilen und des abends aus dem Talkshowsessel ihre verbalen Abziehbildchen durch den Äther schicken?

Wir, die dankbaren Günstlinge einer früheren, besseren Epoche, wir haben die Schule in Grund und Boden gewirtschaftet. Wir haben sie der Warenfiktion der Arbeit restlos anheimfallen lassen, nicht nur die Schule als Bildungsinstitution, sondern die Schulzeit als Lebensabschnitt all derer, die wir als wichtigsten und besten Teil unserer Gesellschaft gemeinsam hervorgebracht und früher auch mal so behandelt haben. Mit weit aufgerissenem Mund des Entsetzens betrachten wir diejenigen, in die wir als Generation unsere ganzen Hoffnungen setzen, ja setzen müssen, bei ihren „unerklärlichen“ Taten. Wir, die wir sie sehenden Auges um die wichtigste Zeit ihres Lebens betrogen haben, wir sind einmal mehr fassungslos, wenn erneut ein wahrhaft „Enthemmter“ ein Ventil für seine inneren Energien – bisweilen leider höchst destruktive Energien – findet, durch das sich der aufgestaute Frust, die verzweifelt abgebrochene Suche nach Sinn und der Schrei nach Aufmerksamkeit entladen. In unserer kollektiven Ratlosigkeit suchen wir Heil im transzendalen Reich des Unerklärlichen: „Wie konnte er nur?“  – zum Selbstschutz vermutlich, um unser kümmerliches gesellschaftliches Dasein zwischen BILD und Tagesschau irgendwie vergessen zu machen, um die traurige Lage, in die wir uns selbst gebracht haben, nicht vor uns und unseren Kindern eingestehen zu müssen: es ist halt so, nicht wahr? Da kann man gar nichts machen. Die Bildung muss sich an den Zwecken der Wirtschaft ausrichten, weil wir konkurrieren mit billigen Chinesen und smarten Indern, da bleibt für kindliche Unbedarftheit und humanistische Exkurse, über das lehrplangemäße Maß an Goethe und Kafka hinaus, halt wenig Zeit. Und Zeit ist Geld, wie wir wissen, und von beidem haben wir bekanntlich viel zu wenig. Da mutet es an wie ein schlechter Witz, dass beides, sowohl Geld als auch Zeit, im herrschenden akademischen Modell des ökonomischen Mainstreams keinerlei Rolle spielen, es aber im modernen Schulwesen gar nicht mehr schnell und kosteneffizient genug gehen kann, um dem wirtschaftlichen Betrieb neue „menschliche Ressourcen“ [Human Resources (HR), die Angelsachsen nennen das Kind wenigstens beim Namen] zuzuführen; und wie es sich für eine „lean“ Gesellschaft gehört, in einer möglichst flexiblen, standardisierten und ohne große Lernkurvenverzögerungen einsetzbaren Form, wahrhaft „just in time“: Die Schule als sozio-ökonomischer Kanban-Container. Bravo! Der professionelle „Operational Excellence“-Beauftragte in uns weiß: mehr kann man nicht erreichen.

Das Ökonomische hat die Gesellschaft in Geiselhaft genommen, das Lösegeld ist astronomisch hoch, aber nichtsdestotrotz in kleinen, unmarkierten Scheinen zu entrichten: unsere Kinder, traditioneller Formen der Selbstbestätigung und Anerkennung weitgehend beraubt, erniedrigen sich für ein wenig gesellschaftliche Anerkennung, für ein Quentchen „Sinn“, bei „Deutschland sucht den Superstar“ und ähnlichen Formaten medialen Masochismus; oder greifen kurzerhand zur Pistole und veranstalten ein Massaker: beides hilft, beides hebt heraus aus der unförmigen, sinnentleerten Masse einer taubstummen Gesellschaft. Im Nebenblog fragt mein Freund Fonsi unschuldig: „Ja, warum lesen sie denn keinen Voltaire und keinen Rilke?“ – Aber die Antwort hätte er sich gleich selber geben können: „Wozu?“ – Damit lässt sich heutzutage kein Blumentopf gewinnen, im Freundeskreis nicht, bei den Eltern nicht, in der Schule nicht, am Arbeitsmarkt nicht: du willst deine „5 minutes of fame?“ – Werde Counterstrike-Weltmeister oder bewirb dich als Kandidat bei Dieter Bohlen: auf der fünften Etage des Sloterdijkschen Kristallpalasts sind die Intelligentesten, Begabtesten und Besten nur mehr zweite Wahl: der Medienzirkus einer nihilistischen Gesellschaft schaukelt dich auch so auf die Titelseiten oder in die Tagesschau, und selbst wenn du der größte Depp des Jahrhunderts bist: deine Chancen werden dadurch nur besser.

