Chaos as usual

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Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Ende des neokonservativen Zeitalters?

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Der Kapitalismus fällt ins Koma und Barack Obama wird Präsident der USA: Ist es Zufall, dass beide Ereignisse zeitgleich auftreten oder verbirgt sich mehr dahinter, womöglich eine echte Zeitenwende? - Ja, meint der österreichische Autor Robert Misik in seinem neuesten Buch „Politik der Paranoia", dahinter stecke tatsächlich viel, viel mehr, nämlich das herannahende Ende des neokonservativen Zeitalters. Noch könne man sich dessen zwar nicht ganz sicher sein, weiterhin bestünde Gefahr, dass die Gesellschaft auch diesmal nur in einer kurzlebigen Ahnung von Wechsel stecken bleibt, statt den vollständigen Durchbruch in eine neue, bessere Epoche zu schaffen. Aber immerhin: So gut wie jetzt hätten die Chancen schon lange nicht mehr gestanden, schreibt Misik, und mit seinem Buch wolle er seinen Beitrag leisten, für einen echten Wechsel zu einer nachhaltigeren und gerechteren Politik; daher beschränke er sich darin auch nicht auf die bloße Kritik an neokonservativem Gedankengut, sondern stelle diesem die eigenen „progressiven" Konzepte als die überzeugenderen politischen Lösungen gegenüber.

Der Kapitalismus fällt ins Koma und Barack Obama wird Präsident der USA: Ist es Zufall, dass beide Ereignisse zeitgleich auftreten oder verbirgt sich mehr dahinter, womöglich eine echte Zeitenwende? – Ja, meint der österreichische Autor Robert Misik in seinem neuesten Buch „Politik der Paranoia“, dahinter stecke tatsächlich viel, viel mehr, nämlich das herannahende Ende des neokonservativen Zeitalters. Noch könne man sich dessen zwar nicht ganz sicher sein, weiterhin bestünde Gefahr, dass die Gesellschaft auch diesmal nur in einer kurzlebigen Ahnung von Wechsel stecken bleibt, statt den vollständigen Durchbruch in eine neue, bessere Epoche zu schaffen. Aber immerhin: So gut wie jetzt hätten die Chancen dafür schon lange nicht mehr gestanden, schreibt Misik, und mit seinem Buch wolle er seinen Beitrag leisten, für einen echten Wechsel zu einer nachhaltigeren und gerechteren Politik; daher beschränke er sich darin auch nicht auf die bloße Kritik an neokonservativem Gedankengut, sondern stelle diesem die eigenen „progressiven“ Konzepte als die überzeugenderen politischen Lösungen gegenüber.

Aber zunächst mal: Was heißt hier eigentlich „neokonservativ“? – War es nicht vielmehr das genaue Gegenteil, der Neoliberalismus nämlich, der uns die aktuelle Krise eingebrockt hat? Der Banker und internationale Investoren dazu veranlasste, unter dem Banner des freien Marktes und dem lautstarken Beifall der Regierungen weltweit ein immer größeres Rad zu drehen, mit den obskursten Finanzinstrumenten, bis sie die Chose schließlich selbst nicht mehr durchschauten, und ihnen ihr ganzes, schönes Finanzkarussell mit lautem Getöse um die Ohren flog?

