Chaos as usual

Chaos as usual

Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Darwin, Marx und andere Evolutionisten

| 73 Lesermeinungen

Einer der Gründe, warum die herrschenden ökonomischen Theorien immer wieder versagen, liegt wohl darin, dass sie nur allzu oft aus bloßen Schreibtischmodellen bestehen, denen eine evolutionistische Sicht der Welt zugrunde liegt. Soll heißen: Ob sich die Dinge in der Realität auch wirklich jemals so zugetragen haben, wie in der Theorie modelliert, interessiert ausdrücklich nicht. Geschichte sei für die Theoriearbeit nicht von Bedeutung, heißt es stattdessen, etwa als bestens überlieferte Kritik Ludwig von Mises' an die Adresse seines Schülers Friedrich August von Hayek. Mises' Vorläufer Carl Menger war bekanntlich der zentrale Protagonist im sogenannten „Methodenstreit" zwischen der Österreichischen und der Historischen Schule der Nationalökonomie, und fest davon überzeugt, dass man ausgehend vom Prinzip der individuellen Nutzenoptimierung unveränderliche Gesetze des menschlichen Handelns herleiten könne, denen man mit den Methoden des Rationalismus nur logisch-deduktiv auf die Schliche zu kommen brauche: Bingo! - Schon wäre die Ökonomie eine exakte Wissenschaft.

Einer der Gründe, warum die herrschenden ökonomischen Theorien immer wieder versagen, liegt wohl darin, dass sie nur allzu oft aus bloßen Schreibtischmodellen bestehen, denen eine evolutionistische Sicht der Welt zugrunde liegt. Soll heißen: Ob sich die Dinge in der Realität auch wirklich jemals so zugetragen haben, wie in der Theorie modelliert, interessiert ausdrücklich nicht. Geschichte sei für die Theoriearbeit nicht von Bedeutung, heißt es stattdessen, etwa als bestens überlieferte Kritik Ludwig von Mises‘ an die Adresse seines Schülers Friedrich August von Hayek. Mises‘ Vorläufer Carl Menger war bekanntlich der zentrale Protagonist im sogenannten „Methodenstreit“ zwischen der Österreichischen und der Historischen Schule der Nationalökonomie, und fest davon überzeugt, dass man ausgehend vom Prinzip der individuellen Nutzenoptimierung unveränderliche Gesetze des menschlichen Handelns herleiten könne, denen man mit den Methoden des Rationalismus nur logisch-deduktiv auf die Schliche zu kommen brauche: Bingo! – Schon wäre die Ökonomie eine exakte Wissenschaft.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Die strengen Auffassungen der Historischen Schule, und insbesondere ihre nicht zu leugnende Theoriefeindlichkeit, waren genauso falsch: Selbstverständlich muss Theoriebildung zunächst einmal ohne Rücksichtnahme auf geschichtliche Fakten auskommen, anders wäre sie gar nicht möglich. Aber gerade für eine Sozialwissenschaft, deren Begriffswelt ohnehin recht schwammig ist, wäre es halt vermutlich doch eine gute Idee, die so formulierten Theorien und ihre zentralen Annahmen irgendwann auch mal an den faktischen Realitäten zu messen, auch wenn dies einen inter-disziplinären Ansatz und den Einbezug von soziologischen, anthropologischen oder archäologischen Erkenntnissen erforderlich machen sollte. Max Weber war einer der letzten, der sich für einen solchen interdisziplinären Ansatz stark machte, sein Schüler Joseph Schumpeter übernahm einen Gutteil der Weberschen Überzeugungen, und geschadet hat es ihm bekanntlich nicht. Auch John Maynard Keynes widmete in den 1920ern mehrere Jahre seines Schaffens den anthropologischen Studien von frühgeschichtlichem Geld, eine Periode, die er selbst im Nachinein als „Babylonische Verrücktheit“ bezeichnete; ihr entstammen die bahnbrechenden Erkenntnise vom „money of account“ und „money propre“, auch heute noch zentrale Pfeiler der modernen Geldtheorie. Und auch der oben schon genannte Hayek konnte mit den Ermahnungen seines Professors oft genug nichts anfangen, verwies stattdessen einige zentrale neoklassische Überzeugungen kurzerhand in die Rubrik „ökonomische Folklore“.