Wer meint, hier schriebe ein verkappter Marxist, der wie üblich nur am bestehenden System und insbesondere der Marktwirtschaft herumnörgelt, der möge sich an die Worte von Karl Popper erinnern, diesem bewundernswerten Liberalen und glühenden Verfechter der „offenen Gesellschaft“:

„Traditionen sind notwendig, um eine Art Bindeglied zu schaffen zwischen Institutionen und den Intentionen und Wertbegriffen der Individuen.“

„Unter den Traditionen müssen wir jene zu den wichtigsten zählen, die den „moralischen Rahmen“ einer Gesellschaft bilden, und die ihren überlieferten Sinn für Gerechtigkeit und Anständigkeit verkörpern, sowie den von ihr erreichten Grad des moralischen Empfindens.“

„Nichts ist gefährlicher als die Zerstörung dieses Rahmens, dieser Tradition. (Diese Zerstörung wurde vom Nazismus bewusst angestrebt). Sie muss letzten Endes zu einem zynischen Nihilismus führen – zur Missachtung und zur Auflösung aller menschlichen Werte.“

Leider konnte Popper die Entwicklungen der aktuellen Epoche nicht mehr erleben, sein Kommentar wäre interessant gewesen. Denn in Wahrheit versündigen sich vor allem die Liberalen an der nächsten Generation, in dem sie das höchste Prinzip des Liberalismus verraten: die ungehemmte, persönliche Entfaltung. – Die zwanghafte Unterordnung der Bildung unter ein bestimmtes Dogma, und sei es aus den Zwängen einer liberal geprägten Marktwirtschaft abgeleitet, kann selbst unmöglich als „liberal“ gelten.

Im Darwin-Jahr 2009 sollte zudem erwähnt werden dürfen, dass ein Liberaler von ganzem Herzen wie Popper, eine ausnehmend positive Interpretation der Evolution pflegte, in welcher es nicht primär der äußere Anpassungsdruck einer unerbittlichen Natur wäre, der das Individuum formt; vielmehr entspringt die Evolution dem Innersten: das Individuum entwickelt sich, es entdeckt neues, es formt seine Umwelt nach seinen Vorstellungen. Popper sprach dabei beileibe nicht nur über die Wirtschaft, nein, er meinte Kunst, Kultur, Sport, alle Gebiete, auf denen sich Menschen zu Höchstleistungen anspornen lassen, vor allem aus innerem Antrieb heraus. Aber in ökonomischer Hinsicht hätte Schumpeters innovativer Unternehmer genauso gut auch aus Poppers Feder stammen können: der kreative Zerstörer, der den Wettbewerb nicht nur passiv erlebt, sondern nach seinen Vorstellungen und zu seinem Vorteil formt; der Querdenker, der Nonkonformist, der Einzelgänger, der Typ mit den 1000 Flausen im Kopf; der, mit dem „die anderen“ irgendwie nicht gut können, der seinen eigenen Weg sucht, der versucht, der scheitert, der es erneut versucht – bis er schließlich Erfolg hat, und die Tür zu einer neuen, besseren Ära aufstößt; nicht nur für sich, sondern für die ganze Menschheit.

Das ist das liberale Menschenbild im besten Sinne. Wer von denen, die jetzt das Wort „unerklärlich“ in ihren Reden führen, getraute sich zu behaupten, dass es ein solches Menschenbild wäre, das unseren heutigen Bildungsfabriken zugrunde liegt? Welcher Politiker, der jetzt auf demagogisch-plakative Art seine wohlfeile Betroffenheit auf die Titelseiten zaubert, wagt sich aus den Reihen hervor und bricht für dieses Menschenbild eine Lanze, ohne gleich im selben Satz darauf hinzuweisen, dass dabei Budgetgrundsätze oder die internationale Wettbewerbsfähigkeit strengstens zu beachten wären? Welcher?

