Chaos as usual

Too much information und statistische Normaldepression

Folgt man dem Soziologen Niklas Luhmann, dann beziehen wir unser Wissen über die Welt aus den Massenmedien: Sie zeigen der Gesellschaft „wie die Welt gelesen wird“, was in der Welt von Bedeutung ist. Sie stellen das allgemeine Orientierungswissen bereit. Gleichzeitig begründen die Massenmedien auch eine neue Zeitsemantik: Die Gegenwart verliert ihre Bedeutung, sie schrumpft gleichsam zu einem bloßen Umschlagspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft; sie hat keinen eigenen Raum mehr, keine Dauer und auch keine Stabilität. Mit jeder weiteren Entfaltung der Massenmedien wird die Gesellschaft daher auch unruhiger, unsicherer, unsteter, eiliger – sie wird durch die Massenmedien zunehmend temporalisiert. Die traditionelle Vergangenheits- und Geschichtsorientierung wird durch eine Fixierung auf die Zukunft als primär sinngebendes Element abgelöst, die „Neuheit“ als entscheidender Wert entdeckt. Zeit ohne Dauer im „Jetzt“ bedeutet aber: „Man hat buchstäblich keine Zeit mehr“ – charakteristisch für unsere moderne Gesellschaft.

Bedingt wird diese Temporalisierung nicht alleine durch technische Neuerungen, sondern vor allem durch den „Code“ der Massenmedien, welchen diese heranziehen, um aus der Vielschichtigkeit und Komplexität des Weltgeschehens ihre Nachrichten und Berichte zu selektieren. Er unterscheidet lediglich in „Information“ oder „Nicht-Information“: Was als „Information“ betrachtet wird, kommt für die Berichterstattung in Frage, „Nicht-Informationen“ hingegen bleiben unberücksichtigt. Gleichwohl sind letztere natürlich der Teil der Realität, die zugrundeliegenden Ereignisse haben durchaus stattgefunden; nur sind sie für die Berichterstattung der Massenmedien nach deren eigenen Selektionskriterien nicht geeignet. Indem die Massenmedien diese Auswahl treffen, berichten sie in Wahrheit nicht die Realität, sondern sie „konstruieren“ sie, und zwar nach ihren Vorstellungen. Dabei halten sie sich zwar an eine ganze Reihe von allgemein verbindlichen Richtlinien und Gesetzen, sind natürlich zuvorderst dem „Wahrheitsgebot“ verpflichtet, aber dennoch: Die Schlagzeilen und Titelseiten bestehen nicht alleine aus dem, was „wahr“ ist, sondern gehorchen einer Reihe weiterer, spezifischer Selektionskriterien. Neben „Neuheit“ hat so z.B. auch alles, was nach „Konflikt“ riecht oder sich als spektakuläre Quantität berichten lässt, gut Chancen auf Aufnahme in den Newsflow, von den „Tausenden Todesopfern“ bis zum „10-Prozent-Kurssturz im Dow Jones“.

Indem die Medien ihre Nachrichten also dergestalt selektieren und berichten, werden Informationen „verbraucht“ und sind als solches nicht mehr nutzbar: Eine bereits gebrachte Nachricht ist bekanntlich „Schnee von gestern“. Das System der Massenmedien erzeugt damit seine eigene Dynamik, vernichtet ständig seine eigene Währung und schafft dadurch Bedarf an immer mehr und neuer Münze: Information verursacht Informationsdefizit, die ständige Umwandlung von Information in Nicht-Information verursacht einen Sog, der die Produktion von immer neuen Informationen anheizt. Indem die Massenmedien primär nach dem Kriterium der Neuheit selektieren, und das immer schneller, wird gleichsam „Tempo“ für die Gesellschaft zum Lebensprinzip. Es sind also keineswegs die Inhalte, über die berichtet wird, welche die Zeitsemantik ändern, sondern die Medien selbst, durch die Art und Weise, wie sie berichten. Im Zeitalter der elektronischen Medien und vor allem des Internets erfährt diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt, selbst auf dem entlegendsten Bergbauernhof in den Alpen ist die einstige Beschaulichkeit ohne große Umschweife gegen ein post-modernes Lebensgefühl mit Realtime-Kursen von der New York Stock Exchange perfekt eintauschbar, und das Karibik-Ressort, von dem aus ich diesen Text gerade tippe, verfügt selbstverständlich neben 192 Fernsehkanälen über 4Mbit-Internetanschluß für alle. „Hinter den vieldiskutierten Eigenarten moderner Zeitstrukturen, wie Dominanz des Vergangenheit/Zukunft-Schemas, Uniformisierung der Weltzeit, Beschleunigung, Ausdehnung der Gleichzeitigkeit auf Ungleichzeitiges stehen also vermutlich neben der Geldwirtschaft die Massenmedien“, schreibt Luhmann. Zeit wird zur dominierenden Sinndimension, alles wird immer schneller, die „alten Wahrheiten“ besitzen keine Gültigkeit mehr, die Lebensdauer von Konventionen wird dramatisch verkürzt. Und dies in einem Nachrichtenumfeld, das aufgrund der oben dargestellten Selektionsmechanismen der Massenmedien ohnehin ständig Unruhe erzeugt. Ergebnis: Die Gesellschaft verfällt, in Luhmanns eigenen Worten, in eine Art „statistische Normaldepression“.

