Chaos as usual

Truthähne, Rühreier und Kleingedrucktes

Ob sich die wahren Schuldigen hinter der Kreditkrise nun auf den Vorstandsetagen der Banken verbergen, im Parlament über Gesetzesvorhaben brüten, oder sich in den Jumbo-Fernsehsesseln einer subprime-finanzierten US-Eigenheimidylle räkeln: mit ziemlicher Sicherheit liegt dem Versagen ein- und dasselbe verhängnisvolle Handlungsmuster zugrunde, das der Psychologe Peter Wason in folgendem Experiment erforschte:

Zunächst legte er Probanden einfache, dreigliedrige Zahlenreihen vor – etwa: „2,4,6″ -, verbunden mit der Aufgabe, die dahinterstehende, allgemeine Gesetzmäßigkeit zu entdecken; die Vorgehensweise war die, dass die Probanden alternative, dem gesuchten Gesetz vermutlich entsprechende Zahlenreihen entwickeln, und sie Wason vorlegen sollten; der würde die Richtigkeit der Annahme nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten, in mehreren Runden, solange, bis die gesuchte Regel schließlich gefunden war.

Was zunächst trivial klingt, führte nichtsdestoweniger zu einem verblüffenden Ergebnis: nur die wenigsten Probanden waren in der Lage, das Gesetz zu erraten, das da lautete: „Irgendwelche Zahlen in aufsteigender Reihenfolge“ – und somit kaum einfacher und allgemeiner formuliert hätte werden können. Der Grund für das Generalversagen war schnell gefunden: Nach Wasons Beobachtung gaben sich die Probanden allergrößte Mühe, ihre Hypothesen so zu formulieren, dass sie Bestätigung erfahren würden, sprich: Watsons Antwort sollte unbedingt „Ja“ lauten; typische Vorschläge waren daher „8, 10, 12″ oder „10, 16, 26″. Wason quittierte sie auch stets mit dem erhofften „Ja“, aber des Rätsels Lösung war auf diese Weise nicht zu finden: dafür hätte es eines einzigen Versuchs mit einer absteigenden Zahlenreihe bedurft – also etwa „6,4,2″ -; dann wäre Wasons Antwort „Nein“ gewesen und damit klar geworden, dass nur aufsteigende Zahlenreihen dem allgemeinen Gesetz entsprechen konnten. Und darüber hinaus: ein einziger Folgeversuch mit ungeraden Zahlen, und das gesuchte Gesetz wäre hinreichend bestimmt gewesen.

Auf dieses bekannte Problem des sogenannten „confirmation  bias“ stützt Nassim Nicholas Taleb den Großteil seiner These vom „Black Swan“ im gleichnamigen Bestseller, und führt anhand seiner mittlerweile legendären Truthahn-Anekdote aus, welche unliebsamen Überraschungen das Leben doch manchmal bereithält, wenn die Erkenntnis allein auf einem Induktionsschluss aus einer Reihe positiver Beobachtungen besteht: 1000 Tage lang wollte der Truthahn in seinem Käfig nichts lieber glauben, als dass dem Menschen ausschließlich sein Wohlergehen am Herzen läge; jeden Tag aufs Neue wurde er in dieser Annahme bestärkt – bis zum 1001. Tag: an dem war Thanksgiving.

Doch nicht nur Truthähne haben mit diesem fundamentalen Problem der Erkenntnistheorie zu kämpfen, auch alle modernen Arten von Möchtegern-, Halb- und Dreiviertelwissenschaften, und die Pragmatiker in der Geschäftswelt und im Alltagsleben sowieso: „The trend is your friend“ – wie beruhigend das doch klingt, bei der Börsenspekulation wie auch in der Abschätzung zukünftiger Verdienstmöglichkeiten, mittels derer sich der Kredit für das schmucke Häuschen dann plötzlich doch finanzieren lässt, und der eingangs erwähnte Jumbo-Fernsehsessel obendrein.

Das Dilemma ist dabei keineswegs neu, sondern im Prinzip so alt wie das Leben selbst, zudem ist es ausgesprochen egalitär, und sucht sich seine Opfer ohne Ansehen der sozialen Herkunft oder des intellektuellen Niveaus, gelegentlich – in jüngster Zeit sogar häufiger – schnappt es sich sogar veritable Nobelpreisträger; insbesondere soweit diese sich partout als Hedgefondsmanager beweisen müssen.