Betroffen und erstaunt zu sein, ob des vermeintlich „Unerklärlichen“, ist leichter. Und weil wir dazu nun schon mehrfach Gelegenheit hatten, wird es mit der Zeit auch immer mehr zur Routine; das trifft sich gut: wir werden nämlich noch des öfteren darauf zurückgreifen müssen.


76 Lesermeinungen

  1. stroblt sagt:

    @Normalbürger

    Keine Zensur,...
    @Normalbürger
    Keine Zensur, ich muß nur tatsächlich jeden einzelnen Kommentar hier händisch freischalten, und an einem Samstagabend hocke selbst ich nicht ständig vor dem Computer. Ich habe deshalb ihren letzten Kommentar gelöscht, hoffe das ist in Ihrem Sinne.

  2. Anton sagt:

    Es kommt noch schlimmer: ...
    Es kommt noch schlimmer: Modernes Deutschland
    Aus Winnenden müssen Ganztagsschulen folgen
    Von Wolfgang Clement
    https://www.welt.de/politik/article3378078/Aus-Winnenden-muessen-Ganztagsschulen-folgen.html?page=0#article_readcomments
    Und unsere Kinder mittendrin?
    Danke für Ihre stets erhellenden Analysen Herr Strobl!
    Ich weiß, warum ich seit Monaten rege bei Ihnen mitles‘.

  3. der pommer sagt:

    Die Idee, das System Schule...
    Die Idee, das System Schule für diese Ergeignisse festzumachen ist nicht besonders neu. Ihr Schreiberlinge wollt ja auch immer was originelles bringen.
    Es ist an dem Gesagten , klar, was dran. Dass es hier dem Anspruch genügt, will ich doch deutlich anzweifeln.
    Ich würde den Schwerpunkt des Themas mehr in Richtung KULTUR lenken wollen, natürlich auch in der Schule. Aber ist die Schule der kulturelle Kern dieses Landes? Da hätte ich sie als Lehrer aber gerne deutlich aufgewertet! In meiner MV-Provinz, falls das Bundesland einer kennt, wird an Schule gespart was das Zeug hält. Ich könnte mir schon vorstellen, meinen Job etwas entspannter und kulturvoller zu verrichten.
    Liegt der Kulturkern nicht mehr bei 1.) Opel, VW und sonstigen Treträdern für den kleinen Man, 2.) ununterbrochen saberndem Politikertrashselbstfeierei sowie 3.) dem ganzen anderen Medienmüll ?
    Und in welcher kulturellen Phase ist dieses Land, diese Kultur, dieser Westen, man denke mal so an Le Bon? Sind wir schon in der unvermeidlichen Endphase? Oder erscheint uns ein Messias oder einfach jemand mit der Idee für weitere 300 gute Jahre?
    Inder und Chinesen oder Türken sehen die Zukunft sicher deutlich anders, mehr in ihrer Hand, als Deutschland. Sie werden nun mal die Übermacht sein, nicht nur rein körperlich. Will das jemand anzweifeln?
    Oder kommt, wenn Leute alles haben, das Nichts? Die Selbstzerstörung? Gehört das zum materiellen Endziel dazu? Fehlt uns die Motivatíon zum Leben, wenn wir keinen ökonomischen Grund mehr zum Abarbeiten haben? Oder hatten wir nur die falsche Motivation mit dem Wohlstand anhäufen? Wie lautet eine andere?
    Nach Le Bon ist letzteres egal wenn man es autoritär regelt. Aber das ist keine Antwort.

  4. Anton sagt:

    Es kommt noch schlimmer: ...
    Es kommt noch schlimmer: Modernes Deutschland
    Aus Winnenden müssen Ganztagsschulen folgen
    Von Wolfgang Clement
    https://www.welt.de/politik/article3378078/Aus-Winnenden-muessen-Ganztagsschulen-folgen.html?page=0#article_readcomments
    Und unsere Kinder mittendrin?
    Danke für Ihre stets erhellenden Analysen Herr Strobl!
    Ich weiß, warum ich seit Monaten rege bei Ihnen mitles‘.