Mit einem derartigen Gemütszustand als Handicap, konfrontiert mit einer nicht enden wollenden und immer schneller brandenden Flut erratischer Nachrichten, trifft der moderne Medienkonsument nun Entscheidungen über seine Zukunft; vor allem: Wirtschaftliche Entscheidungen. Für die sind – das wissen wir spätestens seit Keynes – zwar die langfristigen Erwartungen ausschlaggebend. Nur: für deren Bildung verlässt der vernünftige Mensch sich üblicherweise nicht auf Ungewisses, sondern lässt sich in beträchtlichem Maße von Faktoren leiten, hinsichtlich derer er sich einigermaßen zuversichtlich fühlt; und das sehr wohl in dem Wissen, dass sie für das zukünftige Ergebnis einer gegenwärtigen Entscheidung von weniger ausschlaggebender Bedeutung sein mögen, als andere Faktoren, über die unsere Kenntnis jedoch unbestimmt und spärlich ist. Aus diesem Grunde werden aktuelle Gewißheiten unverhältnismäßig in die Bildung unserer langfristigen Erwartungen einbezogen, indem wir unsere gegenwärtige Lage in die Zukunft verlängern, und die solcherart gemachte Projektion nur in dem Maße abändern, in welchem wir hinreichend bestimmte Gründe für die Erwartung einer Änderung haben. Mit anderen Worten: Der Zustand unserer langfristigen Erwartungen stützt sich weniger auf die wahrscheinlichste Voraussage, die wir über die Zukunft machen können, sondern primär auf das Vertrauen, das wir dieser Voraussage entgegenbringen. „Wenn wir große Änderungen erwarten, aber recht unsicher über die genaue Art dieser Änderungen sind, dann wird unser Vertrauen nur schwach sein“, schreibt Keynes.

Wegen der Unsicherheit über die Zukunft steht die Bildung von langfristigen Erwartungen daher ohnehin schon auf einem recht unsoliden Fundament. Doch durch die oben angesprochene „statistische Normaldepression“ und die Temporalisierung der Gesellschaft wird dieses Fundament noch weiter geschwächt: In Abwesenheit einer objektiven Basis für die Einschätzung der Zukunft erfordert nämlich jegliche Notwendigkeit zu längerfristigem Handeln den Rückgriff auf Konventionen oder besser: „Schemata“, wie sie Luhmann nennt, standardisierte, griffige Wahrheiten aus dem Fundus des gesellschaftlichen Hintergrundwissens, wie es durch die Massenmedien auf die oben skizzierte Art und Weise geschaffen wird, und wie es bei Bedarf immer wieder erneut abgerufen werden kann. Üblicherweise wirken derartige Konventionen oder Schemata stabilitätsfördernd, was mitunter an der Börse dazu führt, dass der „Trend“ tatsächlich „your friend“ wird. In dem Ausmaß aber, wie sich durch die Evolution der Massenmedien derartige Schemata als zunehmend kurzlebig herausstellen, ist die Sache aber mitunter schon wieder gelaufen, bevor man richtig von ihr Notiz genommen hat.

Und darin besteht das eigentliche Problem unserer modernen Gesellschaft: Indem wir die Temporalisierung auf die Spitze getrieben haben, alles nur noch in „real-time“ bei globaler Gleichzeitigkeit wahrgenommen wird, erhöhen wir notwendigerweise auch die Volatilität in all den Zusammenhängen, bei denen wir traditioneller Weise auf Beständigkeit setzen: Von der Berufswahl über partnerschaftliche Beziehungen, Hypothekenverträge und Rentensparpläne. Oder anders gesagt: Über die unmittelbare Wirkung, die unsere gegenwärtige, statistische Normaldepression auf die Bildung unserer langfristigen Erwartungen entfaltet, haben wir uns die Krise gewissermaßen selbst „herbeigeschrieben“. Nota bene: Nicht aus böser Absicht oder geheimnisvollen, verschwörerischen Hintergedanken: Sondern weil wir als Medienkonsumenten an immer neueren und immer schnelleren Informationen interessiert sind, als Menschen aber offenbar beides nur bis zu einem gewissen Grad verarbeiten können.

Große Krisenchroniker wie Kindleberger oder Minsky stellten unisono fest, dass sich die Finanzkrisen und Crashs seit Mitte der 80er-Jahre auffallend häufen und an Schwere zunehmen. Beide konnten die aktuelle Krise nicht mehr erleben und die wenige Jahre früher stattfindende Implosion der „New Economy“ auch nicht; aber sie wären wohl selbst verblüfft gewesen angesichts des Umstandes, dass zwei so bedeutende Einbrüche in einem Zeitraum von weniger als 5 Jahren auftreten. Zweifellos ließen sich eine Menge Gründe dafür ausmachen, von der Politik des leichten Geldes über den Leichtsinn gewisser Banker bis hin zu vollständig liberalisierten Finanzmärkten, und eindeutige Kausalitäten lassen sich nur schwer nachweisen. Aber die zunehmende Temporalisierung der Gesellschaft durch die Massenmedien scheint mir ein mindestens ebenso plausibler Grund zu sein. Womöglich leiden wir unter „too much information“, jedenfalls mehr, als für eine gedeihliche Wirtschaftsentwicklung gut wäre. Da wir das System der Massenmedien aber nicht zurückdrehen können, und ziemlich sicher auch nicht wollen, wird sich an diesem Zustand jedoch kaum was ändern. Im Gegenteil: eine weitere Entfaltung der Massenmedien, in welcher konkreten Form auch immer, verspricht sogar ein noch höheres Tempo in sozialen und wirtschaftlichen Vorgängen. Sieht daher in meinen Augen ganz danach aus, als müssten wir uns wohl oder übel auf bleibende wirtschaftliche Volatilität einstellen. Auch in dieser Hinsicht scheint der Weg „zurück in die gute, alte Zeit“ versperrt, die Jahrzehnte alten Paradigmen eines Benjamin Graham oder Warren Buffett unter Umständen obsolet.

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