Einerseits schon, schreibt Misik: Als Wirtschaftsphilosophie herrschte natürlich der Neoliberalismus vor, und den hätten selbstredend auch die Konservativen gut gefunden. Aber nicht alle, die sich für wirtschaftliche Freiheit stark machten, verlangten gleichzeitig die Assimilierung von Zuwanderern in eine deutsche „Leitkultur“; und nicht alle, die vehement die Zurückdrängung des Staatlichen propagierten, beschlossen kurz darauf unter dem Schlagwort „Krieg gegen den Terror“ massive Einschnitte in die Bürgerrechte: Eine Verschränkung von widersprüchlichen Leitbildern wie diesen bliebe laut Misik wirklich nur einer sehr speziellen Ideologie vorbehalten, eben der des Neokonservativismus. Dabei wären dessen Überzeugungen natürlich nicht immer neu sondern  – ganz im Gegenteil – in vielen Fällen uralt: Die Besinnung auf die „wahren“ Werte, die zufälligerweise konservative Werte sind: Die Moral, die Familie, die traditionelle gesellschaftliche Ordnung – das kannten wir schon seit eh und je. Neu hingegen wäre laut Misik, dass die Neokonservativen es nun nicht mehr beim bloßen „Bewahren“ belassen, sondern lautstark und kampagnentauglich gegen den von ihnen diagnostizierten „Werteverfall“ ankämpfen, der allenthalben anzutreffen sei, bei jugendlichen Dissidenten, Religionsfremden, Homosexuellen, Patchwork-Familien, Alleinerziehenden, Hartz-IV-Empfängern und sonstigen Nonkonformisten aller Art. Individualismus sei ja gut und schön, aber wo wirklich jeder versuche, nach seiner ganz eigenen Facon glücklich zu werden, da wäre der Weg in den allgemeinen Nihilismus und zur Antikultur nur noch ein kurzer. Und damit würden die Neokonservativen sich keinesfalls abfinden wollen. Klar: Dass der Kapitalismus den Individualismus braucht wie der Mensch die Luft zum atmen, das hätten auch sie erkannt und akzeptiert; aber dass der moralische Rahmen zerstört wird, im Zuge des Vordringens der kapitalistischen Warenwelt in die intimsten Bereiche des menschlichen Daseins, dagegen müsse man ihrer Überzeugung nach angehen: Durch Sanktionen aller Art, von der bloßen gesellschaftlichen Ächtung bis zur vollen Härte des Strafgesetzbuches. Das sei das paranoide Wesen neokonservativer Politik, schreibt Misik, nur dadurch lasse sich erklären, wie sich unter einem gemeinsamen Oberbegriff ein heterogenes Bündel höchst widersprüchlicher politischer Ansichten vereinen lasse, das den Staat mal verdammt und dann wieder nicht, der individuellen Freiheit einerseits ständig das Wort redet, sie aber andererseits – wenn’s drauf ankommt – gesellschaftlichen Wertpostulaten unterordnen will.

Es sei nur auf den ersten Blick zutreffend, so Misik, dass die beiden großen Volksparteien ihren politischen Positionen in der gesellschaftlichen „Mitte“ angenähert hätten; während die Sozialdemokraten tatsächlich auf dem Weg in die Mitte einen Teil ihrer einstmals egalitären Überzeugungen preisgegeben hätten, träfe dies auf die Konservativen keineswegs zu: Sie seien vielmehr weiter nach rechts abgedriftet und gefielen sich insgeheim in der Stigmatisierung gesellschaftlich benachteiligter Gruppen, auf eine perfide Art und Weise, die mitunter der von rechtsradikalen Scharfmachern gleicht: Die sozial Schwachen, die Arbeitslosen und die Hartz-IV-Empfänger – sie mutieren in Talkshows und Bierzeltreden schon mal schnell zum „Rand der Gesellschaft“, der die staatliche Stütze ohnehin nur für die Befriedigung von Alkohol- und Tabaksucht oder sonstiger niederer Instinkte zweckentfremdet, und dem daher eher geholfen wäre, wenn man ihm die Hilfen kürzt.

Und überhaupt: Der soziale Wohlfahrtsstaat, der stelle für die Neokonservativen das Übel schlechthin dar; nicht nur weil er angeblich Unsummen verschlänge, sondern weil er sich die Nivellierung von Ungleichheit zum Ziel gesetzt hätte, die aus neokonservativer Sicht jedoch positiv für die Gesellschaft zu werten sei. Darüber hinaus erschüttere die soziale Wohlfahrt aber auch das traditionelle Familienbild der Neokonservativen: Mütter samt Kinder sind nicht mehr länger auf Gedeih und Verderb an ungeliebte oder rabiate Väter gekettet, sondern wissen sich und den Nachwuchs im Trennungsfall versorgt. Rekordscheidungsquoten und eine starke Zunahme Alleinerziehender sind bedauernswerte Folgen, stellt auch Misik fest. Aber andererseits: Was wäre gewonnen, wenn in derartigen Fällen Familienbande nur aufgrund materieller Versorgungsaspekte Bestand hätten, allen persönlichen Differenzen und Abneigungen zum Trotz?