Das evolutionistische Geschichtsdenken, der Rückgriff auf eine historische Konstruktion für Zwecke der Theoriebildung, ist auch heute noch weiter verbreitet, als man gemeinhin annehmen würde. Besonders krass zeigt sich das in solchen Fällen, in denen Modellannahmen weder von der Vergangenheit noch der Gegenwart gedeckt sind und dies mit dem Hinweis gerechtfertigt wird, dass Geschichtswissenschaften und Ökonomie auf unterschiedlichen Ebenen operieren würden, ihre Theorien daher nichts miteinander zu tun hätten. Der große Karl Popper machte sich zum Advokaten dieser Überzeugung, mit dem bekannten Argument, dass die Ermittlung historischer Fakten selbst bereits durch theoretische Annahmen beeinflusst wäre, diese daher mitunter in einem „schiefen Licht“ erschienen und deshalb auch keinen objektiven Mehrwert brächten. Aber hier wird sich der Meister in seinen Überzeugungen selbst ein wenig untreu, denn auch die außerökonomischen Theorien hinter historischen „Wahrheiten“ unterliegen den von ihm selbst aufgestellten Überprüfbarkeitskriterien, sind also prinzipiell falsifizierbar, und gelten damit zumindest solange, bis sie widerlegt werden.

Mithin stellen sich also eine ganze Reihe von Annahmen, die die Ökonomen mit dem Stolz des Mathematikers „Axiome“ nennen, als ziemlich willkürliche Annahmen heraus, die von Lehre und Wissenschaft in die theoretische Landschaft gepflanzt wurden. Das bekannteste derartige Axiom ist das vom „homo oeconomicus“, dessen entscheidende Schwachstelle nicht alleine darin besteht, dass er perfekt rational, allwissend und unendlich reaktionsschnell ist, sondern dass ihn die Ökonomie – im Sinne Mengers – auch noch mit einem Ewigkeitsanspruch versehen will, um darauf ein universelle Wirtschaftstheorie des Menschen entwickeln zu können, statt einer solchen der Epochen, Sozialstrukturen und Institutionen.

Prinzipiell verantwortlich für diese evolutionistische Sichtweise in der modernen Ökonomie ist übrigens eine teleologisch-evolutionistische Überzeugung namens „Aktualismus“, die aus den Naturwissenschaften übernommen wurde, wo sie pikanterweise aber seit geraumer Zeit schon schon wieder im Schwinden begriffen ist. Sie besagt, dass sich die Natur- und Menschheitsgeschichte in kleinsten Schritten entwickelt, über sehr lange Zeiträume, angetrieben von den exakt gleichen Kräften, die wir auch heute noch kennen. Mit anderen Worten: laut dieser Denkschule liefern Prozesse der Gegenwart den Schlüssel für das Verständnis der Vergangenheit. Der Schotte Charles Lyell setzte in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts als erster diese Überzeugung gegen den damals weitverbreiteten Katastrophismus, und 50 Jahre später machte sie ein gewisser Charles Darwin bekanntlich zum Wissenschaftsdogma schlechthin. Bis Anfang der 1970er-Jahre, als erste Zweifel an Darwins Theorie aufkamen und katastrophistische Theorien wieder zunehmend hoffähig wurden. Insbesondere das plötzliche Erscheinen der Dinosaurier und ihr nicht minder abruptes Verschwinden brachte die Katastrophisten zurück in die Lehrsäle und die Wissenschaftsbibliotheken, und heute, im Darwin-Jahr 2009, kann von einer einheitlichen, darwinistischen Linie in den Naturwissenschaften keine Rede mehr sein.

Die Ökonomie beeindruckte das aber überhaupt nicht: Sie hält nach wie vor an Darwinschen Prinzipien fest, als hätte der sein Werk primär für die Sozialwissenschaften geschrieben. Gerne und ausgiebig verweisen die Neoklassik und ihre Nachfolger daher noch immer auf das Urwüchsige, das Reine und das Richtige, vom „natürlichen Zins“ bis zur „natürlichen Arbeitslosigkeit“. Das mag daran liegen, dass ihre 3 Säulenheiligen, die Herren Jevons, Walras und Menger, ihre hauptsächlichen Arbeiten zu einer Zeit vorlegten, als die Veröffentlichung von Darwins „Origin of Species“ gerade einmal ein Jahrzehnt zurück lag, und die drei womöglich in ihren Vorstellungen bestärkte, vielleicht sogar prägte.