  5. altenloh sagt:

    Seit einem Vierteljahrhundert...
    Seit einem Vierteljahrhundert am Gymnasium tätig, muss ich feststellen, dass man mir meinen Beruf weg reformiert hat. Nach Maßgabe der Rahmenlehrpläne, Rundschreiben, Schulgesetze etc. etc., soll ich als Lernberaterin Kompetenzen generieren bei meinen Schülern, Methodenkompetenz, Problemlösungskompetenz und was sonst der bildungspolitische Neusprech an Sprechblasen hervorbringt.
    Bis vor drei Jahren war im Fach Französisch mindestens die Hälfte der Oberstufenzeit der Literatur gewidmet, und es gab gewisse Freiheiten der Auswahl. Ich habe La Fontaine, Balzac, Hugo, Flaubert, Surrealistische Lyrik, Sartre, Ionesco, Beckett, Houellebecq und viele andere im Unterricht behandelt. Jetzt unterrichte ich Politik, Geographie, Wirtschaft, etwas Geschichte auf Französisch, mit möglichst unterschiedlichen Medien und Quellen. Die literarische und sprachliche Qualität der Unterrichtsgegenstände ist sekundär – mit fatalen Folgen. Ein Hauptproblem des fremdsprachlichen Unterrichts besteht nämlich in der Diskrepanz zwischen dem, was ein Schüler begreifen und denken kann, und dem, was er in der Fremdsprache ausdrücken kann. Damit er nicht verstummt, braucht er die deutlichsten, eindringlichsten, präzisesten, inhaltsreichsten Texte, die ihm zugänglich sind. So kann er auch an einem kürzeren Stück genügend eigene Gedanken entwickeln. Heute lernt er unter anderem die „Versprachlichung diskontinuierlicher Texte“d.h., er schreibt in Worten auf, was an Information in Balken-oder Tortendiagrammen steckt. Das kann er im Prinzip seit dem 2/3. Lernjahr, wenn die Komparation gelernt wurde. Mehr als damals kann er aber eigentlich nicht, denn jeder dieser politischen oder wirtschaftlichen Sachverhalte erfordert jeweils ein ganz neues Vokabular, (der Wortschatz des vorhergehenden Semesters nützt ihm da nicht mehr so viel)wenn er nicht völlig banal sein will, und vor allen Dingen Sachkenntnisse und Einsichten in politische und wirtschaftliche Zusammenhänge Frankreichs, der Entwicklungsländer, der frankophonen Welt. Wenn der Lehrer die Sachen klärt, muss er oft ins Deutsche ausweichen, damit sie klar werden, und es findet weniger Französischunterricht statt. Klärt er sie nicht, bleibt sein Unterricht eine weitgehend inhaltsfreie Veranstaltung. So führt eine Reform, die als Ziel angibt, die Schulbildung realitätsnäher,d.h.,wirtschaftsnäher zu machen, nur zu einer fortschreitenden Verdünnung der Unterrichtsinhalte.

  6. Anton sagt:

    Warum kommt denn niemand...
    Warum kommt denn niemand drauf?
    Den Kindern und Jugendlichen wird nicht mehr beigebracht und vorgelebt, dass Gott sie geschaffen hat und sehr liebt. Die Jesus-Neugeburt nach Johannes Ev. Kapitel 1 fehlt! Ohne Jesus im Herzen ist der Mensch verloren und von Gott getrennt. Die hineingelegten Gaben und Fähigkeiten ausleben und den anderen zeigen wie wunderbar sie Gott geschaffen hat. Keine Schuld mehr vor Gott, weil Jesus sie getragen hat. Freiheit pur. Der Materialismus hatte nur die Idee des Affen, der Mensch wurde. Keine Idee wie das Leben entstand. Wer glaubt denn noch, dass der Zufall in der Ursuppe aus anorganischen Molekülen informationsspeichernde DNS entstehen läßt? Nachweislich mit der Naturwissenschaft gänzlich unmöglich. Gratulation jedem, der das glaubt. Dazu bedarf es mehr Glaube, als jemand, der glaubt, den Everest versetzen zu können.
    Aller Orten nur mehr Religion, Regeln, Verbote. Ablass-Lehre. Mittelalterliches wie Halloween, Weihnachtsmann und Weihnachtsbaum. Wassergesprenkel soll eine Taufe sein. Bei Konfirmation und Kommunion sind doch die Geschenke dabei das wichtigste. Lasst doch die Menschen in Ruhe mit dem kirchlichen Getue. Lehrt wie Luther das neue Leben. Eine Reformation muss her.