Das übergeordnete, politische Credo der Neokonservativen lautet „Freiheit“, aber natürlich auch wiederum gemäß der eigenen Lesart, nämlich entweder als bloß formales Recht ohne materielle Auskleidung, womit es gleichsam der Irrelevanz anheimfällt in einer Gesellschaft, in welcher der Zugang zu allem und jedem fast nur noch über den Schlüssel „Geld“ möglich ist; oder aber die materielle Dimension des Begriffs wird sehr wohl erkannt, aber gleichzeitig auf das Minimum des absolut Lebensnotwendigen reduziert. Dass der Kapitalismus von sich aus keineswegs für Verteilungsgerechtigkeit sorgt, ignorieren neokonservative Vordenker geflissentlich, klagt Misik. Stattdessen flüchten sie sich in eine Ideologie der „Leistungsgerechtigkeit“, in welcher die Verteilung von gesellschaftlichen Resourcen ausschließlich durch das Primat des Ökonomischen bestimmt wird, weil jeder anderweitige Ausgleich unterbleibt. Indem der ökonomische Erfolg zur moralischen Kategorie hochstilisiert wird, wären die Reichen nicht nur in der Lage, größeren materiellen Wohlstand auf sich zu vereinen, sondern dürften sich darüberhinaus auch noch als die moralisch „Überlegenen“ fühlen und auf den Rest der Gesellschaft hinabsehen. Das sei nicht zuletzt aus volkswirtschaftlicher Sicht absolut irrsinnig, meint Misik, weil eine Gesellschaft, die einen Großteil ihrer Mitglieder nicht nur ökonomisch ins Hintertreffen geraten läßt, sondern sie auch darüber hinaus als Underdogs stigmatisiert, künstliche Barrieren errichtet und die Teilhabe an den Chancen auf einen selektiven Personenkreis einschränkt, was einer massiven Verschwendung von Talenten gleichkommt.

Die Guten im bösen Spiel, das sind bei Misik die „Progressiven“, diejenigen, die den Neokonservativen argumentativ Paroli bieten: Paul Krugman etwa, der Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 2008; zudem die „liberalen Eliten“ in Medien, Kunst und Kultur; und natürlich, als der ganz große politische Hoffnungsträger, der neugewählte US Präsident Barack Obama. „Yes, we can“, lautete dessen Botschaft bekanntlich, und an sie will auch Misik gerne glauben, und das keineswegs nur mit Bezug auf die USA. Wer könnte in unseren Breitengraden auf Obamas Spuren wandeln, und einen echten „Change“ herbeiführen? Misik neigt in dieser Frage der Linken zu, sprich Leuten wie Lafontaine oder Bisky. Diese Ansicht könnte man zwar ohne weiteres teilen, jedoch wäre meine Lesart des Buches zunächst mal eine andere, nämlich im Sinne eines „Manifests einer echten liberalen Partei, wenn es sie denn gäbe“. Vieles an Misiks Ansichten erscheint mir nämlich weniger „links“ als vielmehr „liberal“ im besten Sinne des Wortes.

Die eigentliche Frage aber, die sich mir nach Lektüre des Buches stellt, ist die, ob die neokonservative Ära tatsächlich ihrem Ende nahe ist, wie Misik meint. Ich bin da keineswegs so sicher, zumal in der aktuellen politischen Debatte die selbsternannten Moralisten wieder Morgenluft zu wittern scheinen. Zudem sieht es auch weiterhin eher nach Einschränkungen bei den Bürgerrechten aus und angesichts der Umfragewerte für Merkel, Schäuble und Co und dem offensichtlichen Versagen der Linken, aus den Ereignissen der letzten Monate politisches Kapital zu schlagen, fällt es mir ehrlich gesagt auch schwer, in die Wahl von Barack Obama etwas reinzulesen, das für den politischen Kontext außerhalb der USA von entscheidender Bedeutung wäre. Aber egal: Misiks „Politik der Paranoia“ ist jedenfalls eine recht interessante und zugleich unterhaltsame Polemik für all diejenigen, die dem argumentativen Spagat eines Friedrich Merz zwischen „Freiheit“ und „Leitkultur“ auf den Grund gehen wollen, und die hinter verbalen Ausfällen gegenüber sozial Schwachen, wie sie für konservative Politiker vom Schlage eines Philipp Mißfelder bereits zum politischen Tagesgeschäft zu gehören scheinen, mehr vermuten als bloß unbeabsichtigte, sprachliche Ausrutscher.