Zudem ist es recht knifflig, und zwang bereits den einen oder anderen Meisterdenker in die Knie: Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ darf mittlerweile als Allgemeinplatz gelten, und rund 2000 Jahre später meinte der große David Hume in seiner eigenen, etwas ausgefeilteren Kapitulationserklärung, dass Erwartungen an die Zukunft auf vergangenen Erfahrungen beruhen müßten, aus „Brauch oder Gewohnheit; oder mit anderen Worten, wegen der irrationalen aber unwiderstehlichen Macht des Assoziationsgesetzes“, und weil wir dadurch über einen Konditionierungsmechanismus verfügten, ohne den wir als Menschen kaum überleben könnten. Das stürzte einen anderen berühmten Philosophen und Hume-Bewunderer, Bertrand Russell, in die allergrößte Verzweiflung: „Wenn dem so ist, wie Hume sagt, dann gibt es keinen erkenntnistheoretischen Unterschied zwischen Vernunft und Wahnsinn. Der Verrückte, der sich für ein Rührei hält, ist nur deshalb abzulehnen, weil er sich in der Minderheit befindet…“

Karl Popper entschärfte das Dilemma – zumindest für die Zwecke der Wissenschaft – durch sein bekanntes Falsifikationsprinzip, in dem er forderte, dass nicht nach positiven Belegen für die Richtigkeit einer Theorie gesucht werden sollte, sondern nach negativen Hinweisen auf ihre Unrichtigkeit. Diese wegweisende Erkenntnis war aber nicht ohne gravierende Nebenwirkungen: unser gesamtes Wissen steht demnach unter dem Vorbehalt seiner schlussendlichen Widerlegung, hat also quasi ein „Haltbarkeitsdatum“. Entsprechend vorsichtig sollte man damit umgehen, meinte Popper: was gestern und heute „richtig“ war, muss es morgen noch lange nicht sein; in extremis gelte das sogar für die Trivialitäten des täglichen Lebens, wie z.B. „jeden Morgen geht die Sonne auf“: Naturkatastrophen, enorm gestiegene Komplexitäten und das mittlerweile erreichte technische Potenzial des Menschen (Atombombe) wären ohne weiteres dazu geeignet, auch unsere allgemeinen Lebenswahrheiten in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Sosehr sich aber die Erkenntnistheorie um einen vernünftigen Standpunkt in dieser Frage bemühte – und nach Popper stehen wir letztlich noch immer bei Sokrates und seinem „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – in der Praxis unseres täglichen Lebens wird man auf derlei Unwägbarkeiten nur in den allerseltensten Fällen treffen: wir denken sie uns stattdessen einfach „weg“, so wie es Hume oben postulierte. Unsicherheit ist nämlich ganz, ganz schlecht, vor allem fürs Geschäft, denn wer möchte schon einen Rentensparplan abschließen oder ein Investmentprodukt kaufen, wenn nicht mehr schöne, fröhliche Menschen aus den Prospekten winken, sondern dort nur ein große, schwarze Loch der Unwägbarkeit klafft? – Das wollen wir doch nicht: wir wollen Gewissheit! – Und alles andere findet Platz im Kleingedruckten.

Der Grund, warum Finanzkrisen wie die aktuelle immer wieder zu Empörung und Aufruhr führen, ist mithin kein anderer, als dass sie uns die ultimative Ungewissheit, die uns auf allen unseren Wegen begleitet, stets aufs Neue vor Augen führen: intuitiv wissen wir darüber zwar bescheid, die Natur hat uns eine entsprechende Ahnung quasi in die Wiege gelegt; aber nur allzu oft und allzu gerne sind wir bereit, unsere angeborenen Risikoaversionen fallen zu lassen, ausschließlich auf den „confirmation bias“ zu vertrauen, und uns voll und ganz dieser anderen Eigenschaft zu ergeben, die uns die Natur da in die Wiege gelegt hat: der Gier. – Müller, Maier und Schulze von der anderen Straßenseite sind mit der Mobilcom-Aktie reich geworden: also klappt das bei mir auch! – Die Jones’s, die Hartfords und die Chadwells konnten die Finanzierung für ein neues, größeres Haus stemmen, obwohl sie alle seit Jahren kein festes Einkommen haben: können wir auch! – Die Ausfallsraten in Subprime-Krediten waren voriges Jahr niedrig, dieses Jahr niedrig, also sind sie es in absehbarer Zukunft auch? – Aber selbstverständlich! Kann ja gar nicht anders sein.

So, und jetzt gehe ich erst mal Truthahn essen. Mahlzeit!

Die mobile Version verlassen