Große Evolutionisten waren natürlich auch zahlreiche Apologeten des linken Lagers: Hegel, Fichte, Spengler und natürlich Karl Marx, von dem bekannt ist, dass er ein glühender Bewunderer Darwins war. Wenn man so will, dann war Marxens Vorstellung vom Klassenkampf im Kapitalismus, der zu einer höherwertigen Gesellschaftsform im Kommunismus führen würde, die sozialwissenschaftliche Analogie zu Darwins Theorie von der Entstehung höherer Arten aus Überpopulation, Mutation und Anpassung in der Natur. Engels würdigte denn auch die evolutionistische Nähe der beiden in Marxens Grabrede, in der er sagte:

„Charles Darwin entdeckte das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur – Marx ist der Entdecker jenes grundlegenden Gesetzes, das den Gang und die Entwicklung der menschlichen Geschichte bestimmt.“

Darwin mag sich durch sein Werk um die Naturwissenschaften in hohem Masse verdient gemacht haben, aber andererseits wurde durch die universelle Expansion eines sich auf ihn berufenden, evolutionistischen Aberglaubens so manche wissenschaftliche Disziplin um 150 Jahre und mehr zurückgeworfen. Und was Marxens Evolutionismus an blutigen Real-Utopien hervorgebracht hat, muss auch nicht weiter diskutiert werden. Somit bewahrheitet sich einmal mehr das berühmte Zitat von Keynes:

„Die Ideen von Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als gemeinhin angenommen. Tatsächlich wird die Welt nur von wenig mehr beherrscht. Selbst Pragmatiker, die sich selbst für intellektuell unvereingenommen halten, sind zumeist die Sklaven irgendeines verschrobenen Ökonomen.“

 


73 Lesermeinungen

  1. Jordanus sagt:

    "Laut dieser Denkschule...
    „Laut dieser Denkschule liefern Prozesse der Gegenwart den Schlüssel für das Verständnis der Vergangenheit“
    In der Germanistik, aber auch in der Geschichtswissenschaft würde man das als „Subjektivismus“ und unzulässige Projektion von zeitbedingten Sichtweisen in die Vergangenheit verteufeln, denke ich. Damit macht sich ja der Mensch der Gegenwart zum Maß aller Dinge. Aber bei allen seinen Forschungen entdeckt er dann letztendlich nur sich selbst.
    „Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ von Albert Schweitzer zeigt sehr schön, wie die Forscher immer nur ihre eigenen ideologischen Vorlieben in Jesus hineinprojeziert und damit eigentlich nur ihr eigenes Handeln und Denken gerechtfertigt haben.

  2. Quallenregen sagt:

    So richtig das letzte Zitat...
    So richtig das letzte Zitat von Keynes ist..die Macht der Philosophen ist aufgrund der ökonomischen und medialen Umgebung doch eher schwindsüchtig.
    ……………………………………..
    Wobei…zumindest der Franzose an sich wohl entgegen ökonomischer Vernunft handeln kann und nicht dem Mainstream unterliegt.Mananger festgesetzt weil sie Stellen abbauen wollen ,aus ökonomischen Gründen..lol..also Hopfen und Malz ist für die Philosophen wohl noch nicht verloren. 🙂
    Ein Jammer das es immer die Franzosen sein müssen …………die mit Witz und Esprit ihre Rübe hinhalten….

  3. Jordanus sagt:

    Es gibt nichts Praktischeres...
    Es gibt nichts Praktischeres als ein gute Theorie. Viele Praktiker merken das leider nicht.

  4. keiner sagt:

    ...und leider auch die Praxis...
    …und leider auch die Praxis nicht.