55 Lesermeinungen

  1. pjk sagt:

    Hm, Neolib, Neocon... Geht...
    Hm, Neolib, Neocon… Geht bisweilen arg durcheinander mit den Begriffen und Schlagwörtern, vielleicht sollten die Ausdrücke vorübergehend gemieden und durch anderes ersetzt werden, damit wieder klarer wird, was eigentlich gemeint ist.
    Die amerikanischen Neocons sind meines Wissens ursprünglich sozialpolitisch eher indifferent; ihre Domaine sind die internationalen Beziehungen, und dort sind sie die vehementesten Vertreter eines amerikanischen Interventionismus. Ihr Verhältnis zu den konservativen Traditionalisten im Bible-Belt ist wohl ein reines Zweckbündnis, das sich auf die gemeinsamen Pfründe in der Republikanischen Partei gründet. Kulturell sind sich christliche Traditionalisten und Neocons eher fremd, schon deshalb, weil bei letzteren laizistisch orientierte jüdische Intellektuelle das Sagen haben. Wie dem auch sei, man wird den amerikanischen Ausdruck „neoconservative“ nicht einfach auf Deutschland übertragen können, da es diese spezifische Einflußgruppe hier so nicht gibt.
    „Neoliberal“ hingegen ist ja als Begriff so vielfältig besetzt… Ich möchte bei der Gelegenheit mal wieder an Jan Ross‘ Buch „Die neuen Staatsfeinde“ von 1998 erinnern, das auch heute noch ohne Einschränkung lesenswert ist. Der Autor trifft da eine gute Unterscheidung zwischen einem klassischen Liberalismus (Dahrendorf z.B.) und einem ahistorischen, pauschal institutionenfeindlichen „Vulgärliberalismus“, wie er es nennt. Nun gut, das ist ein per se negativer Kampfbegriff, er erscheint mir aber doch recht treffend.
    Was Sie im Anschluß an Misik beschreiben, scheint mir weniger konservativ im eigentlichen Sinne zu sein, sondern eher die sozial-paternalistische Kehrseite eines reinen Wirtschaftsliberalismus. Wenn Liberalismus nurmehr den ungehemmten Einsatz ökonomischer Macht meint, ist es klar, daß das Versprechen der freien Entfaltung des Individuums auf der Strecke bleibt. Das muß dann auch irgendwie gerechtfertigt werden. Kennzeichnend dafür ist der leider auch von emanzipatorisch denkenden Menschen oft unreflektiert gebrauchte Ausdruck „die sozial Schwachen“. Da wird ein gesellschaftlicher Mißstand zu einem individuellen Defizit bestimmter Personen umdefiniert.

  2. Jordanus sagt:

    Kleiner Kommentar als...
    Kleiner Kommentar als Zitat:
    „Der Nihilismus ist, in seinem Wesen gedacht, vielmehr die Grundbewegung des Abendlandes. Sie zeigt einen solchen Tiefgang, daß ihre Entfaltung nur noch Weltkatastrophen zur Folge haben kann. Der Nihilismus ist die weltgeschichtliche Bewegung der in den Machtbereich der Neuzeit gezogenen Völker der Erde. Darum ist er nicht erst eine Erscheinung des gegenwärtigen Zeitalters, auch nicht erst das Produkt des 19. Jahrhunderts, in dem zwar ein geschärfter Blick für den Nihilismus wach und auch der Name gebräuchlich wird. Der Nihilismus ist ebensowenig das Produkt einzelner Nationen, deren Denker und Schriftsteller eigens vom Nihilismus reden. Diejenigen, die sich frei davon wähnen, betreiben seine Entfaltung vielleicht am gründlichsten. Es gehört zur Unheimlichkeit dieses unheimlichsten Gastes, daß er seine eigene Herkunft nicht nennen kann.“
    Aus: Martin Heidegger: Holzwege, S. 218f
    Wer sich frei davon wähnt, betreibt seine Entfaltung vielleicht am gründlichsten. Interessant, was? Gilt das nicht für alle, ob neoliberal, neokonservativ oder neosozialistisch (ach, eigentlich, egal, denn diese Strömungen haben ja auch alle sehr starke Überschneidungen, nihilistische Überschneidungen)
    Gegeben am Karfreitag, 10. April, 2009