  7. nanuk1117111 sagt:

    @Normalbürger2009

    Du meinst...
    @Normalbürger2009
    Du meinst nicht rein zufällig den Fc Gütersloh? 🙂
    Ja da gibt es noch richtige Cowboys. Da ist der Bertel noch ein richtiger Mann.

  8. @nanuk1117111:

    Immerhin soll...
    @nanuk1117111:
    Immerhin soll der Bertelsmann-Stiftung die Gemeinnützigkeit jetzt aberkannt werden. Das wird mittlerweile nicht mehr nur von den „Linken“ gefordert.
    https://www.google.de/search?hl=de&q=bertelsmann+stiftung+gemeinn%C3%BCtzigkeit+aberkennen&btnG=Google-Suche&meta=
    Die Diskussion schlägt in OWL durchaus Wellen. Es gibt einige einflussreiche Stimmen mit nachvollziehbaren Argumenten für den Entzug der Gemeinnützigkeit.

  9. staph.aureus sagt:

    Widerspruch ! Nein, ich will...
    Widerspruch ! Nein, ich will nicht, daß die Zeitmaschine rattert. Nein, ich will nicht, daß es zurückgeht in die Zeit eines Humboldt, oder eines Seneca, in der Bildung das Privileg des obersten Prozentes der Gesellschaft war, und Tagelöhner oder Sklaven die alltägliche Arbeit verrichteten.
    Als erziehungsberechtigter Wessi in Ossiland kenne ich mehrere Welten: ein abgestumpftes System geleitet durch alte 68er-Pädagogen mit verbeamteten Pre-Pensionisten auf der einen Seite, und ein in Wendejahren aufgefrischtes, schlechtbezahltes und lediglich mit Angestellten arbeitendes Gegenmodell, wo Lehrer engagiert tätig sind, die vor der Wende ihren Beruf gewählt haben nicht wegen finanzieller Sicherheit, sondern aus persönlicher Motivation heraus. Zugegeben, schwarz-weiss-überspitzt, um die Konturen zu schärfen.
    Das 12jährige Gymnasium kann hervorragend funktionieren, wie man in Österreich und in ostdeutschen Ganztagsschulen sieht, und erspart den Schülern eine 13.Klasse, die je hälftig aus Herumlungern und vorweggenommenen Erstsemester-Inhalten besteht. Aber: müssen tatsächlich 42 % eines Schülerjahrganges heute ein Abitur machen, statt 28 % wie im Jahr 1985 ? Sind diese zusätzlichen 14 % bessergestellt, oder wegen falscher Erwartungen ihrer Eltern überfordert und frustrationsgefährdet ? Und dann begeisterungsfähig für Ersatzerfolge als Sekunden-Star im Privatfernsehen ?
    Und im Hauptschul-/Regelschulbereich: deutsche Sprache muß – spätestens !- im 5.Lebensjahr, nicht im 5.Schuljahr gelernt werden. Falsche Sprach-Toleranz bei Migranten ist für alle Beteiligten nachteilig.
    Das Geschichtsbuch eines Seneca, seine Fremdsprachen-Bildung, seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse waren unbestritten dünner als die heutigen Lehrninhalte. Schule macht heute mehr Angebote, und kann das, weil die Klassenstärke kleiner und die Lehrerzahl grösser ist als 1970.
    Schützt den Schüler vor individueller Überforderung, schützt ihn und seinen Lehrer vor den einzelkindbegeisterten Eltern !

  10. staph.aureus sagt:

    Korrektur: ...Lerninhalte......
    Korrektur: …Lerninhalte…

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