  5. herb sagt:

    Ich glaube schon, dass es...
    Ich glaube schon, dass es gewisse Handlungsstränge im menschlichen Verhalten gibt, die immer gelten. Menschen sind nun mal gierig und ist die Gier erstmal geweckt, dann wird selbst der klügste Kopf dumm! Oder gibt es einen „richtigen“ Grund, warum man eine 100 Zimmer Villa benötigt? Nur um noch ein „Weibchen“ mehr zu beeindrucken? Ist es wirklich das? Dann sind wir doch nur nackte Affen!

  6. Jordanus sagt:

    @quallenregen
    Es geht nicht...

    @quallenregen
    Es geht nicht darum, dass Ökonomen Philosophen studieren und danach handeln. Es geht darum, dass wir alle Denkvoraussetzungen haben, die auf bestimmte Philosophien gründen, ohne das wir davon irgendetwas ahnen und ohne das wir jemals auf die Idee kommen, die Grundlagen könnten nicht stimmen, weil wir einfach nicht weit genug denken.

  7. goodnight sagt:

    "Die Ideen von Ökonomen und...
    „Die Ideen von Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als gemeinhin angenommen. Tatsächlich wird die Welt nur von wenig mehr beherrscht.“
    Yep. Und genau deswegen setzt Niklas bei der Kommunikation an. Denn die uns zugängliche Realität ist die kommunizierte Realität, d.h. wir sehen nur das, was wir gelernt haben zu sehen. Die klassische Diskusison beim Geld: Eigentlich ist es nur papier….ohne Wert, und doch ist es der Wert schlechthin…weil er als Wert kommuniziert wird, d.h. nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein (marx), nicht das bewusstsein das Sein (Hegel)…sondern die kommunikation bestimmt das Sein 😉 Dergleichen sehen wir die Wirtschaft so, wie sie uns von den Wirtschaftswissenschaftler gelehrt wird zu sehen, d.h. wir sie nur das, was in den Lehrbüchern steht….und mit diesem Wissen erschaffen wir dann eine Wirtschaft, d.h. wir erschaffen eine Realität aus der Annahme einer Realität, d.h. der Albtraum wird Realität, d.h. in Erwartung einer Krise erzeugen wir eine Krise, d.h. die Lehman-Pleite wäre ohne Folge gewesen, hätten nicht alle Ökonomen darin ein Problem gesehen, aufgrund ihres gelerneten VWL-Wissens. D.h. ohne die Annahme, dass die Pleite einer Bank negative wirtschaftliche Folgen produzieren kann, wären die negativen Folgen garnicht entstanden. Das ist der Witz. 😉
    „I don’t throw darts at a board. I bet on sure things.“
    G.G. (wall street)

  8. Herzlichen Glückwunsch Herr...
    Herzlichen Glückwunsch Herr Strobl zu Ihrem Artikel.
    Unangemessener Universalitätsanspruch, geldtheoretisch verheerende Geschichtsvergessenheit sowie Fortschrittsglaube und Sozialdarwinismus sind auch meiner Meinung nach die wesentlichen Defekte der gelehrten Volkswirtschaft.
    Gegen den Universalitätsanspruch argumentiert in der Gegenwart z.B. Heinsohn, gegen Geschichtsvergessenheit z.B. P.C. Martin, Hernando de Soto und Michael Hudson und gegen den Aktualismus wiederum Heinsohn und … wer noch? Ich würde mir von Ihnen, belesen wie sie sind, einen Überblick über ihre wichtigsten Ideengeber zu diesen Punkten wünschen. Da würde ich mich freuen.
    Sie greifen die wichtigen Punkte auf und ich kann Ihnen nur zustimmen, sprich: und wünschte, ich hätte den Artikel geschrieben 🙂

  9. stroblt sagt:

    @Lorenz Kleist

    Danke. Der...
    @Lorenz Kleist
    Danke. Der rote Faden dieses Beitrags stammt auch von Heinsohn/Steiger, wie so oft in dem, was ich schreibe. Heinsohn/Steiger, Polanyi, Minsky – auf diese 4 läuft es bei mir fast immer hinaus.

  10. Herzlichen Dank!
    Polanyi und...

    Herzlichen Dank!
    Polanyi und Minski werde ich mir dann mal genauer anschauen.

Kommentare sind deaktiviert.