  3. Filmerei sagt:

    Freiheit ist nicht nur ein...
    Freiheit ist nicht nur ein hohes Gut, sondern auch eines das man nutzen muß. In einer freien demokratischen Gesellschaft muss gestritten werden um zu gestalten. Wenn dieser Prozess erlahmt verarmt die Vielfalt der Meinungen und Ideen. Der Neokonservativismus ist nichts anderes als eine politische Gestaltungsoption, man muß sie nicht teilen, aber man muß sich mit ihr auseinandersetzen. Aber dieser Prozess erfordert Kreativität, denn es sind nun neue Ideen erforderlich, um den Alten etwas entgegenzusetzen. Es wird also an unserer Phantasie liegen wie wir uns unsere Zukunft erdenken. Ausreden ausdrücklich unerwünscht. Wir müssen Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen. Voraussetzung dafür ist unsere Lust, Veränderung will gewollt sein. Was in einer kraftlosen Demokratie vor sich geht kann zur Zeit in Italien beobachtet werden. Demokratie im Rückbau. Ein Neokonservativer par exellence führt sein Volk vor, welches ihn aus freien Stücken gewählt hat, vielleicht schlicht aus Mangel an Alternativen.

  4. TorstenKlier sagt:

    „Danke für diese...
    „Danke für diese großartige Analyse“
    liest man auf der Leserbriefseite der ZEIT (und anderer linker Hetzblätter) als Nachlese zur 100% belegfreien Argumentation der Strobl-Klasse.
    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wie mehr FrauInnen in Führungspositionen tun, die NPD verbieten, ein bedingungsloses Grundeinkommen für die ganze Welt schaffen und Ehrenmorde legalisieren (wegen Menschenwürde) sollten. Aber zackig.
    Es lebe der Sozialismus mit Thomas Strobl an der Spitze!
    Venceremos, no pasaran und feliz navidad!

  5. pjk sagt:

    Ach ja, zu "Leitkultur" wollte...
    Ach ja, zu „Leitkultur“ wollte ich auch noch was schreiben. Ein etwas unglücklich gewählter Ausdruck, da er so nach Bier und Würsteln klingt. Nennen wir es lieber „zivilisatorische Standards“ und verstehen wir darunter z. B. die Gleichberechtigung der Geschlechter und der Lebensmodelle, außerdem die Verpflichtung auf ein institutionell geordnetes Gemeinwesen statt auf einen Clan. Schon wird klar, daß Leitkultur – so verstanden – mitnichten ein traditionalistisches, einengendes Konzept ist, sondern gerade auch als gesellschaftlich garantierter Schutz des Individuums vor der Zwangsinklusion in enge traditionelle und vorzivilisatorische Normengefüge verstanden werden kann. Leitkultur bedeutet z. B., daß die jüngere Schwester in sexueller Orientierung, Partner- und Berufswahl frei ist und sich nicht den Vorstellungen des älteren Bruders unterzuordnen hat. Auf die Anpassung an solcherart Leitkultur möchten wir bei unseren zugewanderten Mitbürgern schon bestehen; davon abweichende kulturelle Vorstellungen mögen sie gegebenenfalls gern wieder in den Herkunftsländern ausleben.
    Ja, und sonst… Selbst der durch und durch liberale Sozialwissenschaftler Robert Putnam kam in seinen Untersuchungen zum Ergebnis, daß zunehmende ethnische Diversität zu einer Abnahme sozialer Kohäsion führt. Und Alesina/Glaeser stellen einen positiven Zusammenhang zwischen ethnischer Diversität und Ungleichverteilung von Wohlstand fest. In der F.A.Z. wurde ein Buch von Alesina schon mal dahingehend rezensiert, daß eine politische Führung, die Sozialabbau anstrebt, konsequenterweise eigentlich eine ungesteuerte Immigration befürworten müsse.
    Also, selbst wenn man ein politisches Projekt mit dem Label „neoliberal/neokonservativ“ versehen will: Die Beschränkung von Immigration und das Beharren auf Assimilation an zivilisatorische Standards ist gewiß kein Teil dieses Projektes, sondern – im Gegenteil – es sollte ein Forderung der emanzipatorisch und aufklärerisch orientierten Gegenkräfte sein.
    (Und auch Sie, Herr Binsack, werden Ihre sozialistische Revolution nicht mit einem schlecht integrierten Subproletariat machen können, das keinen Begriff von Gesellschaft hat und dessen Lebenswelten noch die Clanstrukturen der Herkunftsgebiete sind.)

  6. Lord A. Nuss sagt:

    @ torstenklier

    Nein, der...
    @ torstenklier
    Nein, der Strobl ist doch gegen das Grundeinkommen, da wollte er sogar mal was dazu schreiben.

  7. Volker Haaß sagt:

    @spirit for money

    Du hast...
    @spirit for money
    Du hast für mich die Sache auf den Punkt gebracht: Jeder soll an seinem Platze wirken.
    Nicht erst seit „Operation Wallküre“ wissen wir, dass es nicht auf das System, sondern auf den einzelnen Menschen ankommt, Liberalismus im doppelten Sinne quasi.
    Mir ist scheißegal, ob wir Kapitalismus, Sozialismus oder eine andere gedankliche Spielart haben, solange ich meinen Selbstanspruch erfülle und auf meine Mitmenschen positiv wirke.
    Die Linken waren schon immer die Utopisten, die Konservativen die Bewahrer, aber ich will mich weder in die eine noch die andere Schublade stecken lassen. Persönlich halte ich die Marktwirtschaft, so nenne ich es und lasse mir nicht von den Sowjets mein Vokabular vorschreiben, für das beste Werkzeug, um hehre Menschheitsideale durchzusetzen, trotzdem gehe ich auf die Demonstrationen à la „Wir zahlen nicht für eure Krise“, weil sonst der Blödsinn mit den Investmentbanken immer weiter geht.
    Der Neokonservatismus hat nicht regiert, das ist eine falsche Behauptung. Er wurde uns aufgedrückt und wir haben es zugelassen, weil wir zu bequem geworden sind.

  8. TorstenKlier sagt:

    So, Lord A. Nuss, der...
    So, Lord A. Nuss, der Kampfgenosse Strobel ist gegen das Grundeinkommen? Zugegeben, ich habe mich noch nicht weiter mit den SchriftInnen des Genossen Strobel beschäftigt. Aber wenn ich lese, Genosse Strobel sei gegen das Grundeinkommen ist, dann assoziiert das bei mir zu A. Schwarzer, die bekanntlich (sie bekennt das selbst) gegen die Quote ist.
    Ich glaube eher, Genosse Strobel ist gegen ein Grundeinkommen, das unter 9.000€/M liegt und nicht die ganze Welt umfasst. Das aber sehr eloquent, intelligent und menschenwürdelich.
    By the way, die nette Frau Nagel auf Frankfurt wurde neulich von ein paar Kulturbereicherern überfallen. Nichts schlimmes und auch nicht besonderes. Im Gegenteil, Jochbeinbruch – das übliche eben. Man bin ich froh, dass die sich nicht unserer Leitkultur angeschlossen haben.

  9. Devin08 sagt:

    Kopfgeburten: Liberaler...
    Kopfgeburten: Liberaler Selbsthass, konservative Ignoranz und blinder proletarischer Klassenhass
    @pjk: „Wenn Liberalismus nurmehr den ungehemmten Einsatz ökonomischer Macht meint, ist es klar, daß das Versprechen der freien Entfaltung des Individuums auf der Strecke bleibt. Das muß dann auch irgendwie gerechtfertigt werden. Kennzeichnend dafür ist der leider auch von emanzipatorisch denkenden Menschen oft unreflektiert gebrauchte Ausdruck „die sozial Schwachen“. Da wird ein gesellschaftlicher Mißstand zu einem individuellen Defizit bestimmter Personen umdefiniert.“ – Sehr gut! Das ist der Punkt bzgl. der bürgerlichen „Doppelmoral“, die in Wahrheit eine Lücke darstellt, eine Differenz im ideologischen Korsett (ein „blinder Fleck“) und wohl auch der Grund für die unverstandene Schnittstelle zwischen Liberalismus und Konservativismus. Was der Liberale deklariert, vollzieht der Konservative, allerdings nicht wirklich, nicht kontingent zur ursprünglich liberalen Idee (nicht zu dessen Selbstverständnis von bürgerlicher Aufgeklärtheit), sondern als Regression, als Rückgriff auf eine antiliberale Matrix und umgekehrt. So wird auch der Liberale zum Vollstrecker eines konservativen Paternalismus (Westerwelle und sein Hauruck-Patriotismus nach der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland), aber auch dies nicht aus derselben ideologischen Borniertheit, sondern aus reiner Zweckmäßigkeit. Und in der Negation beider entwickelt sich dann der Faschismus, er hebt sie beide auf. Dem Liberalen entnimmt er die Zweckmäßigkeit (Stichwort: „Arbeit macht frei“, oder heute aktueller: Arbeit ist obsolet) und dem Konservativen die ideologische Substanz, den Hang zum Mystizismus, die Selbstüberhöhung, den reaktionären Zug, den geradezu antimodernen Charakter. Auch den Hass auf die „sozial Schwachen“, durchaus in dieser individualisierenden Verkürzung, entnimmt er den Liberalen, während er die Sozialromantik, diese zugeschnitten auf einen Sozialpatriotismus, also als „negative“ Sozialdifferenzierung, dem Konservativen entnimmt. Die Leugnung einer Klasse von „Sozialschwachen“ (man beachte den kleinen semantischen Unterschied), findet der Faschismus wiederum vor allem im Liberalen, da diesem doch der „Sozialschwache“, aus dem Kopf entstiegen war, wie einst Athene aus dem Göttervater Zeus und sich nunmehr ihm als ein von sich völlig entfremdetes (und gegenseitiges) Hassobjekt darstellt. – Was kann man auch erwarten von einer Kopfgeburt?
    Es sind die Minderwertigkeitskomplexe der sogenannten Mittelklasse, die es doch irgendwie nie so richtig schaffte, zur Aristokratie zu werden, die den Faschismus erst möglich macht(e), begründet auch in die Arroganz der alten Aristokratie (z.B. im deutsch-preußischen Adel), die eine Mittelklasse nie als eine von ihres Gleichen anerkannte. Und es war letztlich die Unreife eines Proletariats, die, ob ihres blinden Klassenhasses, diese Gefahr der Verbrüderung von Liberalismus und Konservativismus im Faschismus nicht zu erkennen vermochte.
    Und es ist schon ein Treppenwitz, das nach der Wiedervereinigung in Deutschland solche Muster wieder in Erscheinung treten, als Gegensätze innerhalb der CDU zum Beispiel, zwischen Konservativen und Liberalen, zwischen Katholiken und Protestanten und sich hierzu, quasi als „proletarisches“ Gegenstück eine sozialpatriotische Linke (mit Teilen eben dieses liberal-konservativen Bürgertums) formiert.
    Und damit wären wir auch bei dem „Subproletariat“. Das „Proletariat“ ist nach Marx keine wirklich rein ökonomische Kategorie (nur das „Automatische Subjekt“ wäre eine quasi rein ökonomische, aber ideologisch eben falsch reflektierte Kategorie), sondern letztlich eine aufgehobene, nämlich im „Revolutionären Proletariat“. Und damit keineswegs ideologisch falsch reflektiert, denn dies kann es nur sein, wenn es sich die revolutionäre Theorie zu Eigen macht, und hierin wären auch alle „Begriffe von Gesellschaft“ enthalten.

  10. pjk sagt:

    @ Filmerei

    Aber nein, der...
    @ Filmerei
    Aber nein, der Berlusconi ist doch kein „Neokonservativer par excellence“, sondern ein in die Jahre gekommener Felix Krull, der sich wohl immer noch köstlich darüber amüsiert, wie er mit dieser Mischung aus Opportunismus, Chuzpe und ein bißchen Ganoventum zu einem der mächtigsten Männer der Welt aufsteigen konnte. Obwohl ich das dahinterstehende politische Prinzip nicht gutheiße – persönlich kann ich gewisse Sympathien für den Herrn Berlusconi nicht ganz unterdrücken: Immerhin scheint mir der Cavaliere im Gegensatz zu den meisten seiner Standesgenossen aus Politik und Wirtschaft genau zu wissen, daß er keine „Elite“ ist und daß das „Elite“-Verständnis eigentlich sowieso nur eine Anmaßung von zufälligen Emporkömmlingen ist, und seien es Emporkömmlinge der dritten, vierten etc. Generation. Dies zeigt er auch offen, er hält den ganzen Möchtegern-Eliten sozusagen einen Spiegel vor. Dafür wird er verfemt, aber er scheint es zu genießen, und das macht ihn mir, nun ja, irgendwie sympathisch.

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